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/ Bibel heute

Das große Halleluja

Günther Röhm über Psalm 150.

Halleluja! Lobet Gott in seinem Heiligtum, lobet ihn in der Feste seiner Macht! Lobet ihn für seine Taten, lobet ihn in seiner großen Herrlichkeit! Lobet ihn mit Posaunen, lobet ihn mit Psalter und Harfen!

Psalm 150

„Alles, was Odem hat lobe den Herrn.“ Mit diesem gewaltigen Lobpreis, mit diesem großen Halleluja, endet der Psalm 150 und der Psalter …

Dietrich Bonhoeffer hat über den Psalter gesagt: „Der Psalter nimmt eine einzigartige Stellung im Ganzen der Heiligen Schrift ein. Er ist Gottes Wort und er ist zugleich, bis auf wenige Ausnahmen, Gebet des Menschen. Wie ist das zu verstehen? Wie kann Gottes Wort zugleich Gebet zu Gott sein?“[1]

Ich verstehe das so: Die Psalmen sind zweierlei: Sie geben mir Worte, wie ich mit Gott reden, also beten soll, und sie sind Anrede Gottes an mich. Sie richten mein Gebet auf Gott aus, so wie sich eine Kompassnadel auf das Magnetfeld der Erde ausrichtet und nach Norden zeigt.

Wer Psalmen betet, stimmt in eine 3.000jährige Gebetstradition mit ein.Wer Psalmen betet, stellt fest: Das, was die Menschen damals geistlich erfahren und ausgedrückt haben, das ist heute nicht anders.

Im alten Israel war es üblich, den ganzen Psalter, also alle 150 Psalmen, nach einer bestimmten Ordnung zu durchbeten. Diese Tradition wird heute noch in vielen Klöstern praktiziert. Es gibt liturgische Ordnungen, in denen wird der ganze Psalter sogar einmal in der Woche durchgebetet.

Er beginnt mit einer Seligpreisung: Ps. 1 Wohl dem ... und er endet – wie gesagt – mit diesem großen Halleluja und gewaltigem Lobpreis in Psalm 150.

Dazwischen bringt der Psalter das ganze Leben mit allen Facetten vor Gott zur Sprache. Die Schönheit der Schöpfung und der Natur, aber auch die Schönheit und die Schwierigkeiten des menschlichen Lebens. 

Der Psalter verschweigt nicht die Abgründe der menschlichen Seele und des menschlichen Herzens. Als Christ kenne ich das, dass in meinem Innern, in den Abgründen meines Herzens, im Keller meines Lebenshauses, sich manche Dinge tummeln, vor denen ich mich vielleicht sogar selbst fürchte: Wut, Gier, Hass, Neid, Rache, Triebe, Zweifel, Leidenschaften. ... Die sind mir manchmal peinlich. Die will ich nicht wahrhaben, geschweige denn nach außen zeigen. Von vielem, was sich in meinem Herzen tummelt, hoffe ich, dass das niemand bemerkt und sieht.

Doch der Psalter spricht alle diese Dinge an, die ich selbst verdränge und nicht wahrhaben will. Der Psalter spricht aus, was ich versuche, vor anderen und auch vor Gott zu verbergen. Der Psalter bringt mein Innerstes vor Gott zur Sprache. Meine Ängste, meinen Hass, meine Zweifel, meinen Kleinglauben, meine Verzagtheit, meine Leidenschaften… Wer Psalmen betet, kommt zur Selbsterkenntnis. „Ohne Selbsterkenntnis kommst Du nicht zur Gotteserkenntnis!“, sagte mir mein Seelsorger. „Der Psalter kanalisiert dein Innerstes auf Gott hin!“

Wer Psalmen betet, hört auf, sich selbst und andern und auch Gott etwas vorzumachen.

Wer Psalmen betet, der wird ehrlich vor sich selbst, vor anderen und auch vor Gott.

Wer Psalmen betet, bringt Licht ins Dunkel in den Keller seines Lebenshauses.

