Buchrezension

Gibt es eine unsterbliche Seele?

Günter Ewald versucht in „Auf den Spuren der Nahtoderfahrungen“ außerkörperliche Erlebnisse quantenphysikalisch zu deuten.

Nahtoderfahrungen – wer hat nicht schon von ihnen gehört? Die bekannten Sterbeforscher Raymond Moody und Elisabeth Kübler-Ross haben mit ihren Veröffentlichungen dieses Thema populär gemacht und viele Diskussionen angestoßen. Bis heute ist das Thema umstritten. Unumstritten ist: Es gibt sie, diese ungewöhnlichen Berichte von Menschen, die mit dem Tode gerungen haben und überlebten.

Nahtodforschung und christliche Vorstellungen
Christen nehmen diese Diskussion entweder interessiert oder reserviert zur Kenntnis. Manche zweifeln: Passen diese Erlebnisse von Menschen in Todesnähe zu biblischen Aussagen über das Leben nach dem Tod? Wie vertrauenswürdig sind diese Berichte – handelt es sich dabei tatsächlich um ernstzunehmende Hinweise auf ein Leben nach dem Tod oder sind diese Erfahrungen nur Illusionen, Produkte von biochemischen Vorgängen im Gehirn?

Dr. Günter Ewald, emeritierter Professor der Mathematik und laut Klappentext engagierter Christ, veröffentlicht seit einigen Jahren Bücher zum Themenkreis Nahtoderfahrungen, Jenseitserlebnisse und Gehirnforschung. Dazu passt auch sein neuestes Werk: „Auf den Spuren der Nahtoderfahrungen. Gibt es eine unsterbliche Seele?“ Ausgehend von Nahtoderlebnissen, insbesondere den außerkörperlichen Erfahrungen, die hierbei auftreten, lenkt er den Fokus seiner Ausführungen auf die Frage der möglichen Existenz einer Seele, die vom Körper unabhängig existiert.

Die Van-Lommel-Studie
Zunächst verweist der Autor auf die Van-Lommel-Studie, die 2001 in der renommierten Medizinzeitschrift „The Lancet“ veröffentlicht wurde. Mit dieser Studie soll der Nachweis erstellt worden sein, dass es ein unabhängig vom Gehirn existierendes menschliches Bewusstsein gibt.

Pim van Lommel, ein Kardiologe, untersuchte Nahtoderfahrungen. Patienten, die sich medizinisch nachweislich in der Phase des Herzstillstandes befanden, berichteten, ihren Körper verlassen zu haben. Währenddessen beobachteten sie, was Pfleger und Ärzte in diesen Momenten taten. Später konnten sie den Medizinern dann sehr genau diese Einzelheiten schildern. Diese Details waren nachprüfbar und versetzten das Krankenhauspersonal in Erstaunen.

Günter Ewald schildert weiterhin verschiedene Berichte von Nahtoderlebnissen, die ihm selbst zur Verfügung gestellt worden waren und zu den Schilderungen der Van-Lommel-Studie passen. Dies führt ihn zu der Frage, ob sich das Phänomen der außerkörperlichen Erfahrung und der Existenz eines menschlichen Bewusstseins unabhängig vom Gehirn wissenschaftlich erklären lässt.
 

Titel: Auf den Spuren der Nahtoderfahrungen. Gibt es eine unsterbliche Seele?
Autor: Günter Ewald
Verlag: Butzon & Bercker
ISBN: 978-3-7666-1544-2
Preis: 16,95 €

Das Buch ist bei Amazon erhältlich

(Bild: Butzon&Bercker)

Grundaussagen der Quantenphysik
In diesem Zusammenhang verweist er auf die Quantenphysik, die das zuvor gängige materialistische physikalische Weltbild erschütterte. Nur zögerlich setzt sich dieses Weltbild auch in anderen wissenschaftlichen Disziplinen durch. Günter Ewald plädiert dafür, die Quantenphysik stärker in die Hirnforschung miteinzubeziehen.

