03.01.2025 / Serviceartikel
Burnout ist kein Schicksal
Viele Menschen klagen über Stress. Was können wir bei einer anhaltenden Erschöpfung tun?
Wenn akuter Stress über einen längeren Zeitraum anhält, ist das gefährlich für die seelische und körperliche Gesundheit. Der Therapeut Matthias Hipler gibt praktische Hilfestellungen, was wir bei einer anhaltenden Erschöpfung tun können.
Unser Alltag gleicht einer aufreibenden Autofahrt über herausfordernde Bergstraßen. Steile Anstiege, krasse Gefällstrecken, enge Kurven fordern volle Aufmerksamkeit und kosten viel Energie. Mit der Fahrtdauer steigt der Stresspegel. Der Energieverbrauch ist hoch. Da springt die Tankanzeige auf Reserve.
Wenn die Warnleuchten angehen
Aber die Fahrt muss weitergehen. Ich muss funktionieren, die nächste Etappe schaffen. Die erste Warnleuchte blinkt im Armaturenbrett auf. Ich nehme sie wahr, aber keine Zeit, mich jetzt darum zu kümmern. Die Anspannung steigt und meine Energie schwindet. Weitere Warnleuchten blinken auf.
So fühlt sich fortschreitende Erschöpfung an. Wenn ich jetzt nicht anhalte, aussteige, mich um mein Auto, den Tank und eine leichtere Route kümmere, bleibe ich ausgebrannt auf der Strecke. Burnout, Depression und Angstzustände sind die Folge. Wie konnte es so weit kommen trotz aller Warnsignale? Dazu tragen verschiedene Faktoren bei.
Viele von Erschöpfung Betroffene glauben, es gäbe keine Alternative auf ihrer Strecke und sie müssten unbedingt weitermachen wie bisher, alles irgendwie schaffen. Aber das ist eine Täuschung. Ich habe immer eine Wahl!
Bitte mal rechts ranfahren
Fühle ich mich über längere Zeit bis an und teilweise auch über meine Grenze belastet, muss ich innehalten und Selbstfürsorge üben. Ich fahre rechts ran, schaue welche Lämpchen aufleuchten und inspiziere mein Auto.
Ich frage mich: Wie geht es mir eigentlich? Ich überprüfe den Füllstand meines inneren Energietanks. Wo verorte ich ihn auf einer Skala von 0 bis 100?
Habe ich selbst oder haben vertraute Menschen wahrgenommen, dass ich mich zurückziehe, mich nur selten freue, gestresst wirke und gereizt reagiere?
Dann sollte ich unbedingt innehalten. Auch psychosomatische Warnzeichen wie Schlafstörungen, Angstgefühle, Erschöpfung und Kraftlosigkeit sollte ich ernstnehmen.
Energieräuber und Kraftquellen benennen
Zwei einfache Übungen können mir dabei weiterhelfen.
Für die erste Übung frage ich mich:
Wohin fließt meine Energie? Mittels einer Stresslandkarte kann ich meine Energieräuber visualisieren und identifizieren.
Dazu notiere ich, welche Aufgaben, Verpflichtungen und Lebensumstände jeweils wieviel Kraft kosten. Was mich viel Kraft kostet, schreibe ich in die Mitte, was wenig Energie kostet an die Ränder der Landkarte.
So finde ich erste Ansatzpunkte, um etwas zu meiner Entlastung zu verändern. Welche Aufgaben kann ich ruhen lassen oder delegieren? Welche Veränderungen kann ich mittelfristig vornehmen, um meinen Energieverbrauch zu senken? Und falls ich gewisse belastende Faktoren nicht ändern kann: Wie kann ich meine innere Haltung dazu ändern und mich besser abgrenzen?
Für die zweite Übung frage ich mich:
Woher fließt mir Kraft zu? Es gilt, meine Kraftquellen in den Blick zu nehmen und stärker zu nutzen.
Dazu erstelle ich eine Liste von allem, was mir guttut, mich entspannt, motiviert und mir neue Energie schenkt.
