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© Aedrian / unsplash.com

07.04.2022 / Service-Artikel / Lesezeit: ~ 4 min

Autor/-in: Micaela Kassen

Gesunden Glauben entwickeln

Wie ich ungesunde Gottesbilder ablege und Gott finden kann…


„Gott hat meinen Onkel getötet!“ – Dieser Satz einer Mitschülerin aus dem Religionsunterricht ist mir besonders hängengeblieben. Ihre Verlusterfahrung formte ihr Gottesbild. Und dieses Bild war eher negativ: Gott ist böse.

Damals hörte ich auch einen anderen Mitschüler über Gott sagen: „Wenn du etwas Schlechtes über Gott sagst, kann Gott einen Blitz schicken und dafür sorgen, dass du sofort stirbst“. In seinen Augen war Gott vielleicht jemand, der nur darauf wartet, jemanden bestrafen zu können.

Als ich später eine Kirche besuchte, stieß ich auf weitere Gottesbilder. Manche Menschen – nicht alle – glaubten an einen Gott, der sie vor allem Unheil bewahren würde, wenn sie nur an ihn glauben würden. So positiv dies auf ersten Blick scheint, letztendlich ist auch das ein einseitiges Bild von Gott.
 

Wie entsteht ein Gottesbild?

Ein Mensch wird nicht mit einem bestimmten Gottesbild geboren. Mein Gottesbild – sofern ich an einen Gott glaube – wird geformt. Dies kann durch meine Kultur passieren, die Gesellschaft sowie durch persönliche  Erfahrungen, und wie ich diese Erfahrungen bewerte.

Die Kirche kann mein Gottesbild beeinflussen, z.B. in einer Predigt oder einem Seelsorgegespräch. Autoritätspersonen in der Kirche können mein Gottesbild beeinflussen. Wenn sie liebevoll und verständnisvoll wirken, entwickle ich vielleicht eher ein positives Gottesbild. Wenn sie gerne ihre Macht ausspielen und sich als allwissend ausgeben, wird mir vielleicht eher ein angstmachendes Gottesbild vermittelt.
 

Biblische Gottesbilder

In der Bibel werden eine Reihe von Gottesbildern präsentiert. Einige Beispiele sind:

Wie kann ich mit meinem Gottesbild umgehen?

1. Ich hinterfrage mein Gottesbild

Ich mache mir bewusst, dass mein Gottesbild geprägt wurde. Manches mag mir bewusst sein, manches eher nicht. Meine Familie, der Religionsunterricht, der Kontakt mit der Kirche (z.B. im Konfirmandenunterricht) hat mein Gottesbild wahrscheinlich geprägt. Ich kann mich fragen, woher ich welche Ansichten habe. Welche Aspekte sind in den Vordergrund geraten? Sind sie dort am richtigen Platz? Welche Ansichten gibt es noch? Ist mein Gottesbild ausgewogen? Die Bibel spricht zum Beispiel oft von Gott als Vater. Wenn meine Beziehung zu meinem eigenen Vater eher problematisch ist, kann dies meine Beziehung zu Gott durchaus prägen.

Es kann sein, dass mir in der Kirche ungesunde Gottesbilder vermittelt wurden, wenn ich Zwang und soziale Kontrolle erfahren habe. Verhaltensweisen, die andere Christen zeigen, kann man auf Gott übertragen haben. Dies kann z.B. auch passieren, wenn mit Fehlern nicht richtig umgegangen und Menschen lieblos kritisiert wurden.

Vielleicht haben andere Menschen Erwartungen an mich gestellt, die ihre eigenen waren, diese aber als den Willen Gottes verkauft. Alle Erfahrungen, die ich mit Christen mache, können mein Gottesbild beeinflussen. Ebenso können dies aber auch Serien oder Filme tun und Klischees, die es über den Glauben gibt.
 

2. Ich behalte das Gute

Ich kann mich fragen, welche positive Erfahrungen ich gesammelt habe. Was ist mein persönliches Erlebnis mit Gott, das mich prägt? Ich kann darüber nachdenken, welche Vorbilder ich habe und wer authentisch auf mich wirkte und immer noch wirkt und welches Gottesbild diese Person vermittelt.

Außerdem lohnt es sich, in die Bibel zu schauen und herauszufinden, welche Aussagen Gott über sich selbst trifft. Wie beschreibt er sich selbst – und welche vertrauten, aber auch überraschenden Aussagen finde ich dort? Dass Gott sich als einen guten Hirten (Johannes 10,11) beschreibt, ist mir vielleicht vertraut – aber wie ist es mit ihm als liebenden Bräutigam (Jesaja 62,5)? Was entdecke ich in diesem Bild?

Auch spannend: der Gott, der mit Jakob ringt – und verliert. Warum steht diese mysteriöse Geschichte in der Bibel und was entdecken wir darin über die Art, wie Gott dem Menschen begegnet? (Artikel-Empfehlung: ⁣Von Gott gepackt und doch gesegnet)
 

3. Ich lege ungesunde Gottesbilder ab

Ungesunde Gottesbilder, die ich ablegen kann, können zum Beispiel sein:

  • Gott ist vor allem wichtig, dass ich mich selbstoptimiere
  • Gott möchte, dass ich von einem geistlichen Erfolg zum nächsten gehe
  • Gott nimmt mich nur an, wenn ich alles richtig mache
  • Gott erwartet strikten Gehorsam
  • Gott erwartet, dass ich nichts hinterfrage
  • Gott erwartet, dass ich zu jedem Zeitpunkt Fröhlichkeit ausstrahle
  • Gott erwartet, dass ich mich nicht mehr beschwere oder beklage
  • Gott erwartet, dass ich nichts kritisiere
  • Gott erwartet, dass ich alles einstecken kann
  • Wenn mir etwas Schlechtes widerfährt, hat Gott mich bestraft
  • Gott beschützt mich vor allem Bösen
  • Gott will, dass ich überall die beste Leistung erbringe

 

Alle Menschen machen unterschiedliche Erfahrungen mit dem Glauben. Es ist unwahrscheinlich, dass ich in meinem Leben jede Facette Gottes kennenlernen kann. Ich werde nicht alles wissen. Selbst wenn ich Pfarrer einer Kirche bin: Ich habe die Weisheit nicht mit Löffeln gefressen. Meine Erkenntnis bleibt nur Stückwerk – und das mein ganzes Leben.

Ich persönlich denke, dass jeder Mensch seinen eigenen Weg mit Gott hat. Der Weg, den Gott mit mir geht, ist nicht der, den Gott mit anderen Menschen geht. Vielleicht regt mich der ein oder andere Gedanke Anderer jedoch an, mein Gottesbild zu überdenken. Es kann auch sein, dass in bestimmten Phasen meines Lebens bestimmte Gottesbilder in den Vordergrund rücken. Und das Gute ist: Gott ist so groß, so vielfältig und so viel größer als meine Vorstellung, dass ich immer wieder etwas Neues in ihm entdecken kann.

Manchmal ist es vielleicht notwendig, dass ich ein vertrautes, jedoch ungesundes Bild von Gott loslasse, auch wenn es schwer ist. Um eine gesunde Religiosität zu entwickeln, hilft es mir, wenn ich mich hin und wieder frage, ob mein Gottesbild noch ausgewogen ist und es das biblische Gottesbild widerspiegelt.

 Micaela Kassen

Micaela Kassen

  |  Freie Mitarbeiterin

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Kommentare (1)

Martina /

Danke, dass ihr da seid.

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