Wer Psalmen betet, macht seiner Seele vor Gott Luft und verschweigt nichts, was in seinem Innern vorgeht.

Wer Psalmen betet, frisst nichts mehr in sich hinein, um sich dadurch ein Magengeschwür zu holen. 

Wer Psalmen betet, spürt und erlebt etwas von der heilenden Kraft, die von den Psalmen ausgeht.

Wie gesagt: Der Psalter beginnt mit einer Seligpreisung in Psalm 1 und endet mit dem großen Lobpreis. Die letzten fünf Psalmen, die Psalmen 146-150, beginnen und enden alle mit demselben Wort: „Halleluja“, d.h. „Lobet den Herrn!“

Wer also mit den 145 Psalmen sein Leben durchgebetet hat, wer sein ganzes Leben vor Gott zur Sprache gebracht hat, der kommt innerlich zum großen Halleluja, zum Lobpreis und zur Anbetung Gottes, um sich dann in Psalm 150 im großen Halleluja und im Lob Gottes zu überschlagen.

„Lobet Gott!“ ist der „Cantus firmus“ im Psalm 150.

Der Beter steht sozusagen im Tempel, im Heiligtum Gottes und schaut nach oben. D.h., er schaut weg von sich selbst und was ihn bewegt. Er erkennt im Blick auf Gott, wie Gott in seiner Macht alles weise regiert. Das bedeutet für ihn als Beter, er vertraut sich Gott neu an und die Sorgen und Ängste des alltäglichen Lebens verlieren ihre Macht. Er weiß zutiefst: Gott regiert. Der Wille Gottes geschieht, „wie im Himmel so auf Erden (Matthäus 6,10)!“

Der Beter lobt Gott für seine Taten. Die Israeliten haben Gottes Taten gerühmt. Dass Gott sie aus der Gefangenschaft in Ägypten befreit und durch die Wüste ins verheißene Land geführt hat.

Als Christ rühme ich die Taten Gottes, dass er Jesus Christus von den Toten auferweckt hat und damit „dem Tod die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat (2. Tim. 1, 10).“

Der Beter lobt Gott in seiner Herrlichkeit, mit der er sich immer wieder den Propheten offenbart hat.

Als Christ lobe ich Gott, dass er sich als Mensch in Jesus Christus offenbart hat und einer geworden ist, wie wir Menschen sind, bis zum Tod am Kreuz (Hebr. 1,1 und Phil. 2,6-11). Gott ist das Menschsein nicht fremd.

Der Beter lobt Gott mit Posaunen, Harfen, Pauken, mit Saiten- und Pfeifeninstrumenten und mit Liedgesang. Alles, was ihm zur Verfügung steht, will er in das Lob Gottes mit einbeziehen. Keinen Lebensbereich will er vom Lob Gottes ausschließen. So schreibt auch Paulus an die Kolosser: „Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen: Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit; mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen. Und alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus und dankt Gott, dem Vater, durch ihn (Kol. 3,16+17).“

Kein Lebensbereich soll vom Lob Gottes ausgenommen sein.

Eine praktische geistliche Übung besteht darin, den Sonntagspsalm, der in der fortlaufenden Bibellese dran ist, während der Woche jeden Tag einmal in seiner persönlichen Andachtszeit durchzubeten. Dabei lassen sich die einzelnen ganz konkreten Dinge, Situationen und Menschen, die mich beschäftigen, einfügen und vor Gott zur Sprache bringen. Ich bete dann für Menschen, für bestimmte Situationen mit Worten, die mir in der Heiligen Schrift vorgegeben sind. Ich erlebe dabei, dass viele Sorgen und Ängste ihre bedrängende Macht verlieren. Manchmal stellt es sich ein, dass ich am Ende der Woche den Psalm auswendig kenne und er mir zu einem inneren geistlichen Schatz geworden ist. Sodass ich fröhlich singen kann: „Alles, was Odem hat, lobe den Herrn.“

1] Dietrich Bonhoeffer, Gemeinsames Leben; (17. Auflage) München 1980, S. 35

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