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© Jeshoots com / unsplash.com

13.05.2022 / Wochenrückblick / Lesezeit: ~ 6 min

Autor/-in: Regina König

Bühne frei für Jesus in Oberammergau...

Der Freitagstalk des ERF Aktuell-Teams.

 

 

Kriegsverbrechen in der Ukraine, Angriffe gegen religiöse Repräsentanten in Deutschland, weniger Bibelleser in den USA – über das und mehr spricht im Freitagstalk der ERF-Aktuell-Redaktion Andreas Odrich mit Regina König.


ERF: Zunächst geht unser Blick in die Ukraine, wenig Gutes gibt es zu berichten: gestern prangerte die UN-Hochkommissarin russische Gräueltaten an.

Regina König: Ja, die UN-Hochkommissarin für Menschenrechte, Michelle Bachelet, sagte in einer Sondersitzung des UN-Menschenrechtsrates in Genf, dass nach den Berichten einer UN-Ermittlerkommission viele der Taten Kriegsverbrechen sein könnten. Bislang seien allein in der Region Kiew mehr als 1.000 Leichen von Zivilisten geborgen worden.

Russische Soldaten verübten laut Augenzeugen auch sexuelle Gewalt. Neben zivilen Gebäuden wie Wohnhäuser seien in der gesamten Ukraine auch mindestens 50 christliche, jüdische und muslimische Gotteshäuser beschädigt worden, berichtet der Evangelische Pressedienst.


ERF: Kirchen, Synagogen und Moscheen beschädigt – dabei ruht gerade in Kriegszeiten auf Religionsgemeinschaften eine besondere Hoffnung.  Und just in dieser Woche wurde in Berlin die Organisation «Religions for Peace Europe» gegründet.  

Regina König: „Religions for peace“ ist eine interreligiöse Organisation, die sich dafür einsetzt, religiöse Konflikte zu befrieden oder Netzwerke zwischen Religionsgemeinschaften zu nutzen, um politische Konflikte auszuräumen. Gegründet wurde sie 1970 in New York und in dieser Woche nun der europäische Zweig in Berlin.

Bei der Gründungsfeier sagte die Beauftragte für Auswärtige Kulturpolitik im Auswärtigen Amt, Irmgard Maria Fellner, Diplomaten könnten von religiösen Führungspersönlichkeiten lernen. Das Auswärtige Amt unterstütze Bemühungen der Religionsgemeinschaften um Frieden. Im jetzigen Ukraine-Krieg spüren wir zurzeit allerdings leider wenig vom Friedenswillen der Kirchen zumindest in Russland.
 

Fellner: Diplomaten können von religiösen Führungspersönlichkeiten lernen

ERF: Zurück nach Deutschland: die Corona-Pandemie tritt medial in den Hintergrund, mit den wärmeren Temperaturen sinken die Inzidenzen. Doch auf die Folgen des Lockdowns gerade für junge Menschen hat jetzt die ehemalige Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt hingewiesen.

Regina König: Als Bundesvorsitzende der „Lebenshilfe“ mahnt sie die Politik, sich dringend den Folgen des Lockdowns zu stellen. Die Bundesagentur für Arbeit schätze die Zahl der Jugendlichen, die seitdem völlig aus dem Blick geraten sind, auf etwa 200.000, doppelt so viele wie vor der Pandemie, so Schmidt. Weder gingen sie zur Schule, noch arbeiteten sie oder seien als arbeits- oder ausbildungssuchend gemeldet.

Auch Menschen mit geistiger Beeinträchtigung hätten besonders unter den Folgen der Pandemie gelitten. Mit Investitionen in Bildung sowie in das Gesundheitswesen müsse die solidarische Gemeinschaft gestärkt werden, das sei wichtiger als die schwarze Null.


ERF: Jungen Leuten den Weg ins Leben erleichtern, dazu hat in dieser Woche auch der Ostbeauftragte der Bundesregierung, Carsten Schneider, einen interessanten Vorschlag gemacht.

Regina König: So ist es, er schlägt eine Umverteilung von Vermögen durch ein sogenanntes Grunderbe vor. Konkret: Schneider will, dass alle 18-jährigen vom Staat 20 000 Euro ausbezahlt bekommen. «Ein solches Grund-Erbe könnte über eine höhere Erbschaftssteuer der oberen zehn Prozent finanziert werden», sagte Schneider den Zeitungen der Funke Mediengruppe.

Eigentum zu bilden, sei für einen Großteil der Bevölkerung nicht mehr möglich, gerade in den Metropolen. Ein Grunderbe wäre aus seiner Sicht «ein interessantes Instrument, um diese Entwicklung aufzuhalten und die Startchancen ins Berufsleben etwas gerechter zu gestalten».
 

20 000 Euro als Grunderbe für alle 18-jährigen?

ERF: Das Leben in unserer Gesellschaft gerecht gestalten, dazu gehört es auch, Vorurteile abzubauen. Nach einer jüngsten Studie sind allerdings Vorurteile gegenüber Juden in Deutschland weit verbreitet.

Regina König: Ja, latente antijüdische Einstellungen sind nach der Umfrage des  Meinungsforschungsinstituts Allensbach weit verbreitet. Rund jeder Dritte sei überzeugt, dass Juden ihren Status als Opfer des Holocaust ausnutzten. Dieser Aussage stimmten 65 Prozent der Befragten zu, das meldet der Evangelische Pressedienst. Insgesamt 23 Prozent der Befragten meinten, Juden hätten zu viel Macht in Wirtschaft und Finanzwesen.

