Andacht Lesezeit: ~ 8 min

Befreite Dankbarkeit (1)

Dankbar ja – aber wirklich für alles?


Sie wird in der Bibel großgeschrieben: die Dankbarkeit. Besonders Gott gegenüber. Doch eine Aussage zum Danken sorgt immer wieder für Missverständnisse. Und dadurch auch für unnötigen Schmerz und Kummer: „Dankt Gott für alles!“ Bedeutet das, dass ich auch für Schweres danken soll? Oder gar für erlittenes Unrecht? Nein, meint der Theologe und Autor Steffen Brack. Er geht den biblischen Aussagen zum Danken nach. Und kommt zu einer gut begründeten Sicht, die eine befreite Dankbarkeit möglich macht.
 

Immer wieder gerne vergessen – Danke sagen

Eine kluge Bauersfrau stellt ihrem Mann und den drei Söhnen zum Mittagessen eine Ladung Heu auf den Tisch. Entgeistert starren die vier breitschultrigen Kerle auf das Heu. Und dann schauen sie die Frau des Hauses verständnislos an. Doch die weiß ganz genau, was sie tut:

„Ach. Ich dachte ihr würdet gar nicht merken, was ich Euch auf den Tisch stelle. Seit über 20 Jahren koche ich jeden Tag für Euch. Und wenn ich mir anschaue, wie groß und stark ihr alle seid, dann kann mein Essen nicht so schlecht sein. Aber in den letzten Monaten hat sich keiner mehr dafür bedankt, dass ich so gut für euch koche.“

Danke sagen. Das kommt uns Menschen offenbar nicht ganz so selbstverständlich über die Lippen. Zumindest ist das mein Eindruck. Das zeigt sich schon daran, wieviel Ausdauer Eltern oft brauchen, wenn sie das ihren Kindern beibringen wollen. Wenn jemand den Kleinen etwas schenkt, nehmen sie es freudestrahlend entgegen – und geben dabei kein Sterbenswörtchen von sich.

Dann ertönt das berühmte: „Und wie sagt man?“ Ach ja, natürlich: „Danke“. Dabei bedeutet das mühsam einstudierte „Danke“ sagen noch nicht einmal, dass ein Mensch nun auch tatsächlich dankbar ist. Es scheint so, als fiele es uns Menschen nicht einfach in den Schoß, aus unserem tiefsten Inneren heraus ein dankbares Wesen zu sein.

Vielleicht ist das der Grund, warum in der Bibel immer wieder davon die Rede ist: von der Dankbarkeit. Besonders Gott gegenüber. Doch dabei sorgt eine Aussage zum Danken auch immer wieder für Missverständnisse. Und dadurch auch für unnötigen Schmerz und Kummer: „Dankt Gott für alles!“ So schreibt einer, der es wissen muss. Paulus, der bestens ausgebildete Theologe. Anfangs hielt er die Menschen, die in seiner Heimat Israel plötzlich auftraten, für Spinner, für Verrückte und vor allem für Gotteslästerer. Denn diese Leute behaupteten: Jesus aus Nazareth ist der lang erwartete Retter der ganzen Welt.

Jesus aus Nazareth, der Sohn eines ortsansässigen Zimmermanns: der soll der Retter sein, den Gott in die Welt senden wollte. Wie lächerlich ist das denn? Aber schließlich überzeugt Jesus selbst den fanatischen Christenhasser davon, dass das tatsächlich die Wahrheit ist. Er, Jesus aus Nazareth, ist derjenige, den Gott seit Jahrhunderten angekündigt hat. Er, Jesus – er ist es, der Menschen mit Gott versöhnt. Der es durch seinen Opfertod am Kreuz möglich macht, dass Gott einem Menschen alle seine Sünden vergibt.

Daran musste Paulus erst einmal ganz schön schlucken. Sollte er sich so getäuscht haben? Da hatte er ausgerechnet denjenigen Menschen so hart zugesetzt, die die Wahrheit über Jesus erkannt haben. Und er ist ihnen nachgejagt. Hat sie aufgespürt wie flüchtige Schwerverbrecher, sie in Gefängnisse werfen lassen – und mache von ihnen wurden sogar hingerichtet. Wie konnte er nur so blind sein? Und wie sollte er das je wieder gut machen?

