Ich mag keinen Lobpreis.
So, jetzt ist es raus. Es fühlt sich an wie ein Geständnis: ungehörig, aber auch erleichternd. Denn Christsein und Lobpreismusik, das gehört doch zusammen wie Topf und Deckel – oder? Dann bin ich wohl leider der Topf, auf den kein Deckel richtig passt.
Schon als Kind habe ich nie gerne mitgesungen oder gar geklatscht. Nach der Grundschule wird man normalerweise auch nicht mehr dazu genötigt, es sei denn, man wird Christ. Denn es gibt kaum eine christliche Zusammenkunft, bei der nicht gleich zu Beginn die Gitarre ausgepackt und gesungen wird. Da muss man erst mal durch.
Viele Menschen lieben Lobpreis und ihnen geht dabei das Herz auf – das verstehe ich völlig. Nur leider neigen manche von ihnen dazu, ihr Empfinden zu verallgemeinern, ganz nach dem Prinzip: Was mich in Gottes Nähe bringt, muss auch bei allen anderen so funktionieren! Bei Lobpreismusik geht mir das Herz nicht auf, weil ich sie in den meisten Fällen schwülstig finde. Würde ich mich meiner Abneigung zum Trotz darauf „einlassen“, wäre es keine echte Anbetung. Ich würde einen Schein wahren.
Freu dich jetzt gefälligst!
Ich höre schon die Einwände: Was stimmt mit der Frau nicht, wenn sie sich nicht auf Lobpreis einlassen will? In der Bibel wird doch ausdrücklich dazu aufgefordert! Da ist vielleicht die Gottesbeziehung beeinträchtigt – oder sie hat ein „verstocktes Herz“.
Man gerät schnell in den Verdacht, mit dem eigenen Glauben stimme etwas nicht, wenn man zu bestimmten christlichen Ausdrucksformen keinen Zugang findet. Dabei bin ich mir sicher, dass ich mit meiner Abneigung gegen Lobpreismusik nicht allein bin. Aber wer sticht schon gerne aus der Menge der Überzeugten heraus und kassiert schiefe Blicke?
Ich wurde schon am Arm gerüttelt, weil ich einfach nur dastand, ohne mitzusingen.
Es fühlte sich an wie ein Befehl, jetzt sofort tiefe Freude empfinden zu müssen – und wenig ist übergriffiger, als Menschen diktieren zu wollen, wie sie zu empfinden haben.
Was Lobpreis noch ist
Glaube ist in seinen Ausdrucksformen so vielfältig, wie wir Menschen es sind. In der Bibel drücken Menschen ihren Glauben unterschiedlich aus:
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im Gebet
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in der Beschäftigung mit Gottes Wort
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beim Singen, Musizieren und Tanzen
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in Gemeinschaft
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in der Stille
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in Ritualen und Gesten
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im alltäglichen Handeln
Menschen in der Bibel bauen außerdem Altäre, zupfen an Gewändern, verschütten wertvolles Öl, waschen Füße und schlachten Tiere.
Lobpreis ist nicht bloß Musik. Lobpreis ist ein unverstellter Ausdruck der Freude gegenüber Gott, seinem Handeln und seiner Werke. Die einen Menschen freuen sich sehr „nach außen“ und drücken ihre Freude gerne durch Gesang aus. Andere freuen sich mehr „nach innen“. Auch abseits von Gottesdiensten wird man mich eher nicht laut singen hören oder tanzen sehen, wenn ich mich freue.
Gerade introvertierte Menschen fühlen sich häufig von der Erwartung überfordert, in Gemeinschaft mehr aus sich herauszugehen. Das darf gerne häufiger ins Bewusstsein gerückt werden.
Momente des Staunens und der Freude
Gott meine Freude zu zeigen, ist für mich etwas sehr Privates. In meinem Leben hat es durchaus Momente gegeben, in denen ich mich von einer gemeinschaftlichen Freude an Gott habe anstecken lassen. An dieses echte, gemeinsame Schwingen erinnere ich mich gerne zurück.
Im Alltäglichen aber lebe ich meinen Glauben eher still für mich. So bin ich kein großer Fan von Gebetsgemeinschaften, weil mich die Präsenz der anderen Menschen zu sehr ablenkt. Häufig erlebe ich Gott, wenn ich mich allein in der Natur bewege. Ein grandioser Ausblick aus der Höhe, ein faszinierendes Detail inmitten von Sandkörnern, die Stille über einem See oder ein Reh am Waldrand – in solchen Momenten freue ich mich über Gottes Schöpfung.
