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25.02.2026 / Serviceartikel / Lesezeit: ~ 9 min

Autor/-in: Rebecca Schneebeli

Wenn die Gefühle Achterbahn fahren

Ambivalente Gefühle können blockieren. 3 Schritte, um deine Emotionen zu verstehen und handlungsfähig zu werden.

Manchmal sind meine Gefühle wie eine Achterbahn: Sie pressen mich mal in diese, mal in jene Kurve – und auf einmal geht es steil bergab. Wenn ich zeitgleich widersprüchliche Gefühle habe, bin ich ihnen oft hilflos ausgeliefert. Es ergeht mir dann wie dem Bonbonmann auf unseren Gemeindefesten.

Der lief früher mit Bonbons beklebt über unsere Gemeindewiese und alle Kinder ihm nach. Bald zerrten rechts, links, vorne und hinten Kinder an ihm, bis er zu Boden fiel und seine süße Last preisgab.

Genauso ist es bei meinen Gefühlen. Da zerrt rechts die Wut an mir, links die Liebe zum anderen und von hinten springt mich die Angst an. Oft gehe ich dabei zu Boden – wie der Bonbonmann beim Gemeindefest. Woher weiß ich, wie ich mich verhalten soll? Welchem meiner Gefühle kann ich trauen? Und warum fühle ich überhaupt so?

Diese Fragen stelle ich mir in solchen Situationen. Vielleicht geht es dir ähnlich.

Die schlechte Nachricht ist: Widersprüchliche Gefühle lösen sich nicht einfach auf, auch ignorieren hilft nicht. Doch es gibt auch eine gute Nachricht: Wir können lernen, mit unseren widersprüchlichen Gefühlen gut umzugehen. 

In dem Buch „Warum fühl ich mich jetzt so?“ benennt die Autorin Alison Cook 3 Schritte, die dabei helfen können.

1. Die eigenen Gefühle benennen

Wenn meine Gefühle mal wieder mit mir Achterbahn fahren, will ich oft nur eins: Sofort aussteigen. Häufig tue ich dann das, was man auch bei einer wilden Achterbahnfahrt tut – ich presse meine Augen fest zusammen und hoffe, es ist bald vorbei.

Diese Reaktion ist nachvollziehbar, aber wenig hilfreich. Denn meine Gefühle verschwinden nicht, nur weil ich die Augen davor verschließe. Tatsächlich wird ein guter Umgang mit meinen Gefühlen dadurch noch schwerer. Wenn ich mir sie nicht anschaue, weiß ich gar nicht so genau: Was fühle ich hier eigentlich und wieso?

Pseudolösungen widerstehen

Dann neige ich dazu, aus Angst vor dem Gefühlswirrwarr mitten an der höchsten Stelle der Achterbahn auszusteigen – die schlechteste Option überhaupt.

Doch wenn es um ambivalente Gefühle geht, verhalte ich mich manchmal so. Ich bin überfordert und suche den schnellstmöglichen Ausweg. Alison Cook bezeichnet dies als Pseudolösungen. Diese schaffen eher neue Probleme als welche zu lösen. Doch wie widerstehen ich ihnen?

Die Notbremse ziehen

Ein hilfreicher erster Schritt erscheint zunächst widersinnig: Ich muss meine Gefühle anschauen und benennen. Alison Cook beschreibt es so: „Das Benennen ist ein tiefgründiger Akt, bei dem wir die Realität unserer Gefühle und Gedanken in einem bestimmten Moment wahrnehmen, anerkennen und einschätzen.“

Damit das möglich wird, muss ich zunächst das Tempo drosseln. Ich ziehe also quasi die Notbremse.

Das kann verschieden aussehen. Vielleicht steige ich aus einem Konflikt erstmal aus oder gönne mir eine Auszeit, selbst wenn es nur eine halbe Stunde ist. Oder ich konzentriere mich auf den nächstmöglichen Schritt statt auf eine finale Lösung.

