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© David Beale / unsplash.com

03.08.2023 / Serviceartikel / Lesezeit: ~ 7 min

Autor/-in: Guido Baltes

An den Grenzen der Kreativität

Lieder übersetzen ist kniffelig. Guido Baltes klärt auf über Grundlagen und gibt Praxis-Tipps.

Guido Baltes / Copyright: Matthias Schüßler Fotografie
Dr. Guido Baltes (*1968) ist evangelischer Theologe, Dozent, Autor, Musiker und Songwriter. Er unterrichtet Neues Testament am MBS Bibelseminar, ist Privatdozent für Neues Testament an der Philipps-Universität Marburg und Lehrbeauftragter an der Evangelischen Hochschule Tabor.
Er engagiert sich als Musiker und Anbetungsleiter im Christus-Treff Marburg und in überregionalen Projekten. (Copyright: Matthias Schüßler / http://schuessler-photography.com/)


In unseren Gottesdiensten sind sie allgegenwärtig: Deutsche Übersetzungen von englischsprachigen Liedern. Dabei ist das Übersetzen von Liedern an sich gar nicht so neu: Schon Paulus zitiert in seinen Briefen griechische Übersetzungen der hebräischen Psalmen und Martin Luthers „Christ ist erstanden“ ist eine Übersetzung aus dem Lateinischen. Sein eigenes „Ein feste Burg“ wurde 1852 ins Englische übersetzt und fand so internationale Verbreitung.

Spätestens seit den Erweckungszeiten im 19. Jahrhundert fanden englische Lieder in Übersetzungen ihren Weg nach Deutschland. Auch einige Hits meiner Jugendzeit („Der Gammler“, „Ins Wasser fällt ein Stein“, u. a.) verdanken ihre Existenz einer Übersetzung.
 

Übersetzung erwünscht?!

Ich selbst habe mit dem Übersetzen angefangen, als die Vineyard-Bewegung mit ihren Lobpreis- und Anbetungsliedern zunächst in der anglikanischen Kirche Englands und dann auch in Deutschland Fuß fasste. Etwas war in diesen Liedern für mich neu: eine andere Art von Musik und Melodieführung, aber eben auch andere Inhalte, Texte und Bilder.

Die Lieder nur auf Englisch nachzusingen, war mir aber zu wenig. Auch wir als Gemeinde (Christus-Treff Marburg) wollten in unseren Veranstaltungen auf Deutsch singen und beten. So entstanden eine Reihe von Liedübersetzungen, die auch ihren Weg in die Liederbücher fanden.

Seitdem habe ich immer wieder zum Stift gegriffen, um englischen Liedern eine deutsche Stimme zu verleihen. Aber ich habe auch gelernt, dass die Welt des Übersetzens vermintes Gebiet ist: Da sind auf der einen Seite die Künstler und Verlage, die auf „Werktreue“ beharren: Die Originale sollen nicht durch eine Übersetzung verfälscht werden. Auf der anderen Seite gibt es Gemeinden und Lobpreisleiter, die jeder Übersetzung kritisch, meist sogar abweisend begegnen, weil sie nie so hip und authentisch ist wie das Original.
 

Ein Blick zu den Bibelübersetzern

Also lieber ganz auf das Übersetzen verzichten? Nein. Aus der globalen Erfahrung der Bibelübersetzung haben wir gelernt, dass keine Fremdsprache die Wirkung ersetzen kann, die die Muttersprache auf das Herz hat. Alle Wirren der Übersetzungskunst sind es am Ende wert, wenn der Gehalt des ursprünglichen Wortes in der neuen Sprache erklingt. Anders, verändert, ungewohnt, aber eben doch auf seine Weise frisch, authentisch und kreativ.

Alle Wirren der Übersetzungskunst sind es am Ende wert, wenn der Gehalt des ursprünglichen Wortes in der neuen Sprache erklingt.

 

Das gleiche gilt für Lieder, doch leider oft mit viel weniger Sorgfalt: Während an einem Kapitel der Bibel manchmal jahrelang gefeilt wird, entstehen Liedübersetzungen oft unter hohem Zeitdruck. Sie müssen mit dem Tempo der täglich neuen Lobpreischarts mithalten und in den Gemeinden ankommen, bevor das Lied schon wieder out ist.
 