Ich gehe der Frage nach, welche Energiequellen ich noch gezielter nutzen und in meinen Alltag einbauen kann. Wer kann mir dabei helfen und welche wohltuenden Gewohnheiten kann ich neu einüben?
Stresslandkarte und Kraftquellen helfen wirkungsvoll dabei, einer weiter fortschreitenden Erschöpfung entgegenzuwirken. Mein Ziel muss dabei sein, nicht noch effizienter oder leistungsfähiger zu werden.
Es geht nicht um Selbstoptimierung, sondern darum, innezuhalten und möglicherweise meine Lebensrichtung zu verändern und zu regenerieren.
Den Blick nach innen richten
Wenn ich sehr stark im Außen lebe, berufliche und familiäre Verpflichtungen, Ehrenamt oder Hilfsbereitschaft meine Kraft weitgehend binden, stehe ich in der Gefahr, mein Innenleben zu vernachlässigen, und meine Bedürfnisse immer wieder hintenanzustellen.
Wie kann ich künftig besser auf mich selbst achten? Drei Ansatzpunkte können mir weiterhelfen:
- Ich achte auf mein Körperbudget. Wie bei einem Konto kann ich auf mein Körperbefinden einzahlen oder Abbuchungen vornehmen. Ausreichende Bewegung, genügend Schlaf und eine ausgewogene Ernährung zahlen ein. Gewohnheiten, die meinem Körper schaden, buchen dagegen ab.
- Ich stärke mein emotionales Immunsystem. So kann ich beispielsweise lernen, zu akzeptieren, was ich nicht verändern kann, anstatt dagegen zu rebellieren. Ich bejahe meine Grenzen an Kraft und Zeit. Mit einer optimistischen Grundhaltung konzentriere ich mich stärker auf das, was in meinem Leben gelingt. Ich gieße diese Blumen in meinem Alltag und nicht das Unkraut. Ich kreise nicht immer nur um meine Probleme, sondern gehe deren Lösungen aktiv an.
- Ich öffne mich für spirituelle Kraftquellen. Jesus lädt mich ausdrücklich dazu ein, bei ihm zur Ruhe zu kommen (Matthäus 11, 28-30). Ich kann ihm von meinen Belastungen, meinem Stress, meiner Erschöpfung ungeschminkt erzählen. Er versteht mich. Er baut mich innerlich wieder auf. Liebe, Annahme und Ermutigung fließen mir zu. Ich darf wissen: Auch in der Erschöpfung bin ich in Christus aufgehoben. Mit ihm an meiner Seite komme ich auf neuen Kurs ohne auszubrennen.
Burnout ist kein Schicksal, weil ich der Erschöpfung jederzeit entgegenwirken kann.
Matthias Hipler betreibt eine Praxis für Psychotherapie, Paartherapie und Coaching in Hanau.
Das könnte Sie auch interessieren
10.12.2019 / Der Feierabend
Burnout: Ich kann nicht mehr
Therapeut und Coach Matthias Hipler klärt auf über Burnout.
mehr03.09.2023 / Artikel
Ein Tiger kennt keinen Burnout
Jörg Berger erläutert in seinem neuen Buch, wie wir aus Erschöpfung herausfinden.
mehr14.08.2024 / Das Gespräch
Warum sind wir so erschöpft?
Psychotherapeut Jörg Berger erklärt Ursachen von Erschöpfung und Schritte zu neuer Kraft.
mehr01.12.2022 / WortGut
„Have a break – mach mal Pause!“
Die Erfindung des Wochenendes macht das Leben menschlicher.
mehr27.03.2024 / Artikel
Schluss mit Rastlosigkeit
Was deinem Leben mehr Ruhe und Balance gibt. 6 Tipps von Autor und Pastor John Marc Comer.
mehr04.02.2025 / Artikel
Christliche Meditation für Anfänger
Was haben Atemübungen mit einer Gottesbegegnung zu tun?
mehr