Das war nicht möglich. Das einzige was ihm blieb war, das Angebot von Jesus auch für sich selbst anzunehmen: nämlich an ihn zu glauben. Zu glauben, dass Jesus sein Leben auch für ihn – für Paulus – geopfert hatte, damit all seine Schuld gesühnt würde. Und so kam es dann auch. Der fanatische Verfolger der ersten Christen, Paulus von Tarsus, kam zum Glauben an Jesus. Und er wurde zu einem der glühendsten Vertreter des christlichen Glaubens.

Kein Wunder also, dass der den Christen im Großraum Ephesus in einem seiner Briefe schreibt: „Dankt Gott für alles!“ Wenn jemand Grund hatte, Gott aus tiefstem Herzen dankbar zu sein, dann war er das. Er, Paulus, der so vielen Menschen gnadenlos hinterhergejagt war. Der sie umzubringen wollte (Apostelgeschichte 9,1.21), wenn sie nicht aufhörten mit ihrem Jesus. Und Gott hatte ihm diese ungeheure Schuld vergeben. Ja mehr noch. Gott hatte ihn auserwählt, von nun an selbst überall im Römischen Reich bekannt zu machen, wer Jesus ist (Apostelgeschichte 9,15-22).

Wem viel Schuld vergeben wurde, der liebt auch viel. So ähnlich hat es Jesus einmal ausgedrückt (Lukas 7,43.47). Und das trifft sicherlich auch auf Paulus zu. Er, der sich so schwer gegen Jesus und seine Leute versündigt hatte, dem wurde selbst diese große Schuld vergeben. Und deshalb ist Paulus nun auch voller Dank für die unvorstellbare Gnade Gottes, die er erfahren hat.

Und er hängt sich jetzt mit seiner ganzen Existenz an den lebendigen Gott. Und an seinen Sohn, Jesus Christus. Das ist ganz sicher so: Paulus selbst hat allen Grund, Gott unendlich dankbar zu sein.
 

Ein Rundschreiben ins Silicon Valley des Römischen Reiches

Aber heißt das denn nun, dass Paulus jetzt befangen ist, wenn es darum geht, Gott zu danken? Dass er es nun in einer Art persönlichem Überschwang übertreibt und meint: nun muss auch jeder andere, der an Jesus glaubt, es ebenfalls übertreiben? Und Gott einfach für alles danken, was da im Leben auf ihn zukommt? Egal ob es sich um Gutes oder Schlimmes handelt?

Geht es darum, wenn Paulus seine Mitchristen in der antiken Hafenmetropole Ephesus auffordert: „Dankt Gott für alles!“? Bedeutet das wirklich, dass ich auch für Schweres danken soll? Oder gar für erlittenes Unrecht? Ich meine nein. Ich denke, das meint Paulus gar nicht. Und dem will ich jetzt nachgehen, was der geläuterte jüdische Experte für die biblischen Schriften offensichtlich damit sagen will.

Und ich meine, dass das zu einer ganz neuen Art von Dankbarkeit bei vielen Menschen führen kann. Nämlich zu einer ganz befreiten Dankbarkeit. Einer befreiten Dankbarkeit Gott gegenüber. Der Dankbarkeit eines geliebten Kindes gegenüber seinem himmlischen Vater, der gut ist. Durch und durch gut. Und der Gutes für uns will. Für Sie genauso wie für mich.

Zunächst einmal will ich jenen Satz des Paulus zum Danken genauer unter die Lupe nehmen. Was hat er denn da tatsächlich geschrieben an seine Mitchristen in Ephesus und Umgebung? Ephesus lag an der Westküste der heutigen Türkei. Und die Stadt war im ersten Jahrhundert nicht nur eine bedeutende Hafenmetropole. Sie war auch die Hauptstadt der römischen Provinz Asien.

Das klingt für uns im 21. Jahrhundert vielleicht nicht besonders aufregend. Aber jene Provinz war damals gewissermaßen so eine Art Silicon Valley im Römischen Imperium. Sie war die Vorzeigeprovinz des Weltreichs. Und sie hatte in vielerlei Hinsicht selbst Rom und Athen, die eigentlichen Zentren der römischen Weltherrschaft, längst hinter sich gelassen.

Hier war das große Kapital, hier bündelte sich der Welthandel, konzentrierten sich Wissenschaft und Forschung. Und hier waren die neuen Zentren für Kultur und Religion. Zu bestimmten Zeiten kamen in Ephesus bis zu zwei Millionen Menschen zusammen.

