/ Bibel heute
Eigentlich will ich dir nah sein
Der Bibeltext Hebräer 10,1-18 – ausgelegt von Samuel Wolff.
Denn das Gesetz hat den Schatten von den zukünftigen Gütern, nicht die Gestalt der Dinge selbst. Deshalb kann es die, die opfern, niemals vollkommen machen durch die Jahr für Jahr gleichen Opfer, welche man immer wieder darbringt. Hätte nicht sonst das Opfern aufgehört, wenn die, die Gott dienen, ein für alle Mal rein geworden wären und kein von Sünden beschwertes Gewissen mehr hätten? Vielmehr geschieht durch die Opfer alle Jahre eine Erinnerung an die Sünden.[...]
Einleitung: Die Sehnsucht, Gott nahe zu sein
Früher war alles besser. Dem einen oder anderen ist dieser Satz wahrscheinlich schon mal über den Mund gekommen, nicht wahr. Und manchmal steckt da ja auch ein echtes Gefühl und eine echte Erfahrung drin.
Ich möchte Ihnen heute aber anhand unseres Bibeltextes zumindest eine Sache zeigen, die früher auf keinen Fall besser war. Und mit Früher meine ich hier das Alte Testament. Und was lief da nicht so gut? Wenn die Menschen zu Gott kommen und ihm nahe sein wollen, dann müssen sie erst einige Opfer Gott darbringen.
Und diese Frage: Wie kann ich nahe bei Gott sein – stelle ich mir auch heute immer wieder. Und vielleicht kennen Sie diese Sehnsucht auch: Eigentlich wollen Sie doch einfach nur nah bei Gott sein. Und ich kann Ihnen schon mal vorwegnehmen: Wir leben heute in einer ganz besonderen Zeit, von der die Menschen aus dem Alten Testament nur träumen konnten.
Denn im Alten Testament gibt es ein ganz klar vorgegebenes System, das regelt, wie man sich Gott nahen kann. Wer sich Gott nahen will, muss erst mal Schlachtopfer, Sündopfer und Brandopfer darbringen und das teilweise täglich.
Gut, aufwendiges System, aber wenn es funktioniert, dann lohnt sich die Mühe ja, oder?
1) „Die Menschen wollen Gott nahe sein“ – aber das alte Opfersystem kann diese Nähe zu Gott letztlich nicht schaffen (Verse 1–4)
Der Hebräerbrief erklärt auch Schritt für Schritt warum. In Kapitel 10,1 beginnt er gleich so:
„Das Gesetz hat nur einen Schatten der zukünftigen Güter, nicht das Wesen der Dinge selbst.“
Also das System, das Gesetz und damit auch der Opferkult, sind nur ein Schatten. Wer schon mal versucht hat, einen Menschen am Schatten zu erkennen – der weiß: Das ist nicht dasselbe und lange nicht so gut, wie es dann ist, wenn ich den Menschen von Angesicht zu Angesicht sehe.
Und weiter sagt der Hebräerbrief:
Das Opfersystem ist „nicht imstande, die Herannahenden vollkommen zu machen.“
Und noch härter wird es in Vers 4 formuliert:
„Denn es ist unmöglich, dass Blut von Stieren und Böcken Sünden wegnimmt.“
Da könnte ich ja fast meinen, was hat Gott denn da für ein System eingeführt – das funktioniert ja gar nicht. So sagt auch der Hebräerbrief zwei Kapitel vorher:
„Denn wenn jener erste Bund untadelig gewesen wäre, würde nicht Raum für einen anderen gesucht werden“ (Hebräer 8,7).
Dabei ist dennoch wichtig zu verstehen: Das Alte ist nicht schlecht. Paulus sagt über das Gesetz: es sei heilig, gerecht und gut (vgl. Römer 7,12). Dennoch ist das alte Opfersystem letztendlich nur ein Schatten – ein Schatten von dem, was noch kommen soll. Und was noch kommen soll, da knüpfen die folgenden Verse an. Denn Gottes Plan ist von Anfang an: dass wir nah bei ihm sein können und das ohne Jahresopfer. Ohne System, das ungenügend ist.
2) „Gott will Ihnen nah sein“ – deshalb kommt Jesus und bringt ein für alle Mal das vollkommene Opfer (Verse 5–14)
Jesus soll alles verändern. Und wie, zeigt der Hebräerbrief hier, indem er Psalm 40 zitiert und diese Worte Jesus in den Mund legt:
„Schlachtopfer und Speisopfer hast du (Gott) nicht gewollt, aber einen Leib hast du mir bereitet. An Brandopfern und Sündopfern hattest du kein Wohlgefallen. Da sprach ich (also Jesus): Siehe, ich komme […] deinen Willen, Gott, zu tun.“
Alles im Hebräerbrief läuft immer darauf hinaus, dass Jesus der Beste, Höchste und Vollkommene ist. Schauen wir uns kurz den Vergleich des alten Opfersystems mit dem neuen Opfer Jesu an: Die Opfer im Alten Testament werden nur in einer irdischen Stiftshütte dargebracht – wie Sie anfangs gehört haben, ist das nur der Schatten der himmlischen Stiftshütte. Jesus jedoch ist in die himmlische Stiftshütte eingegangen. Früher wird nur das Blut von Tieren geopfert, doch Jesus hat seinen eigenen Leib, sein eigenes Blut dargebracht. Und früher müssen die Priester täglich, jährlich, immer wieder opfern. Doch das Opfer von Jesus, so lesen wir in Vers 10, gilt für immer – „ein für alle Mal“.
