/ Bibel heute
Aufgewühlte Herzen
Der Bibeltext Johannes 6,16-21 – ausgelegt von Gerhard Braun.
Am Abend aber gingen seine Jünger hinab an das Meer, stiegen in ein Boot und fuhren über das Meer nach Kapernaum. Und es war schon finster geworden und Jesus war noch nicht zu ihnen gekommen. Und das Meer wurde aufgewühlt von einem starken Wind.[...]
Ein langer Tag – und kein Ende in Sicht
Das hatten sich die Jünger sicher ganz anders vorgestellt. Ein langer Tag lag hinter ihnen. Und was für einer!!! Hatte Jesus doch gerade 5.000 Menschen gespeist. Die Jünger waren nicht nur Teil dieses Wunders, sie hatten im Vorfeld auch Anteil an der mit großer Spannung verbundenen Frage: Wie sollen wir so viele Menschen nur satt bekommen?
Was für eine Erleichterung, was für eine ausgelassene Festfreude, nachdem alle gegessen hatten und sogar noch Reste übrigblieben: 12 Körbe voller Brot!
Da waren viele Eindrücke am Ende dieses Tages, die es zu verarbeiten galt. Kein Wunder, dass Jesus seinen Jüngern eine Zwangspause verschaffen will. „Und alsbald drängte Jesus die Jünger, in das Boot zu steigen und vor ihm ans andere Ufer zu fahren, bis er das Volk gehen ließe“ (Matthäus 14,22). So lese ich es bei Matthäus in der Parallelstelle dieses Ereignisses.
Ans andere Ufer zu rudern – das sollte noch zu schaffen sein, auch wenn der See Genezareth an manchen Stellen gut 12 km breit ist. Für die Jünger eine Aufgabe, die sie noch meistern können, sind einige von ihnen doch gelernte Fischer und kennen den See Genezareth wie ihre eigene Westentasche.
Der Sturm kommt nie gelegen
Aber statt der ersehnten Ruhe wartet auf sie die nächste Herausforderung. Statt der ersehnten Erholung kommt ein Sturm auf – ein Sturm, wie er zwar nicht ungewohnt ist am See Genezareth.
Doch wie die Stürme des Lebens nun einmal sind: Sie kommen nie gelegen. Sie kommen dann, wenn ich sie nicht brauche, dann, wenn ich eh schon am Boden bin und die Kraft auszugehen droht. Gerade dann, wenn die Finsternis hereinbricht, wie bei den Jüngern im Boot.
Und es sind nicht nur die äußeren Stürme, die ihnen mächtig zusetzen. Nein, auch ihre Seelen sind längst aufgewühlt. Die Angst, das Schiff nicht mehr steuern zu können und die Angst, im See zu versinken, ist riesig. Sie paddeln und rudern so gut sie nur können.
Und Jesus? „Jesus war noch nicht zu ihnen gekommen“ – so heißt es im Text. Den ganzen Tag hat er Zeit, um Menschen zu helfen: zu trösten, zu heilen und Ängste zu lindern. Aber bei ihnen: Jetzt wo sie ihn so nötig brauchen, da fehlt er.
„Herr, wo bist Du“ – so mögen sie innerlich schreien: Warum lässt du uns in der Situation allein?
Doch damit nicht genug: Plötzlich entdecken sie in der Ferne einen Mann, der auf dem Wasser geht und direkt auf sie zukommt.
„Und sie fürchteten sich“ – so beschreibt sie hier der Evangelist Johannes, der vermutlich selbst mit im Boot sitzt. Deutlicher noch bringt es der Evangelist Markus auf den Punkt, wenn er schreibt: die Jünger meinen, „es wäre ein Gespenst“.
Jesus – vertraut und fremd zugleich
In Wirklichkeit ist es Jesus, ihr Meister, und sie erkennen ihn nicht. Kaum zu glauben: Jesus, mit dem sie nun schon so lange unterwegs sind. Jesus, mit dem sie gerade wieder ein so großes Wunder erlebt haben – er erscheint ihnen als Gespenst – als einer, vor dem man sich fürchten muss, als einer, der ihnen nicht geheuer ist, als einer, den man lieber meidet.
