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© Annie Spratt / unsplash.com

24.02.2021 / Interview / Lesezeit: ~ 10 min

Autor: Lucia Ewald

Die sieben Werke der Barmherzigkeit

Pastorin Steffi Baltes zeigt auf, wie wir heute Barmherzigkeit praktisch umsetzen können. Ein Interview.


Im zweiten Teil des Interviews mit der Pastorin und Buchautorin Steffi Baltes spricht Steffi Baltes über zentrale Bibelstellen zum Thema Barmherzigkeit im Alten Testament, warum selbst Weisungen und Gebote Gottes ein Zeichen seines Erbarmens sind und wie wir heute Barmherzigkeit praktisch werden lassen können.
 

ERF: Was sind für dich zentrale Stellen im Alten Testament, in denen Einblick gegeben wird, was Gott unter Barmherzigkeit versteht?

Steffi Baltes: Ich hatte schon eine meiner Lieblingsstellen erwähnt. Z.B. aus Psalm 103, die Stelle mit dem Vater: „Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt, so erbarmt sich der Herr über die, die ihn fürchten.“ Ganz interessant finde ich, dass da auch eine Wechselseitigkeit zum Ausdruck kommt. Gottes Erbarmen gilt allen Menschen, da ist die Bibel eindeutig. Gott möchte alle Menschen an sein Herz ziehen. Aber er erbarmt sich vielleicht auch in besonderer Weise über die, die ihn suchen, die ihn anrufen. Barmherzigkeit ist nichts Aufgesetztes bei Gott. Es ist in seinem Wesen.

Ich erinnere an eines der hebräischen Worte für Barmherzigkeit – racham. Es wird im Hebräischen auch benutzt in der Bedeutung von Mutterschoß, Gebärmutter oder Eingeweide. Es kommt also von innen heraus. Gott wird in der Bibel oft auch der „Erbarmer“ genannt. So lesen wir z.B. bei Jesaja 49,10: „Sie werden weder hungern noch dürsten, sie wird weder Hitze noch Sonne stechen; denn ihr Erbarmer wird sie führen und sie an die Wasserquellen leiten.“ 

Gott erbarmt sich auch über uns Menschen dadurch, dass er uns Weisungen schenkt, dass er uns selber führt. Die Gebote Gottes z.B. sind Zeichen seines Erbarmens. Es wird auch im Judentum ganz klar so gesehen, dass man sich freut über Gottes Gebote. Als Christen dürfen wir das auch tun.

Gebote sind nichts, was uns einengt, sondern sie sind ein Zeichen von Gottes Erbarmen. Er will uns führen und leiten und seine Gebote und seine Weisungen sollen uns ein gutes, ein erfülltes Leben ermöglichen.

 

„Denn es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr, dein Erbarmer“ (Jesaja 54,10). Also Gott streckt uns die Hand aus. Er möchte uns zu sich ziehen. Er schließt einen Bund mit uns. Das sind Bibelstellen, die mir in den Sinn kommen, wenn ich an die Barmherzigkeit Gottes denke.
 

Kann Gott zugleich gerecht und barmherzig sein?

ERF: Nochmal mit Blick auf das Alte Testament - wie äußert sich Gottes Barmherzigkeit konkret in den Lebensgeschichten von Menschen? Welches Beispiel könntest du da mal bringen?

Steffi Baltes: Da gibt es viele, viele Beispiele. Aber ein Beispiel wäre natürlich wie Gott das Volk Israel durch die Wüste führt. Da gab es von Seiten der Israeliten zeitweise viel Unmut und viel Murren. Und doch hat Gott immer wieder Erbarmen mit seinem Volk. Er schenkt ihnen Wasser und Essen in der Wüste. Wenn wir jetzt an die Geschichte mit dem Manna denken und dem Wasser, das Mose aus dem Felsen schlägt.