Griechisch: ephapax. Ein für alle Mal. Abgeschlossen.
Gott will mit dem Opfersystem nie bloß äußerliche Opfer. Was er sucht, ist Herzensgehorsam – echte, von innen kommende Hingabe. Und Jesus hat genau das getan – mit seinem ganzen Sein, mit seinem Leib, mit seinem Leben.
Nun geht der Hebräerbrief heilsgeschichtlich noch einen Schritt weiter, indem er sagt:
„Jesus aber hat ein einziges Opfer für die Sünden dargebracht und hat sich auf ewig zur Rechten Gottes gesetzt.“ (Vers 12)
Das feiern wir an Himmelfahrt und bekennen wir im apostolischen Glaubensbekenntnis: Aufgefahren in den Himmel, er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters.
Einen kleinen Aspekt will ich hier nur betonen. Im Alten Bund gibt es in der Stiftshütte nicht wirklich ein Hinsetzen. Die Priester stehen – immer – weil ihre Arbeit nie fertig ist. Immer das nächste Opfer. Immer der nächste Versöhnungstag. Niemals fertig. Doch Jesus setzt sich. Das Werk ist getan. Jetzt ist der Weg zu Gott für uns frei.
3) „Sie können Gott nahe sein“ – und der Heilige Geist bezeugt es (V. 15–18)
Es gibt also den Vater, der sich nach einem hingegebenen Opfer sehnt, es gibt den Sohn Jesus, der als perfektes Opfer diesen Willen des Vaters tut und Sie können es sich vielleicht denken, wer jetzt noch dazukommt.
In Vers 14–15 heißt es:
14 Denn mit einem einzigen Opfer hat er (Jesus) für immer die vollendet, die geheiligt werden. 15 Das bezeugt uns aber auch der Heilige Geist.
Das finde ich ganz wichtig, dass hier der Heilige Geist eine große Rolle spielt. Nämlich der, der uns heute aktiv das bezeugt. Und wie bezeugt er uns das?
Vielleicht das Fundamentalste ist, dass Gottes Geist seit Pfingsten in uns Christen wohnt, als Zeichen, dass wir zu Gott gehören.
Der Hebräerbrief sagt es in unserem Text so, indem er den Propheten Jeremia zitiert:
„Das ist der Bund, den ich mit ihnen schließen werde nach jenen Tagen, spricht der Herr: Ich werde meine Gesetze in ihre Herzen geben und in ihren Sinn werde ich sie einschreiben.“
Dieser neue Bund ist ganz darauf ausgelegt, nahe bei uns zu sein – sein Gesetz, seinen Geist in unseren Herzen, in unseren Gedanken.
Hier noch zwei weitere Verse, in denen verdeutlicht wird, wie der Heilige Geist uns das bezeugt. Im Römerbrief, Kapitel 8, Vers 16 steht:
„Der Geist selbst gibt Zeugnis unserm Geist, dass wir Gottes Kinder sind.“
Und der Heilige Geist bezeugt auch das, was Jesus getan hat, als Wahrheit. So im 1. Johannesbrief 5,6:
„Jesus ist gekommen durch Wasser und Blut, […] und der Geist ist’s, der das bezeugt, denn der Geist ist die Wahrheit.“
Und so komme ich zum Schluss in Vers 18:
„Wo aber Vergebung dieser Sünden ist, da ist kein Opfer mehr für die Sünde nötig.“
Der Weg ist frei. Es gibt nichts mehr zu leisten. Nichts mehr zu erbringen.
Und ich habe genau das erlebt. Als mein Gewissen mich an meine Sünde erinnerte und mich schwer anklagte, habe ich erlebt, dass das Opfer von Jesus genug ist. Er hat für jede meiner Sünden bezahlt.
Und wenn Sie heute mit Schuld ringen – wenn Sie das Gefühl kennen, Gott könnte Sie nicht wirklich annehmen, weil Ihre Sünde zu belastend ist – und wenn Sie eigentlich Gott nahe sein wollen, dann ermutigt Sie dieser Bibeltext heute:
Durch das Opfer Jesu sind Sie ein für alle Mal rein. Und das Gewissen, das immer wieder von Schuld beschwert wird, muss nicht bleiben. Gott wird Ihrer Sünden nicht mehr gedenken. Jesu Opfer ist fähig, alle Ihre Sünden wegzunehmen. Nicht fast alle. Nicht nur die kleinen. Alle. Er macht das möglich, was der Alte Bund nicht möglich gemacht hat. Wir leben in einer ganz besonderen Zeit. In einer Zeit, in der wir Gott durch Jesus wirklich nah sein können.
© Ruth Schneider / ERF
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