Service-Artikel

Sei stark! Oder tue wenigstens so.

Woher kommt unser Anspruch, immer stark sein zu wollen?

„Danke, ich schaff das schon allein.“ Der Mann neben mir schaut mich erstaunt an. Dann nimmt er mir den Kreuzschlüssel aus der Hand und macht sich entschlossen an meinen Sommerreifen zu schaffen. Innerhalb von wenigen Minuten zieht er mir die Radschrauben fest und grinst mich anschließend freundlich an: „Das ging doch jetzt schneller, oder?!“

Ich bin gern stark. Selbstständig zu sein habe ich früh gelernt. Ich bin mit drei älteren Geschwistern aufgewachsen, die immer ein Stückchen größer und erfahrener als ich waren. Und ich wollte nie die kleine Schwester sein, die um Hilfe fragen muss. Ich wollte meine eigenen Erfahrungen machen und mich selbst durchkämpfen. Und ich bin Teil einer Gesellschaft, die die besonders starken Menschen feiert. Ich scheine also mit meinen Prinzipien alles richtig zu machen.

Mit viel Anstrengung die eigene Schwachheit überspielen

Komisch nur, dass es sich nicht immer richtig angefühlt. Es hat sich nicht richtig angefühlt, im schicken Kleidchen auf allen vieren um mein Auto herumzukrabbeln, um Schrauben festzuziehen, von denen ich nicht mal wusste, dass sie existieren. Es hat sich nicht richtig angefühlt, auf die Hilfe von starken Oberarmen und besseren Autokenntnissen zu verzichten. Aber irgendetwas in mir drin hat mich trotzdem davon abgehalten, Hilfe anzunehmen. Vielleicht kennen Sie ähnliche Situationen, in denen Sie Ihre Schwachheit lieber überspielen, als sie zu zeigen. Woher kommt dieser Anspruch immer stark sein zu wollen? Ich habe zwei Gründe gefunden.

1. Die anderen sollen ein perfektes Bild von mir haben

Früher wollte ich es meinen älteren Geschwistern beweisen: Warum sollte ich gemeinsam mit ihnen die normale Schule besuchen, wenn ich auch mit zwei Stunden Fahrtzeit zu einer Schule mit besseren Ruf pendeln kann? Mit meinem Leben im Alleingang machte ich es mir unnötig schwer. Auch noch heute scheint es mir oft wichtiger zu sein, meine vermeintliche Stärke unter Beweis zu stellen, als einen entspannten Lebensweg zu genießen. Wer sieht schon gern hilfsbedürftig aus? Damit bin ich nicht allein: Vermittelt nicht jeder gern seinem Umfeld ein perfektes Bild von sich?

Dem netten Helfer bei meiner Autopanne habe ich vorgespielt, dass ich genug Kraft in den Oberarmen habe. Das stimmt ganz offensichtlich nicht. Und das ist in Ordnung. Nicht nur, weil große Oberarme nicht zum Rest meines weiblichen Körpers passen, sondern weil Gott mich genauso geschaffen hat: Kein Bizeps, dafür aber gute Läuferwaden. Gottes Idee für uns Menschen ist eigentlich grandios: Er hat uns ganz bewusst so unterschiedlich geschaffen, damit wir uns gegenseitig ergänzen und unterstützen können. Wenn wir diese Schöpfungsidee umsetzen entsteht ein Zusammenspiel zwischen uns Menschen, das uns vieles leichter macht. Und weil keiner von uns mit allen Fähigkeiten ausgestattet ist, können wir auch alle mal ein Stückchen ehrlicher sein und müssen uns nichts vorspielen: Wir brauchen einander. Und das ist gut so!

2. Die Angst vor der ewigen Abhängigkeit

Aber was ist, wenn ich mich auf das Zusammenspiel einlasse: Mache ich mich dann nicht zu abhängig von anderen? Was wäre gewesen, wenn mein Held auf dem Autobahnparkplatz mir nicht mit einem Grinsen, sondern mit einem unglücklichen Blick den Kreuzschlüssel zurück gegeben hätte? Ich hätte mich verantwortlich dafür gemacht. Ich hätte es als meine Verpflichtung gesehen, der Person ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern. Ich hätte ein schlechtes Gewissen. Ist es da nicht angenehmer nicht auf andere angewiesen zu sein?

Tief in uns schlummert das Bedürfnis es jedem Recht zu machen. Wir wollen nicht negativ auffallen und deshalb folgt auf das Annehmen auch oft direkt das Zurückgeben. Ohne Frage, es ist erst einmal unangenehm etwas zu verlangen, ohne etwas zurück zugeben. Aber die Situation wird nicht dadurch angenehmer, dass wir mit allen Mitteln versuchen eine Art Ausgleich herzustellen.

Ganz im Gegenteil: Der Versuch „es wieder gut zu machen“ ist meistens ein totaler Stimmungskiller. Natürlich hätte ich dem Mann mit den starken Oberarmen Geld geben können oder wenigstens mein letztes Kaugummi. Ich bin mir sicher, damit hätte ich ihn aber in seiner Ehre gekränkt. Es hätte zwar mein schlechtes Gewissen für ein paar Sekunden beruhigt, aber es hätte einen unglaublich wertvollen Moment zerstört: Der Moment, in dem mir das Offenlegen der eigenen Schwachheit irgendwie gut tat. Der Moment, in dem ich das Schwachsein sogar genießen konnte. Der Moment, in dem ich kein perfektes Bild von mir abgeben musste und es gar nicht weh tat, sondern – ganz im Gegenteil  – unglaublich befreiend war.

Die Befreiung liegt im Schwachsein

Es tut gut zu erleben, wenn jemand mich von meinem eigenen Anspruch befreit, stark sein zu müssen. Natürlich ist es nicht immer so leicht wie in der Begegnung mit meinem Held. Meistens ist es viel unangenehmer, die eigene Schwachheit einzugestehen. Oder es fällt einem viel schwerer, nichts zurückgeben zu können. Doch es lohnt sich zu lernen, auch in solchen unangenehmen Situationen seinen Anspruch, stark zu sein, abzulegen.

Dieser Lernprozess beginnt nicht in menschlichen Beziehungen, sondern in der Beziehung zu Jesus. Du musst nichts zurückgeben. Du musst kein schlechtes Gewissen haben. Du musst mir nichts beweisen – das sind Jesus Zusagen an uns. Er liebt uns bedingungslos. Bei ihm muss ich meine Schwachheit nicht überspielen. Ihn kann ich nicht mit falschem Bizeps täuschen. Das ist Befreiung pur!

Ich sehne mich danach immer stark zu sein. Aber noch mehr sehne ich mich danach, kein perfektes Bild von mir zeigen zu müssen. Am meisten sehne ich mich nach tiefgehenden Beziehungen und einer ehrlichen Gemeinschaft, doch dafür muss ich meine Schwachheit ans Tageslicht bringen. 


Kommentare

Von Inge W. am .

Danke für die ermutigenden und ehrlichen Worte. Aufgewachsen mit einem Stärkeideal lerne ich nun seit gut 20 Jahren auch Schwäche zuzugeben - vor Gott und auch anderen. Das tut gut. Beides soll/will ich lernen: zu meinen Stärken stehen und zu meinen Schwächen und schwachen Momenten.

Von Oliver am .

Sehr schön geschrieben. Wahre Worte. Jesus liebt uns, obwohl er uns kennt.


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