06.07.2026 / Theologie

Was ich noch sagen wollte

10 Impulse, wie wir die verbleibenden Jahre mit unseren Eltern weise nutzen können.

„Wenn du diesen Kurztrip nach New York gewinnst, wen möchtest du mitnehmen?“, fragt der Radiomoderator die Anruferin. „Meine krebskranke Mutter“, sagt sie. „Wir haben nicht mehr viel Zeit zusammen und möchten noch einmal ein gemeinsames Highlight erleben.“

Die Anruferin stammt aus meinem Dorf. Sie hat sich erfolgreich gegen ihren letzten Mitspieler durchgesetzt und die Reise mit ihrer Mutter unternommen. Einige Monate später ist diese verstorben.

Dass die Tage mit den eigenen Eltern gezählt sind, lässt sich ab einem gewissen Punkt nicht mehr leugnen. Je älter wir werden, desto älter werden auch sie.

Doch was wir erheblich mitbeeinflussen können, ist die Art und Weise, wie wir die verbleibende Zeit mit ihnen gestalten.

Dafür möchte ich dir 10 Impulse mitgeben.

Diese basieren auf der Annahme, dass trotz aller Schwierigkeiten ein gewisses Verhältnis zueinander besteht. Denn je konfliktbeladener oder distanzierter die Beziehung ist, desto weniger lassen sich bestimmte Dinge umsetzen. Fühl dich frei, nur die Punkte herauszusuchen, die in deiner Situation relevant sind.

1. Alten Groll loslassen, auch wenn keine Aussprache möglich ist

Viele Menschen tragen Jahrzehnte alte Verletzungen mit sich herum: das Gefühl, als Kind übersehen worden zu sein; den Eindruck, die Geschwister seien bevorzugt worden; oder die Enttäuschung, nie genug gewesen zu sein.

In den meisten Fällen war dies keine böse Absicht der Eltern. Sie gehörten oft noch zur Kriegsgeneration oder waren die erste Generation danach und hatten ihr eigenes Päckchen zu tragen. So konnten sie emotional nur bedingt für ihre Kinder da sein. Außerdem hat sich die Kindererziehung und die Meinung darüber, was einem Kind guttut, in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder verändert.

Die entscheidende Frage ist hier, wie ich mit diesen Verletzungen umgehe: Trage ich sie meinen Eltern bis an ihr oder unser Lebensende nach? Oder kann ich meinen Frieden damit schließen, dass meine Eltern Fehler gemacht haben, so wie auch ich heute Fehler mit meinen Kindern mache?

Dabei möchte ich betonen, dass ich damit kein übergriffiges oder gewalttätiges Verhalten von Erziehungsberechtigten legitimieren will. Dass man in solchen Fällen nicht einfach sagen kann „Schwamm drüber", versteht sich von selbst. Gemeint sind vielmehr die vielen Enttäuschungen, die sich trotz passabler Kindheit über Jahre zu einem großen Berg aufsummiert haben.

Manchmal lässt sich ein Gespräch über gewisse Punkte führen. Aber auch wenn nicht, bin letztlich ich diejenige, die diese Last aus der Vergangenheit mit sich herumträgt.

Ein Freund sagte mal zu mir: „Ich bin nicht schuld an dem, was mir als Kind widerfahren ist, aber es ist meine Verantwortung, wie ich als Erwachsener damit umgehe.“ Das gilt für mich sowohl für die kleinen als auch für die großen Verletzungen.

2. Selbst um Verzeihung bitten

Vergebt euch gegenseitig, was ihr einander angetan habt, so wie Gott euch durch Christus vergeben hat, was ihr ihm angetan habt.(Epheser 4,32)

Wer ehrlich zurückschaut, wird vermutlich auch Momente finden, in denen er oder sie selbst ungerecht gegenüber den Eltern war. Es ist eine der stillen Asymmetrien des Erwachsenwerdens, dass wir unsere eigenen Reaktionen anders in Erinnerung haben als die Menschen, denen gegenüber wir sie gezeigt haben.

Vielleicht war man als Teenager übermäßig reizbar und ist bei jeder Kleinigkeit in die Luft gegangen. Oder man hat jeden Anlass genutzt, um den Eltern zu zeigen, wie altmodisch sie sind und dass ihre Meinung unmöglich ist. Vielleicht ist man auch der oder die Einzige, der weiß, warum die gute Vase im Wohnzimmer auf einmal weg war und warum man an dem Tag bereitwillig die Mülltonne an die Straße gestellt hat.

Hier ist es gut, auch selbst um Verzeihung zu bitten für die Punkte, wo wir unseren Eltern das Leben schwergemacht haben. Und vielleicht lacht man dann ja gemeinsam über die Situation. Oder man weint gemeinsam. In den meisten Fällen wird es die Beziehung nicht zerstören, sondern eher stärken.

3. Realistische Erwartungen entwickeln

In manchen Eltern-Kind-Konstellationen überladen wir die letzten gemeinsamen Jahre mit überhöhten Erwartungen. Wenn wir schon ein Leben lang an bestimmten Punkten Schwierigkeiten hatten oder einen emotionalen Mangel erlebt haben, soll es wenigstens am Ende noch gut werden.

