/ Bibel heute
Gastfreundschaft leben
Der Bibeltext 3, Johannes 1-15 – ausgelegt von Andreas Koch.
Der Älteste an den lieben Gaius, den ich lieb habe in der Wahrheit. Mein Lieber, ich wünsche, dass es dir in allen Stücken gut gehe und du gesund seist, so wie es deiner Seele gut geht. Denn ich habe mich sehr gefreut, als Brüder kamen und Zeugnis gaben von deiner Wahrheit, wie du wandelst in der Wahrheit.[...]
Eine unerwartete Bitte an der Haustür
Es klingelt an meiner Haustür. Ich öffne und ein junger Mann steht vor mir, den ich noch nie gesehen habe. Neben ihm ein kleiner Reisekoffer. Schon an dieser Stelle habe ich wahrscheinlich unwillkürlich einen etwas abwehrenden, zumindest sehr abwartenden inneren Impuls. Was will dieser Mensch von mir? Ehe ich darüber spekulieren kann, werde ich von meinem Gegenüber auch schon aufgeklärt. Und zwar so, dass meine Skepsis noch deutlich größer wird. „Ich hätte eine große Bitte“, höre ich den Unbekannten mit leicht ausländischem Akzent sagen. „Könnte ich die nächsten zwei Nächte bei Ihnen übernachten? Ich bin Theologiestudent und will morgen und übermorgen an einem Seminar hier in der Stadt teilnehmen.“ – Die Gedanken in meinem Kopf überschlagen sich: Wie kommt der auf mich? Denkt er allen Ernstes, ich lasse ihn einfach so bei uns schlafen? Warum nimmt er kein Hotelzimmer? Ist die Geschichte überhaupt wahr oder nur eine ganz hinterhältige Gaunernummer? Wie soll ich reagieren?
Wie hätten Sie an meiner Stelle reagiert? Zugegeben: Diese Geschichte ist mir so nie passiert und deshalb musste ich mich auch gar nicht entscheiden. Aber vor knapp 2.000 Jahren befindet sich ein gewisser Gaius wohl in einer sehr ähnlichen Situation. Der Mann, der damals wahrscheinlich vor ihm steht, heißt Demetrius, ein Christ, der ein Zuhause auf Zeit in der Stadt braucht, in der Gaius wohnt. Gaius kennt Demetrius bis zu diesem Zeitpunkt nicht. Aber beide haben einen gemeinsamen Bekannten: den Apostel Johannes. Und damit Demetrius nicht die Tür vor der Nase zugeschlagen, sondern im Gegenteil freundlich geöffnet wird, schreibt Johannes einen Brief an Gaius, den er Demetrius mitgibt. Als Empfehlungsschreiben sozusagen. „Alle haben Demetrius ein gutes Zeugnis ausgestellt. Und auch die Wahrheit spricht für ihn. Wir können ihm das ebenfalls bestätigen. Und du weißt, dass alles wahr ist, wofür wir als Zeuge einstehen.“ So wird der Vers 12 in der Basisbibel übersetzt.
Gaius und Demetrius: Gastfreundschaft mit Empfehlung
Wie Gaius auf diesen Empfehlungsbrief des Johannes reagiert, wissen wir nicht. Es liegt aber sehr nahe, dass er Demetrius bei sich aufnimmt. Denn offensichtlich ist er dafür bekannt, dass er sein Haus anderen Christen bereitwillig öffnet, sogar denen, die er vorher gar nicht gekannt hat. So ist es Johannes jedenfalls zu Ohren gekommen von Mitchristen, die die Gastfreundschaft des Gaius bereits genießen durften.
Und so sehr Johannes sich über diese gelebte geschwisterliche Liebe des Gaius freut, so sehr drückt er seine Verärgerung über das ganz andere Verhalten eines Mannes namens Diotrephes aus. Dieser fällt nicht nur dadurch negativ auf, dass er in der Gemeinde, zu der auch Gaius gehört, nur zu gerne die erste Geige spielen möchte. Er hat darüber hinaus auch ein Problem mit Johannes. Einen Brief, den Johannes an die Gemeinde geschrieben hat, redet er schlecht und nimmt es dabei mit der Wahrheit nicht besonders genau. Christen wie Demetrius, die Kontakt zu Johannes haben, werden abgewiesen und weggeschickt. Ja, sogar die, die sie eigentlich als Gäste aufnehmen wollen, werden von Diotrephes daran gehindert.
