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© Joice Kelly / unsplash.com

11.11.2023 / Serviceartikel / Lesezeit: ~ 10 min

Autor/-in: Theresa Folger

Wenn das Miteinander vergiftet ist

Wie ich in toxischen Beziehungen Veränderung und Heilung finden kann.


Dieser Artikel ist der 1. Teil einer Reihe über toxische Beziehungen. Im 2. Teil findest du eine Checkliste mit „10 Anzeichen einer toxischen Beziehung“.

Erst schien noch alles in Butter. Er trug sie auf Händen, war hilfsbereit und machte ihr ständig Komplimente. Jedes ihrer Hobbys schien er toll zu finden oder ebenfalls auszuüben. Dazu strahlte er absolute Selbstsicherheit aus, was vielleicht auch an seinem reiferen Alter lag. Kein Wunder, dass sie ihm sofort verfiel.

Doch mit den Jahren veränderte sich der vermeintliche Traummann. Er wurde misstrauisch, missgünstig und krittelte unaufhörlich an ihr herum. Er führte ihr täglich ihre Unfähigkeit vor Augen und hatte unkontrollierte Wutausbrüche, wenn sie die Wäsche nicht nach seinem Prinzip aufhängte. Er erlaubte ihr nicht mehr, abends Freundinnen zu treffen, und machte ihr ein schlechtes Gewissen: „Jetzt bin ich endlich von der Arbeit da und du gehst weg“. Wenn sie ihn dringend brauchte, waren seine Hobbys hingegen wichtiger.

So ging es einer Person aus meinem näheren Umfeld – sie lebte in einer sogenannten „toxischen Beziehung“. Und leider ist sie damit kein Einzelfall. Denn laut einer Umfrage1 aus dem Jahr 2021 haben bereits 31% der Männer und 41% der Frauen eine toxische Beziehung erlebt. Doch wie erkenne ich eine toxische Beziehung und wie kann ich damit umgehen? Und gibt es in der Bibel dazu auch einen konkreten Rat?
 

Merkmale toxischer Beziehungen

Eins vorneweg: Nicht jede schwierige Beziehung ist gleich „toxisch“. Denn in jeder Beziehungskonstellation, sei es in einer Partnerschaft oder anderswo, gibt es Konflikte. Doch manchmal sind diese offenen oder unterdrückten Konflikte ein Grundmerkmal der Beziehung und führen zu dauerhaftem Stress und Unwohlsein bei mindestens einem der Beteiligten.

Manchmal sind offene oder unterdrückte Konflikte ein Grundmerkmal der Beziehung.

 

Außerdem zeichnen sich toxische Beziehungen oft durch mangelnde Kommunikation aus, sodass sich diese Konflikte auch nicht einfach klären lassen. In obigem Beispiel vermied meine Freundin jedes Widerwort gegen ihren Mann, „um das Ganze nicht noch schlimmer zu machen.“ Sie meinte, wenn sie alles über sich ergehen ließe, käme sie am besten aus der jeweiligen Situation heraus. Auch fühlte sie sich ihrem Mann gegenüber nicht stark genug, um ihm die Stirn zu bieten.

Ein solches Machtgefälle zwischen zwei Menschen kommt häufig in einer toxischen Beziehung vor und ist ein deutliches Warnsignal – insbesondere, wenn der stärkere Part aktiv versucht, die Kontrolle über die andere Person auszuüben. Dies kann sich in verschiedenen Formen äußern:

  • Emotionale Manipulation: Eine Person beeinflusst die Emotionen und Selbstwahrnehmung des anderen gezielt, um Kontrolle auszuüben. Dies kann durch Schuldgefühle oder ständige Kritik erfolgen.
     
  • Finanzielle Abhängigkeit: Eine Person untergräbt die finanzielle Unabhängigkeit der anderen, um ihn abhängig zu machen und die Kontrolle zu behalten. Möglicherweise „erlaubt“ einer dem anderen nicht, arbeiten zu gehen, oder stellt sich gezielten Weiterbildungen in den Weg.
     
  • Isolation: Der toxische Partner kann versuchen, die andere Person von Freunden und Familie zu isolieren, um die Abhängigkeit zu erhöhen.
     
  • Physischer Missbrauch: In manchen Fällen wird das Machtgefälle durch physische Gewalt verstärkt, bei der eine Person körperliche Kontrolle über die andere ausübt.
     

Wo begegnen uns toxische Beziehungen?

