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/ Bibel heute

Eingriff ins Markttreiben

Der Bibeltext Johannes 2,13-25 – ausgelegt von Dr. Friedhelm Ackva.

Und das Passafest der Juden war nahe, und Jesus zog hinauf nach Jerusalem. Und er fand im Tempel die Händler, die Rinder, Schafe und Tauben verkauften, und die Wechsler, die da saßen. Und er machte eine Geißel aus Stricken und trieb sie alle zum Tempel hinaus samt den Schafen und Rindern und schüttete den Wechslern das Geld aus und stieß die Tische um[...]

Johannes 2,13–25

Vom Weihnachtsgeschäft zur Tempelreinigung

Der Rummel von Weihnachten ist rum. Die Geschäfte haben hoffentlich gute Geschäfte gemacht. In der Kirche und in unseren Gemeinden ist Weihnachten auch ein besonderes „Geschäft". Wir freuen uns über größere Besucherzahlen bei den vielfältigen Gottesdiensten und – ehrlich gesagt – auch über höhere Kollekten. Früher lästerte ich als Pfarrer in Weihnachtspredigten gerne mal über den Weihnachts-Rummel in den Kaufhäusern nach dem Motto: „Süßer die Kassen nie klingen als zu der Weihnachtszeit." Aber als ich mitverantwortlich wurde für einen ehrenamtlich geführten Weltladen, da wurde mir klar, wie wichtig das Weihnachtsgeschäft für einen Laden ist. Dass der Verkauf an Weihnachten die Bilanz für das ganze Jahr retten kann und oft muss. Und ich wurde barmherziger und verständnisvoller mit den Marktleuten, die ja auch an Weihnachten in der Kirche waren und die ich vielleicht verletzt hatte. Entschuldigen Sie bitte!

Jesus greift in der Geschichte von der Tempelreinigung auch in das Markttreiben ein. Es ist zwar schon die Vorbereitung für das Passafest, aber es geht auch hier – wie überall dort, wo Menschen Feste feiern und an heiligen Orten zusammenkommen – ums Geschäft. Die Händler verkauften die notwendigen Opfertiere – Tauben, Rinder, Schafe – an die Pilger, die von weither kamen und diese Tiere ja weder lebendig noch tot mitbringen konnten. Es war also ein für den vorgeschriebenen Brauch sinnvoller und nötiger Handel. Praktisch! – Wie kann Jesus so etwas kritisieren?! Man merkt, dass er ein Handwerkerkind ist und nicht in einer Händlerfamilie aufgewachsen ist. Die klügsten Händler versuchten natürlich, ihre Ware nicht irgendwo in Jerusalem an den Mann zu bringen, sondern so dicht wie möglich am Ort des Geschehens. Am besten im Tempel-Vorhof, so nah wie möglich an der Opferstätte. Dort konnten sie die besten Preise verlangen: Last Chance-Angebote eben.
 

Jesu heiliger Zorn und die menschliche Gier

Diese Praxis der geldgierigen Menschen verurteilt hier Jesus mit heiligem Zorn und Eifer. Jesus „wusste, was im Menschen war", heißt es am Ende des Textes (Vers 25b). Er weiß auch, wie wir Menschen noch heute ticken. Es hat sich nicht viel geändert. Es geht um den größten Gewinn. Um die irdischen Güter. Es geht um Wohlstand. Und dass wir uns etwas leisten können, auch in dem neuen Jahr 2026, das jetzt seine Fahrt aufnimmt. Wer will es uns verdenken? Wer weiß, wie lange wir noch in einem schon brüchigen Frieden wandeln und handeln können?

Geschäfte machen, einen für uns günstigen „Deal", darum geht es in der kleinen und der großen Politik. Auch oft in der Kirche, bei Christen, wie bei anderen Religionen auch. Es geht um unsere „Tempel", unsere Kirchen und Kapellen, unsere Gemeindehäuser, unsere Immobilien. Dabei bleibt aber der Mensch selbst auf der Strecke. Seine Bedürftigkeit nach Ruhe, nach Einkehr, nach Stille und Gebet. Nach einem Ort, wo er einen Resonanz-Boden für Gott findet. Nach einem besonderen, heiligen Ort, wo es nicht darum geht, wie wirksam ist etwas, es nicht um Geschäft, um ein Werk geht. Sondern wo man einfach Mensch sein darf.
 

