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Im Kloster

Kraft tanken im Kloster – eine Art geistlicher Wellness-Urlaub?

Kraft tanken im Kloster – ist das eine Art geistlicher Wellness-Urlaub? Möglicherweise nicht. Wenn dir Gottes Liebe, Wahrheit und seine Kraft begegnet, wirft es immer erst mal ein Licht auf dich selbst. Und was du dann siehst, ist wahr und klar. Und in der Regel schmerzhaft.

Der erste Morgen im Kloster bei den evangelischen Marienschwestern in Darmstadt. Ich stehe um halb sieben auf, weil ich um halb acht Bibellese habe: 

Das Hohelied 4,6 & 7.
Bis der Tag kühl wird und die Schatten fliehen, will ich auf den Myrrhenberg gehen und auf den Weihrauchhügel! Schön bist du, meine Freundin, in allem, und kein Makel ist an dir!

Eine der Schwestern liest mit uns den Text und legt ihn aus, eng angelehnt an den hebräischen Urtext. Ich habe mein erstes Aha-Erlebnis. Danach, um 8:00 Uhr, gibt es Frühstück. Unser gesamtes Essen wird von freundlichen Menschen gespendet. Die Liebe zu Jesus ist im Herzen des Werkes der Schwestern. Gott versorgt sie mit allem Notwendigen. Für alles, was sie brauchen, beten sie.

Die Geschichte der Marienschwestern ist außergewöhnlich. Sie entstand aus der schrecklichen Brandnacht am 11. September 1944, als die Stadt Darmstadt in einem riesigen Feuersturm unterging. Es gab Tausende von Toten. Die Überlebenden eines Mädchen-Bibelkreises unter der Leitung von Dr. Klara Schlink und Erika Madauss erlebten ihre Erweckung und wollten ihr Leben Jesus weihen.

„Die Schwestern leben nach dem Wort Gottes und orientieren sich sehr eng an der Bibel. Sie baten den Herrn um Seine Führung und jeder Stein in ihrem Gebäude wurde ihnen durch das wunderbare Eingreifen des Heiligen Geistes geschenkt. Ihre Geschichte ist ein einziges Beispiel dafür, wie Gott in die Gewohnheiten unseres täglichen Lebens eingreift. Das Buch „Realitäten“ der Gründermütter ist ein einziger Beweis für den Einzug der Herrlichkeit Gottes in unsere Welt“. (Zitat von Gunnar Olson, Gründer der International Christian Chamber of Commerce (ICCC), in seinem Buch „Business ohne Grenzen“).

Die Marienschwestern und ihr Werk fordern uns heraus, die „fleischlichen Komfortzonen“ (ebenda) zu verlassen, in denen wir Christen uns so oft eingerichtet haben, und uns der lebendigen Kraft Gottes zu stellen, die unser Leben verändern will.

Nach dem Frühstück beginnt die Arbeit. Zusammen mit vier „Gartenschwestern“, einer Dame aus der Nachbarschaft und zwei weiteren Helferinnen arbeite ich auf dem großen Land. Wir starten mit Gebet, dann schneiden wir verwelkte Farne ab und stecken sie in große Gartenmüll-Säcke. Ich spüre meinen Rücken, und als wir um halb zwölf beim Mittagessen sitzen, greifen wir ausgiebig zu.

Nach dem Essen helfen einige noch beim Abwasch in der Küche. Danach verbringen wir die Zeit bis zum Drei-Uhr-Gebet für uns. Das Drei-Uhr-Gebet erinnert an die Todesstunde Christi und unterbricht als einziges Stundengebet den Tagesablauf der Schwestern.

Um halb vier arbeite ich in den Gästehäusern, staube ab, putze Böden, beziehe Betten neu und reinige Bäder. Abends um sechs Uhr treffen wir uns alle wieder zum Abendbrot. Ich bin wirklich gut gerädert.

