Portrait

„Behindert bist du kein ganzer Mensch.“

Eine Granate macht Krenar Bollguri zum „Krüppel“. Er hält sich für ein Monster.

19. Juli 1984 - ein Donnerstag. Krenar – von allen Nari genannt – ist sechs Jahre alt. Die Sonne scheint. Er streunt zwischen Häusern und Scheunen. Straßen gibt es in dem kleinen Dorf in Albanien nicht wirklich. Das kommunistische Regime hat vieles vernachlässigt. Neugierig schaut er in alte Ställe hinein. Einen dieser Ställe betritt er. Auf dem Boden, etwas überdeckt von Heu und Erde, schimmert ein metallener Gegenstand. Nari nimmt ihn in die Hand. Er schüttelt ihn, hält in ans Ohr: „Es hat so gegluckert. Ich wollte wissen, was da drinnen ist“, beschreibt er seine Erinnerung. Nari ist zu jung, um genau zu verstehen, was er gefunden hat. Eine Granate, Überbleibsel des zweiten Weltkrieges. „Ich habe sie dann auf den Boden geworfen. Vielleicht geht sie ja auf. Ich war neugierig.“

Die Granate explodiert

Das Nächste, woran sich Nari erinnert, sind unerträgliche Schmerzen. Er liegt auf einem mit Holz beladenen Lastkraftwagen und wird in die nächste Stadt gebracht. Die Granate ist explodiert und hat seinen rechten Arm abgerissen. Sein rechtes Bein ist zerfetzt. Für Nari spielt das alles keine Rolle: „Es waren die schlimmsten Schmerzen, die ich je erlebt habe. Das ist alles, was ich weiß.“

Krenar Bollguri (ERF Medien)

Zwei Wochen später. Nari wacht im Krankenhaus auf. „Meine Mutter war da. Sie hat mit mir geredet“, erzählt er. Die Ärzte hatten ihn in ein künstliches Koma verlegt, ihn operiert und lebensfähig gemacht. Auch das rechte Bein wurde entfernen. Doch Nari bemerkt die Auswirkungen des Unfalls zunächst nicht. Nur Schmerzen nimmt er wahr: „Ich konnte nichts sehen. Ich wusste nicht wo ich war“, erinnert er sich. Nari wacht blind aus dem Koma auf, Phantomschmerzen plagen ihn. Dort, wo kein Bein mehr ist, hat er dennoch Schmerzen. Der Arm, der schon bei der Explosion abgeflogen war, schmerzt ebenfalls: „Ich war durcheinander. Ich hatte Angst.“ Drei Wochen später kehrt sein Augenlicht zurück. Seine Sehkraft – eher bescheiden. Es bleiben ihm nur etwa drei Prozent. Doch das reicht um zu erkennen: „Mein Bein ist weg. Mein Arm ist weg.“ Sein Gesicht ist entstellt. Drei Monate bleibt er im Krankenhaus. Dann darf Nari endlich heim.

Anders als Andere

Er ist jetzt anders. Das merkt Nari. Sein ständiger Begleiter: die Schmerzen, vor allem an den Wunden. Nur langsam heilen sie. Das Wort Behinderung hat jedoch keine Bedeutung für den Sechsjährigen. Er erzählt: „Ich habe nicht an die Zukunft gedacht. Ich war sechs!“ Er will sich fortbewegen, mit anderen spielen – wieder Kind sein. Nari lernt mit einem Arm klar zu kommen. Albanien ist medizinisch Jahre, wenn nicht Jahrzehnte zurück. Prothesen gibt es nicht. Nari hüpft auf einem Bein – erst durch das Haus, dann im Garten, schließlich in der nächsten Nachbarschaft. Weiter soll er nicht. Nari fragt nicht warum. Dass sich seine Eltern für ihn schämen, weiß er damals noch nicht. Er freut sich, wenn Nachbarskinder zum Spielen kommen. Im Garten spielen sie Fußball. Nari ist Torwart. Er sitzt und nur das, was er erreichen kann, zählt als Tor.

Da er kaum sehen kann, ist Schule keine Option. Im Albanien der 1980er Jahre existiert keine Sonderschule. Erst hinterfragt Nari das nicht. Wie soll er überhaupt lesen und schreiben, ohne wirklich etwas zu sehen? Doch er wird älter und ihm wird seine Situation langsam bewusst: „Ich habe dann doch gefragt, warum ich nicht zur Schule kann“, berichtet er. Die Antwort lautet immer wieder: „Das bringt doch nichts, Nari. Was sollst du denn in der Schule?“ Seine Freunde kommen auch nicht mehr. „Die hatten Schule und Hausaufgaben. Und die wollten Fußball mit richtigen Toren spielen. Viel zu groß für mich“, erinnert er sich. Immer mehr wird Nari bewusst: „Ich bin nicht normal.“ Er ist viel alleine.

