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Neues gewinnen

Der Bibeltext Johannes 16,5-15 – ausgelegt von Friedrich Rößner.

Jetzt aber gehe ich hin zu dem, der mich gesandt hat; und niemand von euch fragt mich: Wo gehst du hin? Doch weil ich dies zu euch geredet habe, ist euer Herz voll Trauer. Aber ich sage euch die Wahrheit: Es ist gut für euch, dass ich weggehe. Denn wenn ich nicht weggehe, kommt der Tröster nicht zu euch. Wenn ich aber gehe, werde ich ihn zu euch senden.[...]

Johannes 16,5–15

Bei unseren Kindern war es oft so: Die Mutter bringt sie in den Kindergarten und sie wollen absolut nicht von der Mama weg. Der Abschiedsschmerz scheint unermesslich. Im Kopf stellt sie sich vor, wie das Drama dann im Kindergarten weitergeht. Aber in Wirklichkeit ist es ganz anders: Kaum im Kindergarten angekommen und von der Mama „verlassen", ist das ganze Drama vergessen. Denn es ist jemand anderes da, vielleicht ein Freund oder eine Freundin.

Daran erinnert mich der Abschnitt aus dem Johannesevangelium. Jesus kündigt in dieser Abschiedsrede an, dass er seine Leute verlassen wird. Das erfüllte sie mit tiefer Trauer. Es fällt ihnen sicherlich schwer zu glauben, der Abschied ihres Meisters wäre gut für sie. So ist das mitunter bei einem Abschied: Ich verliere jemanden. Manchmal gewinne ich aber gerade dadurch Neues. Um dieses Neue geht es, wenn Jesus „Tschüss" sagt. Es ist gut, dass Jesus gestorben und auferstanden ist. Denn ohne diese Ereignisse hätte ich alles das nicht, was ich habe. Mein Glaube wäre nicht der, der er ist. Ja, ohne Jesu Kreuz und Auferstehung hätte ich das neue Leben nicht – und auch nicht den Heiligen Geist, den Hinweisgeber, den Anwalt und den Begleiter.

Diese drei Funktionen des Heiligen Geistes beschreibt Jesus in dieser Rede. Er sagt nicht einfach nur „Tschüss", er sagt auch, wie es weitergehen wird. Darum:

1. Der Hinweisgeber

„Und wenn der Geist kommt, wird er der Welt zeigen, dass sie im Unrecht ist." (Joh 16,8 LUT)

Das darf ich nicht als Moralpredigt missverstehen. Immer wieder wurde und wird in der Kirche die Verdorbenheit der Welt bunt ausgemalt, damit die Gnade Jesu umso farbiger erstrahlt. Das Unrecht der Menschen ist aber nicht ihre Verdorbenheit. Das Unrecht ist, dass sie nicht an Jesus Christus glauben. Und genau darauf weist der Heilige Geist hin. Er hilft zu verstehen, dass der Unglaube ein Holzweg ist, ja die eigentliche „Sünde", die von dem wahren Leben trennt.

Der Theologe Frederick Brunner erklärte den Heiligen Geist gerne so: Er malte ein Strichmännchen auf eine Tafel. Das sollte Jesus darstellen. Dann stellte er sich hinter die Tafel, streckte von hinten eine Hand nach vorne und zeigte damit auf das Strichmännchen. Dann sagte er: Seht auf ihn; hört auf ihn; lernt von ihm; folgt ihm nach; betet ihn an; gebt euch ihm hin; liebt ihn; konzentriert euch auf ihn.

2. Der Anwalt

Denn das ist hier gemeint. Jesus, der weggeht, schickt mir einen Anderen an die Seite. Einen, der mir beisteht, mich stärkt und vertritt. Der Worte gibt, wo mir die rechten Worte fehlen würden. Der mich verteidigt und mich vergewissert. Der Heilige Geist ist hier beschrieben wie ein Rechtsanwalt, der für mich den Prozess führt – den Prozess um die Wahrheit, den Prozess gegen den Unglauben. Hier, im Johannesevangelium, ist der Geist nicht einfach eine Kraft, die Menschen ermächtigt oder umwirft, nicht eine Begeisterung, die sie enthusiastisch macht.

Du bist nicht allein, höre ich heute. Du hast einen Anwalt, der die rechten Worte finden wird. Er wird der Welt die Augen auftun und die verunsicherten Jünger wieder stärken und stützen. Der Geist steht auch meinem Geist bei. Und er vermittelt immer wieder die Erfahrung, dass der Glaube doch weiterträgt. Der Geist vergewissert mich trotz aller schlimmen Erfahrungen und bösen Vorgänge in der Welt, dass diese Welt nicht vom Teufel beherrscht ist, sondern von Gott und Christus, und dass dem Treiben des Bösen schon jetzt ein Ende gesetzt ist.

3. Der Wegbegleiter

Ein drittes Bild wird mir für das Wirken des Geistes gegeben. Er ist auch mein Wegbegleiter. Wo ich einen guten Begleiter habe, einen, der sich auskennt und den Weg weiß, da kann ich auch in unbekannte Gefilde gehen. Ein Bergführer bringt mich im unwegsamen Gelände weiter, zeigt mir, wo ich mich festhalten kann, und er hält auch gelegentlich das Seil, wenn ich gerade ausruhen muss. So ist das mit dem Geist und der Gemeinde Jesu Christi. Es ist der Geist, der mich als Christen, die Gemeinde und die ganze Kirche auf ihrem Weg begleiten will. Wir können nicht im Damals bleiben, weder im Damals der Zeit Jesu, als Jesus mit seinen Jüngern unterwegs war, noch im Damals unserer eigenen Jugend, als noch alles klar und leicht erschien. Ich muss weitergehen, durch die Zeiten und durch mein eigenes Leben.

Der Geist Jesu Christi wird nicht aus sich selbst heraus, nicht eigenmächtig reden und handeln. Er ist nicht ein Geist der individuellen Höhenflüge, des Rechthabens oder Besserseins. Er ist ein Geist der Gemeinschaft, der Weggenossenschaft und der gemeinsamen Freude. Es ist der Geist, den ich in der Schwester und im Bruder entdecke. Er wird greifbar im Gespräch, im Feiern des Gottesdienstes, in der gemeinsamen Hoffnung. Es ist der Geist, in dem wir miteinander beten und singen, miteinander Freude teilen und miteinander in Liebe auf dem Weg sind.

Wir brauchen diesen Geist, diesen Hinweisgeber, diesen Anwalt, diesen Wegbegleiter – alle miteinander. Und Christen haben ihn. Die Zusage Jesu gilt. Er ist da. Unter uns. Ob ich es spüre oder nicht. Er wirkt unter uns – heute und jeden Tag meines Lebens.

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