In einigen Kapiteln erklärt er einige grundlegende Annahmen der Quantenphysik, z.B. den Aufbau der Atome, die „Nicht-Lokalität“ und die „Verschränktheit“ quantenphysikalischer Phänomene.

Bei der „Verschränkung“ geht es einfach gesprochen darum, dass z.B. Lichtteilchen mit einander verbunden sind. Wenn sich diese Lichtteilchen trennen  und voneinander wegfliegen, dann kann es passieren, dass am physikalischen Zustand des einen Lichtteilchens eine Änderung geschieht. Dies führt dazu, dass diese Änderung sich automatisch auch an dem anderen entfernten Lichtteilchen vollzieht. Dies geschieht augenblicklich, die Informationsübertragung von einem Lichtteilchen auf das andere erfolgt offenbar ohne Zeitverlust, das heißt in Überlichtgeschwindigkeit. Der Physiker Erwin Schrödinger nannte diese geheimnisvolle Verbindung zwischen diesen beiden getrennten Lichtteilchen „Verschränkung“. Mittlerweile konnte dieser Effekt experimentell nachgewiesen werden.

Seele als „quantenphysikalisches Doppel“
Günter Ewald scheint davon auszugehen, dass die Seele ein quantenphysikalischer „Zwillingsbruder“ des hirnbasierten Bewusstseins ist: Die Seele und das körperlich basierte Bewusstsein sind gewissermaßen quantenphysikalisch miteinander verschränkt, so wie die oben angesprochenen Lichtteilchen. Im Tode trennt sich die Seele vom körperlich basierten Bewusstsein, der Körper stirbt, die Seele als eine Art „Bewusstseinsdoppel“ bleibt bestehen. Der Autor schreibt:

„Wenn wir von „dem Bewusstsein“ sprechen, dann ist die Gesamtheit von Zuständen oder Fähigkeiten wie Denken, Fühlen, Erinnern gemeint, die schwer einzugrenzen ist. (…) Jeder Teil des Bewusstseins hat einen „Zwillingsbruder“ in der Seele, mit dem er durch eine nichtkausale Korrelation verbunden oder kurz „verschränkt“ ist. (…) Im Falle eines Außerkörpererlebnisses bleibt die Verschränkung erhalten; im Tod bleibt nur der Repräsentant in der Seele bestehen (wie von zwei verschränkten Quantenzuständen einer existent bleibt, während der andere ausgelöscht wird).“

Nach dieser Feststellung geht Günter Ewald im Folgenden auf wissenschaftliche Psi-Experimente, verschiedene religiöse Vorstellungen und am Schluss des Buches kurz auf einige theologische Anmerkungen zur Seele ein.

Stärke des Buches
Die Stärke des Buches liegt meines Erachtens darin, christliche Vorstellungen einer Seele mit dem neuen wissenschaftlichen Weltbild, wie es insbesondere durch die Quantenphysik formuliert wird, zu harmonisieren. Dies ist dahingehend revolutionär, dass es möglich ist, die Existenz einer Seele nicht mehr nur als „Spinnerei“ abzutun. Die Lektüre speziell dieser Kapitel ist zwar sehr anspruchsvoll und nicht immer leicht zu verstehen, aber auch erhellend. Die anderen Kapitel sind im Vergleich dazu leicht lesbar.

Kaum christliche Hintergründe
Meines Erachtens fehlt aber leider nahezu alles, was die Bibel explizit zum Thema „Weiterleben nach dem Tod“ zu sagen hat. Zugegeben: Es ist nicht der Anspruch des Autors, eine christliche Abhandlung über diese Frage zu schreiben. Doch von einem Christen hätte ich mir gerade in der Diskussion über Nahtoderfahrungen inhaltlich in dieser Hinsicht mehr erhofft.