Ordnung ins Gefühlswirrwarr bringen

Um Gefühle wirklich zu reflektieren, braucht es zudem gutes Werkzeug. Vielen Menschen hilft es, Tagebuch zu schreiben. Das muss nicht das klassische Tagebuch-Schreiben sein, sondern du kannst dich für eine bestimmte Zeit hinsetzen und darüber schreiben, wie es dir mit deinen Emotionen geht. Dann liest du dir das Geschriebene durch. Was daran ist neu für dich? Was überrascht dich?

Genauso kann es helfen, sich zu überlegen, welches Ereignis dein Gefühlswirrwarr ausgelöst hat. Was ist vorher passiert? Hast du eine solche Situation schon einmal erlebt? Kamen alte Verletzungen und Ängste in dir hoch?

Zuletzt ist es wichtig, deine Gefühle zu benennen. Bist du wütend oder eher enttäuscht? Traurig oder resigniert – oder gar hoffnungslos? Dadurch kannst du deine Bedürfnisse klarer erkennen.

Um die verschiedenen Gefühlsebenen zu trennen, stelle dir folgende Fragen: Welche Emotionen fühlst du? Welche körperlichen und mentalen Effekte bemerkst du? Wie wirken sie sich auf deinen Glauben aus?

2. Wunsch und Wirklichkeit abgleichen

Hast du deine Gefühle sortiert, kannst du als Nächstes deine Lebensrealität unter die Lupe nehmen. Ich finde mich oft genau dann in einer Achterbahn widerstreitender Gefühle wieder, wenn die Realität anders ist, als ich sie mir wünsche.

Vielleicht suche ich Hilfe bei anderen, aber alle Menschen um mich herum sind ebenso im Stress wie ich. Wäre ich eine gute Ehefrau, Freundin oder Tochter müsste ich jetzt meine Bedürfnisse zurückstellen. Müsste zuhören, trösten und helfen. Doch dazu fehlt mir die Kraft. Mein größtes Problem sind dann nicht meine ambivalenten Gefühle, sondern die Ohnmacht, zeitnah eine für alle Parteien gute Lösung zu finden. 

Einen Zwischenraum schaffen und gestalten

Falls auch du an der Unvereinbarkeit von Wunsch und Wirklichkeit verzweifelst, schaffe dir einen bewussten Zwischenraum. Das kann ein Zeitfenster sein, in dem du etwas nur für dich machst; ein Feierabendritual, mit dem du den Stress des Arbeitstages abstreifst, oder auch eine richtige Auszeit.

Wichtig ist allein: Du schaffst eine Schwelle zwischen dem Problem mitsamt all deinen aufgewühlten Gefühlen und dem nächsten Schritt. 

Du hältst aus, dass etwas „nicht mehr“ und etwas anderes „noch nicht“ ist. Es ist mitunter unheimlich schwer, diesen Raum nicht nur zu schaffen, sondern auch zu halten, aber es ist entscheidend.

Denn dieser Zwischenraum bietet dir eine vorübergehende Sicherheit, um deine Lebensrealität in Ruhe zu betrachten. Er ist dein Anker, bevor du auf stürmischer See deine Segel neu setzt. Alison Cook beschreibt dies so: „Das Ziel besteht darin, in deinem Zwischenraum die richtigen Bedingungen herzustellen, damit du deine Kreativität und dein tieferes Verständnis der Situation entfalten kannst.“

Vielen Menschen helfen kreative oder körperliche Tätigkeiten wie Joggen, Wandern, Basteln, Stricken oder Gärtnern. Denn wenn Körper und Hände in Bewegung sind, wagt unser Verstand es, aus eingefahrenen Denkschleifen auszubrechen und neue Lösungsansätze zu finden.

Einen Überblick gewinnen

Danach nimmst du die Realität in Augenschein. Dabei können dir die „5 Gs“ helfen, wie Alison Cook sie auf Seite 52 ihres Buches beschreibt.

