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06.09.2022 / Zum Schwerpunktthema / Lesezeit: ~ 3 min

Autor/-in: Hannah Freistein

Eine Frage der Sichtweise

Ist es gerecht, wenn alle dasselbe bekommen? Nein, sagt Hannah Freistein und findet Lösungen, mit dieser grundlegenden Herausforderung umzugehen.


Wir sitzen vor einiger Zeit am Mittagstisch und ich frage unsere Töchter: „Sagt mal, was würdet ihr sagen, ist gerecht?“ Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: „Wenn alle gleichbehandelt werden und dasselbe bekommen.“

Ich frage weiter: „Es ist also gerecht, wenn ich bei euch allen die gleiche Sorte Süßigkeiten in euer Osternest packe?“ Unsere Töchter schauen mich mit großen Augen entsetzt an. Im weiteren Gespräch entdecken wir: Es scheint auf den ersten Blick gerecht, wenn alle die gleichen Süßigkeiten bekommen. Wenn meine Kinder aber unterschiedliche Dinge mögen, fühlt sich genau dieses Vorgehen für sie nicht gerecht an. Warum? Weil das Empfinden von Gerechtigkeit geprägt ist von individuellen Bedürfnissen.

Weil ich das weiß und weil ich die Vorlieben unserer Töchter kenne, bekommt in diesem Fall die eine Tochter eine Packung Chips, die andere eine Schachtel voller Erdbeerriegel und die dritte das, was tagesformabhängig ihre Lieblingssüßigkeit ist.

Es kann also sein, dass ein Vorgehen objektiv gerecht ist, aber nicht als gerecht empfunden wird. Was ich als gerecht empfinde, hat zudem stark damit zu tun, auf was ich meine Aufmerksamkeit lege. Liegt mein Fokus darauf, die Osternester möglichst objektiv gerecht bestücken zu wollen, wähle ich für alle den gleichen Inhalt. Bin ich gedanklich mehr bei den individuellen Bedürfnissen meiner Kinder, bestücke ich die Nester unterschiedlich. 
 

Gerechtigkeit und Gesellschaft

Ähnlich wie meine Töchter im ersten Moment sieht auch der deutsche Staat das Thema Gerechtigkeit. Sowohl im Grundgesetz als auch im ergänzenden Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz (AGG) wird geregelt, dass niemand auf Grund verschiedener Faktoren benachteiligt werden darf. Mögliche Benachteiligungen müssen ausgeglichen werden.

Damit sind einige grundlegende Ungerechtigkeiten beseitigt. Es stellt sich trotzdem die Frage: Ist dann an alle gedacht und können wir uns entspannt anderen Herausforderungen widmen? Fühlt sich jeder gleichermaßen wertgeschätzt, gesehen und gerecht behandelt? Ich vermute nicht. Weil eine allgemeine Gleichbehandlung gar nicht berücksichtigen kann, welche einzigartigen und individuellen Bedürfnisse Einzelne haben.
 

Perspektive Ewigkeit

Gerecht zu handeln ist also nicht einfach. Weder für den Staat noch für mich. Wie gehe ich mit dieser Herausforderung um? Wie handle ich gerecht und wie reagiere ich auf die unterschiedlichen Bedürfnisse meiner Mitmenschen – und was tue ich, wenn ich mich ungerecht behandelt fühle?

Ich habe mich entschieden, meinen Fokus auf Jesus zu setzen und das in allen Bereichen meines Lebens. Das gelingt mir mal mehr und mal weniger gut. Besonders hilfreich finde ich diese Sicht aber in Situationen, in denen ich mich ungerecht behandelt fühle. Ich wechsle dann die Perspektive auf etwas Größeres, viel Entscheidenderes: Die Perspektive Gottes und seine ewige Perspektive.

Das, was mich jetzt aufregt, wird zukünftig nicht mehr wichtig sein. Samuel Harfst beschreibt das in seinem Lied „Privileg zu sein“ sehr passend. Er singt dort: „Legst du dein Leben hin, gibt er deinem Leben Sinn. Macht dein Leben keinen Sinn, leg ihm dein Leben hin. Das wird ein Wunder sein, weder zu groß, zu klein. Lebe die Zeit mit Perspektive Ewigkeit.“

Diese Perspektive einzunehmen, wird die Situation nicht ändern. Aber ich habe erlebt, dass es mir Frieden schenkt. Einen Frieden, den man nicht beschreiben, sondern nur erleben kann.
 

Geliebt – und mein Gegenüber auch

Ich bin auch überzeugt, dass ich grundsätzlich von Gott geliebt bin. Er wird alles, was geschieht, für mich zu etwas Gutem werden lassen. Und ich weiß, dass auch mein Gegenüber von Gott geliebt ist.

Dieses Wissen ist für mich eine Möglichkeit, mit Unrecht umzugehen. Es hilft mir aber auch, die oder den anderen ebenfalls als geliebtes Ebenbild Gottes zu sehen und zu behandeln. Ihr und ihm in der Würde zu begegnen, die ihnen zusteht.

Diese Perspektive treibt mich an, mich für Menschen einzusetzen, wenn ich wahrnehme, dass sie nicht für sich selbst eintreten können. So kann ich für Gerechtigkeit sorgen. Oder, um es ganz konkret mit der goldenen Regel der Royal Rangers, einer christlichen Pfadfinderschaft, zu sagen: „Alles was ihr für euch von den Mitmenschen erwartet, das tut ihnen auch“ (Matthäus 7,12).

 

Hannah Freistein arbeitet im ERF als Personalreferentin. Als Sozialarbeiterin, Ehefrau, Freundin, Royal Ranger und vor allem als Mutter ist es ihr ein Herzensanliegen, den beschriebenen Fokus hochzuhalten und immer wieder darauf zu verweisen.
 

 Hannah Freistein

Hannah Freistein

  |  Personalreferentin

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