Ein gebrochenes Bein erkennt man daran, dass jemand mit Krücken geht, eine Erkältung an einer geröteten Nase. Viele andere Krankheiten wie etwa psychische Erkrankungen oder auch chronische Einschränkungen sind schwerer zu erkennen.
Doch auch hier gibt es beobachtbare Merkmale. Gerade die Depression hat in den vergangenen Jahrzehnten an Bekanntheit gewonnen. Viele Menschen wissen, dass Erschöpfung, Antriebslosigkeit oder tiefe Traurigkeit auf eine psychische Erkrankung hindeuten können und erkennen die Signale.
Trotzdem bleiben Depressionen häufig unbemerkt für das Umfeld, wenn der Betroffene es schafft, seinen Alltag weiterhin zu managen, und nicht über seine Probleme spricht.
Nahezu unmöglich wird es, eine Depression zu erkennen, wenn nicht einmal die erkrankte Person darauf kommt, dass ihr etwas fehlt.
So verhält es sich oft mit der hochfunktionalen Depression. Was versteht man unter diesem Begriff? Wie sieht diese Form der Depression konkret im Leben eines Menschen aus – und wie kann man sie erkennen und behandeln?
Was ist hochfunktionale Depression?
Bei der klassischen Depression erleben Menschen innere Leere und haben mit einem tiefen und anhaltenden Gefühl von Traurigkeit zu kämpfen. Es fällt ihnen schwer, Freude an Dingen zu empfinden, die ihnen früher Spaß gemacht haben.
All diese Symptome führen bei einer Depression meist dazu, dass sich die betreffende Person zurückzieht, nicht mehr leistungsfähig und ständig am Rand ihrer Kräfte ist. Das macht es leichter, sie zu identifizieren. Denn viele Menschen wissen mittlerweile um diese Zusammenhänge.
Ganz anders verhält es sich bei einer hochfunktionalen Depression. Während Betroffene sehr ähnliche innerliche Symptome wie bei einer klassischen Depression beschreiben, wirken sie sich ganz anders auf ihr Verhalten aus.
Eine Person mit einer hochfunktionalen Depression kann von außen einen sehr erfolgreichen Anschein erwecken.1 Sie erbringt weiterhin Leistung, kommt pünktlich zu vereinbarten Terminen, erledigt ihre Aufgaben verlässlich und bietet eventuell sogar noch anderen ihre Hilfe an.2
Meist ist Menschen, die unter dieser besonderen Form der Depression leiden, selbst gar nicht bewusst, dass sie Hilfe in Anspruch nehmen sollten.
Die Angst davor, bedürftig oder schwach zu sein, sorgt nämlich genau dafür, dass sie ihre eigenen Grenzen übergehen.3
Sabrinas Hochleistung und der tiefe Fall
Auch bei Sabrina Paul war genau diese Angst der Treiber. Da ihr Vater lange an Depressionen litt, schwor sich Sabrina, niemals wie ihr Vater zu „enden“. Davon berichtet sie ausführlich in unserer Sendung ERF Jess Talkwerk und erzählt dort: „Lange Zeit habe ich alles mit mir selbst ausgemacht, versucht keine Probleme und Schwächen zu haben.“
Sabrina stürzt sich in den Job, ist sportlich sehr aktiv und taktet jede Minute ihres Tages durch. Von außen hat sie ein Traumleben: Sie hat eine hohe Stellung im Job, ist körperlich topfit und ernährt sich gesund.
Doch dann führt der hohe Druck auf allen Ebenen ihres Lebens zu körperlichen Beschwerden wie Kopfschmerzen, Verspannungen und Schmerzen im Rücken. Sabrina geht zum Arzt. Sie vermutet einen Bandscheibenvorfall. Aber der Arzt stellt schnell fest, dass Sabrinas Leiden nicht körperlicher, sondern seelischer Natur ist.
Sabrina ist geschockt. Niemals hätte sie gedacht, dass ihr Lebensstil sie in eine Depression führen könnte. Genau dorthin, wovor sie so große Angst hatte.
Als ihr Hausarzt sie zum Psychologen überweist, gesteht sie sich und einer anderen Person zum ersten Mal ein, welcher Belastung sie ausgesetzt ist. Dabei fließen viele Tränen und Sabrina wird klar: Es war höchste Zeit, ihrer hochfunktionalen Depression auf die Schliche zu kommen.