Später treffe ich einige von den anderen Helferinnen in der Teeküche auf unserem Stockwerk. Wir machen uns Tee, essen ein paar Plätzchen, die in der Küche für uns vorgesehen sind und unterhalten uns leise – woher wir kommen, was wir in unserem „richtigen“ Leben machen. Wir sind eine gut gemischte Gruppe: Zwei junge Studentinnen aus Ägypten, eine Schweizerin, die in der Gastronomie arbeitet, eine holländische Missionarin um die achtzig, eine österreichische Hausfrau und ich, Werbetexterin aus Frankfurt. Daneben gibt es jede Menge Gäste aus aller Herren Länder.

Abschließend sitze ich noch eine Weile am See auf dem Land Kanaan und genieße die Wärme des Abends. Die Seerosen haben ihre weißen und rosa Blütenkelche geschlossen, ein paar Fische springen, neben mir döst eine Ente, die schon den Kopf unter ihre Flügel gesteckt hat. Von Zeit zu Zeit zieht sie ihn ein bisschen heraus und öffnet ein Auge um zu sehen, ob ich auch ja sitzen bleibe und nicht etwa näher gekommen bin.

Die Tage gehen dahin und wir lernen. Zum Beispiel, unsere Arbeit für Gott und in Gemeinschaft mit ihm zu tun. Wir lesen gemeinsam die Bibel. Wir können uns zurückziehen in den Gebetsgarten, in dem die Stationen des Leidens und Sterbens von Jesus dargestellt sind. Und wir erhalten Unterricht über die praktische Anwendung des Evangeliums in unserem Leben.

Der strenge Tagesrhythmus tut mir gut. Nach einigen Tagen verbringe ich die Mittagspause nicht mehr mit Schlafen oder Lesen, sondern mache eine „stille Zeit“: Ich spreche mit Gott über jedes kleinste Vorkommnis in meinem Leben. Ich danke ihm und bitte ihn um Lösung für Schwierigkeiten.

Und davon gibt es auch hier welche. An einem Ort, wo viele verschiedene Menschen zusammen kommen, gibt es auch Spannungen.

Doch hier habe ich zum ersten Mal verstanden, dass das Fundament des Reiches Gottes die Liebe seiner Bürger zueinander ist – und was das konkret (für mich) bedeutet. Jesus sagt seinen Nachfolgern:
„Ein neues Gebot gebe ich euch, damit, wie ich euch geliebt habe, ihr einander liebt. Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt.“
Johannes 13,34&35

Ich denke nicht, dass man mich daran als Nachfolger Christi erkennen konnte. Nervt mich jemand, bin ich unfreundlich. Liegt jemand nicht auf meiner Linie, lästere ich ausgiebig über ihn. Jemand ist ein bisschen komisch und schon mache ich mich über ihn lustig. Jemand redet mich schräg an und ich rede gleich schräg zurück. Oder jemand tut mir Unrecht, und ich fühle mich total ungerecht behandelt, raste aus, klage ihn an und überlege mir, wie ich meine verletzten Grenzen neu ziehen und meine angekratzte Ehre wieder herstellen kann – notfalls auch, indem das Imperium zurückschlägt. Eine echte Musterchristin. Aber sicher kein Einzelfall.

Gott zeigte mir in der Zeit dort meine eigenen Sünden. So, wie er sie sieht. Und er sagte ganz klar:

Ich habe aufgrund meiner Sünden den Tod verdient. Doch Jesus, der keine einzige Sünde getan hatte, nahm meine ganze Schuld auf sich. Da sollte man doch meinen, dass ich ein wesentlich kleineres Unrecht auch wegstecken könnte.

Der Grund, warum Jesus für mich bezahlt hat, ist seine Liebe. Am Kreuz offenbart Gott sein Herz. Wenn Jesus aus Liebe für mich sogar sein Leben gibt, warum sträube ich mich dann immer und überall, Liebe zur Grundlage meines Umgangs mit anderen Christen und anderen Menschen überhaupt zu machen?

Weil ich im Ernstfall immer glaube, der Mensch, der mich angreift, der hat es wirklich dringend nötig, dass ich ihm Grenzen setze. Und der Mensch, der mir Unrecht tut, für den gilt das grade nicht, weil er wirklich so ein mieser Typ ist.

Wo steht geschrieben, dass man sich als Christ ausnutzen und als Fußabtreter benutzen lassen muss?

