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/ Wort zum Tag

Wenn Störer kommen

Die Bibelstelle Markus 10,47 – ausgelegt von Uwe Bertelmann.

Als Bartimäus hörte, dass es Jesus von Nazareth war, fing er an zu schreien und zu sagen: Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!

Markus 10,47

Jesus kommt gerade aus der Stadt Jericho heraus. Begleitet von einer riesigen Menge von Fans. Am Wegrand sitzt ein Bettler. Ein Blinder. Bartimäus, Sohn des Timäus. Der saß da vermutlich immer – Hauptverkehrsstraße. Für die meisten Menschen zwangsläufig Fußgängerzone. Reittiere waren zu teuer. Optimaler Standort. Sehen kann er nicht – aber um so besser hören. Bekommt in Gesprächsfetzen immer wieder den Namen „Jesus“ mit. Als er begreift, dass dieser Jesus von Nazareth wirklich irgendwo in der Nähe sein muss, tut er das Einzige, was er kann. Hinrennen geht ja nicht. Also schreit er: „Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!“ – so steht es im Markusevangelium, Kapitel 10,47.

Jesus ist vielleicht gerade in einem Gelehrten-Gespräch mit dem Rabbiner von Jericho – oder mit sonst wem. Die Menge, die mitläuft, will das mitkriegen. Rein akustisch gar nicht leicht. Hauptverkehrsstraße, Menschenmenge – da muss man schon dicht dranstehen. Und jetzt diese völlig überflüssige Geräuschemission von der Seite. „Jetzt sei doch still. Wir diskutieren gerade über …“ Jesus bleibt stehen. Gibt Anweisung, Bartimäus herzubringen. Jetzt kann Bartimäus aufspringen und zu Jesus rennen – jetzt weiß er, dass sich ihm niemand in den Weg stellen wird.

Ein Grund, dass Menschen davon abgehalten werden, zu Jesus zu kommen, sind bisweilen seine Fans und Anhänger, seine Jünger und die Begeisterten. „Lasst die Kinder zu mir kommen“, sagt Jesus nicht, weil die Kinder dazu nicht in der Lage gewesen wären oder keine Lust gehabt hätten – nein. Sie wurden abgehalten. Und immer, wenn Jesus so etwas mitbekommt, ist seine Reaktion sehr deutlich. So wie hier.

Und heute? Soziologen, die unsere Gesellschaft erforschen, sagen uns, dass in Kirchen fast egal welcher Couleur von zehn gesellschaftlichen Milieus acht faktisch kaum zu finden sind. Wo sind sie?

Liegt es daran, dass die, die bereits da sind, lieber unter sich bleiben? Haben die anderen gar keine Chance? Menschen, deren Leben vielleicht alles andere als gerade verlaufen ist. Die ganz anders ticken. Die Probleme mitbringen – und dann sogar noch Hilfe brauchen. Bis hin zu dem Wohnsitzlosen, der zur Gemeindefeier kommt, weil es da was zu essen gibt. Wir sind in der Regel anständiger als die Jesus-Fans damals. Die meisten würden nicht sagen, „du darfst nicht kommen“. Aber unsere schöne Versammlung stören – das geht dann doch zu weit. Und beim Gemeindecafé wird vornehmer Sicherheitsabstand gehalten. Essen kann er auch alleine – so wie der riecht.

Oder sind die, die da sind, so mit sich selbst beschäftigt, dass sie schlicht nicht merken, dass da jemand einige Male im Gottesdienst war und schlicht keinen Kontakt bekommen hat? Dass er nicht reingekommen ist in die Gruppen und Grüppchen der Gemeinde – trotz aller schön aufgemachten Programme? Dass er einfach nicht gesehen wurde und deswegen wegbleibt?

Bin ich so in meiner eigenen Bubble, dass ich Menschen jenseits davon gar nicht mehr wahrnehme? Bin ich so mit „meinen Leuten“ ausgelastet, dass ich für andere gar keine Zeit mehr habe? Muss Jesus mir vielleicht auch sagen: „Lass ihn – oder sie – zu mir kommen!“ Oder: „Steh ihm wenigstens nicht im Weg!“?

Jesus schreitet ein. Er hört Bartimäus. Er sieht ihn. Er kennt sein Herz. Er widmet ihm Zeit. Hört ihm zu. Heilt ihn.

Das möchte ich mir zum Vorbild nehmen. Ich möchte mich stören lassen, wenn Jesus Menschen zu mir schickt. Wenn solche „Störer“ kommen, möchte ich sie sehen – und ihnen wenigstens nicht im Wege stehen. Ihnen Vielleicht sogar helfen auf dem Weg zu Jesus.

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Kommentare (4)

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Petra /

Danke für die ehrlichen und realistischen Worte, wie häufig mit solchen "Störern" umgegangen wird. Mutig von Ihnen, das so offen zu sagen - Hut ab!

Irene U. /

Ich kann mich sehr gut an einen Kirchenkaffee erinnern, bei dem viele Gemeindemitglieder waren, auch Pfr. Und Kirchenvorstand. Aber die ganze Zeit stand ich alleine da und keiner ist auf mich mehr

Karin /

Oh wie Sie Recht haben.
Ich bin dann aus der Landeskirche ausgetreten, aber zum Glück habe ich nie meinen Glauben verloren.
Ich passe eben als kinderlose mit technischem Beruf nicht hinein. Und reich war ich auch nicht.
Dabei hat Jesus doch die beste Botschaft für uns!

Josi H. /

O, das ist mal eine Andacht! Der Schreiber hat sooooo recht! Besonders für "Andersartige" wie Künstler und wache Zeitgeister ist oft kein Platz in solchen oben beschriebenen spießigen Gemeinden, in mehr