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© Johannes Plenio / unsplash.com

18.12.2023 / Andacht / Lesezeit: ~ 3 min

Autor/-in: Kai Rinsland

In der Dunkelkammer der Zeit

Von der Sehnsucht nach Licht – im Advent und zu anderen Zeiten des Jahres. Eine Andacht.

Es ist Montag nach dem dritten Advent. Heiligabend rückt unaufhaltsam näher. In wenigen Tagen feiern wir Weihnachten und sehen das Kind in der Krippe. Es ist das Fest der Geburt von Jesus. Lasst uns also über Karsamstag sprechen!

Wie bitte? Was hat Karsamstag mit der Adventszeit zu tun? Nun, es gibt durchaus Gemeinsamkeiten, drei davon fallen mir auf.

Vorbereitung durch Fasten

Die erste Gemeinsamkeit zwischen Karsamstag und der Adventszeit ist das Fasten. Karsamstag als letzter Tag der Passionszeit gehört zur Fastenzeit vor dem Osterfest. Und was lange schon in Vergessenheit geraten ist bei allem vorweihnachtlichen Konsum, der Betriebsamkeit und der Fülle süßer Leckereien: Auch der Advent wurde in der alten Kirche ursprünglich als Fastenzeit begangen.

Schon seit dem 5. Jahrhundert sollten die Christen in den Wochen vor dem Weihnachtsfest mehrmals in der Woche fasten. In beiden Fällen ist das Fasten eine äußere und innere Übung, um den Kopf freizubekommen und die Sinne zu schärfen, für das Wesentliche, das Große, für das, was kommt.

Es kommt noch was!

Genau das ist die zweite Gemeinsamkeit zwischen Karsamstag und dem Advent. Beide enthalten die laute Botschaft: Leute, da kommt noch was! Es ist das Wissen und die gespannte Erwartung dessen, worauf wir zugehen – nichts weniger als die beiden wichtigsten Feste der Christenheit: Weihnachten und Ostern, Menschwerdung und Auferstehung des Gottessohnes Jesus. Das sind die Eckpunkte im christlichen Kalender, der geistliche Doppelbogen, der sich über das Jahr spannt.

Karsamstag und der Advent, sie wissen beide: Es kommt noch was! Es herrscht eine festliche Vorfreude! Die dritte Gemeinsamkeit zwischen Karsamstag und dem Advent hingegen hat einen ganz anderen Charakter: Es ist die Dunkelheit.

Finster bis auf den Grund

Mir ganz persönlich jagt Karsamstag wie kein anderer Tag im Jahr aus geistlicher Perspektive einen Schauer über den Rücken. Denn ich frage mich oft: Wie muss sich das damals angefühlt haben für die Jünger – an Karsamstag?

Drei Jahre waren sie mit ihrem Herrn und Meister auf Wanderschaft gewesen, hatten Zeichen und Wunder gesehen, machtvolle Worte gehört, ein starkes Gefühl für Gottes neue Welt bekommen, eine neue Zeit, das Reich Gottes, das ganz offensichtlich angebrochen war.

Doch jetzt war Jesus tot. Gekreuzigt, gestorben und begraben. Zunichte waren mit einem Schlag all die Hoffnungen, die Jesus in ihnen geweckt hatte. Sie verstanden die Welt nicht mehr. Und sie hatten nichts begriffen, als er von Auferstehung sprach. Sie ahnten also nicht, dass da noch irgendwas Entscheidendes kommt.

Wie muss es da in den Herzen der Jünger düster und grau ausgesehen haben? Das nenn ich eine trübe Stimmung und echte Dunkelheit.

Die Abwesenheit von Licht

Die Dunkelheit im Advent hat eine andere Qualität. Sie ist zunächst einmal ganz wörtlich zu nehmen, rein physikalisch. Drei Tage vor Heiligabend liegt der 21. Dezember, astronomisch der kürzeste Tag im Jahr, zumindest auf der nördlichen Erdhalbkugel. In keiner Nacht des Jahres ist die Dunkelheit länger, tiefer und vielleicht sogar bedrückender.

Denn wenn die Tage kürzer werden, klagen viele Menschen darüber, dass sie emotional am stärksten herausgefordert sind. Der 21. Dezember mit seinem Mangel an Licht steht stellvertretend und symbolhaft als die Dunkelkammer der Zeit. Erst danach wird es langsam wieder heller, werden die Tage wieder länger, langsam, Schritt für Schritt.

Ein gesegneter Kipppunkt

Die Frage ist also: Was macht Mut und Hoffnung in der tiefen und langen Dunkelheit?
Auch wenn die Abwesenheit des Lichts schrecklich sein kann, unbemerkt gibt es im Hintergrund den grundlegenden Wechsel. Sybille Fritsch hat in ihrem Lied gedichtet: „In der Mitte der Nacht liegt der Anfang eines neuen Tags.“ Auch wenn es nicht zu sehen ist, irgendwann in der Dunkelheit fangen die Dinge an, sich zu ändern. Der neue Tag, er kommt. Genauer gesagt: Er ist schon da!

Ein adventlicher Klassiker aus dem Gesangbuch beschreibt es so: „Die Nacht ist vorgedrungen. Der Tag ist nicht mehr fern.“ Wo die Nacht am dunkelsten ist, da bricht also der Tag an. Beide Lieder basieren auf einem Vers aus dem Römerbrief: „Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe herbeigekommen. So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts.“ (Römer 13,12)

Impulse aus der Dunkelheit

Die Worte des Apostels Paulus enthalten zweierlei. Neben dem Hinweis auf den im Hintergrund schon anbrechenden Tag, fordert er mich zum Handeln auf. Er ermahnt mich, die richtigen Dinge im Leben zu tun und ruft mich zu den „Waffen des Lichts“.

Klingt auf den ersten Blick martialisch, tut aber gut nach der langen Dunkelheit. Denn das heißt doch: Es gibt noch was zu tun und ich habe eine Wahl. Ich kann mich entscheiden. Ich bin zur Tat gerufen. Die Ohnmacht weicht. Ich bin der Dunkelheit nicht ausgeliefert. Im Gegenteil: Sie weicht dem neuen Tag mit seinen Möglichkeiten. Langsam wird es hell.
 

 Kai Rinsland

Kai Rinsland

  |  Redakteur und Programmplaner

Der gebürtige Gießener schreibt für ERF.de und koordiniert die Produktion der ERF Antenne. Daneben ist er aktuell die Stationvoice von ERF Plus. Er lebt mit seiner Frau in einem Holzhaus, geht wandern, klettern und e-biken. Er isst gerne Fisch und genießt kräftigen Espresso.

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Kommentare (1)

Dagmar /

vielen vielen Dank

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