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© Neil Daftary / unsplash.com

17.09.2010 / Andacht / Lesezeit: ~ 7 min

Autor/-in: Online-Redaktion

Was ist wichtiger: Einheit oder Lehre?

Wahrscheinlich gibt es so viele Meinungen zur Bibel, wie es Christen gibt. Doch wie gelingt ein gesundes Miteinander?


Wenn man mit verschiedenen Christen spricht, merkt man schnell, dass es keinen gibt, der exakt so denkt oder die Bibel in allen Dingen genauso versteht, wie man selbst. Über manche Fragen, wie etwa die Lehre der Vorherbestimmung, streiten sich nicht nur Theologen schon seit Jahrhunderten. Aber auch weniger komplizierte Themen wie die Frauenordination sorgen für heiße Diskussionen.

Manche sind davon überzeugt, dass es nur eine richtige Antwort auf solche Fragen gibt. Wer die Bibel richtig auslegt, der müsse zum gleichen Ergebnis kommen, wie sie selbst. Andere versuchen, Unterschiede mit dem Deckmäntelchen der Liebe zuzudecken. Schließlich sei es wichtiger, dass es keine Unstimmigkeiten gibt, als dass man darum ringt, welcher Standpunkt der Lehre der Bibel eher entspricht.
 

Selbsterkenntnis ist der erste Weg zur Besserung

Das Ringen um unterschiedliche Positionen ist nicht neu. Das Neue Testament berichtet sogar von gravierenden Irrtümern, die in der christlichen Gemeinde aufgetreten sind. Auch Leiter waren nicht davor gefeit. So musste Paulus Petrus nachdrücklich zurechtweisen, weil dieser Dinge getan hat, die nicht richtig waren (Galater 2,11-21). Wir sollten uns sicher nicht idealistischer sehen als Petrus. Wenn er sich irren konnte, dann stehen wir alle in der Gefahr, falsche oder unbiblische Sichtweisen zu lehren oder zu vertreten. Deshalb müssen wir immer um unsere Haltung ringen. Bei diesem Ringen können wir nicht auf die Korrektur anderer Christen verzichten. Darüber hinaus gilt es, eine gesunde Balance zwischen einem Streben nach Einheit um jeden Preis einerseits und einer Überbewertung einzelner Lehrfragen andererseits zu finden.

Insbesondere das Neue Testament ermahnt Christen immer wieder zur Einheit. Paulus schreibt im 1. Korintherbrief folgendes:

Brüder und Schwestern, im Namen von Jesus Christus, unserem Herrn, rufe ich euch auf: Seid einig! Bildet keine Gruppen, die sich gegenseitig bekämpfen! Haltet in gleicher Gesinnung und Überzeugung zusammen! (1.Korinther 1,10).

 

Ähnliche positive Aussagen über Einheit, bzw. negative Aussagen über Spaltungen, finden sich z.B. in Johannes 17,20-21; 1.Korinther 11,18; Galater 3,28 und Galter 5,20. Das Neue Testament bedauert Spaltungen nicht nur, sondern es nennt auch ihre Ursachen. Hier sind vor allem zwei Punkte zu nennen:
 

Warum es kracht

Ein nicht zu unterschätzender Faktor bei Spaltungen und Meinungsverschiedenheiten unter Christen ist Mangel an Liebe. Persönliche Verärgerung, Hass, Neid, nicht bekanntes Unrecht an Mitchristen oder andere Dinge können dazu führen, dass Christen sich trennen. In manchen Fällen dienen dann lehrmäßige Unterschiede nur noch als Vorwand. Paulus ermahnt im Römerbrief einmal zwei seiner Mitarbeiterinnen in diesem Sinne (Philipper 4,2-3).

Neben Lieblosigkeit und Egoismus wird im Neuen Testament auch falsche Lehre als Ursache für Spaltungen angeführt. Nach den Aussagen des Neuen Testaments, ist derjenige, der falsch lehrt, für die Spaltung verantwortlich. Dabei spielt es keine Rolle, ob eine tatsächliche organisatorische Trennung von ihm herbeigeführt wird oder nicht. Manchmal tritt auch der umgekehrte Fall ein: Christen sehen keinen anderen Weg, als sich von einer Gemeinde zu trennen, weil in dieser über wesentliche Dinge falsch gelehrt wird. 1.Korinther 11,19 zeigt, dass eine solche Entscheidung in manchen Fällen berechtigt ist.

