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20.07.2011 / Gemeinde im Fokus / Lesezeit: ~ 6 min

Autor/-in: Hanna Willhelm

Gemeinde leben

Gemeindewachstum hat heute viel mit Konzepten und Strategien zu tun. Was jedoch nötig wäre, ist Zeit füreinander und für Gott. Ein Kommentar.

Was können, dürfen und müssen Gemeinden heute nicht alles machen! Ich zitiere einige Schlagworte, die auf einer evangelikalen Konferenz gefallen sind:

Leiter sollen ihre Gemeinden mobilisieren.
Gemeinden sollen aufbrechen.
Christen sollen trainiert werden, authentisch zu leben.

Das klingt für mich mehr nach Fitnessstudio als nach Gemeinde und mehr nach Management als nach Glaubensbeziehung. Aktivismus und ein gewisser Machbarkeitswahn scheinen momentan kennzeichnend für die evangelikale Szene zu sein. Ich habe schon einmal davor gewarnt und ich möchte es noch einmal tun1.

Gemeindeleiter und Mitarbeiter, die oben genannte Ziele anstreben, haben berechtigte Gründe. Ihre Anliegen sind wichtig. Es ist gut, wenn vor sich hin dümpelnde Gemeinden aus ihrer Lethargie erwachen und verkrustete Formen aufbrechen. Trotzdem halte ich die Vorzeichen, unter denen diese Entwicklungen stattfinden oder gar forciert werden, für bedenklich. Drei Anregungen, wie es anders laufen könnte:

1. Schwach aber oho

Wir helfen dem Schulfreund unseres Sohnes bei den Hausaufgaben, weil er von seinen Eltern keine Unterstützung bekommt. Wir versuchen liebevoll auf die psychisch kranke Nachbarin einzugehen und sie zu ermutigen. Jesus ist unser großes Vorbild, wenn es darum geht, sich um Schwache und Bedürftige zu kümmern. Gesellschaftliches und soziales Engagement gehören zum Glauben wie Beten und Bibellesen. Als Kirche stark sein für die Schwachen lautet die Parole. Nur uns selbst gestehen wir keine Schwäche zu.

Ohne es zu merken, sind wir so zu einem Spiegel der Leistungsgesellschaft geworden, die uns umgibt. Die Einladung Jesu „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid“ scheint nur für Menschen zu gelten, die noch nicht lange zur Gemeinde gehören oder dauerhilfsbedürftig sind. Alle anderen Christen sind stark, packen mit an und fordern von sich und ihren Leitern Höchstleistung. Wir müssen funktionieren und aufs Beste die erstrebenswerten christlichen Werte verkörpern.

Wenn Gemeinde jedoch ein Ort sein soll, an dem Schwache und Versager zuhause sein dürfen, dann gilt das nicht nur für Gäste sondern auch und erst recht für das langjährige Gemeindemitglied. Deswegen kann es nicht das Hauptziel eines Leitungskreises sein, seine Gemeinde zu mobilisieren oder zu trainieren. Stattdessen gilt, eine Atmosphäre zuzulassen, in der der einzelne zwar wachsen kann, seine Unvollkommenheit und seine Mittelmäßigkeit aber nicht überspielen oder wegtrainieren muss.

Das bedeutet, dass Abstriche gemacht werden müssen. Unperfekte Menschen stellen kein perfektes Gemeindeprogramm auf die Beine. Unperfekte Menschen sind nicht unbegrenzt belastbar. Mit ihnen kann man im wahrsten Sinne des Wortes nicht alles machen. Wo diese Grenzen respektiert werden, atmet der einzelne auf. Dann ist Gemeinde ein Ort, der sich wohltuend von der Leistungsgesellschaft abhebt und damit für Insider und Außenstehende gleichermaßen anziehend ist.

2. Weniger ist mehr

Schauen wir uns den Terminkalender eines typischen Gemeindemitgliedes an. Herr Gut ist als leitender Angestellter täglich mindestens neun Stunden am Arbeitsplatz gefordert. Außerdem will er ein guter Ehemann und Familienvater sein. In der Gemeinde investiert sich Herr Gut schon lange in der Hauskreisarbeit und seit einem Jahr außerdem in einem sozialen Projekt im angrenzenden Stadtteil. Wenn noch Lücken im Kalender sind, quetscht er eine Trainingseinheit im Fitnessstudio dazwischen oder geht mit seinem Kumpel einen trinken – beides kommt leider viel zu selten vor.

