/ Anstoß - Gedanken zum Tag
Wahrheit ja - aber bitte mit Takt
Gedanken von Oliver Jeske über Hiob 5,8-9
Ich aber würde mich zu Gott wenden und meine Sache vor ihn bringen, der große Dinge tut, die nicht zu erforschen sind, und Wunder, die nicht zu zählen sind,
Wahrheitsliebe und Ehrlichkeit sind hohe Tugenden – das gerät in der Gegenwart gern mal aus dem Blick. Viele Menschen wollen nur den Teil der Wahrheit gelten lassen, der ihnen gerade schmeckt. Doch Wahrheit ist und bleibt ein hohes Gut.
Und natürlich: Gleichzeitig darf die Liebe beim Sagen der Wahrheit nicht auf der Strecke bleiben. Ich kann die Wahrheit nicht einfach jemandem so um die Ohren schlagen. Es geht um Takt, um Rücksichtnahme auf Gefühle. Es geht darum, zum richtigen Zeitpunkt das helfende Wort zu finden.
Ein nicht so gelungenes Beispiel dafür findet sich mitten in der Bibel im Buch Hiob. Hiob ist schwer krank und verzweifelt fast an seinem Schöpfer. Freunde besuchen ihn und halten eine Woche lang schweigend das Leid mit ihm zusammen aus. Doch irgendwann ergreift der Erste das Wort. Er sagt zu Hiob:
„An deiner Stelle würde ich mich an Gott wenden, ich würde dem Höchsten meinen Fall vortragen – ihm, der große Dinge tut, die wir nicht verstehen, und viele Wunder, die wir nicht zählen können.“ (Hiob 5,8-9 – BasisBibel)
Formal ist nichts falsch an diesem Ratschlag. Er klingt sogar fromm. Doch er kommt zur völlig falschen Zeit.
Hiob reagiert darauf mit den Worten: „Will denn keiner meinen Kummer wiegen?“
Anders ausgedrückt: Könnt ihr mich bitte erst einmal in meinem Leid ernst nehmen. Ich brauche keine noch so gutgemeinten Ratschläge. Ich brauche erstmal eure Empathie. Ich will mich verstanden fühlen, so wie es mir gerade geht.
Ja, wahre Worte zum richtigen Zeitpunkt anzubringen, ist eine Kunst. Das braucht Erfahrung und die richtige Herzenseinstellung. In dem Versuch, darin immer besser zu werden, steht Gott Ihnen und mir mit seinem Geist gerne zur Seite.
Ihr Kommentar