Das Monster im Dorf

Nari (ERF Medien)

Heute weiß er, dass seine Eltern überfordert waren: „Sie wussten nicht, was sie mit mir machen sollten.“ Sein Vater war überzeugter Kommunist – als „Dorfleiter“ von der Regierung eingesetzt. Das Ansehen der Familie war wichtig. Der entstellte Nari passte nicht in das Bild der sozialistischen Vorzeige-Familie. Er kann nicht arbeiten und kostet trotzdem Geld. „Als behinderter Mensch bist du nicht wirklich Mensch in Albanien. Vielleicht ein halber Mensch“, schildert er seine Einschätzung. Er wird versteckt, wenn Leute von außerhalb in das Dorf kommen. Auf Familienfesten ist er nicht anwesend. „Bleib in deinem Zimmer. Du erschreckst den Besuch!“, wird er aufgefordert. Er rückt an den Rand des Geschehens: „Es war wie im Theater. Das Leben ist auf der Bühne. Und ich bleibe aber immer hinter den Kulissen. Niemand soll mich sehen.“ Sich verstecken wird für Nari Alltag – ja mehr noch - Lebenseinstellung. Eine ungewollte Lebenseinstellung.

Zweifeln tut er trotzdem: „Ein Leben lang zu Hause? Was soll ich machen?“, fragt er sich. Mit 15 steckt Nari in einer tiefen Sinnkriese. Als die Familie wieder einmal Besuch bekommt, wird er wie gewohnt nach hinten geschickt: „Lauf nicht im Flur rum. Der Gast soll dich nicht sehen“, heißt es wieder einmal. Nari kennt diesen Satz. Aber diesmal trifft er ihn anders. „Nicht mal meine Familie akzeptiert mich! Ich bin wie ein Monster!“ Er nimmt ein Stromkabel, kratzt es an den Enden auf und wickelt es sich um den Hals. Das andere Ende steckt in der Steckdose. Nari wartet auf den Tod. Doch der Strom ist ausgefallen und er überlebt.

Vielleicht hat Allah eine Antwort

1991 fällt der Kommunismus in Albanien. Das absolute Religionsverbot wird aufgelöst und im ganzen Land schießen Moscheen aus dem Boden. So auch in Naris Dorf. Er hört das erste Mal richtig von Gott. Sein Selbstmordversuch ist nicht lange her. „Ok, wenn die Menschen nichts mit mir anfangen können, vielleicht akzeptiert mich Gott!“, hofft er. Nari reitet auf einem Esel regelmäßig in die Moschee. Fast zwei Jahre lang betet er dort. Doch dem Imam gefällt es nicht. Ihn stören der geparkte Esel vor der Moschee und Naris Hüpfen auf einem Bein. „Er sagt zu mir: Nari, du kannst auch Zuhause beten“, erzählt Nari. Für ihn ist das ein Schlag ins Gesicht. Auch Gott will nichts von ihm wissen. „Das kann kein Gott sein!“

Sein Frust wandelt sich in Hass. „Ich konnte keine Freude mehr empfinden!“, schildert er sein Innenleben. Er hasst alle. Nari will die Welt, seine Umgebung, seine Familie vergessen. Sie haben ihn vergessen. Er ist mittlerweile 18 und weiß nicht mehr weiter. Seine Behinderung hat ihn gebrandmarkt. Nari – das Monster. Wenn es Streit gibt und er sich unverstanden fühlt, trinkt er eine, manchmal zwei Flaschen Wodka. „Alkohol war gut zum Vergessen. Ich war auf dem Weg, ein Alkoholiker zu werden“, erzählt er. Dass es nicht so weit kommt, liegt daran, dass er sich neben dem Trinken mit einer anderen Gewohnheit den Tag vertreibt. Er schaut viel Fernsehen. Oft den ganzen Tag lang.

