Interview

Mein Todestag im Kalender

Heiko Bräunings Weg zu einem glücklicheren Leben.

Der evangelische Pfarrer, Journalist und Musiker Heiko Bräuning hat sich im Jahr 2012 zu einem ungewöhnlichen Experiment entschlossen. Was wäre, wenn er am 16. April 2016 sterben würde? Wie würde sich dieses fiktive Todesdatum auf sein Leben auswirken? Seine Erfahrungen und Einsichten hat er in seinem Buch „Mein Deadline-Experiment“ festgehalten.

ERF Medien: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, dieses ungewöhnliche Experiment zu starten?

Heiko Bräuning: Mein Job als Pfarrer ist es, fast wöchentlich am Grab den Vers zu rezitieren: „Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“ Ich hatte immer das Gefühl, ich bin noch nicht klug genug. Deswegen dieses Deadline-Experiment, für das ich mir einen völlig fiktiven, willkürlich gewählten Todestag gesetzt habe. Heute habe ich den Eindruck: Ich bin dadurch wirklich klug geworden.

Das Buch "Mein Deadline-Experiment"
ist im Verlag cap-books erschienen

Täglich entscheiden, was wirklich wichtig ist

ERF Medien: Welche Erfahrungen haben Sie gemacht? Hat sich Ihr Denken und Handeln dadurch verändert?

Heiko Bräuning: Ich fange mal mit den weitreichsten Konsequenzen an. Ich habe bei meinem Arbeitgeber, der Württembergischen Landeskirche, gekündigt. Ich werde ausscheiden aus dem Pfarrerverhältnis und dem Beamtentum. Stattdessen werde ich nur noch als Theologe arbeiten bei den Zieglerschen und weiterhin den TV-Gottesdienst „Stunde des Höchsten“ gestalten.

Ich steige aus, weil ich gemerkt habe: Mich macht diese Gemeindearbeit nicht recht glücklich. Ich stoße überall an meine Grenzen. Ich kann meine Gaben und Talente nicht so entfalten, wie ich es gerne tun würde und wie ich glaube, dass es Gott gefällt.

Laut Studien hat jeder fünfte Arbeitnehmer in Deutschland innerlich gekündigt, weil er keine Lust auf das hat, was er tut. Aber viele haben Angst, eine Entscheidung zu treffen. Das will ich nicht. Ich will jetzt klug werden. Ich will jetzt glücklich sein und habe deswegen gekündigt.

ERF Medien: Was hat sich noch verändert?

Es gab viele kleine Dinge. Mit so einer Deadline vor Augen muss man sich täglich entscheiden: „Was ist mir wichtiger?“ Zum Beispiel bis um 20 Uhr im Büro zu sitzen und zu arbeiten? Oder wenn mein Sohn Pascal um 16 Uhr mit mir auf den Fußballplatz will? Natürlich komme ich dann lieber frühzeitig nach Hause und versuche, Pascal glücklich zu machen. Ein weiteres Beispiel: Ist es wichtiger, mich mit meiner Frau zu streiten und darin zu verharren, weil ich den Eindruck habe, im Recht zu sein? Möglicherweise sogar schlafen zu gehen und den Konflikt in den nächsten Tag weiterzutragen? Oder wäre es besser, einen Schritt der Versöhnung zu gehen, mich zu entschuldigen um Abends noch ein Glas Wein mit meiner Frau genießen zu können?

ERF Medien: Für einen Menschen, der tatsächlich todkrank ist und weiß, er hat nur noch ein paar Monate zu leben, ist die „Deadline“ keine Theorie, sondern ganz nahe gerückt. Bei Ihnen war das nur ein Gedankenspiel, nur eine Fiktion – nicht zu vergleichen, oder?

Heiko Bräuning: Es war nicht mein Ziel, das irgendwie zu vergleichen. Allerdings haben interessanterweise Hospizgruppen dieses Buch „Mein Deadline-Experiment“ bestellt, um es zusammen durchzuarbeiten. Ich weiß auch von einer Selbsthilfegruppe für schwer krebskranke Menschen aus Kiel, die dieses Buch bestellt haben. Interessante Gesprächspartner, mit denen ich mich über die Frage ausgetauscht habe, was so eine Deadline mit sich bringt.

Ein umstrittenes Experiment

ERF Medien: Das eigene Todesdatum festlegen - für manchen klingt das makaber. Ihr Experiment wird auch kontrovers diskutiert. Wie stehen Sie dazu?

Heiko Bräuning: Ich habe das Thema mit meinen Schülerinnen und Schülern in der 9. und 10. Klasse durchdiskutiert. Zum ersten Mal hatte ich wohl ein Thema getroffen, das sie richtig interessiert hat. Auch in anderen säkularen Veranstaltungen konnte man Stecknadeln fallen hören. Ich habe auch in einigen christlichen Kreisen über das Thema gesprochen und musste feststellen: Mindestens eine Hand voll ältere Menschen verlassen sofort den Saal. Manche Christen werfen mir vor: Das hat der liebe Gott nicht gewollt, dass wir uns solche Gedanken über den Tod machen. Ich sehe das anders! Wenn es uns dabei hilft, die von Gott anvertraute Zeit, Gaben und Talente so einzusetzen, dass andere und ich selbst dadurch glücklicher werden, dann ist dieses Nachdenken über den Tod eigentlich ein Segen. Es erschreckt mich, wie oft der Tod keinen Platz im Leben haben darf.

Nichts mehr auf die lange Bank schieben 

Heiko Bräuning
(c) ERF Medien/Lehmann

ERF Medien: Das Experiment ist zu Ende. Sie könnten jetzt wieder zur Tagesordnung übergehen. Was nehmen Sie mit in Ihren Alltag?

Heiko Bräuning: Die vier Jahre bis zum 16.4. waren für mich anvertraute Lebenszeit, die Tag für Tag kürzer wurde. Dann habe ich diesen 16.4. überlebt. Und am Morgen des nächsten Tages schien die Zeit nicht länger anvertraut, sondern jetzt ist es geschenkte Zeit. „Heiko, du hast noch Zeit“, sagt Gott zu mir. Und da kann ich nur sagen: „vielen Dank dafür!“  Es ist ein wunderschönes Leben, wenn man zutiefst dankbar ist für die Stunden, die einem geschenkt wurden.

Insofern bin ich nicht zur Tagesordnung zurückgekehrt, sondern es ist ein neues Denken entstanden: Ich schiebe meine Entscheidungen nicht auf die lange Bank. Wer weiß, wie lange diese Bank überhaupt noch ist? Ich bin mutig. Habe Gottvertrauen und Selbstbewusstsein, treffe Entscheidungen. Wenn man dieses Lebensmuster einübt, kann man nicht zu den alten Denkmustern zurück. Nein, es ist wie der Prediger sagt: „Alles hat seine Zeit.“ Und diese gilt es, zu entdecken.

ERF Medien: Heiko Bräuning, vielen Dank für das Gespräch.


Heiko Bräuning war auch Gast in der Sendung „Gott sei Dank“.

 

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