Navigation überspringen
© Farid Ershad / Unsplash.com

20.01.2022 / ERF Global Hope / Lesezeit: ~ 5 min

Autor/-in: Ingrid Will

Radio wird wichtiger denn je

Wie ist die Lage für Christen in Afghanistan fast ein halbes Jahr nach Machtergreifung der Taliban?


Fünf Monate ist es her, seitdem die radikalislamistische Taliban-Miliz in Afghanistan die Macht ergriffen hat. In den Medien ist es stiller geworden um das Land, doch die politische Lage dort ist weiterhin instabil und chaotisch. Hunderttausende Menschen sind innerhalb des Landes auf der Flucht. Die Wirtschaft liegt am Boden, das Bankensystem ist kollabiert, Lebensmittelpreise steigen. Mehr als die Hälfte der knapp 40 Millionen Einwohner Afghanistans hat nicht genug zu essen.

Doch das ist nicht alles. Während ihrer gewaltsamen Herrschaft von 1996 bis 2001 unterdrückten die Taliban Frauen massiv und begingen Massaker an ethnischen und religiösen Minderheiten. Auch wenn sich die Gruppierung nun nach außen gemäßigter gibt, bezeugen erste Berichte, dass Minderheiten wieder verstärkt verfolgt und vertrieben werden. Besonders schwierig ist die Lage für Christen. Afghanistan war jahrelang im Weltverfolgungsindex von Open Doors auf Platz 2, gestern wurde es im aktuellen Weltverfolgungsindex auf Platz 1 hochgestuft. Schätzungen sind schwierig, aber wahrscheinlich leben 8.000 bis 12.000 Christen in Afghanistan, weniger als 0,05 %. Nahezu alle davon sind Konvertiten mit muslimischem Hintergrund. Ein Wechsel vom Islam zum christlichen Glauben gilt nach Scharia-Recht jedoch als inakzeptabel. Das heißt: Nach islamischem Recht können diese Christen dafür getötet werden.

Afghanistan war jahrelang im Weltverfolgungsindex von Open Doors auf Platz 2, gestern wurde es auf Platz 1 hochgestuft.

 

Afghanische Christen hören heimlich Radio

Thomas Prasad*, der internationale Leiter von TWR Südasien, macht sich ernsthafte Sorgen um seine Glaubensbrüder und -schwestern. „Christen in Afghanistan waren schon immer gefährdet und operierten im Untergrund,“ sagt er. „Sie fürchten sich nicht nur vor den radikal-islamistischen Kämpfern, sondern auch vor Repressalien durch ihre eigenen Familien und Nachbarn. Es ist für Christen nahezu unmöglich, ihren Glauben offen zu leben.“

Seit 2014 hat der PANI (Pakistan, Afghanistan, Nord-Indien) Sender unseres Medienpartners TWR entscheidend dazu beigetragen, Gottes Wort nach Südasien zu bringen. In allen drei Ländern wohnen viele unerreichte Volksgruppen. Auch gehören diese Länder weltweit zu den Staaten, in denen die Christenverfolgung aktuell am schlimmsten ist. Der ERF unterstützt in der Region einige TWR Projekte, unter anderem die Ausstrahlung evangelistischer und glaubensstärkende Programme auf Paschtu.

Doch laut Prasad gibt es dennoch Grund zur Hoffnung. Der 500.000-Watt-Mittelwellensender PANI, von dem TWR seine christlichen Programme in dieser Region ausstrahlt, befindet sich außerhalb Afghanistans und damit auch außerhalb des Zugriffs der Taliban. So können Afghanen, die weder Bibeln noch Internetzugang haben, trotzdem hoffnungsvolle biblische Botschaften hören. Sogar heimlich inmitten von feindseligen Familienmitgliedern, Nachbarn oder Behörden.

TWR hat schnell auf die neue Lage reagiert und schon im September die Sendezeit der afghanischen Programme in den Landessprachen Paschtu und Dari um zwei Stunden täglich erhöht. In dieser Zeit läuft nun auch die neue Sendung „Wunden des Krieges“. Darin geht es um die Heilung seelischer Traumata. Außerdem strahlt TWR eine zusätzliche Sendung für Frauen sowie die weltweit bekannte Serie „Durch die Bibel“ aus. Prasad sagt dazu: „Das lebendige Wort Gottes hat die Macht auch inmitten von Leid und Verfolgung Menschenleben zu verändern. Mein Gebet ist, dass sogar Mitglieder der Taliban Gottes Wort hören, er zu ihnen spricht und sie radikal verändert.“

Mein Gebet ist, dass sogar Mitglieder der Taliban Gottes Wort hören, er zu ihnen spricht und sie radikal verändert. – Thomas Prasad, internationaler Leiter TWR Südasien

 

Für jeden Fluch ein Gebet

Prasad und die Teams, mit denen er zusammenarbeitet, wissen, wie schwierig es ist, in einer Region über Jesus zu sprechen, in der dessen Name schnell Missverständnisse, Widerstand und Empörung hervorruft. Die afghanischen Mitarbeiter, die aus dem Ausland für TWR die Anrufe und Textnachrichten von Radiohörern aus ihrer Heimat entgegennehmen, erleben oft viel Feindseligkeit. Sie hören Sätze wie: „Möge deine Familie bis zur siebten Generation verflucht sein!“, „Ihr seid Ungläubige!“ und „Ihr seid eine Schande für euer Land.“ Die aggressiven Anprangerungen und teilweise gewaltbereiten Drohungen hinterlassen ihre Spuren. Die Teammitglieder kämpfen mit Angst, Schlaflosigkeit, Wut und Entmutigung. Doch sie versuchen stets positiv zu reagieren und die Beleidigungen in konstruktive Gespräche über Jesus zu verwandeln.