Der Leib Christi als wahrer Tempel

„Mein Haus soll ein Bethaus heißen für alle Völker!", zitiert Jesus aus dem Propheten Jesaja, in den Berichten über die Tempelreinigung bei den anderen drei Evangelien (Jesaja 56,7; Markus 11,17 parr), wo sie kurz vor der Passionsgeschichte erzählt wird. Der Satz fehlt hier bei Johannes am Anfang seines Evangeliums. Doch ihm geht es ja noch mehr um das Mensch-Sein. „Das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns", so habe ich es an Weihnachten gehört; das steht im 1. Kapitel des Johannesevangeliums (Johannes 1,14). Gottes Wort, der logos, Gott selbst wurde menschlich, anfassbar, lebendig unter Menschen mit all ihren menschlichen Bedürfnissen, Sehnsüchten und Freuden. Nicht umsonst wurde gerade am Anfang des 2. Kapitels, gestern, die Geschichte von der Hochzeit zu Kana erzählt: Das erste Wunder, bei dem Jesus Wasser zu Wein verwandelt, damit die Lebensfreude weitergehen kann. Das Leiden, die Passion kommt schon noch früh genug.

Auch sie ist bei der früheren Erzählung der Tempelreinigung bei Johannes ja schon im Blick. Wenn Jesus den Abbruch des Tempels mit dem Zerstört-Werden seines Leibes vergleicht. Und das Wieder-erbaut-Werden eines neuen Tempels in nur drei Tagen mit seiner Auferstehung gleichsetzen lässt. Dieses „Zeichen", das die Obersten der Juden zu Recht fordern, dieses Signal und die Bestätigung seiner Autorität, mit der er den vorfindlichen Tempel, dieses verkommene „Kaufhaus", diese „Räuberhöhle" (Jeremia 7,11; Markus 11,17 parr) aufräumt, mündet in die Erklärung: „Er redete aber von dem Tempel seines Leibes" (Vers 21).

„Er redete aber von dem Tempel seines Leibes". Das heißt doch: Jesu Leib, Jesu Körper ist der Tempel. Für „Leib" steht im Griechischen bewusst „soma" – für alles Somatische, für alles, was unser Menschsein auch ausmacht. Um diesen Tempel geht es beim Christentum.
 

Leiblichkeit als Geschenk und Auftrag

Das haben wir gerade an Weihnachten neu gefeiert. Und diese Botschaft darf nun in der Tat noch nicht „rum" sein, auch wenn ab heute für viele die Weihnachtszeit vorbei ist. Der Leib von Jesus, seine Person, ist der Tempel, in dem wir Gott begegnen können. In dem wir Gott anbeten können. In dem wir „Ruhe finden für unsere Seele". In meiner letzten Gemeinde in Dillenburg findet sich am Chorfenster der Stadtkirche unter dem entgegenkommenden, segnenden Christus diese Einladung zum Kommen zu Ihm – mit allen Mühseligkeiten und Lasten (Matthäus 11,28f.) –, die auch im neuen Jahr nicht weniger werden. Diese Einladung von Jesus selbst macht jene alte Kirche zum geistlichen Tempel.

„Leib Jesu", so wird von Paulus auch die Gemeinde genannt (1. Korinther 12 u.ö.). Die Gemeinschaft der Glaubenden. „Christus als Gemeinde existierend" schrieb Dietrich Bonhoeffer. Die christliche Gemeinschaft ist der Tempel Gottes, ganz gleich, wo sie sich versammelt. Da kommt es nicht auf Steine und Türme und Glocken an. Wenn sie nur auf Gottes Wort hört und am „Leib Christi" im Abendmahl teilhat – mit allen Leiden und Freuden.

Die Leiblichkeit, auch unsere Leiblichkeit ist etwas ganz Wichtiges. „Wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des heiligen Geistes ist?", fragt Paulus (1. Korinther 6,19). „Leiblichkeit ist das Ende aller Werke Gottes!" (F. C. Oetinger). Deswegen dürfen und sollen wir unsere leiblichen Bedürfnisse ernst nehmen. Auch nach der Hoch-Zeit von Weihnachten und Jahreswechsel – und an die Aufgaben gehen, die uns das neue Arbeitsjahr stellt.

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