Als Geschwister streitet man sich manchmal, oder? Wir haben uns als Kinder hin und wieder ganz schön gezofft. Das hat unserem Zusammenhalt aber keinen Schaden zugefügt. Heute, im Erwachsenenalter, stehen wir in Freud und Leid fest zusammen. Gott sei Dank!
Schon in der Bibel finde ich Geschichten von Geschwistern, die heftig aneinandergeraten und sich dann jahrelang spinnefeind gewesen sind. Das war bei uns zum Glück anders, denn wenn wir Kinder mal wieder gestritten hatten, wurden wir dazu angehalten, uns auch gefälligst wieder zu vertragen. Haben wir dann auch gemacht. Und das war gut so.
Hanni und Nanni oder Jakob und Esau
Ich habe als Kind „Hanni und Nanni“ verschlungen. Die quirligen Zwillinge hatten es mir angetan. Interessant, wenn man seiner Schwester so ähnlich sieht, dass man den einen oder die andere an der Nase herumführen kann, weil die einen partout nicht unterscheiden können. Geniale Sache, ganz schön lustig. Und die Geschichten von Hanni und Nanni gehen ja durch die Bank weg gut aus.
Ganz anders verhält es sich mit einem Zwillingspaar aus dem Alten Testament. Erstens handelt es sich hier um zwei Jungs und dann sind sie sich auch überhaupt nicht ähnlich. Äußerlich nicht und auch vom Wesen her nicht. Alles anders – das Aussehen, die Interessen, die Begabungen. Trotzdem schafft es einer, sich für den anderen auszugeben und damit den Vater nach Strich und Faden zu betrügen. Üble Sache, gar nicht lustig. Und wenn nicht Gott selbst eingegriffen hätte, wäre die Geschichte alles andere als gut ausgegangen.
Wenn der Magen über den Verstand siegt
Aber der Reihe nach. Eines Tages kommt Esau, der ältere der beiden Brüder, von der Jagd zurück. Müde und hungrig. Schlechte Ausgangslage für gute Entscheidungen. Sein Zwillingsbruder Jakob hat Linsen gekocht. Offenbar so lecker, dass Esau unbedingt davon essen möchte. Jakob erkennt seine Chance und macht seinem Bruder ein ungeheuerliches Angebot: Dein Erstgeburtsrecht für meine Linsen.
Esau geht darauf ein. Sein Hunger muss riesig gewesen sein. Denn in dem Augenblick, in dem er sein Erstgeburtsrecht abgibt, verzichtet er auf alle Privilegien, die ihm als Erstgeborenem zustehen.
Doch damit nicht genug. Irgendwann kommt der Vater Isaak in ein Alter, in dem er mit seinem baldigen Ende rechnet. Deswegen bestellt er Esau zu sich. Er will ihm den Erstgeburtssegen zusprechen. Vorher soll Esau ihm ein Wild jagen und es zum Essen zubereiten. Als Esau loszieht, um den Wunsch des Vaters zu erfüllen, werden Jakob und die Mutter Rebekka aktiv. Mit der tatkräftigen Hilfe seiner Mutter serviert Jakob dem Vater ein – heute würde man sagen gefaktes – Wildgericht und gibt sich für seinen Bruder aus. Durch Verkleidung und eine Reihe handfester Lügen schafft er es, seinen fast erblindeten Vater zu überlisten und erschleicht sich dessen Segen.
Dir werde ich es zeigen!
Als Esau nichtsahnend zu seinem Vater zurückkommt, ist das Entsetzen groß und der Schaden nicht mehr rückgängig zu machen. Da schwört der Betrogene Rache. Er beschließt, seinen Bruder umzubringen, sobald der Vater gestorben ist.
Wieder hilft Rebekka ihrem zweitgeborenen Sohn. Sie sorgt dafür, dass Jakob rechtzeitig fliehen kann und den Mordplänen seines Bruders entkommt. Mit dem neuerlichen Segen seines Vaters Isaak, man höre und staune. Als der nämlich von den Fluchtplänen hört, segnet er seinen Sohn Jakob noch einmal und gibt ihm Weisungen für sein Leben in der Fremde mit.
Und dann spricht Gott
Auf seiner Reise ins Ungewisse begegnet Jakob in einem Traum dem lebendigen Gott, der ihm zusagt: „Ich bin der HERR, der Gott deines Vaters Abraham, und Isaaks Gott; das Land, darauf du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben. Und dein Geschlecht soll werden wie der Staub auf Erden, und du sollst ausgebreitet werden gegen Westen und Osten, Norden und Süden, und durch dich und deine Nachkommen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden. Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land. Denn ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe.“ (1. Mose 28,13-15)
Für Jakob folgen viele Jahre, die er weit entfernt von seinen Eltern, dem Zwillingsbruder und seiner Heimat lebt. Dort bringt er es mit Gottes Hilfe nach und nach zu großem Wohlstand, im Lauf der Jahre gründet er eine weitverzweigte Familie, seine Viehherden sind gewaltig, sein Besitz Gesprächsthema.