„Ich habe gelernt, die aggressiven Menschen, die anrufen, zu ehren und sie nicht als meine Feinde zu betrachten“, erzählt eines der Teammitglieder. „Ich sage so etwas wie: ‚Du verfluchst mich. Das würde ich and deiner Stelle auch tun, aber Jesus hat mich verändert. Darf ich beten und dich segnen?‘ Und für jeden Fluch, den ein Anrufer ausspricht, bete ich Gottes Segen über ihn.“

 

Radiosendung verhindert Rachemord

Auch wenn solche schwierigen Gespräche nicht immer zu einer sofortigen Veränderung im Herzen der Anrufer führen, so pflanzen sie doch Samen, von denen die Mitarbeiter hoffen, dass sie eines Tages Wurzeln schlagen.

Und es gibt tatsächlich auch viele ermutigende Rückmeldungen von Hörerinnen und Hörern, deren Leben durch die PANI-Sendungen radikal verändert wurden. Ein Mann erzählt: „Ihre Radiosendungen haben meinen Vater und Onkel davon abgehalten, einen Rachemord zu begehen! Gott sei Dank hörten sie mit mir eure Programme über die Wichtigkeit Vergebung und Rache in Gottes Hände zu legen. Daraufhin beschlossen sie ihre Pläne aufzugeben und dem Mann zu vergeben.“ Der Hörer fügt hinzu: „Ich schätze eure Programme so sehr, dass ich mir sogar den Wecker für die Live-Sendung am Freitag stelle. Ich habe noch keine einzige Sendung verpasst.“

Ihre Radiosendungen haben meinen Vater und Onkel davon abgehalten, einen Rachemord zu begehen! – Hörerzuschrift aus Afghanistan

 

Ein weiterer Hörer schreibt: „Ich freue mich im Herrn, weil meine ganze Familie Christus angenommen hat! Auch mein Schwager sagte kürzlich: ‚Bitte hilf mir. Ich möchte mein Leben Jesus übergeben!‘“

Eine regelmäßige Hörerin erzählt: „Oft hört meine ganze Familie mit zu, wenn ich eure Sendung ‚Women of Hope‘ anschalte. Bitte produziert die Programme weiter und macht sie länger, denn sie sind für mich eine große Ermutigung! Könnt ihr mir helfen, eine Bibel zu bekommen? Ich liebe das Buch der Sprüche, aber ich habe keinen Internetzugang.“

Die regionalen Produktions- und Reaktionsteams treffen sich regelmäßig, um zu überlegen, wie sie auf die sich ändernden Bedürfnisse der Hörer reagieren können. „Wir müssen den Herrn bitten uns seine souveräne Kraft und Weisheit zu schenken“, sagt Leiter Thomas Prasad. „Wir werden die positiven Ergebnisse unserer Arbeit nicht unbedingt immer persönlich erleben, aber ich glaube, die Ewigkeit wird zeigen, was Gottes Wort für die unterdrückten Menschen in Afghanistan getan hat. Wie wunderbar wäre es zu wissen, dass Gott uns alle benutzt hat, um eine kleine Rolle dabei zu spielen!“

 

Gebetsanliegen

Wir beten …

  • für Frieden sowie politische und wirtschaftliche Stabilität in Afghanistan.
  • dass Gott den Christen im Land Mut schenkt und sie vor Verfolgung bewahrt.
  • dass immer mehr Afghanen die TWR Programme hören und durch sie Hoffnung in Jesus finden.
  • für Kraft, Weisheit und Ermutigung für die TWR Mitarbeiter, die die Anrufe der Hörer entgegennehmen und oft schwierige Gespräche führen müssen.

*Name aus Sicherheitsgründen geändert

 Ingrid Will

Ingrid Will

  |  Projektkoordinatorin

Ihr Kommentar

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.
Alle Kommentare werden redaktionell geprüft. Wir behalten uns das Kürzen von Kommentaren vor. Ein Recht auf Veröffentlichung besteht nicht.

Kommentare (1)

Esther /

So gut, dass diese Arbeit stattfinden kann! Gottes Wort kennt keine Grenzen und hat Kraft Leben zu verändern. Daran glaube ich. Gott segne diesen Dienst und schütze die Christen in Afghanistan und gebe ihnen einen starken Glauben

Das könnte Sie auch interessieren