Hilfe suchen, ehe es zu spät ist
Sabrinas Beispiel ist kein Einzelfall. Typisch für die hochfunktionale Depression ist, dass Betroffene dabei sehr langsam ausbrennen. Das passiert so schleichend, dass weder sie selbst noch ihr Umfeld bemerken, dass sie schon Monate oder sogar Jahre in der Überforderung leben.
Die besten Chancen für eine Diagnose besteht in der Selbstreflexion. Fühlt sich mein Leben mehr nach Überleben an? Tue ich Dinge, weil ich sie will, oder nur, weil ich muss? Wann habe ich das letzte Mal echte Freude gespürt?
Solche Fragen können erste Hinweise darauf geben, wie es wirklich um die eigene Seele steht. Stelle ich hier fest, dass etwas im Argen liegt, auch wenn nach außen alles perfekt scheint, sollte ich mir Hilfe suchen. Ich kann dazu etwa mit einer vertrauten Person über meine Herausforderungen sprechen. Oft lohnt es sich aber auch, sich direkt professionelle Hilfe bei einem Psychologen oder einer Seelsorgerin zu suchen.
Nur weil ich gelernt habe, ständig meine Grenzen zu überschreiten und den Schmerz zu verbergen, heißt das nicht, dass ich so weiterleben sollte.
Es wird der Zeitpunkt kommen, an dem der Körper – ähnlich wie bei Sabrina Paul – streiken wird. Dann kann der Weg zurück in ein normales Leben sehr mühsam werden.
Erste Hilfe, wenn es brennt
Sich einen Therapieplatz zu suchen ist die beste Option, wenn das Leben zu einem einzigen Hamsterrad geworden ist. Doch das ist das leichter gesagt als getan, denn Therapieplätze sind rar gesät. Viele Menschen warten lange, bis sie professionelle Hilfe erhalten.
Deshalb nennen wir dir hier einige Erste-Hilfe-Tipps, falls du merkst, dass eine hochfunktionale Depression ein Problem für dich sein könnte und gegensteuern willst. Diese Tipps ersetzen keine Therapie, aber sie können dir helfen, die Zeit bis dahin zu überbrücken oder in einem frühen Stadium das Steuer selbst noch rumzureißen.
1. Innere Glaubenssätze entlarven
Die hochfunktionale Depression lebt von inneren Antreibern in Form von ungesunden Glaubenssätzen wie etwa „Reiß dich zusammen“ oder „Ich darf nicht ausfallen“. Diese Sätze halten den Alltag am Laufen, verschärfen aber oft die innere Erschöpfung.
Ein erster Schritt kann sein, deine problematischen Glaubenssätze bewusst wahrzunehmen. Wer seine Glaubenssätze aufschreibt und sich ehrlich fragt „Hilft mir das oder hält es mich nur funktionsfähig?“, gewinnt Abstand. Veränderung beginnt mit Selbsterkenntnis.
2. Regelmäßige Check-ins und Pausen
Veränderung und Prävention sollte vor allem nicht Selbstoptimierung bedeuten. Damit das gelingt, helfen regelmäßige Check-ins mit sich selbst: Schlafe ich genug? Wie ist mein Energielevel? Bin ich reizbar oder fröhlich? Dadurch bekomme ich eine erste Einschätzung meines persönlichen Stresslevels.
Ebenso hilfreich sind feste Pausen, körperliche Bewegung ohne Leistungsziel und soziale Kontakte, bei denen du nicht stark sein oder funktionieren musst. Wichtig ist, hier bei problematischen Entwicklungen schon frühzeitig gegenzusteuern. Wer wartet, bis nichts mehr geht, ist meist zu spät dran.
3. Der christliche Glaube als Ressource
Auch der christliche Glaube ist eine wichtige Ressource für eine gute mentale Gesundheit. Wenn die Bibel von „Leben in Fülle“ (vgl. Johannes 10,10) spricht, ist das kein Versprechen auf Dauer-Glück oder unbegrenzte Leistungsfähigkeit. Für Menschen mit hochfunktionaler Depression kann das vielmehr bedeuten: Das Leben darf begrenzt und trotzdem wertvoll sein.
Fülle zeigt sich nicht im „Mehr an Leben“, sondern im „Echter leben“, auch und gerade im Glauben.
