/ Bibel heute
Ein großer Gelehrter wird kleinlaut
Der Bibeltext Johannes 3,1-13 – ausgelegt von Friedrich-Eckart Isemer.
Es war aber ein Mensch unter den Pharisäern mit Namen Nikodemus, ein Oberster der Juden. Der kam zu Jesus bei Nacht und sprach zu ihm: Rabbi, wir wissen, dass du ein Lehrer bist, von Gott gekommen; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm. Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht von Neuem geboren wird, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.[...]
Nikodemus und der Sanhedrin
Nikodemus ist als Pharisäer Repräsentant der theologischen, philosophischen und politischen Schule des Judentums zur Zeit des zweiten Tempels. Ein Schriftgelehrter des rabbinischen Judentums. Ein Oberster der Juden im Sanhedrin, der höchsten jüdischen, religiösen wie auch politischen Versammlung, die siebzig Älteste umfasst und damit das höchste Gremium in der Glaubensvertretung der jüdischen Lehre darstellt.
Der Sanhedrin geht auf Mose zurück, wo Gott ihm (4. Mose 11,16-17) siebzig Älteste zur Seite stellt. Der Sanhedrin steht in der Verantwortung, die Gesetze des rabbinischen Judentums zu schützen und gegen Störungen von außen zu verteidigen.
Jesus steht mit seinen Taten und Wundern in Opposition zum Sanhedrin, der ihn argwöhnisch und misstrauisch beäugt: Jesus heilt am Sabbat, setzt sich zu Zöllnern und Dirnen und tritt auch in deren Häuser zur Tischgemeinschaft ein. Unvereinbar mit dem rabbinischen Judentum.
Nikodemus hört von den Wunderheilungen von Jesus und will ihn direkt erfahren, ohne Zeugen. Nikodemus spricht Jesus mit der Anrede „Rabbi" an.
Er gibt damit das Alleinvertretungsrecht des Sanhedrins als alleinigem Vertreter des jüdischen Gesetzes preis. Und darüber hinaus: Er erkennt an, dass Jesus in seiner Autorität von Gott gekommen ist. Nikodemus lässt zu, dass Jesus in sein Leben eintritt.
Nur in Gott und durch Gott können all die Zeichen und Wunder möglich sein. Jesus muss also direkt von Gott gekommen sein. Damit erkennt Nikodemus die Sohnschaft Jesu an.
Die Wiedergeburt aus Wasser und Geist
Nach diesem Begrüßungssatz von Nikodemus antwortet Jesus: „Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht von Neuem geboren wird, so kann er das Reich Gottes nicht sehen." Und weiter: „Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht geboren wird aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen."
Jesus spricht hier als Teilhaber am Reich Gottes, als Verkünder und Wegbereiter zu diesem Reich.
Jesus spricht an, dass man nur durch Wasser und Geist, gemeint ist die Taufe, den Zugang zu Gottes Reich finden kann. Auch der Geist zeugt, und er zeugt ewig. Die Taufe ermöglicht, in das Reich Gottes eintauchen zu können.
Das Sakrament der Heiligen Taufe und der Glaube gehören zusammen. Die Buße gehört dazu. Sie ist die Grundvoraussetzung dafür, in Gottes Reich zu gelangen. Hierzu brauchen wir die Trinität: Gottvater, Sohn und Heiliger Geist. Den Weg dorthin hat uns Jesus im Gespräch mit Nikodemus aufgezeigt. Der Weg führt über Jesus zu Gott, über das Kreuz zu Gott.
Die Bedeutung der Taufe heute
Welchen Stellenwert nimmt nun die Taufe in meinem Leben heute ein? Ich erlebe seit Jahren eher den Kirchenaustritt als gesellschaftliches Phänomen. Weniger als 50 % unserer Bürger in Deutschland gehören einer Kirche an. Aber es gibt eine Gegenbewegung: In Frankreich nimmt seit 10 Jahren die Zahl der Erwachsenentaufen stetig zu, 12.000 Taufen in der Osternacht 2024. Es könne sein, so der französische Bischof Leborgne, dass „Gott die Dinge selbst in die Hand nimmt".
Auch die Kirche in England beobachtet seit 6 Jahren einen Anstieg der Kirchenbesuche von über 50 % der Generation Z, die zwischen 1995 und 2010 geboren sind.
Hat die Taufe nun auch eine Bedeutung für mein Leben? In meinem privaten Hauskreis hat jeder Einzelne von uns seinen Taufspruch und seinen Spruch zur Konfirmation oder Kommunion herausgesucht. Haben diese Sprüche als Leitsatz für unser Leben Bedeutung? Das Ergebnis ist überwältigend.
„Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit" aus dem 2. Timotheusbrief, 1,7, galt mir zur Taufe.
Im Matthäusevangelium 5,9 mein Text aus der Bergpredigt Jesu zur Konfirmation: „Selig sind, die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Kinder heißen".
Über meinem Leben standen die 3 Tugenden: die Kraft und Entschiedenheit, ein Thema zu verfolgen. Die Liebe zu meinen Mitmenschen. In der Schule war ich bereits der Streitschlichter und Kommunikator, im Erwachsenenleben habe ich mir nicht die scharfen Ellenbogen zugelegt, die vielleicht manches vereinfacht hätten. Frieden stiften war Ausdruck meiner Harmoniebedürftigkeit. Kraft, Liebe und Frieden gehören für mich zusammen.
Genauso verblüffend sind auch die Ergebnisse der anderen Freunde unserer Runde. Ein jeder konnte sich in seinen ihm zugedachten Bibelsprüchen wiedererkennen. Die Bibeltexte waren wie Leitsätze über das Leben eines jeden Einzelnen geschrieben, ohne dass es uns bewusst war. Den meisten von uns war der jeweilige Bibelspruch vorher gar nicht mehr gegenwärtig.
Gottes Wirken in unserem Leben
Um auf Nikodemus zurückzukommen: Die Taufe wirkt in unser Leben hinein. Wir sind überwältigt, wie präzise diese Bibelsprüche zu unserem späteren Leben passten. Wie klar sich unsere Lebenshaltung in den Bibelsprüchen widerspiegelte, und zwar bei allen acht unserer Bibelrunde.
Die Taufe, Konfirmation und Kommunion entsprechen der Wiedergeburt „aus Wasser und Geist", wie Jesus sagt. In Verbindung mit der Buße wird der Weg in das Reich Gottes möglich.
In Frankreich erleben wir im Großen eine Belebung des Kirchenlebens mit unerklärlich hohen Taufraten junger Menschen an Ostern der letzten 10 Jahre. In England eine Zunahme der Kirchenbesucher, insbesondere der Jüngeren. Wirkt hier der Heilige Geist? Ich denke ja. Im Kleinen sehen wir in unserer Kleingruppe, wie unsere Bibelsprüche die Hoheit über unser Leben genommen haben. Das alles passt zusammen. Gott ist erkennbar in unser aller Leben eingetreten, wir müssen uns ihm nur öffnen und Ja zu ihm sagen.
Um mit Jesus aus unserem Bibelabschnitt zu sprechen: Wer aus dem Wasser und Geist geboren ist, der kann in das Reich Gottes kommen. Aus Gnade bietet Gott uns diesen Weg an. Es liegt nur an uns, diese Gnade anzunehmen.
Ihr Kommentar
Kommentare (3)
Gute und richtige Gedanken. Gott wirkt noch heute, viele Menschen in Frankreich lassen sich taufen, in England gehen viele junge Erwachsene neu in die Gottesdienste. Die Teilnehmer des Hauskreises … mehrerlebten Gottes Segen und den positiven Einfluss ihrer Taufe und Konfirmation Sprüche.
Aber der Bibeltext spricht auch von der Taufe im Geist. Wir sollen Gottes heiligen Geist stärker in unser Leben einladen.
Über die Erklärung des heutigen Bibeltextes wundere ich mich: geboren aus Wasser und Geist, heißt für den Autor: Wasser = die Taufe und Geist = Konfirmation/Kommunion. Merkwürdig, wenn doch alle … mehrdiese kirchlichen Weihen bekommen haben und anscheinend dadurch Christen sind, warum werden die Kirchen immer leerer und treten so viele aus? Kann es sein, dass gerade die Tradition, Menschen die persönliche Entscheidung, ein Leben mit Jesus zu beginnen, abnimmt? Ich höre immer wieder, bes. bei Beerdigungen von Menschen, die nichts mit Gott zu tun haben ( nat. kann niemand ins Herz schauen), er/sie war getauft und sind deshalb Gottes Kinder. Das widerspricht dem heutigen Bibeltext!
Danke für Ihre tägliche Bibelauslegung und weiterhin Gottes Segen für Ihre Arbeit!
Herzliche Grüße
Die Lehre von der "Tauf-Wiedergeburt" mag zwar allgemein kirchlicher Konsens sein. Sie ist jedoch nicht biblisch. Die Wiedergeburt (Taufe mit dem heiligen Geist) ist ein vom Menschen nicht … mehrverfügbarer Gnadenakt, der immer dann stattfindet, wenn ein Mensch seine Sünde vor Gott erkennt, bekennt und das stellvertretende Opfer Jesu für sich in Anspruch nimmt.