In diesem Artikel geht es vor allem um feste Paarbeziehungen, da toxisches Verhalten oftmals in dieser Konstellation auftritt. Trotzdem kann es auch in jeder anderen Beziehungsform vorkommen. Beispielsweise können Eltern-Kind-Beziehungen toxisch sein, wenn es Missbrauch, Vernachlässigung oder übermäßige Kontrolle gibt. Dieses Verhalten kann sich bis ins Erwachsenenalter der Betroffenen hineinziehen, wenn die Eltern weiterhin ihr Leben und ihre Entscheidungen stark beeinflussen.

Toxisches Verhalten kann in jeder Beziehungsform auftreten – mit dem Partner, Eltern, Kollegen oder Freunden.

 

Auch in Freundschaften können toxische Dynamiken auftreten. Dies kann beinhalten, dass ein Freund ständig Kritik äußert oder versucht, den anderen für sich zu vereinnahmen. Auf der Arbeit treten toxische Muster teilweise in Abhängigkeitsverhältnissen zwischen Vorgesetzten und Untergebenen auf.
 

Die Auswirkungen toxischer Beziehungen

Vielleicht erkennst du dich oder jemanden aus deinem Umfeld in den vorangegangenen Beschreibungen wieder. Und du fragst dich: Wie konnte es so weit kommen? Das liegt daran, dass toxische Beziehungen oft erst nach einiger Zeit eskalieren – so wie in dem beschriebenen Beispiel.

Anfangs führt man die auftretenden Probleme auf bestimmte Ereignisse zurück und hofft, dass sich der Sturm wieder legt. Dazu können Gedanken kommen wie: „Ich habe es nicht anders verdient.“ Oder: „Ich komme nicht allein zurecht.“

Doch wenn man in einer Beziehung dauerhaft unglücklich ist und fertig gemacht wird, ist es höchste Zeit, aktiv zu werden. Denn toxische Beziehungen können zu Depressionen und Angstzuständen führen oder sogar Traumata auslösen.

Wenn man in einer Beziehung dauerhaft unglücklich ist und fertig gemacht wird, ist es höchste Zeit, aktiv zu werden.

 

Auch körperliche Symptome wie Schlafstörungen und Herzkreislaufprobleme können auftreten. Zudem leiden Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen erheblich unter der langanhaltenden Belastung in einer toxischen Beziehung.
 

7 Tipps aus der Bibel, um toxischen Beziehungen zu begegnen

Obwohl der Begriff „toxische Beziehung“ in der Bibel nicht wortwörtlich fällt, finden wir viele Hinweise und Beispiele zum Umgang mit anderen Menschen. Diese können auch Betroffenen toxischer Beziehungen helfen. Anbei die sieben wichtigsten:
 

1. Gott um Hilfe bitten

Gott sagt uns selbst zu, dass wir uns in der Not an ihn wenden sollen (Psalm 50,15). Er kann und möchte uns Weisheit geben, um die richtigen Schritte zur Bewältigung der Situation zu gehen. Wir können ihn auch bitten, dass er uns hilft, über die Situation nicht zu verbittern, sondern dem anderen vergeben zu lernen.

Das ist oft ein langer Prozess und nicht sofort möglich. Doch wenn wir bereit sind, diesen Schritt zu gehen, kann es uns ein großes Stück innere Freiheit schenken und die Abhängigkeit vom anderen verringern. Außerdem können wir Gott darum bitten, dass auch der toxische Partner bereit ist, an seinen eigenen Verhaltensweisen zu arbeiten und die Beziehung zu verbessern.
 

2. Weisheit suchen

Im Buch der Sprüche werden wir ermutigt, mit unseren Problemen nicht allein zu bleiben, sondern andere um Rat zu fragen (Sprüche 11,14). Opfer toxischer Beziehungen trauen sich oft nicht, über ihre Probleme zu sprechen, weil sie sich schämen, weil sie es als Verrat an ihrem Partner empfinden oder meinen, sie hätten es nicht anders verdient. Doch ein Blick von außen kann helfen, die Situation besser einzuschätzen und mögliche Lösungen zu finden.

Eine erste Anlaufstelle können vertrauenswürdige Freunde, nicht betroffene Familienmitglieder oder ein Seelsorger in der Gemeinde sein. Oft ist es jedoch ratsam, professionelle Hilfe von Therapeuten oder Beratern in Anspruch zu nehmen, um die Situation zu bewältigen. (Unter diesem Artikel findest du mehrere Links zu christlichen Beratungsstellen.)