Eine meiner Lieblingsgeschichten ist die Geschichte um Sodom, wo Abraham mit Gott verhandelt. In seiner Angst um seinen Neffen Lot und seine Familie agiert Abraham fast wie ein orientalischer Bazar-Verkäufer mit Gott und bitte ihn: „Wenn 50 Gerechte in Sodom wohnen, wirst du die Stadt dann trotzdem vernichten?“ Und dann sagt Gott: „Na ja, gut, wenn ich die finde, okay.“ Aber er findet sie nicht. Dann 45 Gerechte, und so immer weiter. Abraham handelt mit Gott und Gott lässt sich auf 10 Leute „herunterhandeln“. Nachzulesen ist diese Geschichte in 1. Mose 18,16-33.

Diese Geschichte zeigt noch einmal sehr deutlich, man kann Gott auch bitten. Das zieht sich durchs Alte und Neue Testament hindurch. Gott lässt sich bewegen. Das gehört sicherlich auch zu seiner Barmherzigkeit, dass er nicht nur Nein sagt, obwohl es gerecht wäre. Sondern dass er sich auch bewegen lässt von unseren Gebeten, von unseren Bitten und in einem fast freundschaftlichen Austausch mit uns ist.
 

ERF: Es klang eben schon ein bisschen an. Stichwort Gottes Barmherzigkeit contra seine Gerechtigkeit. Inwiefern kann Gott zugleich gerecht und auch barmherzig sein? Schließt das eine nicht eigentlich das andere aus? Wie ist das aufzulösen? Zu verstehen?

Steffi Baltes: Ich denke, dass sich in Gottes Gerechtigkeit auch seine Barmherzigkeit äußert. Dass sich das gar nicht ausschließt. Ich habe zum Beispiel die Gebote angesprochen. Gott sagt, wenn du so und so lebst, dann wirst du ein gutes Leben haben. Wenn nicht, dann wird es eben nicht so gut laufen, wie ich das gerne für dich hätte. Und es wird auch Konsequenzen haben. Es ist schmerzhaft für einen selber und oft auch für andere. Er nimmt die Konsequenzen nicht weg.  Darin sehe ich Gottes Gerechtigkeit.
 

Die sieben Werke der Barmherzigkeit

ERF: Papst Franziskus hat bereits 2016 als heiliges Jahr der Barmherzigkeit ausgerufen. Von ihm stammt das Zitat „Ein wenig Barmherzigkeit macht die Welt weniger kalt und viel gerechter. Auch hier wieder Barmherzigkeit und Gerechtigkeit. Für Papst Franziskus ist die Barmherzigkeit die größte aller Tugenden. Wie können wir heute Barmherzigkeit leben? Du sprichst in diesem Zusammenhang von den sieben Werken der Barmherzigkeit. Was verbirgt sich dahinter?

Steffi Baltes: Die sieben Werke der Barmherzigkeit waren ursprünglich nur sechs. Sie ergeben sich aus der sog. Endzeit-Rede Jesu im Matthäusevangelium, Kapitel 25, Verse 34-46. Da sagt Jesus in diesem Gleichnis:

Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt! Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen.

Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dir zu essen gegeben? Oder durstig und haben dir zu trinken gegeben? Wann haben wir dich als Fremden gesehen und haben dich aufgenommen? Oder nackt und haben dich gekleidet? Wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen? Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.

 

Wenn wir jetzt mitgezählt hätten, dann wären wir auf sechs barmherzige Werke gekommen, die die alte Kirche schon recht früh in diesen Worten von Jesus gesehen hat: also Hungrige speisen, Durstigen zu trinken geben, Fremde beherbergen, Nackte kleiden, sich Kranken zuwenden und Menschen im Gefängnis besuchen.

Die sieben Werke der Barmherzigkeit
1. die Hungernden speisen
2. den Dürstenden zu trinken geben
3. die Nackten bekleiden
4. die Fremden aufnehmen
5. die Kranken besuchen
6. die Gefangenen besuchen
7. Tote begraben

In den Apokryphen im Buch Tobit, das ungefähr um 200 v. Chr. in Palästina verfasst wurde, wird noch erwähnt, dass Tobit auch Tote beerdigt hat (Tobit 1,17–20). Deswegen hat die altkirchliche Tradition schon recht früh im 3. Jahrhundert n. Chr. sich darauf besonnen, dass wir uns auch Sterbenden zuwenden.

