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© Tracey Hocking / unsplash.com

05.12.2023 / Interview / Lesezeit: ~ 6 min

Autor/-in: Andreas Odrich

Resilienz strategisch lernen

Das Beraterehepaar Beate und Olaf Hofmann gibt Tipps, wie man trotz Widrigkeiten Mut und Kraft bewahren kann.


Den Lebensmut bewahren auch in schweren Zeiten, das kann man lernen. Davon sind Beate und Olaf Hofmann überzeugt. Das Ehepaar leitet die Beratungsagentur „Hope and Soul“ und hat ein Buch verfasst: „Zukunftsmut und Herzenskraft“.
 

ERF: Die Beratungsagentur trägt den Namen „Hope and Soul“, also Hoffnung und Seele, was ist damit gemeint?

Olaf Hofmann: Es ist eine unserer Kernaufgaben, Menschen zu stärken. Es ist uns wichtig, mit ganzem Herzen Hoffnung auszustrahlen. Auch wenn wir selbst nicht immer hoffnungsvoll sind in den Höhen und Tiefen des Lebens. Es ist wichtig, uns bei dieser Achterbahnfahrt aufeinander zu konzentrieren und gehalten zu wissen. Und andere mit ins Boot zu holen. Deswegen reden wir auch gern von „Hope and Soul and Company“.
 

ERF: Was genau bietet ihr bei „Hope and Soul“ an?

Olaf Hofmann: Ich biete zum Beispiel eine Veranstaltung an, die sich „Grenzgänge für Männer“ nennt. Wir nächtigen unter freiem Himmel, nur mit Isomatte und Schlafsack. Wenn dann abends das Feuer knistert, verlaufen die Gespräche zwischen uns Männern in einem anderen Tiefgang und das, was da zum Vorschein kommt, ist das pure Leben, Grenzerfahrungen, Scheitern. Indem wir uns das gegenseitig mitteilen, wächst Kraft und Zuversicht, und sei es nur, dass man merkt, den anderen geht es ganz ähnlich wie mir. Ich bin nicht allein.

Beate und Olaf Hofmann (Foto: ERF)
Beate und Olaf Hofmann (Foto: ERF)

Beate Hofmann: Die Seminare sind ein Teil unserer Arbeit. Ich biete sie eher im Kloster an, Olaf eher draußen. Des Weiteren halten wir Impulsvorträge, sind in Gemeinden unterwegs, aber auch viel in Unternehmen und Bildungsstätten. Wir sprechen über Themen, die Menschen stärken.

Unser drittes Standbein ist Beratung. Darunter fällt Trauerbegleitung, aber auch Business Coaching für ein breites Band von Menschen in beruflicher Verantwortung. Es geht immer darum: Was macht die Menschen stark, dass sie dort, wo sie sind, das Beste geben können.
 

Unterschiede in der Beratung für Männer und Frauen

ERF: Fällt es Frauen leichter, sich mit solchen Themen auseinanderzusetzen?

Beate Hofmann: Ich denke, Frauen können ihre Emotionen besser ausdrücken. Sie können beschreiben, was sie fühlen, und sind viel schneller dabei, auch über sich und ihre Bedürfnisse zu sprechen. Männern fällt das in der Regel erst mal ein bisschen schwerer. Ich mache aber die Erfahrung, wenn sie sich trauen, das zu tun, ist das eine Horizonterweiterung weit über den einzelnen Mann hinaus. Er kommt verändert in seine Familie zurück, er kommt verändert in sein Team in der Firma zurück, verändert in die Gemeinde, und das bewirkt tatsächlich etwas.
 

ERF: Was hat euch bewogen, das Buch „Zukunftsmut und Herzenskraft“ zu schreiben?

Olaf Hofmann: Mir ging es im Herbst letzten Jahres schlecht, ich hatte die Diagnose Sarkoidose bekommen, das ist eine seltene Autoimmunerkrankung, es war November und dunkel, es gab globale Krisen und diese persönliche noch dazu. Mir war gar nicht zum Schreiben zumute.

Gleichzeitig geben wir seit Jahren Tipps, wie man sich in Krisensituationen verhält, wie man sich fokussiert und all diese Dinge. Jetzt war ich plötzlich selbst herausgefordert, das anzuwenden, was ich all die Jahre gesagt habe.

Es ist ein stilles, ein leises, ein Mut-mach-Buch geworden, ein Praxisbuch, und jede Zeile, die da drinsteht, ist selbst durchlebt, durchprüft und dann zu Papier gebracht. Deswegen ist es bei allem, was wir von Resilienz und Erlebnissen schreiben, auch ein ganz persönliches Buch von uns beiden.
 

Herausforderungen annehmen verändert die Situation

ERF: Ihr habt also selbst angewendet, was ihr sonst anderen ratet. Wie geht ihr mit solchen Schicksalsschlägen um?

Beate Hofmann: Meine Reaktion ist, tief durchzuatmen. Dieses lange Ausatmen ist schon die halbe Miete, weil sich da nicht alles im Herzen ballt. Ich kann mich daran festhalten und sagen: „Okay, ich atme jetzt erstmal ein und wieder aus, und die Welt dreht sich weiter.“

Wenn ich mich aber weigere und sage: Das will ich nicht, bringe ich ganz viel Widerstandsenergie auf, das raubt mir ja schon die Kraft, damit umzugehen. Deshalb erstmal durchatmen. Okay heißt dabei nicht: es ist gut, es heißt einfach nur so ist es und aus diesem so ist es jetzt erwächst Schritt für Schritt die Kraft, es anzunehmen.