Es steht hier:
„Ihr wisst, dass es heißt: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Ich aber sage euch: Verzichtet auf Gegenwehr, wenn euch jemand Böses tut! Mehr noch: Wenn dich jemand auf die rechte Backe schlägt, dann halte auch die linke hin. Wenn jemand mit dir um dein Hemd prozessieren will, dann gib ihm den Mantel dazu. Und wenn jemand dich zwingt, eine Meile mit ihm zu gehen, dann geh mit ihm zwei. Wenn jemand dich um etwas bittet, gib es ihm; wenn jemand etwas von dir borgen möchte, sag nicht nein.“
Matthäus 5,38-42

Niemand hat das konsequenter gelebt als Jesus. Weil ich mir oft nicht vorstellen konnte, wie ernst das gemeint ist und welche Konsequenzen mein liebloses Verhalten haben könnte, beeindruckte mich folgendes Beispiel besonders:
 

  Die Marienschwestern betreiben auf ihrem Land eine Druckerei und einen Verlag. Und eines Tages arbeitete eine der großen Druckmaschinen, ein Heidelberger Zylinder, aus einem rätselhaften Grund nicht richtig.
Die leitende Schwester vermutete schließlich, dass irgendetwas innerlich nicht stimmte in der Schwesterngruppe, die in der Druckerei arbeitete. Doch als sie das laut äußerte, schwiegen die anderen.
Dann kam die Mittagspause. Um halb zwei Uhr nachmittags fing die Maschine tadellos wieder an zu laufen. Eine der Schwestern stellte sich davor, strahlte und fragte: Seit wann läuft die Maschine wieder? Und es stellte sich heraus: Am Tag zuvor hatte es eine Spannung unter zwei Schwestern gegeben und keine von beiden wollte nachgeben. Aber die still stehende Maschine ließ den zweien keine Ruhe. Nach dem Mittagessen nahmen sie an der Lichtgemeinschaft mit einer der Gründermütter teil, wo sie alles aussprachen, um Verzeihung baten und sich wieder versöhnten. Und genau in diesem Augenblick begann die Maschine wieder zu laufen. So hatte Gott der Schwesternschaft eine Lektion gegeben.
(aus dem Buch „Realitäten“ von M. Basilea Schlink)


Ich möchte wissen, welche Dinge und Menschen in meinem Leben von meiner Unversöhnlichkeit und Hartherzigkeit betroffen sind. Und wie oft es passiert, dass Menschen sich nicht vom Evangelium angezogen fühlen, weil ich mit meiner fehlenden Liebe kein gutes Zeugnis bin. Mutter Basilea, eine der Gründermütter, schreibt:

Wenn du jemandem die Liebe schuldig bleibst, so bleibst du ihm alles schuldig.

Das heißt allerdings nicht, dass ich die perfekte Heuchlerin werden soll. Aber seitdem ist ein regelmäßiger Bestandteil meines Gebets: Gott gib mir Liebe für Dich und andere.

Auch in unserer Gartengruppe haben sich schnell ein paar handfeste Spannungen eingestellt. Die Eine redet ein bisschen zuviel, die Andere sucht sich die schönsten Arbeiten heraus, die Dritte ist schweigsam und verschlossen. Grund genug, um irgendwann voneinander genervt zu sein. Wir hörten auf, miteinander zu reden und begannen, uns aus dem Weg zu gehen. Doch waren wir zu dem Zeitpunkt schon ziemlich wach für solche Vorgänge. Jede von uns dreien hat anhaltend für unsere Gruppe gebetet, und so gingen wir einfach nach drei Tagen Solotrip wieder aufeinander zu und bemühten uns umeinander. In der letzten Woche waren wir dann auch so weit, dass wir darüber reden konnten. Und aus der zufälligen Begegnung wurde der Anfang einer Freundschaft.

Als ich nach drei Wochen wieder nach Hause kam, fiel mir immer mehr auf, wie Gott an mir arbeitete, damit mein Herz sich ändern konnte.
Gott schickt dir schwierige Menschen, damit du lieben lernst,“ schrieb Mutter Basilea.

Wie Recht sie hat.

 

 

 



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