Das finde ich einen ganz interessanten Aspekt, weil zumindest im evangelischen Bereich oder überhaupt im säkularen Bereich oft alles, was mit dem Tod zu tun hat, lieber wegeschoben wird und man gar nicht so viel mit Sterbenden zu tun haben möchte. Bzw. man überlässt es denen, die das professionell können. Also anhand dieser sieben Werke führe ich aus, was das denn heute im ganz praktischen Sinn bedeuten könnte.
 

Barmherzig sein heute

ERF: Vielleicht nimmst du uns mit hinein in zwei praktische Beispiele. Wir beginnen mit dem ersten Werk der Barmherzigkeit „Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben“. Wie können wir das heute ausüben?

Steffi Baltes: Ich hatte ja schon gesagt, dass die Haltung und die Taten immer zusammenkommen müssen. Bei jedem dieser Werke der Barmherzigkeit gibt es mehrere Seiten. Also hungrige Speisen könnte im übertragenen Sinn dann auch bedeuten, ich möchte gerne von Jesus erzählen – so wie ich das kann. Jesus ist das Brot des Lebens und die Menschen brauchen Jesus. Das tue ich oft in meinen Büchern oder Predigten. Ich bin nicht so der Evangelist, der auf die Straße geht. Aber das machen andere vielleicht sehr gut und auch sehr wertschätzend.

Also zum einen Jesus, das Brot des Lebens austeilen an Menschen, die wirklich tief drinnen hungrig sind nach Leben, aber auch in einem ganz praktischen Sinn in dem ich Hilfswerken Geld spende, z.B. für „Brot für die Welt“ auf der evangelischen Seite oder „Misereor“ auf der katholischen Seite oder diakonischen Aktionen in freien Gemeinden. Jeder kann auch überlegen, wo er ganz praktisch helfen kann in seiner Stadt, vielleicht bei der Tafel mitarbeiten oder auch dafür spenden?

Manchmal sind wir überwältigt von der schieren Not überall. Wir können nicht dem Leid der ganzen Welt begegnen, aber wir können uns einzelne Projekte aussuchen, z.B. auch ein Patenkind von Werken wie World Vision oder Compassion übernehmen. Auch so komme ich der Aufforderung nach „Hungrige zu speisen“. Indem ich dazu beitragen, dass Kinder eine Schul- und Berufsausbildung bekommen, helfe ich ihnen damit auch, dass sie zu essen bekommen.

INFO
„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ So lautet die Jahreslosung 2021, eine Bibelstelle aus Lukas 6,36. Die Theologin Steffi Baltes hat ein Impuls-Heft zur Jahreslosung 2021 im Francke Verlag veröffentlicht.  

Interessant finde ich auch den Aspekt sich denen zuzuwenden, die im Gefängnis sind. Das hat auch die Dimension „Gefangene zu befreien“. Jesus hat das für sich in Anspruch genommen, dass er gekommen ist, um Gefangene zu befreien aus vielfältiger Gefangenschaft. Auch wir können in der Kraft Gottes solche Leute sein, die Menschen befreien, die gebunden sind, z.B. in Süchten.

Ich habe einige Freunde, die im pädagogischen Bereich oder in der Suchtberatung tätig sind. Da gibt es vielleicht auch Möglichkeiten ehrenamtlich mitarbeiten. Oder sich diesen Menschen geistlich zuzuwenden mit Gebet oder mit Seelsorge – also Menschen zusätzlich zu ihrer Suchttherapie auf dem Weg aus ihrer Sucht zu begleiten und zu unterstützen da, wo das erwünscht ist.
 

Jeder kann barmherzig-sein lernen

ERF: Wie kann ich einüben, barmherziger zu sein? Oder anders herum: Was hindert uns Menschen daran, barmherzig zu sein?

