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/ Bibel heute

Der Apostel und seine Mitarbeiter

Ulrich Pohl über 2. Timotheus 4,9–22.

Beeile dich, bald zu mir zu kommen. Denn Demas hat mich verlassen und diese Welt lieb gewonnen und ist nach Thessalonich gezogen, Kreszens nach Galatien, Titus nach Dalmatien. Lukas ist allein bei mir. Markus nimm zu dir und bringe ihn mit dir; denn er ist mir nützlich zum Dienst.[...]

2. Timotheus 4,9–22

Wir vermuten Paulus in Rom, er musste ein Verhör über sich ergehen lassen. Es ist wohl die Weiterführung des Prozesses, von dessen Beginn wir in den letzten Kapiteln der Apostelgeschichte lesen. Paulus hat dieses Verhör durchgestanden, als wäre er dem Rachen des Löwen entkommen. Wir denken an den Propheten Daniel, von dem im sechsten Kapitel seines Buches zu lesen ist, die Löwen des Königs Darius hätten ihm nichts anhaben können.

Paulus hat die Gefahr zunächst überstanden. Doch seinen Gefährten ist der Druck, unter dem die junge Christenheit mittlerweile steht, zu hoch. Sie zerstreuen sich in Windeseile über den gesamten Mittelmeerraum. Paulus zählt die wichtigsten auf: Kreszens ist nach Galizien gezogen, das liegt in der heutigen Türkei. Titus hat sich nach Dalmatien aufgemacht, das ist die Südküste des heutigen Kroatien. Tychikus ist in Ephesus, Erastus in Korinth, Trophimus in Milet. Nur Lukas ist noch bei ihm. Doch bei dem Verhör hat ihn schließlich auch der im Stich gelassen. Paulus war auf sich allein gestellt. Man spürt, das macht ihm etwas aus.

Besonders nahe geht ihm der Verrat, der ihm widerfährt. Paulus berichtet von Alexander, dem Schmied, dieser habe ihm viel Böses angetan. Er ist uns bereits im ersten Timotheusbrief begegnet. Dort hat Paulus angedeutet, Alexander habe den Glauben an Christus öffentlich lächerlich gemacht.

Auch Demas hat ihn enttäuscht. Er habe sich wieder den Verlockungen dieser Welt zugewendet, berichtet Paulus, er sei jetzt in Thessaloniki, einer damals ebenso geschäftigen wie verrufenen Hafenstadt.

Ganz offensichtlich gelingt es Paulus nicht mehr, seine Weggefährten davon zu überzeugen, dass der christliche Glaube der richtige Weg ist, auch wenn sich vieles anders entwickelt, als erhofft. Risse tun sich auf im Gebäude der jungen Kirche, und Paulus gelingt es nicht mehr, sie zu kitten.

Denn auch gedanklich ist er nicht mehr so präsent wie früher. Vergleicht man unseren heutigen Abschnitt mit den Erzählungen der Apostelgeschichte, so scheint es, dass Paulus mitunter Personen und Orte falsch zuordnet. Auch unterschiedet sich das, was er an theologischen Gedanken vorträgt, von dem, was er zum Beispiel im Römerbrief schreibt, oder im ersten Korintherbrief. Viele Bibelausleger ziehen daraus den Schluss, der zweite Timotheusbrief wäre gar nicht von Paulus selbst. Doch hat nicht auch ein Völkerapostel das Recht, alt zu werden? Darf nicht auch er sich mit dem, was er denkt und glaubt, weiterentwickeln? Darf nicht auch er das eine oder andere vergessen oder Dingen eine andere Bedeutung beimessen?

Alle sehen immer nur den starken Paulus, den streitbaren Redner. Er hat vieles bewegt. Er hat in den bedeutendsten Städten der Antike christliche Gemeinden gegründet oder begleitet. Er hat sich für die Sache Jesu eingesetzt, mit Haut und Haar. Er hat der Kirche ein Lehrfundament gegeben, auf dem der christliche Glaube bis heute aufbaut. 

In den Zeilen der heutigen Lesung erkennt man einen alt gewordenen Mann, dem das Leben zwischen den Fingern zerrinnt. Mit dünner Haut sitzt er im kalten Rom; der Mantel, den er in Troas gelassen hat, wird ihm plötzlich wichtig. Er sehnt sich nach Wärme. Der Mantel! Bring mir den Mantel mit, den ich in Troas gelassen habe.