Für mich liegt Lobpreis in der Weite, im Detail, im Unbegreiflichen. Wo viele im gemeinsamen Singen aufgehen, kann es bei mir ein Satz aus dem Buch eines Physikers sein, der erklärt, wie das Phänomen Licht unsere Wirklichkeit überhaupt erst erfahrbar macht. Manche scheinbar nüchterne Wissenschaft bringt mich Gott näher als der zwanzigste Hillsong-Refrain.
Pflicht oder Kür?
In der Bibel stehen viele Weisungen und Gebote. Ich glaube aber nicht, dass jede genannte Möglichkeit, seinen Glauben zum Ausdruck zu bringen, eine direkte Aufforderung an alle und jeden ist, es genauso machen zu müssen. Der vielzitierte Psalm 150 ist für mich solch ein Beispiel:
Lobt ihn mit dem Klang der Posaune, lobt ihn mit Harfe und mit Zither! Lobt ihn mit Tanz und Tamburin, lobt ihn mit Saiteninstrumenten und Flöten! Lobt ihn mit klingenden Zimbeln, lobt ihn mit dem Klang lauter Zimbeln (Psalm 150,3-5 NLB).
Hier darf Freude ansteckend ausgelebt werden. Aber nirgends steht, dass jeder dabei mitmachen muss. Wir müssen auch nicht wie Jesus vierzig Tage lang fastend in die Wüste gehen – außer, es ist uns ein Bedürfnis, das uns wirklich Gott näherbringt.
Gott braucht keine Gleichmacherei
Menschen, die nicht mit dem Strom schwimmen, waren der Mehrheit schon immer suspekt. Das Gute aber ist: Es gibt kein Gesetz, wie wir unseren Glauben zum Ausdruck bringen.
Und wer sollte bestimmen, was richtig oder falsch ist?
Im Laufe meines Lebens habe ich immer sensiblere Antennen dafür entwickelt, wenn andere ihre Frömmigkeit zur Norm erheben möchten. Es kommt leider vor, dass Leiterinnen und Leiter in christlichen Kontexten ihre persönlichen Auffassungen zum Maßstab machen – nicht unbedingt bewusst oder aus bösen Absichten heraus, aber dennoch übergriffig. Daher stelle ich gerne die Frage: Woher nimmt sich dieser Mensch die Autorität dazu?
So unterschiedlich wir erschaffen sind, so unterschiedlich sind auch unsere Zugänge zu Gott und unsere Arten und Weisen, unsere Beziehung zu ihm zu leben – in aller Freiheit und Vielfalt.
Deine Meinung zählt!
Was hat dich inspiriert, berührt oder zum Nachdenken gebracht?
Kommentare (11)
Sehr geehrte Frau Faludi, Sie sprechen mir aus dem Herzen! Bei dieser Art von Frömmigkeitserweis komme ich nicht mit. Und, ich gestehe,diese Gottesdienste meide ich. Und doch ist es für mich auch … mehrein Stück Anbetung und grosse Dankbarkeit und ich kann mich freuen, wie ein Kind, wenn ich am Markt Kartoffeln kaufe und mir die Sorte angeboten wird, an deren Zucht ich als Studentin der Landwirtschaft vor über 60 Jahren mitgearbeitet habe. Das ist ein Geschenk, wenn man als alte Frau, die Früchte seiner Arbeit nochmal ernten kann. Auch kann ich mich über die mühsam errungenen "Siege" meiner Enkel freuen, genauso wie sie selber. Nun, die ständigen Wiederholungen in den Lobpreisliedern gehen mir ziemlich auf die Nerven. Da lobe ich mir die alten Lieder, deren Texte Tiefgang haben, die in meinem Empfinden, wirkliche Ambetung sind. Aber das mag jeder selbst entscheiden. Dennoch kann ich sie sehr gut verstehen, wenn sie da nicht gerne mitsingen.
Ja, deswegen wurde ich auch schon schief angeschaut :)
Singe auch nie mit und fühle mich in Kirchen irgendwie total unwohl, aber das Gebet in der Kammer ist immer etwas besonderes.