Das zieht Neider auf den Plan, sodass Jakob wieder seine Koffer packen und sich aus dem Staub machen muss. Dieses Mal wieder zurück in die Heimat – geradewegs in die Arme seines Bruders, von dem er nicht weiß, wie er inzwischen zu ihm steht.
Jakob hat genügend Gründe, sich vor dieser Begegnung mit Esau zu fürchten. Aber er geht. Vielleicht erinnert er sich an die Zusage des lebendigen Gottes, die er auf seiner ersten Flucht erhalten hat.
Vermutlich aber verleiht ihm eine erneute Zusage Gottes den nötigen Mut zum Aufbruch. Die bekommt er nämlich – wie den väterlichen Segen – gleich zweimal, wenn auch mit zeitlichem Abstand.
Auf der Flucht aus der Heimat hatte Gott Jakob zugesagt, dass er ihn nicht verlassen wird, und als er nun in der Fremde nicht mehr bleiben kann, sagt Gott zu Jakob: „Zieh wieder in deiner Väter Land und zu deiner Verwandtschaft“ und versichert ihm erneut: „Ich will mit dir sein“ (1. Mose 31,3). Das genügt für Jakob.
Die Angst geht mit
Aber die Angst geht mit. Jakob trifft Vorbereitungen für den Fall, dass es zum Schlimmsten kommt. Er schickt Boten voraus, die Esau Bescheid geben sollen, dass er, Jakob, auf dem Weg zu ihm ist. Nicht nur das, er bezeichnet sich selbst als Esaus Knecht und bittet ihn um Gnade.
Als die Boten zurückkommen, teilen sie ihm nur mit: „Wir kamen zu deinem Bruder Esau, und er zieht dir auch entgegen mit vierhundert Mann“ (1. Mose 32,7). Jakob schwant nichts Gutes. Er teilt alles, was er hat – Familie, Angestellte und Viehherden – in zwei Hälften. Damit versucht er, wenigstens einen Teil zu retten, falls Esau den anderen Teil vernichten sollte.
Doch wichtiger als dieser Schachzug ist es, dass Jakob sich mit seiner Furcht an Gott wendet und ihn an seine Zusagen erinnert.
Gleichzeitig wird ihm bewusst, dass er die Wohltaten Gottes nicht verdient hat, sondern dass es allein an Gottes Gnade und Treue liegt, wenn er heil davonkommt. Er sagt zu Gott:
„HERR, der du zu mir gesagt hast: Zieh wieder in dein Land und zu deiner Verwandtschaft, ich will dir wohltun –, ich bin zu gering aller Barmherzigkeit und aller Treue, die du an deinem Knechte getan hast; denn ich hatte nicht mehr als diesen Stab, als ich hier über den Jordan ging, und nun sind aus mir zwei Lager geworden. Errette mich von der Hand meines Bruders, von der Hand Esaus.“ (1. Mose 32,10-12).
Dann schickt Jakob mehrere Gruppen von Knechten samt Tieren voraus. Ein großzügiges Versöhnungsangebot auf vier Beinen.
Eine andere Konfrontation als erwartet
Zunächst allerdings findet ein nächtlicher Ringkampf statt. Doch nicht etwa mit Esau, sondern mit Gott. Dieser steht Jakob als Unbekannter gegenüber und fordert ihn zum Kampf auf. Die ganze Nacht ringen sie miteinander. Erst im Morgengrauen wird Jakob klar, dass ihm Gott selbst gegenübersteht, und bittet ihn erneut um dessen Segen.
Gott segnet Jakob und gibt ihm im Anschluss sogar einen neuen Namen. Trotz seiner Vergangenheit mit so manchem selbstverschuldetem Durcheinander bekommt er nun den göttlichen Segen für seine Zukunft.
Ob er das selbst begreifen kann? Offensichtlich ist dieses Ringen mit Gott und der erneute Segen die Voraussetzung dafür, dass Jakob endgültig die Vergangenheit hinter sich lassen und in eine neue Zukunft starten kann.
Kaum, dass er diesen Segen erhalten hat, rückt Esau näher. Mit 400 Männern im Gefolge. Jakob stellt die Seinen auf, seine Liebsten ganz nach hinten und er geht voraus – seinem Bruder entgegen. Ziemlich demütig sogar, denn es wird berichtet, dass Jakob sich siebenmal vor Esau verneigt. Vielleicht zittert er sogar innerlich, ob der Bruder seine zum Frieden ausgestreckte Hand entgegennehmen wird.
Versöhnung durch Gottes Gnade
Esau kommt auf Jakob zugerannt – und siehe da: Nichts von Rache, Wut, altem Zorn oder Bitterkeit. Keine Vorwürfe, nur Freude über das Wiedersehen. Nicht einmal Jakobs Geschenke will Esau annehmen. Die sind ihm nicht wichtig. Hauptsache, er hat den Bruder wieder.
Und Jakob? Er, der dem Bruder alles genommen hat – die Erstgeburt und den Segen – drängt nun darauf, dass Esau etwas von den Segnungen annimmt, mit denen Gott ihn im Lauf der Jahre beschenkt hat. Was für eine Geschichte!
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