Die Übersetzung wird zum neuen Werk

Dabei gehen manchmal die Grundregeln einer guten Übersetzungsarbeit verloren. Das schmerzt umso mehr, als eine Liedübersetzung mehr will als eine Bibelübersetzung: Sie möchte nicht nur den Text möglichst akkurat ins Deutsche bringen, sondern sie muss auch ein deutschsprachiges Lied erschaffen. Ein Lied, mit dem man die Aussage des ursprünglichen Lieds nicht nur verstehen, sondern auch singend ausdrücken kann.

Ein Lied zu übersetzen, ist daher eine Herausforderung, die irgendwo zwischen der klassischen Übersetzungsarbeit und dem kreativen Songwriting anzusiedeln ist: Einerseits ist man gebunden an die kreative Leistung des Urhebers, die man nicht verfälschen, sondern wertschätzen möchte. Andererseits muss man selbst kreativ sein, damit eben nicht nur eine sachlich richtige Übersetzung, sondern ein echtes Lied herauskommt. Welche Hürden sind dabei zu nehmen? Auf vier möchte ich hier eingehen.
 

Hürde 1: Wörtlich oder inhaltstreu?

Wir alle kennen den Unterschied zwischen einer Bibelübersetzung, die sich streng am Urtext orientiert, dabei aber oft wenig geschmeidig klingt und einer Bibelübersetzung, die versucht, den ursprünglichen Inhalt so zu sagen, dass er nach heutigem Deutsch klingt, auch wenn dabei Nuancen des ursprünglichen Inhalts verloren gehen. Das gleiche gilt auch fürs Lied.

So hat sich der Verlag bei der Liedzeile „Jede Zunge wird dich bekennen als Gott“ leider für die Wörtlichkeit entschieden, obwohl wir im Deutschen eher vom Mund sprechen als von der Zunge. Auch die Aspekte der Vielsprachlichkeit und Diversität der Völker aus dem englischen Wort „tongue“ gibt es im deutschen Wort „Zunge“ nicht.

Solche Abwägungen sind beim Übersetzen immer zu treffen, doch sie gelingen nicht immer.

Das englische Wort „grace“ etwa bedeutet viel mehr als „Gnade“ und müsste manchmal mit Liebe übersetzt werden, manchmal mit Freundlichkeit oder Schönheit.

 

Hürde 2: Inhalt oder Wirkung?

Lieder – und gerade Anbetungslieder – wollen häufig nicht in erster Linie einen Inhalt vermitteln, sondern eine Herzenshaltung ausdrücken oder sogar eine Handlung vollziehen. Sprachwissenschaftler sprechen vom „Sprechakt“. Mit den Worten „Ich danke Ihnen“ etwa beschreibe ich nicht nur, was ich tue, sondern tue auch genau das, was ich gerade beschreibe.

Beim Übersetzen stelle ich mir deshalb nicht zuerst die Frage: „Habe ich den Inhalt des Originals richtig erfasst?“, sondern überlege: „Welcher deutsche Satz löst die gleiche Wirkung aus – bei mir und bei anderen?“ Im Idealfall funktioniert das durch eine wörtliche Übersetzung, aber leider nicht immer.

So beginnt das populäre Lied „10.000 Reasons“ mit dem Ausruf: „Bless the Lord“. Im Englischen ist das nicht nur eine Einladung an die eigene Seele, Gott zu loben, sondern in sich bereits ein spontaner Ausdruck des Jubels, den wir üblicherweise mit „Preist den Herrn!“ ausdrücken. Im Deutschen muss ich mich als Übersetzer für eins davon entscheiden und verliere das andere.
 

Hürde 3: Text und Melodieführung

Ein gut geschriebenes Lied spiegelt in seiner Melodieführung etwas von dem wider, worum es im Text geht: Kernworte werden musikalisch herausgehoben, Stimmungen werden in Tonarten umgesetzt, Ruhe oder Spannung in Tonlängen und -fülle ausgedrückt. Eine gute Übersetzung muss auch darauf achten.

Die Liedzeile „I love you Lord, oh your mercy never fails me“ hebt zum Beispiel das Wort „mercy“ positiv nach oben heraus, während die Worte „never fails me“ am Ende abwärtsführen und so in den Hintergrund treten. In der deutschen Übersetzung dagegen („nie verlässt mich deine Gnade“) wird das Verlassen betont, während die Gnade nach unten ausklingt.