Ein Blick von außen kann helfen, die Situation besser einzuschätzen und mögliche Lösungen zu finden.

 

3. Die eigene Verantwortung erkennen

Die Bibel ermutigt uns, unsere eigene Verantwortung zu erkennen und unser Verhalten zu reflektieren (Galater 6,5). Das könnte mit dem Schritt anfangen, sich selbst zu sagen: „Ich will das so nicht mehr.“ Oder „Ich muss mir das nicht länger gefallen lassen.“ Damit tritt man aus der Opferrolle heraus und kann dem anderen aktiver die Stirn bieten.

Vielleicht fallen einem auch Verhaltensweisen an einem selbst auf, die den anderen in seinen Handlungen bestärken. Das könnte beinhalten, Dinge heimlich zu tun, die einem der Partner nicht „erlaubt“. Wenn der Partner die Heimlichtuerei dann bemerkt, kann dies zu noch stärkerer Kontrolle führen. Vielleicht verharrt man auch in der zugewiesenen Unselbständigkeit und verleitet den anderen dazu, noch mehr Entscheidungen über den eigenen Kopf hinweg zu fällen.
 

4. Sich selbst wertschätzen

Die Bibelstelle „Liebe deines Nächsten wie dich selbst“ (Matthäus 22,39) kann als Erinnerung dienen, auch auf die eigenen Bedürfnisse zu achten. Wir haben das Recht, uns um unsere körperliche und seelische Gesundheit zu kümmern.

Manchmal fängt dies damit an, die eigenen Bedürfnisse und Wünsche wieder bewusst wahrzunehmen. Denn oft hat man diese so lange unterdrückt, dass man sie gar nicht mehr kennt. Auch haben sich abwertende Phrasen des anderen häufig tief eingebrannt („Du bist nichts“, „Du kannst nichts“). Diese Zuschreibungen als Lügen zu erkennen, kann ein wichtiger Schritt sein. Selbstachtung kann auch bedeuten, an die eigene Sicherheit zu denken, wenn man in einer Beziehung stark gefährdet ist, und bei anderen Schutz zu suchen.
 

5. Grenzen setzen

Jeder Mensch hat das Recht, in Beziehungen Grenzen zu setzen. In Sprüche 4,23 heißt es dazu: „Behüte dein Herz mit allem Fleiß, denn daraus quillt das Leben.“ So einfach es klingt, so schwierig kann es in der Praxis sein. Hier kann Hilfe von außen nötig sein.

Grenzen können aktiv gesetzt oder auch „passiv gelebt“ werden – indem man eigene Entscheidungen gegen den Widerstand des anderen trifft. Meine Freundin hat zum Beispiel ein Studium begonnen und erfolgreich durchgezogen, obwohl ihr Mann alles versucht hat, um sie davon abzubringen. Auch hat sie sich ein eigenes Bankkonto angelegt und ihren Lohn darauf überweisen lassen. Es könnte auch bedeuten, Passwörter zu ändern, damit der andere keinen Zugriff auf eigene persönliche Daten mehr hat.
 

6. Gute Kommunikation einüben

In Matthäus 18,15 werden wir ermutigt, unser Gegenüber auf Fehlverhalten hinzuweisen. Gerade dieser Punkt ist in toxischen Beziehungen oft schwierig, da die Kommunikation durch das Machtgefälle beeinträchtigt wird. Manche Partner sind auch nicht zum Zuhören bereit.

Manchmal ist dem anderen Part aber tatsächlich nicht bewusst, wie sehr man selbst unter der Situation leidet – oder er erkennt nicht, dass die Beziehung dadurch ernsthaft gefährdet ist. In solchen Fällen ist er oder sie möglicherweise bereit, über Schwierigkeiten ins Gespräch zu kommen. Hierfür kann es hilfreich sein, eine neutrale dritte Person hinzuzuziehen, um das Gespräch zu moderieren.

Manchmal ist dem Partner tatsächlich nicht bewusst, wie sehr man selbst unter der Situation leidet.

 

Für ein solches Gespräch sollte man sich vorab überlegen, was einem in der Beziehung Schwierigkeiten bereitet und welche konstruktiven Lösungsmöglichkeiten es gibt. Im Gespräch ist es gut, bei sich zu bleiben und die eigenen Gefühle und Bedürfnisse ausdrücken, anstatt dem anderen direkt Vorwürfe zu machen. Auch der andere sollte die Möglichkeit haben, sich zu äußern und Gehör zu finden.