Indem ich es annehme, verwandelt sich das Ganze. Wir haben Olafs Diagnose begriffen als Aufgabe für uns, die uns entschleunigt. Sie macht uns offener für Menschen, die auch Immunerkrankungen haben, die plötzliche Diagnosen bekommen. Es hilft uns, weil wir jetzt viel sensibler mit diesen Themen umgehen können.

Olaf Hofmann: Das Gute ist, dass es sich um eine Krankheit handelt, mit der man durchaus leben kann. Ich probiere aus, was ich noch tun kann, nehme es aber nicht als ein defizitäres Geschehen wahr, wenn ich merke, es geht nicht mehr. Ich habe von meiner Frau und in all den Seminaren, wo ich auch mit drin bin, gelernt zu überlegen, was kann ich daraus ziehen und was geht? Und es geht auch mit so einer Erkrankung noch eine ganze Menge. Das ist mein tägliches Mantra geworden: Was geht noch?
 

Wahrnehmen, was ist – nicht vergleichen

ERF: Wenn ich merke, dass ich körperlich nicht mehr so fit bin, wie ich es gern wäre, was hilft mir dabei, zuversichtlich zu bleiben?

Beate Hofmann: Das Wichtigste ist das Innehalten, um zu erkennen, was ist. Und wenn ich bemerke, dass meine Kraft nicht ausreicht und es gute körperliche Gründe dafür gibt (nicht nur die Faulheit, dass ich auf dem Sofa sitze), dann kann ich mir überlegen, wie gehe ich mit dem um, was ist? Wir sagen so gerne das Beste aus dem Möglichen machen, also ehrlich zu fragen, was möglich ist. Und dann kann ich mich im Rahmen dessen durchaus auch anstrengen.

Eine der sichersten Arten sehr unglücklich zu werden im Leben, ist es, wenn ich sehe, was die anderen machen und mich ständig damit vergleiche. Dann werde ich scheitern, weil ich merke, die anderen sind schneller, schöner, gesünder, erfolgreicher, was auch immer.

Ich kann mich entscheiden, eine Grundannahme als Überschrift über mein Leben zu setzen und zu sagen: Ich glaube, ich bin gewollt und ich bin kostbar. Dann kann ich überlegen, was jetzt die Krise ist, was nicht geht oder mir Schwierigkeiten macht. Ich kann sagen, okay, ich bemerke das - wie kann ich das, was ich jetzt sehe, wandeln, wie kann ich damit umgehen?
 

In ausweglosen Situationen

ERF: Beate, du hast als Klinikseelsorgerin auch mit Situationen zu tun, wo Leute eine Diagnose wie „austherapiert“ oder „Endphase“ bekommen. Wo hole ich da noch Zuversicht her?

Beate Hofmann: Dann heißt es, was kann ich jetzt in dieser Situation noch erleben, erspüren, oft sogar wandeln? Gibt es ein Wort, was ich noch sagen möchte? Gibt es einen Blick, den ich verschenken möchte?

Ich hatte eine Begegnung auf der Intensivstation, die war wirklich beeindruckend. Ein alter Herr, der wusste, dass er sterben wird, konnte nicht mehr sprechen. Er schüttelte nur den Kopf, als ich ihn fragte, ob ich noch etwas für ihn tun könnte. An seinem Gesicht konnte man sehen, dass er mit sich im Reinen war.

Plötzlich hebt er die Daumen hoch. Ich frage ihn: Was wollen Sie mir sagen? Er zeigt auf die Ärzte, Schwestern und Pfleger, die zwischen den ganzen piepsenden Apparaturen hin und herlaufen und hebt wieder die Daumen hoch. Und dann sage ich, verstehe ich Sie richtig: Sie wollen mir sagen, dass Sie dankbar sind für die Menschen, die hier ihr Bestes geben? Und er nickt. Da denk ich, es ist doch unglaublich, dass dieser Mensch in der Situation die anderen sieht.
 

Der Glaube öffnet Herz und Horizonte

ERF: Welche Rolle spielt der Glaube, das Geistliche, Gebete, um Herzenskraft zu bekommen?

Beate Hofmann: Ich muss im Gebet das Herz vor Gott weitmachen. Und dann schauen, welche Resonanz, welche Lebendigkeit entsteht in mir. Ich darf vertrauen, ich darf mit meinem Herzen hören auf das, was mein Weg ist. Das ist nichts, was sich plötzlich einstellt. Aber das ist die Entscheidung für einen bewussten Weg, den ich mit Gott gehen möchte.

Olaf Hofmann: Mir hat es enorm gutgetan, mein Herz wieder neu zu entdecken. Und lernen zu dürfen, dass ich auf mein Herz hören darf. Ich stelle mich als Diakon, als Mittler zur Verfügung, um anderen Menschen Halt und Inspiration zu geben, manchmal aber auch nur ein Ohr zu leihen, dass ich höre und sie, indem sie mir etwas erzählen, merken, was für sie noch geht. Dann fühle ich mich getragen in Gott und bin verwurzelt in der Tiefe.

Ich habe aber auch meine Zweige, meine Hände zum Himmel gestreckt und in dieser spirituellen Ausrichtung ist mir ganz viel geschenkt und ich entdecke immer mehr davon, und das ist faszinierend.
 

ERF: Vielen Dank für das Gespräch!
 

 Andreas Odrich

Andreas Odrich

  |  Redakteur

Er verantwortet die ERF Plus-Sendereihe „Das Gespräch“. Er ist verheiratet, hat drei Kinder und ist begeisterter Opa von drei Enkeln. Der Glaube ist für ihn festes Fundament und weiter Horizont zugleich.

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