Ephesus – mit dem Namen dieser Stadt verband sich im ersten Jahrhundert eine ähnliche Faszination wie heute etwa mit New York, San Francisco, Los Angeles, Hong Kong oder Shanghai. An die Christen in dieser florierenden und pulsierenden Region also schreibt der christliche Gemeindegründer Paulus einen Brief. Höchstwahrscheinlich im Jahr 58 oder 59 nach Christus. Und in diesem Epheserbrief ruft Paulus seine Mitchristen dort auf: „Dankt Gott, dem Vater, zu jeder Zeit für alles im Namen unseres Herrn Jesus Christus.“ So in Kapitel 5, Vers 20.
 

Menschen danken Gott – eine völlig logische Haltung

„Dankt Gott“. Damit schreibt Paulus eigentlich gar nichts neues. Denn in der gesamten Bibel ist die Dankbarkeit eines Menschen, seine Dankbarkeit Gott gegenüber, immer wieder von entscheidender Bedeutung.

Gott danken und ihm von ganzem Herzen dankbar sein – das ist im Grunde genommen die völlig logische Haltung, mit der ich als Mensch auf all das Gute reagiere, das Gott mir schenkt. Jeden Tag aufs Neue.

 

Gott hat die Welt geschaffen, als Lebensraum für mich und jeden Menschen. Er hat mich erschaffen, meinen Körper, meine Fähigkeit zu denken, zu fühlen und zu handeln. Gott versorgt uns mit Essen, Trinken und Kleidung, Tag für Tag (Matthäus 6,11.26.28-30.32-33).

Gott danken – das ist auch die angemessene Antwort darauf, dass Gott Gutes für uns will. Für Sie ebenso wie für mich. Und besonders darauf, dass Gott sich über uns erbarmt, wenn wir ihn und seine guten Ordnungen in den Wind geschlagen haben. Deshalb heißt es in einem Lied der Bibel, in Psalm 106:

Halleluja – lobt den HERRN! Dankt dem HERRN, denn er ist gut, und seine Gnade hört niemals auf! Wir haben gesündigt, schwere Schuld auf uns geladen – wie schon unsere Vorfahren. Wir haben Unrecht begangen und dich, unseren Schöpfer missachtet! (Psalm 106,1-2).

 

Und David, der viele Lieder der Bibel geschrieben hat, bringt es auf den Punkt:

Da endlich gestand ich dir, Gott, meine Sünde; mein Unrecht wollte ich nicht länger verschweigen. Ich sagte: »Ich will dem Gott Israels meine Vergehen bekennen!« Und wirklich: Du hast mir meine ganze Schuld vergeben! (Psalm 32,5).

 

Gott trägt uns unsere Vergehen nicht nach. Wenn wir sie ihm bekennen, „können wir damit rechnen, dass Gott treu und gerecht ist: Er wird uns dann unsere Verfehlungen vergeben und uns von aller Schuld reinigen.“ So schreibt einer der engsten Begleiter von Jesus, der frühere Fischer Johannes (1. Johannes 1,9). Ich meine, wir haben allen Grund, Gott zu danken. Ihm von Herzen dankbar zu sein. Denn er ist gut. Durch und durch gut. Und er will das Beste für uns. Für Sie und für mich.

Gott interessiert sich für uns. Wir sind ihm nicht egal. Er hört mein Gebet, wenn ich in Not bin (Psalm 42,6; 130,1ff). Ja, Gottes Güte und Gnade, sie ist jeden Morgen neu (Klagelieder 3,23).

Wer erkennt, was Gott ihm alles schenkt – und was er ihm in der Zukunft noch an Gutem geben will – der fängt an, Gott zu danken.

 

Und das sind die Menschen, denen Gott zeigt, dass er ihnen zur Seite steht und sie eine ewige Zukunft haben bei ihm. Durch seine Güte und Liebe (Psalm 50,23).

Dieser Überblick zeigt recht deutlich: Der Dank an Gott bezieht sich auf das Gute, das Gott uns Menschen tut. Und das jeden Tag von neuem.

Dieser Artikel wird in Teil 2 fortgesetzt.


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Kommentare

Von Ruth B. am .

Danken in schweren Zeiten:
ich hatte im vergangenen Jahr massive Probleme beim Laufen, starke Schmerzen im Rücken. Ich kaufte mir einen wunderbaren Holzliegestuhl, beim ersten Sitzen bin ich mit dem ganzen Teil zusammengebrochen (so schwer bin ich nicht) und habe mich am Rücken verletzt, zwei Tage später stürze ich eine Treppe hinunter, Hautabschürfungen, blaue Flecken sonst nichts! Nach Tagen wurden die Schmerzen stark und ich habe einen Orthopäden aufgesucht, nach langem hin und her hat er mehr


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