Navigation überspringen
© Edwin Andrade / unsplash.com

21.05.2022 / ERF Global Hope / Lesezeit: ~ 5 min

Autor/-in: Sonja Kilian

Wer prägt meine Identität?

Die Osteuropäerin Natália aus dem Rotlichtmilieu erfährt, wieviel sie in Gottes Augen wert ist.


Ein Team aus unserer Kirchengemeinde lernt Natália* in einem Bordell kennen. Wir erfahren von ihrer Vergangenheit. Sie brauchte dringend Geld für ihren kleinen Sohn. Als Alleinerziehende lebt sie in ärmlichen Verhältnissen in einem osteuropäischen Land. Von ihrer Bekannten hat sie erfahren, dass es in Deutschland Möglichkeiten gibt, in kurzer Zeit viel Geld zu verdienen. Natália lässt sich auf einen Gelegenheitsjob im Rotlichtmilieu ein. Doch die Arbeit in der Prostitution ist härter, als sie sich das vorgestellt hat. Tag und Nacht muss sie zur Verfügung stehen, wenn sie den Job nicht verlieren will.

Da sie möglichst schnell wieder zu ihrem Sohn zurückreisen will, arbeitet sie nächtelang, schläft tagsüber und verlässt kaum das Bordell. Wo soll sie auch hingehen? Hier hat sie keine Freunde – nur die anderen Frauen, die im gleichen Haus beschäftigt sind. Sie teilen sich die dürftig ausgestatteten und heruntergekommenen Räumlichkeiten.
 

Psychopharmaka statt Wertschätzung

Die Bordellbetreiber und viele der Kunden behandeln Natália wie einen Gegenstand, den man nach Belieben herumreichen kann. Sie fühlt sich zum Objekt degradiert und ihr wird vermittelt, dass sie wertlos und gar nicht in der Lage sei, eine andere Arbeit zu finden. Mit Absicht wird ihr Selbstwertgefühl mit Füßen getreten, damit sie alles mit sich machen lässt.

Aus dem Gelegenheitsjob wird eine Dauerbelastung für Natália. Diesen mentalen Stress hält sie nicht lange durch. Sie besorgt sich Schlaftabletten und Psychopharmaka. Es dauert nicht lange, bis auch ihr Körper streikt. Dafür sorgen die kurzen und unregelmäßigen Schlafphasen, der Mangel an gesunder Ernährung und die Nebenwirkungen der Medikamente, die sie einnimmt.
 

Wer bin ich?

Wenn Natália ihren Sohn und ihre Mutter in der Heimat besucht, gibt sie das Geld aus, das sie verdient hat, statt es – wie geplant – zu sparen. Sie braucht dringend Erholung und möchte vor allem ihrem Kind etwas gönnen. Dafür nimmt sie doch die schwere Belastung auf sich! Natália führt ein Doppelleben. Innerlich aber trägt sie ein falsches Selbstbild mit sich herum. Sie definiert ihre Identität nur noch aus ihrem Job – nach dem Motto: „Ich bin das, was ich tue und was andere von mir denken.“ Natália sagt sich: „Ich bin eine Prostituierte, auch wenn mir das nicht jeder ansieht. Aber wer es weiß, schaut verächtlich auf mich herab.“ Umso mehr versucht sie, noch mehr Geld zu verdienen, um ihrem Sohn einmal ein besseres Leben zu ermöglichen, als sie es selbst hat.

Die Jahre vergehen und Natália verbringt immer noch viel Zeit im Rotlichtmilieu. Ihr Sohn ist inzwischen volljährig und hat ein Studium begonnen. Um das zu finanzieren, überweist Natália so oft sie kann Geld auf sein Konto. Im Laufe der Jahre hat sie wochenlange Aufenthalte in psychosomatischen Kliniken hinter sich gebracht. Mehrfach hat sie versucht, sich das Leben zu nehmen. Damit ist sie nicht die einzige. Studien zeigen, dass viele Frauen in der Prostitution mit Suizidgedanken und psychischen Beeinträchtigungen zu kämpfen haben.
 

Lebenslügen

Eines Tages besuche ich Natália zusammen mit anderen Christen, die ihr Wertschätzung und Respekt entgegenbringen. Bei den ersten Gesprächen versichert sie uns Besuchern, dass es ihr gut ginge. Diese Lüge wird jedoch schon beim zweiten Treffen offensichtlich. Sie gesteht: „Niemand hier ist wirklich glücklich.“ Es ist die erste Lebenslüge, die sie selbst erkennt. Bald folgen weitere.