Am Sonntagmorgen sitzt unser Mann im Gottesdienst und hat nur noch das Bedürfnis Gott zu begegnen und aufzutanken. Stattdessen hört er eine emotionale Predigt darüber, dass wir als Christen endlich aufstehen und die Welt verändern sollten. Herr Gut fühlt sich überfordert. Was soll er denn noch alles tun? Unmerklich ist der Glaube eine Last geworden. Und vor allem: Wie soll er seinen Glauben authentisch und mit Begeisterung leben, wenn er vor lauter Verpflichtungen keine Zeit mehr für das hat, was Voraussetzung dafür ist: Gemeinschaft mit Gott und anderen Menschen?

Ich glaube nicht, dass wir noch mehr Programme und noch mehr Impulse brauchen. Was jedoch bitter nötig wäre, ist Zeit für Beziehungen und Auszeiten für Kontemplation. Denn nur in der Begegnung mit Gott und anderen Menschen findet das wirkliche Leben statt. Und nur dort finden wir heraus, wo unser ganz persönlicher Einsatz gefragt ist und wo wir beruhigt Nein sagen können. Warum streichen wir nicht drei oder vier Gemeindeaktivitäten aus dem Wochenplan, damit wir wieder leben statt gelebt zu werden? Eine solche heilige Gelassenheit übt auch eine starke Anziehungskraft auf Menschen aus, die sich in einer Zeit der unbegrenzten Möglichkeiten danach sehnen, einen Gang zurückzuschalten.

3. Lokal statt global

Voller Begeisterung kommen Pastor K. und der Ältestenkreis von einer überregionalen Konferenz für Gemeindewachstum zurück. Die vorgestellten Ideen scheinen die Lösung für die Stagnation in ihrer Gemeinde zu sein. Und so fangen sie an, das Konzept den übrigen Mitgliedern vorzustellen und umzusetzen. Die große Hoffnung: Endlich ansprechende Gottesdienste, endlich begeisterte Gemeindemitglieder, endlich mehr Gottesdienstbesucher. Nach einem Jahr stellt sich jedoch Ernüchterung ein: Das Modell hat nicht gezündet, die Enttäuschung ist groß.

Eine Gemeinde, die sich verändern möchte, kann heute auf unzählige Ressourcen und Modelle zurückgreifen. Von Willow Creek über die Emerging Church Bewegung, vom Alphakurs bis hin zum Emmaus-Weg reicht die Palette der Angebote. Es scheint tatsächlich so, als ob eine Gemeinde nur aufbrechen müsste, um endlich, endlich wieder lebendiger zu werden.

Aufbruch ist wünschenswert, aber nicht um jeden Preis. Denn zum einen bin ich davon überzeugt, dass auch Gemeinden eine Art Lebenszyklus durchlaufen. Starke Phasen mit vielen Mitgliedern wechseln sich mit Zeiten ab, in denen vieles stagniert. Das hat natürliche Ursachen: Ein Pastor, der vieles bewegt hat, geht in den Ruhestand  und eine Nachfolger ist weniger charismatisch. Die Kinder einer familienreichen Gemeinde ziehen als Erwachsene weg und die Gemeinde schrumpft sozusagen demographiebedingt. Es wäre fatal zu erwarten, dass eine Gemeinde im Allzeithoch sein kann, wenn sie nur das richtige Konzept findet.

Zum anderen sind Gemeinden unterschiedlich begabt und stehen in unterschiedlichen Kontexten. Eine Studentengemeinde in der Großstadt hat andere Möglichkeiten, als eine kleine Landgemeinde. Für die eine Gemeinde passt das Konzept für mehr Wachstum tatsächlich, die andere überfordert es total. Deswegen hilft es nicht, Modelle zu übernehmen. Nicht nur der einzelne Mensch ist individuell, auch die einzelne Gemeinde hat ihr eigenes Gepräge. Nur wenn ein Konzept zu den Menschen vor Ort und ihrem eigenen Glaubensleben passt, verändert sich etwas. Und: Trauen wir es Gemeinden zu, ein individuelles Profil zu entwickeln, das zwar überschaubar, dafür aber nicht abgekupfert ist?

Jesus gesteht Gemeinden diese Individualität zu. Das wird in den so genannten Sendschreiben an die sieben Gemeinden in der Offenbarung deutlich. Bevor eine Gemeindeleitung also ihre Fühler nach außen ausstreckt, um Lösungen zu finden, sollte sie schauen, welches Potential in ihrer eigenen Gemeinde vorhanden ist und was man damit machen kann. Das muss nichts Großartiges sein. Wichtig ist, dass sich die Gemeinde damit identifiziert und sagen kann: „Ja, das sind wir. Das können wir. Dafür stehen wir.“ Ich vermute, dass genau so auch die Erfolgsgeschichten der Gemeinden angefangen haben, deren Modelle zig-fach übernommen werden.