Falsche Lehre hat viele Facetten. Die folgenden Beispiele zeigen einige Möglichkeiten, wie es dazu kommen kann, dass der Inhalt der Bibel verdreht oder zu einseitig verstanden wird:
 

Manche nehmen was vom Inhalt weg

Wenn biblische Aussagen verneint oder abgelehnt werden, ist das die vielleicht einfachste und offensichtlichste Art die Lehre der Bibel zu verfälschen. Mancher verneint biblische Aussagen, weil sie seine Vorstellungskraft übersteigen. Was nicht rational nachvollziehbar ist, kann nicht den Tatsachen entsprechen. Aus diesem Grund verneinen manche Christen die Wunder, über die die Bibel berichtet.

Paulus macht am Beispiel Auferstehung deutlich, warum ein solcher Umgang mit der Bibel den Glauben aushöhlt (1.Korinther 15,14). Ähnlich verhält es sich mit einigen ethischen oder dogmatischen Fragestellungen. So werden teilweise biblische Aussagen nur zeitbedingt gesehen, weil ihr Inhalt nicht dem eigenen Empfinden, Erfahrungen oder der heutigen Norm entspricht. Das gilt zum Beispiel für den Bereich der Sexualethik oder der Frage, ob Gottes Geist Gläubige auch heute noch mit gewissen Fähigkeiten ausstattet.
 

Manche fügen Dinge hinzu

Eine andere Variante, biblische Aussagen zu verfälschen, ist ihre Ergänzung durch menschliche Ideen und Vorstellungen. Jesus setzt sich genau aus diesem Grund oft mit den Pharisäern seiner Zeit auseinander. In Matthäus 15,1-20 wird von solch einer Auseinandersetzung berichtet. Der Vorwurf Jesu an seine Gegner lautete: „Warum übertretet ihr das Gebot Gottes euren überlieferten Vorschriften zuliebe?“

Leider gab es in der Kirchengeschichte immer wieder einflussreiche Menschen, die meinten, die Gebote Gottes verschärfen zu müssen. Sie haben somit aber die Worte Gottes genauso verfälscht, wie diejenigen, die Aussagen daraus verneinen. Die Liste menschlicher Verbote in der Christenheit ist unendlich. Sie reichte oder reicht zum Teil noch immer von dem Verbot, Alkohol zu trinken oder zu heiraten bis zu dem Verbot tief einzuatmen.
 

Manche halten Spannungen nicht aus

Ein weiteres Grundübel in theologischen Auseinandersetzungen ist die Vereinfachung komplexer Zusammenhänge. So gibt es in der Bibel z.B. eindeutige Aussagen, dass Jesus Christus ein Mensch war und ist (z.B. 1.Timotheus 2,5). Daneben gibt es solche, die deutlich machen, dass er Gott ist (z.B. 1.Johannes 5,20).

Immer wieder sind Menschen mit diesen Aussagen so umgegangen, dass sie diese komplexen Aussagen ihrer Vorstellung angepasst und vereinfacht haben. Die einen haben die Menschlichkeit Jesu so betont, dass sie damit seine Göttlichkeit verneinten. Die anderen haben seine Göttlichkeit so betont, dass seine Menschlichkeit verneint wurde.

Man kommt schnell zu falschen Aussagen, wenn man für die eigene Meinungsbildung nicht den Gesamtzusammenhang der Bibel zugrunde legt oder einzelne Aussagen aus ihrem Zusammenhang reißt.

 

Diese drei Möglichkeiten zeigen, dass es unterschiedliche Gründe für falsche Lehre gibt. Vermutlich findet sich jeder Christ in einer dieser Gruppierungen wieder und hat die Tendenz, auf irgendeiner Seite vom Pferd zu fallen. Wer weiß, wo er nicht ganz sattelfest ist, tut gut daran, sich selbst in dieser Beziehung immer wieder zu hinterfragen und im Gespräch mit anderen Christen zu bleiben.
 

Pluralismus als Lösung?

Da Jesus und die Autoren des Neuen Testamentes die Einheit der Christen als wünschenswertes Ziel bezeichnen, stellt sich die Frage, wie diese erreicht werden kann. Dabei gibt es zwei unterschiedliche Denkansätze. Beide gehen von einem gewissen Pluralismus aus und haben Stärken und Schwächen.

Der eine Denkansatz versucht Christen so zu einen, dass niemand seine Ansichten hinterfragen muss. Das Ergebnis ist ein Nebeneinander verschiedener Meinungen, bei dem es kein richtig oder falsch gibt. Diese Sicht ermöglicht es, Gottesdienste miteinander zu feiern, auch wenn man unterschiedliche theologische Positionen vertritt.