Das ist menschlich verständlich, aber selten realistisch. Und es führt fast unweigerlich zu Enttäuschung. Denn ein emotional distanzierter Vater wird allein durchs Altern nicht zugewandter. Und eine Mutter, die mit unserer Berufswahl nie einverstanden war, wird möglicherweise ihr Leben lang darauf bestehen, dass Lehrer der bessere Beruf für uns gewesen wäre.

Außerdem können wir von unseren Eltern nicht erwarten, dass sie im Alter noch einen inneren Mangel bei uns ausgleichen.

Daher sollten wir hier ehrlich prüfen: Suchen wir in der Beziehung zu meinen Eltern etwas, das wir eigentlich woanders finden müssten?

4. Gemeinsame Zeiten bewusst genießen

Wenn die Last der unerfüllten Erwartungen nicht mehr auf jeden Moment gestapelt wird, wird es auch leichter, die Zeit mit den Eltern zu genießen.

Die Entscheidung meiner Bekannten, ihre Mutter als Reisebegleitung nach New York mitzunehmen, fand ich damals sehr eindrücklich. Statt mit einer Freundin shoppen und feiern zu gehen (was genau ihr Ding gewesen wäre), hat sie sich dem Tempo ihrer Mutter angepasst und mit ihr ein reduziertes Programm durchgezogen. Aber die Reise ist für sie bis heute unvergesslich.

Was will ich noch mit meinen Eltern machen, solange es noch geht?

Letztes Jahr bin ich auch mit ihnen in den Urlaub gefahren. Zudem besuche ich meine Eltern mittlerweile auch mal ohne Kinder, damit die Zeit dann wirklich uns gehört.

5. Alte Marotten nicht zu ernst nehmen

Mein Sohn, wenn dein Vater alt ist, nimm dich seiner an, und betrübe ihn nicht, solange er lebt.“ (Jesus Sirach, 3,12)

In den gemeinsamen Stunden versuche ich, bestimmte Marotten, über die ich mich ein Leben lang aufgeregt habe, nicht mehr allzu ernst zu nehmen. Sie sind typisch für meine Eltern.

Wenn sie einmal nicht mehr da sind, werde ich genau diese Sprüche, Gesten oder Handlungen vielleicht vermissen. Und ich habe meine eigene Marotten und ärgere damit wiederum unbewusst sie.

Wie oft hat meine Mutter mir meine Kaffeetasse hinterhergeräumt, die ich irgendwo im Haus abgestellt habe. Das Gästezimmer ist immer ein Chaos, wenn ich mit den Kindern zu Besuch bin. Und in Sachen Tisch abwischen scheine ich auch erheblichen Nachholbedarf zu haben, sonst würde meine Mutter nicht hinterherwischen.

Ich vermute, dass Gott da des Öfteren über seine Geschöpfe schmunzelt. Warum mache ich es nicht ebenso?

6. Hilfe anbieten

Kinder sollen lernen, den Eltern zu vergelten, was sie empfangen haben. (1. Timotheus 5,4)

Früher haben wir die Hilfe unserer Eltern gebraucht. Heute ist es vielleicht andersherum. Indem wir uns um die Bedürfnisse unserer Eltern kümmern, soweit sie es zulassen, können wir ein wenig von dem zurückgeben, was wir viele Jahre selbst empfangen haben. Das kann die Unterstützung bei Verträgen sein, mit den Einstellungen am Smartphone oder die Mitorganisation eines Urlaubs.

Ich möchte jedoch einschränken, dass ich damit keine totale Selbstaufopferung meine, die ein eigenes Leben nicht mehr zulässt. Niemand ist moralisch verpflichtet, eine jahre- oder jahrzehntelange 24-Stunden-Pflege zu leisten, auch wenn sich die eigenen Eltern das vielleicht wünschen.

Meine Schwiegereltern konnten beispielsweise immer weniger selbständig leben, haben dies aber durch ihre Demenz selbst nicht bemerkt. Mein Mann und seine Geschwister organisierten zunächst einen ambulanten Pflegedienst, dann eine Pflegekraft und schließlich einen Platz in einem modernen Seniorenheim mit sehr freundlichen Pflegekräften bei uns um die Ecke.

7. Das Praktische rechtzeitig klären

Was dir vor die Hände kommt, es zu tun mit deiner Kraft, das tu, denn im Totenreich gibt es weder Tun noch Denken. (Prediger 9,10)

Es gibt auch praktische Dinge, die man klären sollte, solange es noch geht. Haben die Eltern eine Patientenverfügung? Wo befinden sich die Bankunterlagen, das Stammbuch, Mietverträge oder Versicherungsunterlagen? Wäre es vielleicht an der Zeit, den Hausstand etwas zu reduzieren, damit die Kinder nicht mit einem vollgestopften Haus voller Erinnerungen konfrontiert werden?