Günter Ewalds nahezu ausschließliche Darstellung „positiver“ Nahtoderfahrungen birgt für mich auch „zwischen den Zeilen“ die Gefahr, dass man versucht ist zu glauben, dass „alle Menschen in den Himmel kommen“. Die Notwendigkeit der Errettung durch Jesus Christus wird dadurch meines Erachtens abgeschwächt oder irrelevant. Die Existenz einer „Hölle“ wird nicht diskutiert. Mir ist jedoch bekannt, dass es Berichte von negativen Nahtoderfahrungen, sogar ausgesprochenen „Höllenerlebnissen“ gibt. Ich denke, auch ihnen sollte Beachtung geschenkt werden.

Bei genauerem Hinsehen liefern aber auch die in diesem Buch zitierten Erfahrungsberichte keine Gewähr dafür, dass alle Verstorbenen „ein gutes Ende nehmen“. In einem Nahtodbericht bewegt sich der Betroffene z.B. durch einen Tunnel, der sich in einen dunklen und einen hellen Tunnel gabelt. Und diejenigen, die ein „schönes Jenseits“ erblicken, betreten es faktisch nicht. Sie werden „zurückgeschickt“ oder auf eine andere Weise dazu gebracht, wieder in ihren Körper „zurückzukehren.“

Günter Ewald verweist selbst ganz am Ende daraufhin, dass man nicht weiß, ob im jenseitigen Sein Rechenschaft oder Gericht stattfinden wird. Dieses Frage bleibt für ihn somit offen. Ausführungen zu dieser Frage finden nicht statt.

Fazit
Dieses Buch könnte für Leser interessant sein, die einen relativ neutralen Zugang zum Thema  Nahtoderfahrung wünschen und eine wissenschaftliche Fundierung für die Existenz der Seele suchen. Im Vergleich zur sonstigen Behandlung dieses Themas hält der Autor nämlich eine gewisse Distanz zur Esoterik. Wer jedoch unter christlichem Blickwinkel Nahtoderlebnisse studieren möchte, wird mit diesem Buch wenig erhalten. Einige mögliche Schlussfolgerungen sind biblisch betrachtet problematisch. Die Diskussion "übernatürlicher" Phänomene erfolgt zum Beispiel ohne Berücksichtigung der Frage, ob auch "dunkle Mächte" wirksam sein könnten.


Kommentare

Von Alfred M am .

Die Rezensentin spricht wie selbstverständlich von einer "Seele" als eigenständigem Bestandteil des Menschen. Das ist aber klassisch-griechisches Denken. Das kam zwar durch die klassische Bildung der Kirchenväter in die christliche Verkündigung und Praxis hinein, biblisch ist diese "Dreiteilung" (Leib-Seele-Geist) aber nicht. Die Bibel geht von einer Einheit aus. Der Mensch "hat" keine Seele, der Mensch "ist eine lebendige Seele".
Diese Auffassung bestimmt mein Denken. Unter solchem mehr

Von Chris am .

Ich finde es - im Gegenteil - sehr gut, dass das Buch es weitgehend neutral abhandelt, ohne sich zu sehr in religiöse Interpretationsweisen "ziehen" zu lassen.
Glaube ist Glaube und soll es auch bleiben, und Wissenschaft soll Wissenschaft sein und bleiben.
Gott will ja im Himmel auch nur Freiwillige haben und nicht welche, die - zwangsläufig aufgrund wissenschaftlicher Erkenntnisse - glauben "müssen", wollten sie nicht gänzlich als "Idiot" da stehen.
Insofern wird es niemals eine welch auch mehr

Von FranzX am .

Aus dem, was ich dieser Rezension entnehmen kann, zweifele ich doch etwas an einer "Wissenschaftlichkeit" dieses Modells.
Es wird anscheinend eine Art "Analogie" zwischen quantenphysikalischer Verschränkung und einem postulierten "Zwillingsstatus" von einem "Bewusstsein" und einer "Seele" vorgeschlagen.
Dies ist nun zwar ein netter Gedankengang, hat aber mit wissenschaftlichen Methoden m.E. überhaupt nichts zu tun, insbesondere, da das Wesen von Bewusstsein und Seele kaum (bzw. bei letzerem mehr


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