Der Jesusfilm

ERF Medien
Krenar Bolguri (ERF Medien)

Um Ostern 1996 läuft der Jesusfilm. Nari ist nüchtern. Eigentlich mag er solche Filme nicht. Keine Action, keine Spannung, kein Horror. Außerdem versteht er ihn nicht, denn er läuft auf Italienisch. Trotzdem bleibt er hängen. „Jesus ist so freundlich“, erinnert er sich. Nari beginnt italienisch zu lernen, denn im Jahr darauf soll der Film wieder an Ostern laufen. Er schaut viele Filme auf Italienisch und versucht durch die Handlung immer mehr die fremde Sprache zu lernen. Und tatsächlich, es klappt: 1997 versteht Nari, was Jesus sagt. Die Szene mit den Leprakranken begeistert ihn: „Jesus schaut nicht darauf, wie man aussieht, sondern er schaut aufs Herz!“, erkennt Nari. „So muss Gott sein!“

Naris Leben ändert sich

Regelmäßig schaut er eine christliche Sendung im Fernsehen. Er hat keine Bibel, kennt keine anderen Christen. Der Pastor in der Sendung spricht ein Gebet. Nari spricht ihm nach und entscheidet sich damit, als Christ zu leben. Er ändert sich – ist wieder froh und braucht keinen Alkohol mehr. Auch seine Familie merkt das. „Mein Vater dachte, ich bin verrückt geworden! Er war Kommunist. Für ihn gab es ja keinen Gott!“, berichtet Nari. Jahre später wird auch sein Vater Christ, seine Mutter ebenso. Die Veränderung, die ihr Sohn durchlebt, überwältigen sie. Nari sucht nicht mehr die Annahme bei Anderen. Gott liebt ihn, wie er ist.

2001 – die Familie ist aufgrund der wirtschaftlichen Lage vom Land in eine Stadt gezogen – lernt Nari andere Christen kennen. Er wird in eine Bibelgruppe eingeladen und ist überrascht. „Die wollten, dass ich in den Stuhlkreis komme. Ich war es gewohnt außen am Rand zu sitzen“, erzählt er. Das erste Mal kommt Nari hinter dem Vorhang hervor – mitten auf die Bühne. Dort, wo die Anderen sind und das Leben spielt. Das Monster ist tot. Er fühlt sich angenommen.

Diese Annahme verändert sein Leben komplett. Nicht nur innerlich. Durch die Gemeinde kommt Nari in den Kontakt mit der NGO „Medizinischen Nothilfe Albanien“. 2002 – Nari ist 25 – bringt ihn diese Organisation nach Deutschland. Sichtlich bewegt erzählt er: „Ich habe zum ersten Mal eine funktionierende Beinprothese bekommen.“ Außerdem wird er an den Augen operiert. Seine Sehkraft steigt auf 75 %.

Einfach nur Nari

Heute lebt er alleine in Berlin. Nari führt ein selbstständiges Leben: Arbeiten, einkaufen, Ziele haben. „Ich wurde immer als ‚Nari - der Behinderte‘ gesehen. Heute bin ich einfach nur Nari.“ Er hat eine Bibelschule besucht. Seine Berufung: Denen zu helfen, die am Rand der Gesellschaft stehen. Er arbeitet mit Drogenabhängigen und albanischen Flüchtlingen und gibt diesen Menschen das weiter, was er am eigenen Leib erfahren hat: „Gott nimmt dich an! Egal wie du bist!“


Nari Bollguri zu Gast in unserer Sendung Mensch, Gott 

 

 


Kommentare

Von Bea am .

Das Interview hat mich sehr berührt, da ich selbst Leute in Albanien kenne. Es gibt in Tirana eine Calvary Chapel, dessen Pastorenehepaar zu meinen Freunden gehört. Und einige Missionare, die ich via facebook kennen- und schätzen gelernt habe. Gott tut etwas in Albanien!!!! Dank und Ehre sei Ihm dafür!

Von Gast am .

Supergute Früchte :))
Ein echter Christ.

Von Ornella am .

Gottes segen an Nari und sein werk.

Von Gisela K. am .

auch mich hat diese Geschichte tief im Herzen berührt. Ich denke Gott von Herzen, dass
Nari Jesus gefunden hat und IHM jetzt dient.
Gott segne nari weiterhin!!!

Von Ulrich H. am .

Diese Geschichte hat mich fast zum Weinen gebracht. Ich bin so froh, Christ sein zu dürfen und an einen guten Gott glauben zu können. Vielen vielen Dank!


Ihr Kommentar

Die E-Mail wird nicht veröffentlicht.
Alle Kommentare werden redaktionell geprüft. Wir behalten uns das Kürzen von Kommentaren vor. Ein Recht auf Veröffentlichung besteht nicht.