Steffi Baltes: Ich glaube, wir können nicht von uns aus barmherzig sein, wenn wir nicht zuerst Gottes Barmherzigkeit annehmen. Wenn wir barmherziger werden wollen, müssen wir unseren Stolz loslassen und sich bewusst zu machen: Wir alle brauchen Gottes Barmherzigkeit, egal wie gut oder aufrichtig wir sind. Wenn ich diesen ersten Schritt getan habe, dann kann ich Gott bitten mir seine Barmherzigkeit neu zu schenken bzw. zu empfangen. „Herr, ich brauche deine Barmherzigkeit und ich möchte sie noch einmal neu empfangen.“

Wenn wir Gottes Barmherzigkeit in das eigene Leben einladen, lernen wir wieder barmherziger mit uns selbst zu sein. Daraus speist sich auch wieder, dass ich anderen gegenüber barmherzig sein kann.

 

Das wäre ein guter Weg. Dazu gehört auch, Gott dankbar für seine Barmherzigkeit mir gegenüber zu sein und gleichzeitig zu fragen: wo darf ich mir selber gegenüber barmherziger sein und wo darf ich anderen Barmherzigkeit schenken? Darüber freut sich Gott und das ermutigt er und dazu ermahnt er uns.
 

ERF: Gibt es so etwas wie echte und falsche Barmherzigkeit? Stichwort billige Gnade? Wo soll ich barmherzig sein oder wo soll ich vielleicht auch gesunde Grenzen ziehen?

Steffi Baltes: Da fällt mir die Geschichte vom barmherzigen Samariter ein, ein Gleichnis, das Jesus erzählt hat. Das finde ich interessant und das ist mir erst jetzt aufgegangen in der Beschäftigung mit der Jahreslosung, dass der barmherzige Samariter sich nicht auspowert bis zum Ende. Er ist barmherzig und nimmt sich auch ganz praktisch des überfallenen Menschen an, er versorgt seine Wunden, bringt ihn quasi ins Krankenhaus, also in ein Gasthaus, er gibt dem Wirt Geld und bittet ihn den Verletzten weiter zu versorgen. Gerade das ist ein Zeichen, dass er auch eine gute Grenze setzt, die ihm vielleicht hilft, dann auch später weiterhin barmherzig zu sein. Also, er ist barmherzig, er übernimmt Verantwortung, aber ab einem bestimmten Punkt sorgt er dafür, dass jemand anders den Staffelstab übernimmt. Eben in diesem Fall der Wirt.

Das fand ich spannend. Weil im christlichen Bereich haben wir oft das andere Problem – zumindest beobachte ich das – Stichwort „Helfersyndrom“. Manche denken, Gott verlangt das von ihnen, immer zu helfen und barmherzig sein und powern sich dann oft selber aus. Aber damit ich ein Leben lang Barmherzigkeit üben kann, muss ich mir das ein bisschen einteilen und Gott auch fragen: Wo kann ich meine Grenzen erweitern? Aber wo darf ich auch Grenzen setzen? Wie kann ich Verantwortung übernehmen? Wo sind Menschen meinem Umfeld, die meine Barmherzigkeit brauchen und wie weit kann ich da gehen? Und ab wann erlaubt mir Gott für mich selbst zu sorgen, damit ich auf Dauer barmherzig sein kann?

Das christliche Leben ist ein Marathon und kein Sprint. Da gilt für viele andere christliche Tugenden und auch für die Barmherzigkeit – sie ist auf Dauer angelegt.


ERF: Steffi Baltes, vielen Dank für das Gespräch.

 

→ Hier gelangen Sie zum ersten Teil des Interviews mit Steffi Baltes.


Zur Person: Steffi Baltes ist Autorin zahlreicher Bücher. Sechs Jahre lang hat sie ein Gästehaus in Jerusalem geleitet, und zusammen mit ihrem Mann christliche Reisegruppen durchs Heilige Land begleitet. Heute lebt sie in Marburg. Als Lektorin ist sie im Francke-Verlag tätig. Außerdem arbeitet sie als Pfarrerin im Christustreff, einer Marburger Gemeinde. Sie ist Mitglied im Leitungskreis und zuständig für pastorale Aufgaben.

 

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