/ Wort zum Tag
Neubeginn
Die Bibelstelle Jesaja 43,18-19 – ausgelegt von Ulrich Pohl.
Gedenkt nicht an das Frühere und achtet nicht auf das Vorige! Denn siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr’s denn nicht?
„Gedenkt nicht an das Frühere und achtet nicht auf das Vorige! Denn siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr’s denn nicht?“
So lautet der heutige Losungsvers der Herrnhuter Brüdergemeinde aus dem Buch Jesaja. Merkwürdig. Fordert Gott in der Bibel nicht immer wieder dazu auf, dass das Volk Israel gedenken soll?! Gedenke an den Bund, den ich mit dir geschlossen habe. Vergesst nicht, dass ihr Sklaven in Ägypten wart. Gedenket, wie ich euch durch das Meer geführt habe!
Wenn ein Volk seine Geschichte vergisst, dann verliert es seine Identität. Das gilt auch heute. Auch Deutschland pflegt eine ausgeprägte Erinnerungskultur. Wir schauen auf die dunklen Kapitel unserer Geschichte, damit sie sich nicht wiederholen. Wir erinnern uns an historische Ereignisse, die uns stärken, zum Beispiel in unserem Gefühl von Einigkeit. Das kollektive Gedenken ist eine Tugend. Es schützt ein Volk davor, dass es in eine selbstvergessene Oberflächlichkeit abgleitet.
Das gilt auch für das persönliche Leben: Ohne den Blick zurück geht es nicht. Wer bin ich eigentlich? Warum reagiere ich in Konflikten immer so dünnhäutig? Warum habe ich ständig das Gefühl, nicht genug zu sein?
Oft liegen die Antworten in der Kindheit. Ein Mensch ist geprägt von dem, was er dort erlebt hat. Manche tragen schwere Lasten. Frühe Erfahrungen von Verlust, Kälte oder sogar Missbrauch. Wer das einfach nur wegdrückt, wird nicht heil. Es braucht das therapeutische Erinnern. Wir müssen anschauen, was war. Nur wer versteht, was ihn geprägt hat, kann persönlich wachsen.
Das Gedenken hilft. Es hilft, die Lasten zu erkennen, die ich schon viel zu lange mit mir herumschleppe. Es hilft, alte Muster zu verstehen und schließlich loszuwerden. Wir erinnern uns, um zur Freiheit zu gelangen. Das ist ein notwendiger Prozess.
Aber es gibt eine Grenze. Und bei dieser Grenze setzt der Prophet Jesaja an. Es gibt einen Punkt, an dem das Erinnern umschlägt. An dem es nicht mehr befreit, sondern fesselt.
Manchmal bekommen die „alten Geschichten“ zu viel Raum in meiner Seele. Ich kreise dann nur noch um die Verletzungen von früher. Ich pflege meine Kränkungen und hüte sie wie einen Schatz. Dann kommen Sätze wie: „Wegen meiner Mutter bin ich so geworden“, oder „Weil mich damals dieser und jener Mensch enttäuscht hat, kann ich nie wieder vertrauen.“
In diesem Moment wird die Vergangenheit zum Gefängnis. Ich schaue so starr nach hinten, dass ich den Weg nach vorne gar nicht mehr sehe. Ich werde unfähig, im Heute zu leben. Und genau in diese Starre hinein ruft Gott: „Gedenkt nicht an das Frühere!“ Lasst euch nicht von dem beherrschen, was gestern war. „Denn siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf!“
Gott ist nicht der Gott der alten Akten. Er ist der Gott der lebendigen Zukunft. Er sagt: Deine Geschichte ist wichtig, aber sie ist nicht dein Schicksal. Du musst nicht ewig das Opfer deiner Biografie bleiben.
Irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem muss ich das Vergangene loslassen. Nicht, weil es egal ist. Sondern weil Gott etwas Neues für mich bereitstellt. Dieses Neue wächst oft ganz leise. Es ist wie ein kleiner grüner Halm, der durch den Asphalt bricht. Es zeigt sich in einer neuen Hoffnung, einer ersten, zaghaften Freude, es zeigt sich in dem bewussten Entschluss, das Wagnis einzugehen und wieder zu vertrauen.
Gott begleitet den Weg in die Freiheit mit Ungeduld: „Ja, seht ihr es denn nicht, erkennt ihr‘s nicht?“ Er will, dass sein Volk endlich wegschaut von dem, was es kaputtmacht. Wegschaut auch von dem, was es kaputtgemacht hat. Er will, dass es sich vergeben lässt und Mut fasst, Mut für einen Neubeginn: Schau hin! Schau auf das, was ich jetzt für dich tue!
Der Apostel Paulus hat später etwas davon aufgenommen: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“ (2. Korinther 5,17).
Das ist der Kern des christlichen Glaubens: In Jesus Christus wird uns ein neues Leben geschenkt. Er vergibt die Schuld von gestern. Er heilt die Wunden von früher. Er macht uns zu freien Menschen. Ich bin nicht mehr die Summe meiner Verletzungen. Ich bin ein geliebtes Gotteskind mit einer offenen Zukunft.
Heute fängt sie an.
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