Die Fähigkeit, schwierige Gespräche zu führen und sich auf konstruktive Weise auszutauschen, ist entscheidend, um toxische Muster zu durchbrechen und den Weg zu einer gesünderen Beziehung zu ebnen.
 

7. Eine Trennung in Betracht ziehen

Solange ich mit dem toxischen Gegenüber nicht verheiratet bin, ist eine Trennung vom anderen eine naheliegende Lösungsmöglichkeit, um aus einer toxischen Beziehung auszusteigen. Manchmal ist dies auch der letzte Schritt, wenn alle vorangegangenen Versuche zur Klärung des Verhältnisses nicht gefruchtet haben. Sei es durch Wechsel der Arbeitsstelle, die Auflösung einer Freundschaft oder der räumlichen Distanzierung von der anderen Person.

In der Bibel wird zum Beispiel die schwierige Beziehung zwischen Jakob und seinem Schwiegervater Laban erwähnt (1. Mose 29 ff.). Da Jakob trotz mehrerer Konfrontationen von Laban weiterhin unfair behandelt wird, trennt er sich von ihm, um für sich und seine Familie ein eigenes Zuhause aufzubauen. Da er die offene Konfrontation scheut, macht er sich sogar heimlich aus dem Staub.

Und wenn toxisches Verhalten in der Ehe auftritt? Immerhin sieht die Bibel die Ehe als heilige und dauerhafte Verbindung zwischen einem Mann und einer Frau an, die Gott selbst gestiftet hat (1. Mose 2,24; Matthäus 19,4-6).

Tatsächlich ist es schwierig, auf diese Frage eine eindeutige Antwort zu geben. Wir können der Bibel nämlich auch entnehmen, dass wir auf Abstand zu Menschen gehen sollen, die uns geistlich oder körperlich schaden (Sprüche 22,24-25; 1. Korinther 15,33). Manchmal kann eine vorübergehende Trennung ein Weckruf für den anderen sein, um an der Beziehung zu arbeiten. Doch wenn er oder sie dazu überhaupt nicht bereit ist?

Ich rate in solchen Fällen dazu, sich unbedingt Hilfe von außen zu holen und mit diesem unbeteiligten Dritten nach Lösungsmöglichkeiten zu suchen (siehe untenstehende Links).
 

Fazit

Egal, ob du selbst in einer toxischen Beziehung steckst oder jemanden kennst, der betroffen ist: Toxische Beziehungen müssen nicht das letzte Kapitel in unserer Geschichte sein. Es ist wichtig zu verstehen, dass Veränderung möglich ist und niemand es verdient hat, schlecht behandelt zu werden. Auch muss man sich nicht dafür schämen, Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Die Bibel ermutigt uns, Weisheit zu suchen, Verantwortung zu übernehmen und unsere Selbstachtung zu wahren.

 

Obwohl die Bibel uns keine detaillierten Anweisungen in punkto toxischer Beziehungen gibt, ermutigt sie uns, Weisheit zu suchen, Verantwortung zu übernehmen und unsere Selbstachtung zu wahren. Die Entscheidung, aus einer toxischen Beziehung auszusteigen oder Veränderungen in einer bestehenden Beziehung anzustreben, erfordert Mut. Doch der Gewinn ist groß.

Wenn du mehr darüber herausfinden willst, ob du in einer toxischen Beziehung lebst, dann lies dir unseren Artikel durch „10 Anzeichen einer toxischen Beziehung“.
 

Umfrage im Auftrag der Online-Partnervermittlung Parship

 Theresa Folger

Theresa Folger

  |  Redakteurin

Diplomkulturwirtin und Redakteurin, beschäftigt sich vor allem mit den Themenfeldern „mentale Gesundheit“ und „Persönlichkeitsentwicklung“. Mit ihren zwei aufgeweckten Mädels entdeckt sie dabei regelmäßig neue spannende Aspekte.

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Kommentare (2)

Thomas S. und Maria S. /

Hallo Theresa, vielen Dank für Deinen Artikel über toxische Beziehungen. Wir haben uns in vielen Aspekten wiedergefunden, auch wenn wir unterschiedliche Vorgeschichten haben. Wir sind eher in der mehr

Irene C. /

vielen dank mit diesem Artikel habt Ihr mir sehr weitergeholfen, ich werde diese Informationen in meiner Beratung für Frauen sicher öfter benötigen und darauf zurückgreifen, gerade akut habe ich diesen Artikel gebraucht und genutzt! vielen herzlichen Dank - passt genau!

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