  • Grundlagen finden
    Wie sieht deine Situation konkret aus? Bemühe dich um höchstmögliche Objektivität ohne Beschönigen oder Dramatisieren.
  • Gründe bedenken:
    Warum wünschst du dir eine Veränderung? Welche tieferen Ursachen –Kindheitserfahrungen/vergangene Ereignisse – könnte deine Situation haben?
  • Gewohnte Wege hinterfragen:
    Welche Strategien hast du in der Vergangenheit angewandt? Haben sie funktioniert? Wenn nein, wieso nicht?
  • Gedanken klären:
    Welche mentalen Botschaften (Gedanken, Gefühle, Einstellungen, Erwartungen) hast du zu der Situation verinnerlicht? Könntest du anders darüber denken?
  • Gebiet erweitern:
    Wo brauchst du weitere Informationen, Rat oder Hilfe? An wen kannst du dich wenden? Welche Chancen bietet dir die Situation, um dich weiterzuentwickeln?

Die 5 Gs kannst du damit ergänzen, deinen Blick einmal bewusst auf deine Vergangenheit, einmal auf deine jetzige Situation und einmal auf deine mögliche Zukunft auszurichten. Wenn du dir deine Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft anschaust, welchen Weg möchtest du gehen? Was möchtest du ändern und wieso?

Das Widersprüchliche anerkennen

Du hast jetzt einen guten Überblick über die Situation und deine Wünsche. Jetzt geht es darum, das Gegensätzliche anzuerkennen. Dies ist oft der schwerste Teil, denn es bedeutet, deinen Blick auf das Widersprüchliche in dir zu richten.

Vielleicht fühlst du dich in deinem Job unterbezahlt, aber du magst deine Kollegen und scheust dich davor, für eine bessere Stelle umzuziehen. Dann gibt es für dich gleich viele gute Gründe zu gehen wie zu bleiben.

Es ist in dieser Situation normal, hin und hergerissen zu sein. Bedenke aber, bevor du aus Überforderung eine Entscheidung triffst, dass beides gleichzeitig wahr sein kann: Mein Job überfordert mich und Ich habe eine tolle Arbeitsstelle.

Das Widersprüchliche in seiner Gleichzeitigkeit anzuerkennen, entbindet dich nicht der Verantwortung, etwas zu verändern. Es löst auch nicht deine widerstreitenden Gefühle auf. Aber du lernst anzunehmen, dass nicht nur zwei gegensätzliche Gefühle, sondern auch zwei scheinbar gegensätzliche Fakten wahr sein können.

Diese Erkenntnis befähigt dich dazu, reflektiert neue Wege zu wagen.

3. Optionen prüfen und losgehen

Bei ambivalenten Gefühlen hast du meist drei Handlungsoptionen: Kämpfen, gehen oder weise ertragen. 

Bei der ersten Option kämpfst du um Veränderung. Im Beispiel könnte das sein: Du sprichst deine Unzufriedenheit offen an und bittest um Abhilfe. Die zweite Option wäre, dir allen Unsicherheiten zum Trotz einen anderen Job zu suchen. Bei der dritten Option akzeptierst du die Umstände, die du nicht ändern kannst, und richtest den Blick auf die Ressourcen, die du trotz allem hast.

Bevor du konkrete Schritte machst, solltest du dir überlegen, welche dieser drei Optionen dir am meisten entgegenkommt. Erst dann gehst du erste Schritte hin zu einer passenden Lösung. Wie aber triffst du die Entscheidung für eine Option?

Pro-und-Kontra-Listen als Entscheidungshilfe

Hierbei kann dir eine klassische Pro-und-Kontra-Liste helfen. Schreib alle deine Optionen auf und notiere, was für oder gegen die jeweilige Option spricht. Bedenke bewusst auch Teiloptionen. Eine solche könnte sein, in eine andere Abteilung zu wechseln, statt zu kündigen, oder deine Stundenzahl zu reduzieren.

Mir selbst hat diese Methode schon sehr bei Entscheidungen geholfen. Ich erkannte plötzlich gute Gründe gegen eine Option, sodass es mir automatisch leichter fiel, mich für eine andere zu entscheiden.

