Service-Artikel

„Das kann ich dir nicht vergeben.“

Warum es keine Lösung ist, einander aus dem Weg zu gehen.

Kennen Sie solche Situationen: Sie wurden von einer Person vor langer Zeit verletzt und das tut noch immer weh. Jedes Mal wenn Sie die Person sehen, erinnern Sie sich wieder an den Schmerz. Anstatt die Person darauf aufmerksam zu machen, gehen Sie ihr aus dem Weg. Sie reden sich ein, dass die Sache bereinigt ist. Doch einander aus dem Weg zu gehen, ist weder Versöhnung noch Vergebung.

In Lukas 17, 3-4 sagt Jesus: „Wenn dein Bruder sündigt, dann weise ihn zurecht und wenn es ihn gereut oder wenn er es bereut, dann vergib ihm. Und wenn er sieben Mal am Tag an dir sündigen würde und sieben Mal wieder zu dir käme und spräche ‚Es reut mich‘, so sollst du ihm vergeben.“ Jesus geht also davon aus, dass wir uns in unserem Miteinander kränken. Dort wo Menschen miteinander leben, sei es beruflich oder privat, werden sie aneinander schuldig. Das ist bei Christen nicht anders als bei Nichtchristen. Ich habe allerdings den Eindruck, dass Christen manchmal verbittert nachtragend sind. Sie überfordern sich mit dem Anspruch, dass einem so ein Verhalten als Christ nicht passieren dürfe. Doch wo steht sowas in der Bibel?

Nicht zurückziehen, sondern in die Offensive gehen

Jesus selbst sagt, dass es passiert, dass man sich gegenseitig verletzt. Er sagt nicht, dass wir perfekt sein müssen. Ich weiß nicht, über wen Sie sich die letzten Tage geärgert haben und wer Ihnen auf den Keks geht. Das an sich ist auch nicht das Problem. Das Problem ist, wie wir damit umgehen.

Jesus sagt: „Wenn dein Bruder an dir sündigt, weise ihn zurecht!“ Das heißt nicht, dass wir ihm eine reinhauen sollen. Stattdessen sollen wir ihn fragen, ob es Absicht oder ein Versehen war. Jesus meint damit: „Geh hin! Wenn du gekränkt worden bist, geh hin. Wenn du verletzt worden bist, geh hin. Halte es ihm vor und weise ihn zurecht.“

Warum fällt es so schwer zu vergeben?

Unsere Reaktion sieht oft ganz anders aus: Wir gehen der Person aus dem Weg und ziehen uns zurück. Wenn es jemand aus der Gemeinde ist, suchen wir uns einen neuen Hauskreis oder sogar eine andere Gemeinde. Oder wir starten eine Mitleidsparty und klagen bei anderen darüber, wie sehr die Person einen verletzt hat. Denn es finden sich immer Leute, die sagen: „Das hat die Person auch bei mir gemacht.“ Wenn wir aber geistlich leben wollen, muss dieses Verhalten durchbrochen werden. Wir dürfen uns nicht zurückziehen, sondern müssen in die Offensive gehen.

Wenn wir die Kraft, die wir sonst dafür einsetzen, unversöhnlich zu bleiben, dafür einsetzen würden, einander wieder zu begegnen, hätten wir in vielen Beziehungen wesentlich weniger Probleme. Doch das wollen wir nicht, weil die persönlichen Erfahrungen mit unseren Kollegen, Partnern oder Kindern dazu führen, dass wir sagen: „So leicht mache ich es dir jetzt nicht. Irgendwo ist Schluss mit lustig. Er hat zwar um Vergebung gebeten, aber ich möchte auch sehen, dass er es ernst meint.“ Und wir erwarten Früchte der Veränderung. Wir geben Menschen keinen Raum, sich zu verändern und setzten damit der Vergebung Grenzen.

Dem anderen die Vergebung nicht vorenthalten

Dabei haben wir als Menschen, die selber von der Vergebung Jesu leben, kein Recht, unser Gegenüber zu hinterfragen. Wenn Gott uns vergibt, sagt er auch nicht: „Ich glaube dir nicht.“ Selbst, wenn wir hundertmal mit der gleichen Sache kommen. Misstrauen ist der Nährboden der Unversöhnlichkeit und der Tod jeder Beziehung – ob in der Ehe oder unter Kollegen. Die Erfahrung darf die Vergebung nicht beeinflussen. Wir müssen uns entscheiden: Geben wir dem Misstrauen oder dem Auftrag Jesu mehr Raum?

Vergebung und Versöhnung ist keine Frage des Glaubens und Vertrauens, sondern eine Frage des Gehorsams. Vergebung ist eine Tat des Willens. Ich will meinen Geschwistern, meinen Arbeitskollegen und Nachbarn vergeben. Das heißt nicht, dass wir mit allen auf der gleichen emotionalen Ebene verkehren müssen. Versöhnt leben heißt, den anderen ernst nehmen und das, was er sagt, auch wirklich als Wahrheit annehmen. Wer von der Vergebung lebt, darf dem anderen die Vergebung nicht vorenthalten. 


Kommentare

Von Dagmar am .

Für mich ist Vergebung zu empfangen ein Geschenk. Ich habe verstanden wie groß dieses Geschenk ist und wie unverdient es mir jeden Tag aufs neue geschenkt wird. Ich vergebe schnell, auch wenn äußerlich oft noch die Trümmer rauchen bin ich in mir schon versöhnlich und habe meinem Gegenüber schon vergeben, weil ich keine Anklage in meinem Herzen festhalten will. Allerdings bitte ich auch zügig um Vergebung, denn beides gehört für mich zusammen. Bitterkeit ist eine schnell wachsende Pflanze, mühselige ist es sie aus dem Lebensgarten zu entfernen. Vergebung ist der beste Unkrautvernichter.

Von Roland P. am .

Wenn man versucht sich in den anderen heinein zu denken, warum wieso, und versucht für ihn zu beten, ist ein riesen Schritt zur Vergebung getan !!!!

Von Frauken am .

Vergebung befreit, vor allem mich selbst. Denn dem anderen ist ja längst vergeben, nicht wahr? Nur: Vergebung ist NICHT eine Tat des Willens. Ich kann mich um meine Bereitschaft zur Vergebung bemühen, aber herbeiführen kann ich sie nicht. Vergebung stellt sich ein, Vergebung ist Gnade. Menschliche Willenskraft mag notwendig sein, hinreichend ist sie nicht. Wollen wir wirklich dem Menschen, der noch seine Wunden leckt und Schmerzen hat und nicht vergeben kann, Willenschwäche vorwerfen?

Von Gast am .

Ohne die Kraft des Heiligen Geistes ist es kaum möglich zu vergeben. Nur Gott alleine kann Menschen den Schleier von den Augen nehmen. Es ist besser loszulassen und es Gott zu übergeben. Er ist derjenige der Sünden aufdecken kann. Meiner Meinung nach kann man das Volk Gottes auch nicht mit Menschen vergleichen die ihn überhaupt nicht kennen.

Von Danuta am .

Genauso ist es. Das habe ich selber erfahren, erfahre es jetzt auch bei anderen Geschwistern. Die Vergebung ist eine Befreiung für die Seele und wenn man das Schalom im Herzen verspürt, dann ist man auf dem richtigen Weg. Danke für diesen Artikel


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