Im Laufe der nächsten Monate, nach vertraulichen Gesprächen und beharrlichen, aber vorsichtigen Nachfragen des Besuchs-Teams kommt noch mehr Wahrheit ans Licht. Natália sieht sich als schlechte Mutter. Als ihr Sohn klein war, hat sie ihn regelmäßig bei der Oma gelassen, um Geld zu verdienen. Meine Bekannte versichert Natália, dass sie viel Mutterliebe für ihr Kind hätte. Sonst würde sie sich doch keine Sorgen um ihn machen. Sie sei eine liebevolle und fürsorgliche Mutter.

So hat Natália sich noch nie gesehen. „Mein Sohn mag mich doch nur, weil ich ihm finanziell unter die Arme greife“, denkt sie. Gleichzeitig fühlt Natália sich gebraucht und durch ihre Geldgeschenke wertvoll. Wer sonst schätzt sie als Person oder als Mutter? Außerdem ist sie sich sicher: „Ich bin zu keiner sonstigen Arbeit fähig, weil ich nichts anderes gelernt habe.“
 

Die Wahrheit

Natália bekommt von uns einen MP3-Player mit der Audioreihe „Hidden Treasures“ des internationalen ERF Partners TWR. Es geht in der zehnteiligen Hörspielreihe um Frauen, die sexuell ausgebeutet werden und langsam ihren Wert wiederentdecken. Die Hörspielreihe erzählt davon, wie sie beginnen, ihre Identität neu zu sehen und ihren unveränderbaren Wert als Mensch zu entdecken. Die Inhalte der Sendereihe sollen einen allerersten Schritt in Richtung Selbstfindung ermöglichen. Sie machen Mut für einen Neuanfang.

Natália weint, als sie sich die Programme anhört. Ganz langsam entdeckt sie mit dem Helfer-Team zusammen, welche Fähigkeiten und Gaben in ihr stecken. Wir spiegeln ihr ein anderes Bild von sich, als sie zuvor vermittelt bekommen hat. Trotzdem macht sie sich viele Sorgen. Sie ist sich sicher: „Mein Sohn ist von mir finanziell abhängig“.

Um Natália den Ausstieg aus dem Rotlichtmilieu zu erleichtern, überweisen wir ihm Geld. Dabei stellt sich überraschend heraus: Er hat einen Job gefunden und ist bereit sparsamer zu leben, so dass er kein Geld mehr von seiner Mutter benötigt. Schon länger hat er geahnt, womit sie ihr Geld verdient, auch wenn er es nie angesprochen hat. Er will nicht, dass seine Mutter sich länger quält und macht sich Sorgen um sie. Die beiden können endlich offen miteinander reden.
 

Eine neue Identität

„Aber Gott kann jemanden wie mich nie annehmen“, davon ist Natália immer noch felsenfest überzeugt. Doch auch das ist eine Lüge. Gott schaut hinter jede Fassade. Er sieht jedem seiner Geschöpfe tief ins Herz und erkennt den wahren Wert eines jeden Menschen. Davon ist Natália vielleicht am meisten überrascht – nach all den aufgedeckten Unwahrheiten. Sie ist die geliebte Tochter eines Vaters im Himmel, der sie wunderbar gemacht hat.

Natália hat tatsächlich das Bordell für immer verlassen, aber der Weg in ein neues Leben ist noch lang. Die Wunden aus der Vergangenheit sind tief. Doch Gott hat Geduld und wartet voller Sehnsucht und Liebe.


Vom 29. Mai bis 1. Juni findet im Gästehaus Schönblick in Schwäbisch Gmünd ein Kongress gegen Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung statt. Dort geht es um konkrete Aktionen und Initiativen auch politischer Art, um Frauen den Ausstieg aus dem Rotlichtmilieu zu erleichtern. Vor allem aber werden Wege gefordert, um die Prostitution in Deutschland massiv einzuschränken. ERF Medien ist als Medienpartner vor Ort. Wir bieten einen Workshop zur TWR Medieninitiative „Hidden Treasures“.


* Name geändert

 Sonja Kilian

Sonja Kilian

  |  Koordinatorin / Redakteurin International

Mitarbeiterin bei ERF Global Hope für „TWR Women of Hope“. Die Autorin ist auch Ehefrau und Mutter von zwei Töchtern.

Ihr Kommentar

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.
Alle Kommentare werden redaktionell geprüft. Wir behalten uns das Kürzen von Kommentaren vor. Ein Recht auf Veröffentlichung besteht nicht.

Kommentare (1)

Rose-Marie /

Ja, da sind gute Ansätze in dem Text, es ist erfreulich.
Wie man von der Presse hört gibt es in Deutschland mehr Prostitution als in den meisen anderen europäischen Staaten.
In Frankreich ist das mehr

Das könnte Sie auch interessieren