Wie wird Gaius nun reagieren? Kann er dem Druck dieses ach so wichtigen und mächtigen Mannes der Gemeinde standhalten?
Diotrephes und der Druck in der Gemeinde
Johannes empfiehlt ihm jedenfalls, sich von dem falschen, ja regelrecht bösen Spiel des Diotrephes nicht beeindrucken zu lassen. „Lass dich nicht von den scheinbar frommen Begründungen blenden, die Diotrephes vielleicht anbringt“, mahnt Johannes. „Wer so offensichtlich das Falsche, ja das Böse tut, der darf sich dabei nicht auf Gott berufen!“
Gastfreundschaft als Ausdruck des Glaubens
Heute zeigt es sich eher am Umgang mit neu zugewanderten Personen unter uns. Schon im Alten Testament gibt es den folgenden erstaunlichen Satz im dritten Mosebuch: „Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten, und du sollst ihn lieben wie dich selbst.“
Gastfreundschaft – nicht nur Christen gegenüber! – sollte eigentlich ein selbstverständliches Kennzeichen der Menschen sein, die an Jesus glauben. Am Ende des Hebräerbriefes werden Christen an das eine, einzige neue Gebot erinnert: „Hört nicht auf, euch als Brüder und Schwestern zu lieben“. Und das erste ganz konkrete Beispiel, das der Autor des Hebräerbriefes dann dafür anführt, ist: Gastfreundschaft!
Umso erstaunlicher finde ich es, wenn angebliche Verfechter des Christentums es eher ähnlich machen wie Diotrephes: Menschen aus anderen Ländern werden in unserem Land in erster Linie als Störfaktor gesehen; sie möchten sie am liebsten loswerden; und diejenigen, die sich für sie einsetzen, werden öfter verdächtigt, die Werte des christlichen Abendlandes zu gefährden.
Ich brauche dabei gar nicht einmal in erster Linie an gewisse politische Strömungen zu denken; auch in manchen Gemeinden übertönen Diotrephes-Typen die eher Stillen wie Gaius.
Aber: Lautstärke ist ja noch kein Beweis dafür, Recht zu haben.
Gastfreundschaft ist keine Nebensächlichkeit. Dem Apostel Johannes ist sie immerhin einen ganzen Brief wert, auch wenn es einer der kürzesten im Neuen Testament ist. Es ist doch wirklich wunderbar, wenn mein persönliches Zuhause und auch meine Gemeinde von der Gastfreundschaft geprägt wäre, die einen Gaius ausgezeichnet hat; wenn Gäste heute – wie damals Demetrius – vielleicht auch ohne Empfehlungsschreiben bei mir auf offene Herzen und Türen treffen; wenn die Liebe von Jesus ganz selbstverständlich mein Herz und Handeln prägt. Und vielleicht wird das sogar bei denen, die fremd und nicht christlich geprägt sind, zu einem echten Türöffner für Jesus werden. Denn darum geht es letztendlich ja vor allem: bei Jesus ein Zuhause zu finden, nicht nur auf Zeit, sondern für die Ewigkeit.
Dabei ist es unerheblich, ob Diotrephes möglicherweise an anderen Stellen hier und da auch christlich agieren mag. Wer bei einem wichtigen Thema so klar und eindeutig nicht in Gottes Sinn handelt und offensichtlich jede kritische Anfrage daran abblockt, der ist nicht wirklich auf Gottes Wegen unterwegs.
Schon häufiger in der Weltgeschichte umgaben sich Regierende mit dem Schein christlicher Werte, und etliche Christen ließen sich davon blenden. Wie wenig diese Werte aber in den Herzen und Regierungsprogrammen tatsächlich verwurzelt sind, zeigt sich meist schnell an speziellen Fragen, wie z. B. der Stellung zu Juden zur Zeit des Dritten Reiches.
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