Vor allem bringst du damit unbewusst ablaufende Prozesse auf Papier. 

Oft diskutieren Kopf und Herz schon lange darüber, was zu tun ist. Indem du mal alle Optionen niederschreibst und prüfst, sortierst du dein Inneres.

MUTIG den ersten Schritt wagen

Du hast eine Entscheidung getroffen? Großartig. Nun heißt es: Mutig losgehen! Aber halt, du musst nicht gleich die ganze Strecke bewältigen. Ein Schritt reicht. Dabei kann dir die MUTIG-Methode von Alison Cook helfen. Cook definiert folgende 5 Punkte, um aus einer widersprüchlichen Gefühlslage heraus gute erste Schritte zu gehen:

  • Markiere Grenzen:
    Setze klare Grenzen! Schütze dich gegen problematisches Verhalten von außen und widerstehe genauso bewusst wiederkehrenden negativen Gedanken.
  • Umfang erweitern:
    Erweitere deine Bewältigungsstrategien. Wie kannst du dein Nervensystem beruhigen? Welche Kontakte tun dir jetzt gut?
  • Trainiere dein Selbstbewusstsein:
    Übe ein, deine Wünsche und Bitten klar zu äußern. Tritt dabei selbstbewusst auf und mach dich nicht kleiner als du bist. Nutze passende Hilfsangebote wie Seelsorge, Coaching, Sprechtraining, Selbstverteidigungskurs, etc.
  • Investiere in Belebendes:
    Tu Dinge, die dir Energie spenden. Welches Hobby wolltest du immer schon mal ausprobieren? Was kannst du allem zum Trotz feiern?
  • Gehe aus deiner alten Umgebung heraus:
    Ändere deine Umgebung! Dies muss nicht das Verlassen der Gesamtsituation heißen. Auch der Wechsel des Fitnessstudios oder kleine Alltagsanpassungen können neue Impulse geben.

Mit diesen 5 Schritten hast du jetzt ein gutes Repertoire an der Hand, um deinen neuen Weg gut zu gestalten. Doch eine Frage bleibt noch offen.

Was mache ich mit Reue- und Schuldgefühlen?

Oft weißt du genau, was du tun solltest. Oder du hast bereits einen neuen Weg beschritten, aber etwas hält dich noch zurück. Meist sind dies Reue- oder Schuldgefühle. Vielleicht bereust du, etwas nicht schon früher angegangen zu haben. Doch davon solltest du dich lösen, denn du kannst das Vergangene nicht ändern.

Auch Schuldgefühle gegenüber anderen können dich blockieren. Hier hilft dir wieder die Gleichzeitigkeit des Widersprüchlichen. Du kannst eine zuverlässige Mitarbeiterin sein UND bessere Jobbedingungen verlangen. Du kannst eine gute Tochter sein UND Grenzen setzen, wenn deine Eltern sich übergriffig verhalten.

Schuldgefühle zu haben heißt nicht, schuldig geworden zu sein. Prüfe, ob du wirklich Dinge versäumt hast oder deine Gefühle dir das nur einreden.

Hierbei kann auch der Glaube helfen. Gott verlangt nicht von dir, perfekt zu sein. Da er deine menschliche Begrenztheit kennt, darfst auch du sie annehmen und deine Schuldgefühle darüber bei ihm abgeben. So kannst du in allen widersprüchlichen Gefühlen einen guten Weg für dich zu finden.
 

Autor/-in

Rebecca Schneebeli

  |  Redakteurin

Rebecca Schneebeli ist Literaturwissenschaftlerin und arbeitet nebenberuflich als freie Lektorin und Autorin. Die Arbeit mit Büchern ist auch im ERF ihr Steckenpferd. Ihr Interesse gilt hier vor allem dem Bereich Lebenshilfe, Persönlichkeitsentwicklung und Beziehungspflege. Mit Artikeln zu relevanten Lebensthemen möchte sie Menschen ermutigen.

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