Wenn du ehrlich vor Gott wirst, Klage zulässt und deine Schwäche vor ihm nicht versteckst, ist dein Glaube nicht mehr ein zusätzlicher Anspruch, sondern wird zu einem Raum, in dem du auftanken kannst, weil du vor Gott nicht funktionieren musst.
4. Verschiedene Lebensbereiche anschauen
Ein weiteres Hilfsmittel kann das sogenannte Lebensrad sein. Es teilt das Leben in Bereiche wie Arbeit, Beziehungen, Gesundheit, Sinn, Freizeit und Spiritualität ein. Jeder Bereich wird auf einer Skala bewertet. Ziel ist, sich damit einen Überblick über das ganze Leben zu verschaffen und zu erkennen: Wo zehre ich mich auf? Wo herrscht seit Monaten Leere?
Gerade bei einer hochfunktionalen Depression hilft dieses Tool, weil es das diffuse Gefühl von „alles ist zu viel“ konkret macht. Es führt plastisch vor Augen, wo Unausgeglichenheit herrscht und zu Unzufriedenheit führt, und liefert damit Ansatzpunkte für kleine, realistische Veränderungen.
Auch zeigt das Lebensrad auf, welche Bereiche richtig gut laufen und eine Kraftquelle sein können. Wenn man etwa bei negativen Werten in puncto Gesundheit oder Arbeit erkennt, dass man trotz allem tragfähige und gute Beziehungen in seinem Leben hat.
5. Hilfsangebote in Anspruch nehmen
Auch ohne Therapieplatz kann man Unterstützung finden. Dies kann über psychosoziale Beratungsstellen, Telefon- und Onlineberatung, Selbsthilfegruppen, Seelsorgeangebote oder ärztliche Gespräche mit dem Hausarzt geschehen. Diese Angebote ersetzen meist keine Therapie, können aber stabilisieren, entlasten und Orientierung geben, ob und welche Therapie die geeignete sein könnte.
Besonders leistungsorientierte Menschen, die eine Sache gerne ganz oder gar nicht machen, empfinden diese „kleinen“ Hilfen manchmal als unzureichend. Aber Hilfe funktioniert nicht nach dem Prinzip „ganz oder gar nicht“.
Auch mehrere kleine Unterstützungen können für den Moment Halt geben und einen vor Schlimmerem bewahren.
Wichtig ist, dass man nicht zu stolz ist, sie in Anspruch zu nehmen. Je früher man dies tut, desto eher kann einem gesundheitlichen Ausfall und einer längeren Therapie vorgebeugt werden.
Genauso wichtig ist aber, mit dem jeweiligen Berater zu erkennen, wenn Grenzen der Hilfe und Betreuung erreicht werden und eine ambulante oder stationäre Psychotherapie notwendig wird.
Schau nicht weg!
Wer jahrelang funktioniert hat, übersieht leicht die eigenen Warnsignale. Das heißt nicht, dass jede Person, die sich in diesen Beschreibungen wiedererkennt, automatisch bereits an einer hochfunktionalen Depression leidet. Aber es schadet nicht, sich diese Frage ehrlich zu stellen.
Viele Menschen kennen das Gefühl, nach außen stabil zu wirken und innerlich immer müder zu werden. Das wahrzunehmen ist keine Schwäche, sondern ein erster, wichtiger Schritt in Richtung Selbstfürsorge – und dieser Artikel möchte dich ermutigen, diesen Schritt zu gehen.
Du musst nicht erst zusammenbrechen, um ernst genommen zu werden.
Wenn du jetzt hinschaust auf das, was dein Leben zu einem unermüdlichen Hamsterrad macht, schützt du dich selbst und das, was dir wichtig ist. Denn du bist mehr als das, was du leistest!
1 Blogartikel von Online-Psychotherapie.de: Hochfunktionale Depression: Erkennen, Ursachen und Bewältigungsstrategien
2 Onlineartikel von Psychologie Heute: Hochfunktionale Depression: Symptome erkennen & Hilfe finden
3 Onlineartikel von Psychologie Heute: Hochfunktionale Depression: Symptome erkennen & Hilfe finden
Ihr Kommentar
Kommentare (1)
Habe das erste mal über diese Art von Depression gehört. Vielen Dank dafür.