War in Rom für Paulus wirklich kein anderes Kleidungsstück zu beschaffen? Oder geht es bei dem Mantel um etwas anderes?

Vielleicht hat Paulus eine besondere Begebenheit aus dem Alten Testament vor Augen. Eine Begebenheit, in der ein Mantel eine wichtige Rolle spielt. Die Rede ist vom Prophetenmantel des Elia. Wir lesen davon am Anfang des zweiten Buches der Könige. Dort wird berichtet, wie der Prophet Elia gegen Ende seines Lebens den Jordan überquert. Auf der anderen Seite des Flusses legt er seinen Mantel beiseite, bevor ihn ein Feuerwagen in den Himmel entrückt.

Sein Schüler Elisa sieht das. Er hat den Lehrer bis hierher begleitet. Nun nimmt er den Mantel auf, nimmt ihn an sich, und schließlich legt er ihn sich über die Schultern. Fortan ist dieser Mantel für alle das sichtbare Zeichen: Der Geist Gottes, der vorher auf Elia ruhte, geht nun mit einem anderen, dem Propheten Elisa.

Ob Paulus seinen Mantel auch auf die Schultern eines Nachfolgers legen möchte, eines Nachfolgers, den er selbst auswählt? Er spricht davon, er bereitet sich darauf vor, dass ihn der Herr zu sich holt. Zugleich wünscht er sich Gewissheit. Er möchte wissen, wie es weitergeht mit der Sache Jesu. Und vielleicht möchte er auch wissen, wer sein Erbe antritt. Doch die einzige Gewissheit, die ihm am Ende bleibt: Er geht auf seinen Erlöser zu. So schließt er seine Gedanken: „Der Herr wird mich retten in sein Himmlisches Reich. Ihm sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen.“

War es das?

Nein. Statt die Feder sinken zu lassen, setzt Paulus noch einmal neu an. Weitere Personen kommen ihm in den Sinn. Noch einmal lässt er Grüße ausrichten, von anderen grüßt er. Er hängt an denen, die mit seinem Leben verbunden waren. Mehr noch, er erkennt, wie wichtig es ist, sie wohlmeinend miteinander in Verbindung zu bringen. Noch einmal fallen Namen, die für das weitere Wachsen der jungen Kirche von Bedeutung sind. Sie sollen beieinander bleiben, zueinander stehen und einander stärken.

Damit übernimmt Paulus noch einmal eine integrierende Funktion, das heißt, er bringt Menschen zusammen. Eigentlich eine schöne Aufgabe für jemanden, der alt geworden ist und nichts anderes mehr tun kann. Mag sein, um ihn her lichten sich die Reihen. Mag sein, kaum noch jemand kommt, kaum noch jemand scheint sich zu interessieren. Doch für viele Jüngere ist er im Stillen ein wichtiger Orientierungspunkt, ein Bezugspunkt für die, die nach ihm kommen. So können die Alten die Verbindungen zwischen den folgenden Generationen stärken, zwischen Kindern, Enkeln und, wenn es sein soll, Urenkeln. Grüße ausrichten lassen, Grüße weitergeben, und alle unter den Segen stellen. Das scheint nicht viel. Und doch ist es ein spezielles Vermächtnis. Die Nachkommen werden einander bekannt bleiben. Sie bleiben einander vertraut. Sie stehen unter dem gleichen Segen, und sie sehen sich von demselben Ursprung herkommend. Das verbindet. Das schafft Vertrauen.

Dann endlich schließt Paulus sein Schreiben: „Die Gnade sei mit euch allen.“ Vermutlich sind dies die letzten echten Paulusworte, die wir lesen. Der Titusbrief, der folgt, kommt in der biblischen Reihenfolge zwar nach den Briefen an Timotheus. Aber dort begegnet uns ein viel jüngerer Paulus, einer, der nicht den Tod vor Augen hat, sondern deutlich stärker auf die Zukunft hin orientiert ist. Davon morgen mehr.

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Kommentare (1)

Gottfried G. /

Enorm beeindruckende Andacht. Bodenständig, ehrlich, herausfordernd, ermutigend. Auf dem Lebensweg mit Gott arbeiten wir uns auch ab, lassen dabei Zeit, Energie, Herzblut, das wir nur einmal mehr