/ Bibel heute
Unerwartete Konflikte
Der Bibeltext Johannes 9,24-34 – ausgelegt von Martina Arp.
Da riefen sie noch einmal den Menschen, der blind gewesen war, und sprachen zu ihm: Gib Gott die Ehre! Wir wissen, dass dieser Mensch ein Sünder ist. Er antwortete: Ist er ein Sünder? Das weiß ich nicht; eins aber weiß ich: dass ich blind war und bin nun sehend. Da fragten sie ihn: Was hat er mit dir getan? Wie hat er deine Augen aufgetan?[...]
Ein geheilter Außenseiter und das Misstrauen seiner Umgebung
Man soll nicht glauben, in welche Konflikte eine Begegnung mit Jesus einen Menschen stürzen kann. Hier ist einer geheilt worden. Der ist von Geburt an blind gewesen. Von Geburt an ist er – scheinbar – mit einem Makel behaftet. Die Frommen und Gesunden betrachten ihn mit Misstrauen: Ob er nicht selbst schuld ist an der Misere, dass Gott ihn so straft? Zum Glück, so muss ich fast sagen, sieht er vieles nicht: Das Misstrauen in den Gesichtern, die Blicke, die sie einander schnell zuwerfen, das Naserrümpfen, das schnelle Wechseln der Straßenseite von Bekannten der Familie. Aber er spürt es wohl, dass es um ihn einsam ist. Das Gleiche galt für seine Eltern, auch sie fühlen sich möglicherweise schuldig seinetwegen.
Jesus beurteilt das anders. Bevor er den Blinden heilt, macht er seinen Jüngern klar: „Weder er noch seine Eltern haben gesündigt. Es sollen die Werke Gottes an ihm offenbar werden.“ Jesus sieht die Gelegenheit, hier etwas zur Ehre Gottes, des Vaters zu tun.
Die Pharisäer zwischen Machtanspruch und geistlicher Blindheit
Umso bitterer, dass das bei den Pharisäern überhaupt nicht ankommt. Sie sind so stark voreingenommen, dass sie die Heilung gar nicht als Werk Gottes erkennen. „Gib Gott die Ehre!“ herrschen sie den gesund Gewordenen an, d. h., sie glauben ihm gar nicht, sie glauben, dass er lügt. „Gib Gott die Ehre, sag die Wahrheit.“ Und dann – ohne Beweise – behaupten sie: „Wir wissen, dass dieser Mensch – also Jesus – ein Sünder ist!“ – Sie wissen nichts dergleichen, das ist eine reine Einschüchterungstaktik. Jesus tut etwas, das sich ihrer Kontrolle entzieht. Das passt nicht in ihr religiöses System: „Wo kommen wir denn da hin, wenn wir all diese kranken, makelbehafteten und daher offensichtlich sündigen Leute auch noch mit Heilungen belohnen?“ und deswegen wollen sie verzweifelt, dass Jesus schuld sein soll, dass sie entweder Jesus oder dem Blindgeborenen irgendwie Betrug oder Zauberei oder so etwas nachweisen können.
Standhaftigkeit im Glauben – der Blindgeborene trotzt dem Druck
Aber der Blindgeborene lässt sich nicht einschüchtern. Der gehört nie richtig dazu, er kämpft schon immer mit Misstrauen, der lernt, damit umzugehen. Das wird in der Bibel immer wieder gesagt: Wenn wir in schwierigen Situationen, in Versuchungen, in Leiden, an Gott dranbleiben, dann wird unser Charakter geformt, dann entwickeln wir einen Glauben, der sich in solchen Konfliktsituationen bewährt. Die kommen ja oft völlig unerwartet und plötzlich. Ich habe gar keine Zeit, mich darauf vorzubereiten. – Wie es hier ist: Die attackieren den Blindgeborenen ja richtig. Jesus sagt: Diese Blindheit dient zur Ehre Gottes, weil sie zeigt, was Gott tun kann.