Ich kenne das auch aus unserem Alltag: Jesus tut mir Gutes, er wirkt Wunder, er lässt mir seine Liebe auf so vielfältige Weise erfahren. Da ist er mir vertraut. Da vertraue ich ihm auch gerne alle meine Sorgen an. Da berge ich mich in seiner Gegenwart.
Aber wenn Dinge kommen, die mich bedrohen, die meine Seele aufwühlen und mir Angst machen, sind da nicht auch die Fragen: Jesus, wo bist Du? Warum hilfst du mir nicht?
Und nicht nur das: Plötzlich tauchen auch bei mir Fragen auf, wie: Jesus, bei dem was ich jetzt gerade erlebe: du erscheinst mir so fremd, wie ein Gespenst. Bist du es wirklich? Du bist doch ein Gott der Liebe und mutest mir das jetzt zu?
Für die Jünger ist es sicher eine ganz wichtige Lektion, Jesus nicht nur als den Wundertäter zu verehren, sondern zu lernen, dass er auch im Alltag da ist, wenn alles drunter und drüber geht und wenn er ihnen so fremd erscheint.
Wieder ist es Jesus, der die Initiative ergreift und sich auch im Sturm zu erkennen gibt. „Ich bin’s – fürchtet euch nicht“ – so spricht er ihnen zu.
Plötzlich kehrt Ruhe ein. Der Sturm legt sich. Auf dem See, aber auch in den Herzen der Jünger. Sie erleben das, was Martin Pepper so treffend in einem Lied besingt: Du, Jesus, „sprichst zum aufgewühlten Meer, meiner Seele in mir Herr, Friede mit Dir“ – oder wie es hier so schön heißt: „Ich bin’s, fürchtet euch nicht.“
Persönliche Erfahrung: Jesus als Sturmstiller
Ich erinnere mich an eine ähnliche Situation aus meinem Leben: Ich war an meinem freien Tag zu Besuch bei meiner Mutter. Drei Tage zuvor war sie im Badezimmer gestürzt. Ich sehe ihr geschwollenes Gesicht und die blauen Flecken noch vor mir und mich packt Mitleid und Erbarmen.
Nach dem Besuch bei ihr fuhr ich zurück zu meiner Gemeinde. Ich sollte gleich eine Bibelstunde halten und andere ermutigen zum Leben mit Jesus.
Meine Seele war aufgewühlt, wie die der Jünger damals, und in mir bohrte die Frage: Herr, wo warst du, als das mit meiner Mutter passiert ist? Du, der Vater der Liebe – du erscheinst mir plötzlich so fremd.
In dem Augenblick geschah etwas, was ich sonst eigentlich nur selten erlebe: Eine Stimme in mir fragte mich ganz deutlich: Traust du mir nicht zu, dass ich die Lage mit deiner Mutter jetzt auch im Griff habe und für sie und für dich sorgen werde?
Es war kein Wort der Ermutigung, kein Zuspruch, aber es war die Stimme Jesu, die mir diese Frage stellte. Und in der Frage hörte ich auch seinen Zuspruch: Fürchte dich nicht! Wie bei den Jüngern. Meine Seele kam zur Ruhe und spürte Frieden in der Gewissheit: Mein Herr kennt die Stürme meines Lebens und hat die Lage doch im Griff.
Die Wellen legten sich und ich kann es nicht anders bezeugen: Ich hatte plötzlich eine große Freude, Jesus als meinen Sturmstiller in der Bibelstunde herauszustellen.
Ja, da ist er wieder mit im Boot: Mein Meister. Ich brauchte ihn gar nicht auffordern, in mein Boot zu kommen, wie die Jünger es taten, sondern wusste: Er hat seinen Platz in meinem Lebensboot längst eingenommen.
Plötzlich hatte ich wieder Boden unter den Füßen, so wie die Jünger am sicheren Ufer an Land gehen können, obwohl sie gerade noch mehrere Kilometer davon entfernt sind.
Ja, es ist eine besondere Ermutigung, Jesus als den Herrn und Gebieter so mancher Lebensstürme zu erfahren und dann singen zu können:
„Du bist ein starker Turm,
du bist das Auge im Sturm.
Du sprichst zum aufgewühlten Meer
meiner Seele in mir, Herr,
Friede mit Dir, Friede mit Dir!“ (Martin Pepper)
© Ruth Schneider / ERF
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