Ich kann z B .an den oft schreienden, sich immer wiederholenden Gesängen vieler Sängerinnen beim ERF nur aushalten, weil ich denke, die empfinden halt so. Ich warte dann auf die gesprochenen Beiträge, die immer gut sind und oft hilfreich.
Liebe Autorin, Danke für den Artikel…
ich finde zwar singen wichtig, als geistliches und gesundheitliches Prinzip, aber da bin ich eher für substantielle gute Kompositionen und mag den sogenannten … mehrLobpreis auch oft gar nicht.. ;-( Tatsächlich singe ich (als Musikerin) da weniger mit, als wenn es Choräle sind…
Das spricht mir aus dem Herzen.
Vielen Dank für diesen Artikel. Ja, auch ich persönlich habe ein Problem mit dem Wort "Lobpreis". Gerne will ich es begründen: im Alter von 16 Jahren besuchte ich eine christliche Gemeinschaft, wo … mehr"in Zungen geredet wurde", die Veranstaltung hatte etwas befremdliches für mich, möchte fast sagen extatisches. Im Laufe der Jahre wurden Stimmen wegen Missbrauch, Sektennähe u.a. Vorwürfe laut. Höre ich nun das Wort "Lobpreis" erlebe ich die Bilder dieser Gemeinschaft.
Nun, immer wieder muss ich mich noch heute von diesen Bildern befreien und es gelingt dankeswerterweise zunehmend, dass ich Gott loben und danken kann, in Form eines Liedes, Gebet oder einfach so in Gedanken.
Mein Problem in der Kirche ist der Applaus bei verschiedenen Beiträgen im Gottesdienst.So habe ich im Konfi-Unterricht gelernt, einzelne Personen nicht zu beklatschen, das Lob gehört Gott, dem Herrn im Gottesdienst. Oftmals beobachte ich mich dann als einzelne Person, die sich ausschliesst. Natürlich freue mich über das Instrumentalstück, das vorgetragen wurde, schätze natürlich auch die Begabung, die investierte Zeit zur Einübung etc.
Wem ergeht es ähnlich?
Ihre Worte, Frau Faludi, sprechen direkt mein Herz an. Ich kann jede Ihrer Zeilen für mich zustimmen. Oft frage ich mich, was mit mir nicht stimmt…??? Ich MUSS nicht sein wie andere!!! Das hilft mir sehr! DANKE!
Ich staune immer wieder, dass wir als Kinder Gottes unsere Unterschiedlichkeit
nicht erkennen und wahrnehmen. Danke für die Offenheit und den Mut.
ich segne Sie Katrin Faludi.
Danke für diesen ausgezeichneten Beitrag, ich finde mich in jeder Zeile wieder.
Vielen Dank an Katrin Faludi für diesen Artikel!!!
Ich habe ihn gestern in der Antenne gelesen und fühlte mich schon beim Lesen sowas von erleichtert! Sie spricht mir damit aus dem Herzen, nur dass … mehrich im Gegensatz zu ihr das noch nie so benannt habe. Ich mag diesen aufgesetzten Lobpreis als Pflichtprogramm in jedem Gottesdienst nicht. Oder im Hauskreis (gehe aber seit Jahren in keinen HK mehr).
Ich mag manche Lieder, ich singe auch gerne. Aber nicht so, mit Texten, bei denen ich nicht mit kann, die m. M. ohne sie zu hinterfragen im Gottesdienst mitgesungen werden. Und ich frage mich ob sie wirklich immer vor Freude tanzen, es von den Dächern singen... (auch wenn es vielleicht symbolisch gemeint war/ist)... macht es die xte Wiederholung einer Textpassage besser vor Gott?
Der Artikel von Katrin Faludi hat mich neu angeregt, ehrlicher im Umgang mit Lobpreis zu sein. Mehr zu fragen, was ist das eigentlich? Ist es nur das gemeinschaftliche, stimmungsgeladene singen kurzer einprägsamer Texte?
Wie sie auch schreibt, Lobpreis ist viel mehr als das und damit möchte auch ich mich mehr beschäftigen.
Vielen Dank Frau Faludi, für diesen Bericht über "Ich mag keinen Lobpreis"! Mit jedem geschriebenen Wort sprechen sie mir aus der Seele! Ich dachte schon, ich gehörte zu einer seltsamen Spezies ;-), … mehrobwohl ich auch in meiner Gemeinde Geschwister beobachte, dass sie sich während des Lobpreises sichtlich zurückhalten! Ist halt nicht jedermanns Sache!