Aber nicht nur, dass die Pharisäer das Wirken Gottes hier nicht erkennen, es freut sich auch niemand mit ihm. Das finde ich richtig traurig: Da kann ein Mensch auf einmal sehen, der noch nie vorhersehen konnte. Er sieht den Himmel, Bäume, Blumen, Menschen! – Er hat auf einmal eine Zukunft: Er kann für sich sorgen, er kann arbeiten, er muss nicht mehr betteln. Und statt dass er jetzt dazu gehört, als gesunder Mensch, wie er das vielleicht 1.000 mal gehofft hat, ist das Misstrauen gegen ihn jetzt noch größer. Jetzt zieht er auch noch die Aufmerksamkeit der Führungsschicht auf sich und wird massiv unter Druck gesetzt. Und ich denke, das ist auch ein Grund, warum sich keiner so richtig traut, sich mitzufreuen: Die Leute wollen nicht mit unter Verdacht geraten.
Aber jetzt zeigt sich an dem Blindgeborenen, dass sich die Erziehung Gottes bewährt. Er regt sich nicht auf, als die Vorwürfe und Fragen auf ihn einprasseln. Er knickt auch nicht ein. Ganz ruhig sagt er: „Ist er ein Sünder? Das weiß ich nicht; eins aber weiß ich: dass ich blind war und bin nun sehend.“
Er weigert sich auch, das jetzt nochmal zu erzählen, wie das genau passiert ist. Er hat das schon zweimal erzählt. Und er merkt, dass es den Pharisäern gar nicht darum geht, den genauen Hergang zu erfahren. Sie suchen nur einen Grund, Jesus zu verurteilen. Da wächst sein Widerstand, da macht er nicht mit. Er dreht sogar den Spieß um, er provoziert: „Wollt ihr auch seine Jünger werden?“
Es verschärft sich noch weiter: „Da schmähten sie ihn und sprachen: Du bist sein Jünger; wir aber sind Moses Jünger. Wir wissen, dass Gott mit Mose geredet hat; woher aber dieser ist, wissen wir nicht.“
Jetzt wird der Blindgeborene wieder ernst und still und ich spüre seine Trauer – aber keine Trauer um sich selbst, kein Selbstmitleid, sondern eine Trauer wegen ihrer geistlichen Blindheit, die gleiche Trauer, mit der Jesus um Jerusalem geweint hat: „Das ist verwunderlich, dass ihr nicht wisst, woher er ist, und er hat meine Augen aufgetan. (…) Wäre dieser nicht von Gott, er könnte nichts tun.“
Religion als Apparat – und der Ruf zur lebendigen Beziehung mit Gott
Daraufhin rasten sie komplett aus und werfen ihn hinaus: „Du bist ganz in Sünden geboren und lehrst uns?“ Wie die folgenden Abschnitte zeigen, stoßen sie ihn auch aus der Synagogengemeinschaft aus. Sie haben Unrecht, ihr Urteil ist falsch, er ist nicht mehr in Sünden geboren als sie selber auch. Ihr Tun ist falsch, sie schließen Menschen aus, die gar nichts getan haben – und doch gehören sie zur religiösen Oberschicht, die intensiv im Wort Gottes liest und nach dem Willen Gottes fragt. Wie kann das sein? –
Ich denke, das Christentum ist ein Ruf Gottes zur Umkehr, zur Vergebung der Sünden, damit wir mit Gott versöhnt werden und dann mit ihm in Gemeinschaft leben. Jeden Tag, immer. Die Welt der Pharisäer aber ist zu einem religiösen Apparat geworden. Und das geht schief. Man darf Glaubensätze haben, die hat der Blindgeborene auch. Er sagt ja: „Wer gottesfürchtig ist und seinen Willen tut, den erhört er.“ Aber die Glaubensätze sollen sich nicht verselbstständigen, sie dürfen die Beziehung zum lebendigen Gott nicht ersetzen.
© Ruth Schneider / ERF
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