Vor unserem Haus steht eine niedrige Mauer. Sie verläuft direkt am Gehweg, dahinter liegt ein kleiner Vorgarten. Durch mein Bürofenster habe ich den Weg und die Mauer während der Arbeit immer im Blick. Ich mag diese kleine Gartenmauer. Sie erfüllt nicht wirklich den Zweck, den eine Mauer eigentlich hat: das Grundstück abzugrenzen und andere auf Abstand zu halten.
Vielmehr ist sie einladend. Kinder und Hunde balancieren darauf und Spaziergänger setzen sich dort hin, wenn sie unterwegs eine Verschnaufpause brauchen. Im Frühling wachsen auf dem Rasenstückchen Miniprimeln, Gänseblümchen und Wiesenschaumkraut. Manchmal hüpft ein Kind über die Mauer und pflückt sich eine Blume. Was habe ich nicht schon alles beobachtet.
Einmal kam ein Angetrunkener nach der Kneipentour über die Mauer gestolpert und hat an den Busch gepinkelt, der mitten im Vorgarten steht. Ich war drauf und dran das Fenster aufzureißen und loszubrüllen, was das denn soll. Solch eine Unverschämtheit! Aber dann bin ich über die Mauern in meinem Herzen ins Nachdenken gekommen.
Ummauerte Herzen: innerer Schutzwall oder Gefängnis?
Ich ertappe mich manchmal dabei, dass ich bei manchen Menschen in meinem Umfeld automatisch dicht mache und eine Mauer hochziehe. Vielleicht, weil ich mit der Art der Person nicht so gut umgehen kann, mir ihre Einstellung zu bestimmten Themen fremd ist oder ich einfach keinen Zugang zu ihr finde.
Was ich im persönlichen Miteinander erlebe, beobachte ich auch in unserer Gesellschaft. Die Fronten scheinen sich immer mehr zu verhärten. Es geht um Abgrenzung, Diffamierung, Polarisierung. Statt alte Mauern einzureißen, werden sie zementiert und neue gebaut.
Ich frage mich: Warum errichten wir solche inneren Barrikaden? Vielleicht aus Unsicherheit, um uns nicht mit dem Andersdenken auseinandersetzen zu müssen. Oder vielleicht gar aus Sorge, am Ende selbst falsch zu liegen? Vielleicht haben wir auch Angst vor echter Nähe, weil sie Verletzungen mit sich bringen könnte. Weil wir befürchten, dass uns jemand etwas Böses will oder wir zu kurz kommen? Vielleicht spürst auch du, dass du solche Herzensmauern aufgebaut hast.
Selbstverständlich müssen wir unser Herz vor Übergriffen schützen. Aber wo hat sich bei dir eine gesunde Abgrenzung zu einem unüberwindbaren Hindernis für andere Menschen entwickelt?
Wo verschließt du dich damit auch für die Sorgen und Nöte eines anderen? Im schlimmsten Fall wehrt eine undurchlässige Herzensmauer nicht nur schlechte Erfahrungen ab, sondern du verschließt dich auch für gute Begegnungen.
Liebe annehmen, um sie weiterzugeben
In der Bibel werden wir dazu aufgefordert, uns einander zuzuwenden. Und mehr noch: Wir sollen uns gegenseitig lieben und die Liebe Gottes weitergeben: „Angenommen, jemand hat alles, was er in der Welt braucht. Nun sieht er seinen Bruder oder seine Schwester Not leiden, verschließt aber sein Herz vor ihnen. Wie kann da die Liebe Gottes in ihm bleiben und er in ihr?“ (1. Johannes 3,17).
Diese Liebe Gottes ist eine zentrale Botschaft der Johannesbriefe und die gute Nachricht, die sich durch die ganze Bibel hindurchzieht. Bevor wir sie aber an andere weitergeben können, müssen wir sie selbst annehmen. Das ist jedoch unmöglich, wenn ich mein Herz hinter einer dicken Mauer verschanze. Wie könnte Gottes Liebe dann zu mir durchdringen? Dazu braucht es ein offenes, weiches Herz.
Gottes Liebe reißt Mauern ein
Gottes Liebe hat eine verändernde Kraft. Wenn sie ein Herz flutet, dann schwemmt sie auch trennende Mauern fort. Nach und nach trägt sie den Mörtel ab, wie das Meer den Felsen aushöhlt. Und die Mauer bröckelt. Es fängt damit an, wie wir über andere Menschen denken und sprechen. Sind wir ihnen freundlich zugewandt? Nehmen wir Anteil an ihrem Leben und lassen uns davon berühren?
Die Liebe Gottes reißt nicht nur trennende Mauern ein, sondern schafft echte Verbindung.
Menschen, die Jesus nachfolgen, sind wie eine große Familie. Jesus lädt jeden ein, Teil dieser Familie zu werden und nennt uns seine Brüder und Schwestern. Trotz aller Eigenarten und Unterschiedlichkeiten ist dort kein Platz für Ausgrenzung, Zwist und Zwietracht.
In den Briefen der Apostel werden die Mitglieder der Gemeinden immer wieder dazu aufgefordert, einander zu vergeben, sich beizustehen und in Liebe und Einheit zusammenzustehen. Das ist manchmal ganz schön herausfordernd, aber möglich, wenn wir bereit sind, unsere Mauern immer wieder einzureißen und zu überwinden.
Ein Plätzchen für Begegnungen
Auch wenn es manchmal sinnvoll und notwendig ist, Grenzen zu ziehen, möchte ich mich nicht abschotten, sondern mein Herz durchlässig halten für Gottes Liebe.
Daran erinnert mich der Blick nach draußen auf unser Gartenmäuerchen: Verscheuche ich andere Menschen aus dem „Vorgarten“ meines Herzens oder biete ich ihnen einen Platz an, wo sie kurz verschnaufen können und wir ein paar Worte wechseln? Ein kurzes liebevolles Wort kann ähnlich viel Freude schenken wie ein zusammengepflückter Blumenstrauß.
Ich bitte Gott, mir dabei zu helfen, meine Herzensmauern Stein für Stein abzutragen. Ich möchte im Alltag für die Nöte meiner Mitmenschen aufmerksam sein und Gottes Liebe konkret an sie weitergeben. Gibt es Herzensmauern, die du überwinden willst oder ist es dir schon gelungen? Teile es gerne in den Kommentaren und ermutige andere!
Ihr Kommentar
Kommentare (2)
Sehr gut auf den Punkt gebracht. Die Polarisierung und Spaltung in unserer Gesllschaft, geht meiner Meinung nach hauptsächlich von unseren Politikern aus. Siehe Ausgrenzung bei Corona, siehe … mehrBrandmauer, siehe Hass und Hetze gegen alles was nicht links-woke ist usw. Natürlich muss auch jeder bei sich schauen wo er Mauern aufgebaut hat.
Ganz herzlichen Dank für diesen Mut machenden Artikel und auch ähnliche auf eurer Plattform! Die Gedanken zu möglichen Herzensmauern berühren und veranlassen dazu, sich über die eigene Einstellung … mehrklar zu werden - und sie ggf. zu verändern.
Bestimmt ermöglicht nur der Blick darauf, wie Gott Menschen sieht - nämlich alle gleichwertig -, dass wir unsere Herzenshaltung "weich und offen" halten, statt fast automatisch mit dem polarisierenden Zeitgeist und damit mit dem Strom zu schwimmen. Das macht uns dann zu echten Botschaftern der Versöhnung, also die mit Gott und mit den Leuten um uns herum... Und das dürfen wir auch freundlich und klar zeigen.