Knapp 20 Prozent sehen einen zu großen Einfluss von Juden in Politik und Medien. Allerdings: dieser Umfrage zufolge hat eine Mehrheit der deutschen Bevölkerung ein starkes Problembewusstsein für Antisemitismus im eigenen Land. In Auftrag gegeben wurde die Studie vom American Jewish Committee.
 

ERF: Was in diesem Zusammenhang noch mehr beunruhigt: die Zahl politisch motivierter Straftaten gegen Religionsgemeinschaften hat in Deutschland im vergangenen Jahr deutlich zugenommen.

Regina König: Ja, besonders die Repräsentanten der Religionsgemeinschaften werden mehr und mehr zur Zielschiebe, das macht die Kriminalstatistik deutlich, die in dieser Woche vom Bundeskriminalamt veröffentlicht wurde. Da ist ein Anstieg um mehr als 40% zu verzeichnen. Insgesamt liegen 3.114 Delikte vor. Opfer sind vor allem Juden und Muslime.

In den meisten Fällen geht es um Volksverhetzung. 108 der Straftaten waren Gewaltdelikte. 82 Prozent der Angriffe wurden dem rechtsextremen Spektrum zugeordnet. Rund 80 Prozent der Straftaten wurden antisemitisch gewertet, 17,5 als islamfeindlich. Vielleicht noch ein Vergleich: Die Zahl antisemitischer Delikte ist im vergangenen Jahr um 29% gestiegen, islamfeindliche Straftaten gingen im gleichen Verhältnis zurück.
 

Jeder dritte Deutsche glaubt, Juden nutzen Holocaust-Opferstatus aus

ERF: Blicken wir noch einmal ins Ausland, und zwar in die USA. Etwa ein Fünftel der Amerikaner gelten als Evangelikale, also als Menschen, die sich an der Bibel orientieren. Auch ihr politischer Einfluss ist bekannterweise nicht unerheblich. Allerdings hat sich jetzt die US-amerikanische Bibelgesellschaft in ihrem «State of the Bibel»-Bericht besorgt geäußert über die anscheinend zurückgehende Bedeutung der Bibel für US-Amerikaner.

Regina König: Demnach sind nur noch 39% der US-Amerikaner Bibelnutzer, und als Bibelnutzer gilt, wer wenigstens drei- bis viermal im Jahr in der Bibel liest. Diese Zahlen seien erschreckend und entmutigend, heißt es in dem Bericht. Ein Auslöser sei die Corona-Pandemie. Das Virus habe die Lebensweise vieler Amerikaner stark verändert, einschließlich der Beziehung zu Kirchengemeinschaften.

Immerhin: nach Angaben der Bibelgesellschaft besitzen 77 Prozent der US-Amerikaner eine Bibel. Frauen läsen häufiger darin als Männer, Ältere mehr als Jüngere und Afro-Amerikaner mehr als andere ethnische Gruppen (epd).
 

ERF: Bühne frei für die Bibel heißt es jetzt allerdings in Bayern: dort starten morgen die Oberammergauer Passionsspiele.

Regina König: Ja, und damit steht eine der biblischen Kerngeschichten im Rampenlicht: Jesu Leiden, Tod und Auferstehung. 2000 Laienspieler stehen auf der Bühne, alle Darsteller müssen Oberammergauer sein – und der Ort hat nur etwa 5000 Einwohner.


ERF: Also voller Einsatz für die Passionsspiele in dem kleinen bayrischen Ort.

Regina König: Die Gemeinde Oberammergau lebe durch und für die Passion, sagt nach Angaben des epd der Bürgermeister von Oberammergau, Andreas Rödl. Alle zehn Jahre wird die Passion aufgeführt, diesmal um zwei Jahre verschoben wegen der Pandemie.


ERF: Und der Ursprung der Oberammergauer Passionsspiele ist auch eine Seuche gewesen.

Regina König: Tatsächlich, die Passionsspiele gehen auf ein Pestgelübde von 1633 zurück. Der Deal damals: wenn du, Gott, uns verschonst vor der Pest, dann bringen wir die Leidensgeschichte deines Sohnes auf die Bühne. Und so läuft das nun seit fast 400 Jahren, die Pest ist auf jeden Fall seitdem nicht mehr zurückgekehrt nach Oberammergau.


ERF: Hunderttausende Besucher werden erwartet. Bis zum 2. Oktober finden die Spiele fast täglich statt, 103 Vorstellungen sind geplant. Auch die Kirchengemeinden beteiligen sich.  

Regina König: Sie bieten während der gesamten Spieldauer ein Rahmenprogramm an mit Passionsweg, Gesprächsangeboten und Einführungen ins Passionsspiel.


ERF: Also ab morgen die Passion Jesu Christi auf der Bühne in Oberammergau. Das war der Wochenrück- und ausblick des Teams ERF-Aktuell. Ein erholsames und friedliches Wochenende wünschen Regina König und Andreas Odrich.

 Regina König

Regina König

  |  Reporterin

Für ERF Plus in Mitteldeutschland unterwegs. Sie ist verheiratet und hat vier Kinder.

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