Solche Kleinigkeiten scheinen auf den ersten Blick nebensächlich. Im Unbewussten bewirken sie aber mehr, als wir denken.

Gute Übersetzungen sollten vor allem Schlüsselworte und Kennzeilen bewahren, und dann versuchen, das „Kleingedruckte“ passend darum anzuordnen.

 

Hürde 4: Länge und Kürze

Wer einmal einer englischen Predigt mit deutscher Übersetzung gefolgt ist, kennt das Problem: Das Deutsche braucht immer doppelt so lang wie das englische Original. Weil die englische Sprache die Dinge knapper auf den Punkt bringt und das Deutsche oftmals nuancierter formulieren muss. Beim Liedübersetzen aber hat man immer nur die exakt gleiche Silbenanzahl zur Verfügung. Nicht selten muss man daher auf wertvolle Inhalte des englischen Textes verzichten.

Von den mächtigen Bildern „what heights of love, what depths of peace, when fears are stilled, when strivings cease“ haben es etwa nur die Hälfte ins Deutsche geschafft: „Wer liebt wie er (keine Höhen!), stillt meine Angst, bringt Frieden mir (keine Tiefen!) mitten im Kampf (kein Ende!) …“ Und auch am Schluss des Liedes bleibt von dem schönen Bogen zwischen „life’s first cry“ und „final breath“ nur die erste Hälfte bestehen: „… vom ersten Atemzuge an.“

Das schmerzt beim Übersetzen, es bleibt die Hoffnung, dass das reduzierte Deutsch trotz des verkürzten Bildes eine ähnlich tiefe Zuversicht auslöst wie das Original.
 

Zur Sprache des Herzens finden

Jede Übersetzung ist ein Verlust. Und Übersetzungen werden in Gemeinden sehr schnell leichtfertig „weggespöttelt“: Wer etwas auf sich hält, bleibt beim Original. Aber ich glaube nach wie vor daran, dass dem Verlust ein größerer Gewinn gegenübersteht oder stehen kann. Dabei geht es mir gar nicht zuerst darum, ob jemand den Text versteht oder nicht. Mir geht es um die Frage: Welche Sprache ist unsere „Anbetungs-Sprache“?

Je mehr wir unser Herz trainieren, Gott in einer Fremdsprache unsere Anbetung auszudrücken, desto befremdlicher erscheint es uns, dasselbe auf Deutsch und mit eigenen Worten zu tun. Ich habe über die Jahre die Beobachtung gemacht: Je mehr in einem Gottesdienst englisch gesungen wird, desto weniger wird in den Lobpreiszeiten auf Deutsch gebetet. Uns fehlt das Vokabular, die Wortgewandtheit und die sprachliche Kreativität, Anbetung auch auf Deutsch auszudrücken. Und mit der Zeit erscheint uns jedes deutsche Lied, sei es gut oder schlecht übersetzt oder sogar auf Deutsch geschrieben, „eigenartig“.

Je mehr wir unser Herz trainieren, Gott in einer Fremdsprache unsere Anbetung auszudrücken, desto befremdlicher erscheint es uns, dasselbe auf Deutsch und mit eigenen Worten zu tun.

 

Übersetzte Lieder weiten Horizonte

Deutsche Lieder zu singen ist daher weder ein Ausdruck von kultureller Provinzialität noch von falsch verstandenem Nationalismus. Es ist eine wichtige Voraussetzung, den immer größer werdenden Riss zwischen Gesangssprache und Gebetssprache zu heilen und unserem Herz die Worte zurückzugeben, mit denen es Gott nicht nur im Lied, sondern auch im Gebet anbeten kann. Lieder, die in Deutschland geschrieben werden, spielen dabei eine tragende Rolle.

Lieder, die ins Deutsche übersetzt werden, können uns zusätzlich mit Gottes weltweiter Gemeinde verbinden. Wenn dann noch dazukäme, dass wir Lieder nicht immer nur aus der englischsprachigen Welt, sondern zunehmend auch aus anderen Sprachen und Kulturen der Welt entdecken, wertschätzen und übersetzen, wäre das noch ein weiterer wichtiger Schritt zu einer kreativen Anbetungskultur mit globalem und nicht nur westlichem Horizont.
 

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