Problematisch wird diese Vorgehensweise da, wo die Frage nach dem richtigen Verständnis biblischer Texte ausgeklammert wird. Das entspricht nicht dem neutestamentlichen Gemeindeverständnis. Paulus, Petrus oder Johannes haben einen Großteil ihrer Briefe gerade deswegen geschrieben, weil sie um den Glauben gerungen und die Gemeinden vor Irrlehren gewarnt haben.

Der zweite Denkansatz geht davon aus, dass Christen da eine Einheit bilden, wo sie zentrale biblische Aussagen als verbindlich anerkennen, während Nebensächlichkeiten unterschiedlich gehandhabt werden. Diese Sicht spiegelt das neutestamentliche Verständnis wider, dass sich Christen bis zur Wiederkunft Jesu nie vollständig über alle Fragen des Glaubens einig sein werden (Epheser 4,11-14). Die Schattenseite dieser Herangehensweise wird dort sichtbar, wo Christen sich in tausend kleine Gruppen zersplittern, von der jede glaubt, dass sie den Glauben ein bisschen besser versteht als alle anderen.
 

Hilfreiche Kriterien für die Beurteilung einer Lehre

Da es offensichtlich ist, dass es Uneinigkeit unter Christen gibt und sie auch nie ganz beseitigt werden kann, stellt sich die Frage nach den Kriterien der Beurteilung einer Lehre. Die Konkordienformel, eine lutherischen Bekenntnisschrift, beschreibt das Zentrum der christlichen Lehre mit vier Aussagen. Diese sogenannten „particulae exclusivae“ (Ausschließlichkeitsformeln) sind nach protestantischem Verständnis ein gutes Kriterium für die Unterscheidung von rechter und falscher Lehre:

  1.  „Allein Christus“ (solus christus): Diese Aussage macht deutlich, dass Gott Menschen ausschließlich aufgrund des Opfertodes Jesu rettet. Ein veränderter Lebenswandel, innige Frömmigkeit oder auch Umkehr zu Gott sind das Ergebnis dieses Opfertodes und nicht die Ursache für die Erlösung (vgl. z.B. Römer 5,19). Christus ist zugleich auch das Zentrum des Glaubens. An ihm entscheidet sich nach christlichem Verständnis die Frage nach „glauben oder nicht glauben“ (Johannes 3,1-21).
  2. „Allein durch die Schrift“ (sola scriptura): Durch diese Aussage wird geklärt, von welchem Christus die Rede ist. Die Bibel spricht davon, dass Christus wahrer Gott und wahrer Mensch ist, während der Koran Jesus zum Beispiel nur als einen Propheten bezeichnet. Christen glauben, dass sich Gott spezifisch und in gewisser Hinsicht auch ausschließlich in der Bibel offenbart hat. Deswegen hat dieses Buch eine zentrale und maßgebliche Stellung für ihren Glauben und für Fragen der Lehre (2.Timotheus 3,14-17).
  3. „Allein durch die Gnade“ (sola gratia): Durch diese Worte wird formuliert, dass niemand ein Recht darauf hat, von Gott erlöst zu werden. Die Bibel macht klar, dass der Wille zu glauben und die Werke, die aus dem Glauben folgen ein unverdientes Geschenk Gottes sind (Römer 9,16).
  4. „Allein durch den Glauben“ (sola fide): Die Erlösung von Menschen ist in der Entscheidung Gottes begründet. Seine Entscheidung ist die Ursache der Erlösung. Der Glaube ist sozusagen das Mittel, durch das die Erlösung zum Menschen gelangt (Römer 3,28).
     

Zusammenfassung

Kein Christ wird in seinem Leben an den Punkt kommen, an dem er ein für alle Male ein Gerüst hat, mit dem er die unterschiedlichsten Aussagen und Meinungen in christlichen Gemeinden fehlerlos beurteilen kann. Wer sich dessen bewusst ist, lernt, in Liebe auf die Personen einzugehen, die seine Meinung nicht teilen.

Umgekehrt ist ebenso wichtig, die wesentlichen Punkte des Glaubens zu erkennen und an ihnen festzuhalten, auch dann, wenn sie von anderen Christen hinterfragt werden. Ein respektvoller Umgang schließt unterschiedliche Meinungen nicht aus. Bei vielen Fragen bleibt uns Christen nur ein gemeinsames Ringen. Manchmal führt das schließlich zu einer Abgrenzung oder Trennung von bestimmten Gemeinden. Aber es sollte nie dazu kommen, dass die anderen diffamiert werden.