Noch konkreter wird es bei der Frage: Wie soll später einmal die Beerdigung gestaltet sein? Wo und wie möchten die Eltern bestattet werden? Auch eine Vorsorgevollmacht sollte geklärt sein, wenn möglich. Und nicht zuletzt sollte bei eigenem Besitz bestmöglich ein Testament vorliegen.

Diese Fragen fühlen sich pietätlos an, weil sie den Tod so konkret werden lassen. Aber wer sie stellt, solange Ruhe und Klarheit noch da sind, erspart der Familie in einer ohnehin schweren Zeit erheblichen zusätzlichen Druck.

8. Dankbarkeit aussprechen, solange sie noch ankommt

Vor einigen Wochen ist mein Schwiegervater schließlich verstorben. Nach einem Schlaganfall lag er regungslos im Bett und konnte sich nicht mehr äußern.

In seinen letzten Tagen zählten mein Mann und seine Geschwister alles auf, wofür sie ihrem Vater dankbar waren – große und kleine Dinge. Da kam eine ganze Menge zusammen, und allen wurden noch einmal neu bewusst, wie viel Gutes man gemeinsam erlebt hatte.

Zu diesem Dank möchte ich auch dich und mich ermutigen – gerne auch jetzt schon, nicht erst am Ende.

Vielleicht gehören Dinge dazu, die wir als Kind für selbstverständlich gehalten haben. Ich habe beispielsweise erst rückblickend zu schätzen gelernt, dass meine Mutter immer daheim war und mit dem Essen wartete, wenn wir aus der Schule nach Hause kamen.

Auch die gemeinsamen Familienurlaube in einer alten DDR-Datsche gehören für mich zu den schönsten Kindheitserinnerungen. Es lohnt sich, diese Dinge den Eltern gegenüber in Worte zu fassen.

9. Nach der Lebensgeschichte der Eltern fragen

Erinnert euch an ferne Zeiten, fragt eure Väter, wie es früher war, und eure Alten fragt, woher ihr kommt! (5. Mose 32,7)

Solange die Eltern noch erzählen können, können wir sie nach ihrer eigenen Vergangenheit fragen. Nicht immer wollen sie von allem berichten, besonders bei Kriegs- oder anderen traumatischen Erfahrungen. Als Kinder bleibt uns dann oft nur, dies zu respektieren.

Doch selbst wenn uns manche Erinnerung der Eltern verschlossen bleibt, können wir sie nach den Dingen fragen, die sie bereitwillig mit uns teilen. Was war als Kind ihr Lieblingsspiel? Hatten sie ein Haustier? Was war der schönste Moment ihres Lebens? Worauf sind sie besonders stolz?

Diese Gespräche finden im Alltag kaum statt, weil es meist keinen Anlass dazu gibt oder wir uns nicht trauen zu fragen. Aber machen wir uns bewusst: Die Geschichte unserer Eltern ist ein Teil unserer eigenen Geschichte, der danach nirgends mehr nachzulesen ist. Wenn wir etwas wissen möchten, sollten wir zeitig genug fragen.

10. Die letzte Frage nicht scheuen: Was kommt danach?

Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen, und ich gehe jetzt hin, um dort einen Platz für euch bereit zu machen. (Johannes 14,2–3)

Als Christin stellt sich mir die Frage: Was glauben die Eltern (und andere Angehörige) über das, was nach dem Tod kommt? Manchmal ergeben sich kurz vor dem Ende darüber Gespräche, die ein Leben lang nicht möglich schienen. 

Eine Kollegin hatte den Eindruck, dass sie mit ihrem Opa über dieses heikle Thema sprechen sollte. Am Ende konnte sie mit ihm beten und er hat sein Vertrauen auf Jesus gesetzt. 

Auch ich habe meinen Opa vor langer Zeit in mehreren Briefen nach seinen Überzeugungen gefragt und er hat sich klar als Atheist positioniert. Das fand ich traurig, aber ich habe ihm zumindest schriftlich dargelegt, was ich glaube. Vielleicht hat er ja noch einmal darüber nachgedacht.

Mit den eigenen Eltern ist es vermutlich noch einmal schwieriger als mit den Großeltern. Viele schieben das Gespräch nicht aus Desinteresse auf, sondern weil es pietätlos scheint oder die eigene Angst vor dem Tod im Weg steht. Manchmal ist es auch so, dass die Eltern gläubig sind, man selbst aber nicht (mehr).

Dennoch kann es wertvoll sein zu fragen: Was trägt dich? Wovor hast du Angst? Was hoffst du?

Ich möchte dich ermutigen: Wenn dich das Thema anspricht, dann schieb den Moment nicht ewig auf. Ein solches Gespräch braucht keine Perfektion, nur Mut und den passenden Moment.

„Nutzt die Lebenszeit, die euch von Gott gegeben ist“, schreibt der Apostel Paulus an die Epheser (Epheser 5,16). Das gilt auch für uns und die Zeit mit unseren Angehörigen.

Denn der Tod unserer Eltern ist keine abstrakte Zukunft, sondern eine Gewissheit, die irgendwann sehr konkret werden wird. Es ist weise, das jetzt schon zu berücksichtigen.

Autor/-in: Theresa Folger

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