Eine Menge weniger Mehr

Vielleicht liegt es uns Deutschen einfach im Blut, nach dem Besten zu streben. Wir sind Macher, die nach dem Prinzip leben „Wo eine Wille ist, da ist auch ein Weg“. Das ist nicht schlecht. Das Qualitätssiegel „Made in Germany“ lässt sich auch auf geistliche Produkte übertragen. Denn bei allem Machen und Schaffen durchdenken wir die Dinge auch gründlich.

Wir dürfen dabei aber das Leben, das schlichte Sein in Beziehungen nicht vergessen. Wenn ich mir Gottes Weg mit den Menschen und den Gemeinden in der Bibel anschaue, dann stehen Beziehungen über allem Machen und Streben. Manchmal habe ich auch den Eindruck, dass wir dem Gedanken verfallen sind, mit unseren Möglichkeiten die Welt retten zu müssen – ein Anspruch, den Gott nicht an uns stellt und der nicht in unserem Machbarkeitsbereich liegt.

Wir sind dazu herausgefordert, anderen Menschen zu helfen und unseren Glauben authentisch zu leben. Aber nicht mit einer Do-it-yourself-Mentalität, die nach immer besseren Konzepten und Strategien sucht, um diese Ziele umzusetzen. Wovon wir mehr brauchen, ist eine enge Gemeinschaft mit Gott und das Wagnis, Beziehungen miteinander zu leben. Gemeinschaft läuft aber nur sehr bedingt über Modelle und Strategien und will vor allem gelebt werden. Das braucht Zeit und eine heilige Gelassenheit. Und es braucht Vertrauen, dass Gott im Verbogenen und Kleinen genauso handelt, wie im Erfolg und im Großen. Deswegen wünsche ich evangelikalen Gemeinden und ihren Leitern weniger Mehr - aber davon eine ganze Menge.

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Was meint ein Pastor zu diesem Thema? Lesen Sie dazu Simplify your church

 Hanna Willhelm

Hanna Willhelm

  |  Redakteurin

Hanna Willhelm ist Theologin und Redakteurin im Bereich Radio und Online. Sie ist fasziniert von der Tiefe biblischer Texte und ihrer Relevanz für den Alltag. Zusammen mit ihrer Familie lebt die gebürtige Badenerin heute in Wetzlar und hat dabei entdeckt, dass auch Mittelhessen ein schönes Fleckchen Erde ist.

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Kommentare (7)

Bea /

Wenn ich mir die Jarhreslosung betrachte, dass Gottes Kraft in den Schwachen mächtig ist, dann denke ich, dass wir Menschen gar nichts können, ohne die GNADE Gottes. Deshalb sind auch nicht wir die mehr

Hanna Willhelm /

@ Marcus: Kontemplation bedeutet ursprünglich "das Sichversenken in Werk und Wort Gottes" (Duden, Fremdwörterbuch). Ich verstehe darunter, dass man sich Zeit nimmt, um zu beten, die Bibel zu lesen, mehr

ERF - Fan /

Vor vielen Jahren hatte ich eine Bibelstunde zu halten. Es kam "nur" eine psychisch kranke, ältere Frau. Ich habe die Bibelstunde gehalten.
Jesus war spürbar gegenwärtig.
Ich erwarte einen Artikel, mehr

vivitml /

Vielen Dank.
Wobei ich den Eindruck habe, dass ein großer Stressfaktor der Optionsstress im Privatleben ist: die Qual der Wahl beim Überangebot an Fersehprogrammen, Einkaufsmöglichkeiten, mehr

schacht-harald /

Völlig richtig.Aktionen gibt es genug.Ich war 40 Jahre in Kirche und Gemeinde,und? zum Schluss fiel alles auseinander.Zeit und Ehrlichkeit bringt mehr.

Marcus /

Vielen dank für den Beitrag.
Schwächen zuzulassen ist sicherlich nicht falsch.
Sie verwenden den Begriff Kontemplation - könnten Sie näher darauf eingehen, mir ist er nicht geläufig.
Ich möchte noch mehr

Margot Fischer /

Danke für deinen Brief . möchte dem zustimmen und hinzufügen, dass Gottes Wort unseres Fußes Leuchte sein soll und ein Licht auf unseren Weg. Vielleicht ist ja der Gemeinde das Öl ausgegangen und sie mehr

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