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© Bonifatius

15.02.2024 / Buchrezension / Lesezeit: ~ 4 min

Autor/-in: Rebecca Schneebeli

Auf Wiedersehen, kleiner Bruder

Eva Maria Nielsen ermutigt im Buch dazu, sich mit der Krebserkrankung von Kindern auseinanderzusetzen.

 

Was macht es mit einem Kind, wenn Bruder oder Schwester stirbt? Dieser Frage geht das Buch „Auf Wiedersehen, kleiner Bruder“ von Eva Maria Nielsen nach. Die Autorin und Theologin war früher in der Krankenhaus- und Jugendseelsorge tätig. In ihrem Vorlesebuch erzählt sie die Geschichte von Leo. Die Erzählung selbst ist erfunden, steht aber sinnbildlich für die Erfahrungen vieler Kinder, die ein Geschwisterkind verlieren.

Eine Geschichte des Abschiednehmens

Leo ist ein ganz normaler Junge und lebt an der Ostküste Dänemarks. Er spielt gerne Fußball und schwärmt für das Nachbarsmädchen Josie. Sein Lebensmittelpunkt ist die Villa Vittoria, in der er mit seinen Eltern, seinem Bruder Paul und der kleinen Schwester Anna wohnt, die alle nur Annanas nennen. Schon auf den ersten Seiten malt Eva Maria Nielsen das Bild einer herzlichen und lustigen Familie, von der man gerne ein Teil sein möchte.

Doch dann fühlt sich Paul plötzlich immer öfter krank, er isst kaum noch etwas und die Eltern gehen mit ihm zum Arzt. Als Leser erleben wir dies mit Leo aus der Beobachterrolle. Wir fühlen mit ihm, wenn er hofft: Sobald die Ärzte wissen, was mit Paul ist, wird es ihm besser gehen. Gleichzeitig ahnen wir: So einfach wird das nicht.

Es stellt sich heraus, dass Paul Krebs hat. Er kommt ins Krankenhaus und Leo kämpft mit widerstreitenden Gefühlen der Eifersucht und Sorge um den kleinen Bruder. Als Paul endlich aus dem Krankenhaus zurückkommt, scheint es zunächst wieder aufwärtszugehen. Leo und Josie schieben Paul in der Schubkarre durchs Dorf und spielen dabei den ein oder anderen Streich; das Leben normalisiert sich.

Aber dann muss Paul wieder ins Krankenhaus und Leo spürt, bald heißt es Abschied nehmen. Doch weder Leo noch seine Eltern wollen es wahrhaben. Die Familie erlebt noch ein schönes Weihnachtsfest bei den Großeltern in Italien und feiert zusammen Silvester, kurz darauf stirbt Paul im Kreis seiner Familie.

Krebs einfühlsam und kindgerecht darstellen

Eva Maria Nielsen schafft es vortrefflich, die Entwicklung von Pauls Erkrankung bis zu seinem Tod durch die Augen des Geschwisterkindes Leo zu schildern. „Auf Wiedersehen, kleiner Bruder“ kommt dabei mit ganz viel Fingerspitzengefühl, aber auch einer ordentlichen Prise Humor daher. Es ist das erste Kinderbuch, das ich seit Jahren lese, doch es hat mich schwer beeindruckt.

Denn Eva Maria Nielsen versteht es, das schwere Thema „Tod eines Geschwisterkindes“ in einfühlsame Worte zu fassen. Als Leserin habe ich mit Leo mitgelitten, ihm aus der Perspektive seiner Freundin Josie beigestanden und wurde für die Zeit des Lesens Teil der Villa Vittoria. Auch die filigranen Illustrationen von Rebecca Mayer geben dem Buch seinen ganz besonderen Charme.

Eva Maria Nielsen versteht es, das schwere Thema „Tod eines Geschwisterkindes“ in einfühlsame Worte zu fassen.

Sehr authentisch fand ich, wie unterschiedlich die verschiedenen Familienmitglieder mit der Krankheit von Paul umgehen. Jeder versucht auf seine eigene Art und Weise, das Geschehen zu verarbeiten, und dennoch stehen sie alle einander und Paul bei, ganz so wie man es sich in einer echten Familie auch wünscht.

Hoffnung als zentrales Motiv

Dass dabei keine Depri-Stimmung entsteht, dafür sorgen Paul, der es selbst todkrank noch faustdick hinter den Ohren hat, und der Sinn der Autorin für Situationskomik.

Nie ist das Buch nur schwer, nur traurig, nur deprimierend. Es atmet auf jeder Seite auch Lebensfreude und Hoffnung.

Immer wieder erscheint auch der christliche Glaube als solch ein Hoffnungsspender für den ein oder anderen Bewohner der Villa Vittoria. Es hat mir sehr gefallen, wie die Autorin hier ihre eigenen Glaubensüberzeugungen einwebt und es doch so offen tut, dass es nicht als die eine Lösung präsentiert wird, um in schweren Umständen neue Hoffnung zu fassen.

Obwohl die Autorin Position für ihr eigenes christliches Lebensverständnis bezieht, überlässt sie es den Lesern, ob sie dem folgen wollen oder nicht. Dazu gehört, dass sie ganz bewusst auch Figuren gestaltet und zu Worten kommen lässt, die in anderen Dingen als im Glauben Hoffnung über den Tod eines geliebten Menschen hinaus finden.

Das macht das Buch lebensecht und zu einem guten Geschenk für betroffene Familien, ganz gleich, wie sie zum christlichen Glauben stehen.

Fazit: Ein Kinderbuch voll Tiefgang und Humor zu einem wichtigen Thema

Insgesamt ist „Auf Wiedersehen, kleiner Bruder“ ein wundervolles Kinderbuch, das mit ganz viel Tiefgang, Hoffnung und Humor schwere Themen wie Krebs, Trauer und Tod anspricht.

Ich empfehle dieses Buch jedem Kind und jeder Familie, die in irgendeiner Weise von diesen Thematiken betroffen ist oder betroffene Familien persönlich kennt.

Besonders hilfreich ist auch die Handreichung am Ende des Buches. Für betroffene Familien sowie Kinder und Eltern, die mit betroffenen Familien zu tun haben, enthält sie viele gute Tipps zum Umgang mit trauernden Kindern. Hier spürt man, dass die Autorin auch praktisch in der Begleitung von Kindern und Familien tätig war und nicht nur eine berührende Geschichte erzählt.

 Rebecca Schneebeli

Rebecca Schneebeli

  |  Redakteurin

Sie schätzt an ihrem Job, mit verschiedenen Menschen und Themen in Kontakt zu kommen. Sie ist verheiratet und mag Krimis und englische Serien.

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