10.09.2019 / Bericht

Toleranz beim Studium des Alten Testaments gelernt

Andreas Nachama mit der Moses-Mendelssohn-Medaille für Toleranz und Völkerverständigung geehrt.

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Der Dirigent Daniel Barenboim hat sie, genauso wie die Verleger-Witwe Friede Springer und der ehemalige israelische Botschafter in Deutschland, Avi Primor. Seit 25 Jahren wird die Moses-Mendelssohn-Medaille verliehen. Und zwar an Persönlichkeiten, die sich für Toleranz, Völkerverständigung und gegen Fremdenfeindlichkeit einsetzen. Der Preisträger im Jahr 2019 ist der Rabbiner und Historiker Professor Andreas Nachama. Er leitet die Topografie des Terrors in Berlin. Ein Ort, an dem an die Verbrechen des Naziregimes erinnert wird.

Bei Antisemitismus „nicht wegschauen“

Die Kulturstaatsministerin Monika Grütters sagte in ihrer Laudatio: „Ich bin überzeugt: Wer einmal an diesem beeindruckenden Erinnerungsort gesehen hat, wie aus gewöhnlichen Menschen fanatische Vollstrecker einer mörderischen Ideologie wurden, wird danach nicht mehr so einfach weghören und wegschauen können, wenn antisemitisches, rassistisches und diskriminierendes Reden  und Handeln Anklang und Beifall finden. Denn eben damit begann einst der unheilvolle Weg, der in Krieg, Vernichtung und den Zivilisationsbruch der unheilvollen Shoa geführt hat.“

Erinnerung sei das eine. Doch Andreas Nachama warne auch vor neu aufkeimendem Antisemitismus in Deutschland, so Grütters: „Dennoch warnen sie nachdrücklich davor, angesichts der Übergriffe auf Kippa-Träger pauschal den importierten Judenhass muslimischer Zuwanderer anzuprangern. Dass es einzelne Personen gibt, die sich inakzeptabel verhalten, berechtige uns nicht, auf Alle zu schließen und die Dinge ins Grundsätzliche zu verzerren. Das haben sie sinngemäß einmal in einem Interview zu Protokoll gegeben.“

Juden in Deutschland „ein Wunder“

Mit dieser Grundhaltung, so Monika Grütters, leiste Andreas Nachama einen besonderen Beitrag zur Toleranz . Diese werde in einer sich aufspaltenden deutschen Gesellschaft mehr denn je gebraucht. Professor Julius Schoeps,  der Vorstand der Moses Mendessohn Stiftung, hob den Wert jüdischen Lebens in Deutschland hervor: „Es grenzt schon an so etwas wie ein Wunder, dass Juden in Deutschland zumindest ein Stück weit Vertrauen in die Gesellschaft gewonnen haben. Und dass die sogenannten ‚gepackten Koffer‘ auf dem Dachboden landeten, hat vielmit der Glaubwürdigkeit von Frauen und Männern zu tun, die in den letzten Jahrzehnten in Politik und Gesellschaft den Ton angegeben haben.“

Zu ihnen gehöre auch der diesjährige Preisträger der Moses-Mendelssohn-Medaille. Andreas Nachama erzählte in seiner Danksagung, wie er selbst zu der Haltung der Toleranz gekommen ist. Als junger Mann habe er viele Gespräche mit einem evangelischen Geistlichen geführt, der das KZ von Sachsenhausen überlebt hatte. Mit ihm sprach er über das Alte Testament, die heiligen Schriften, die Juden und Christen gemeinsam haben, so Nachama. „Dann erzählte er seine christologische Sicht, die eine ganz andere war, aber über den gleichen Text. Da war auf einmal etwas möglich: Hier standen auf einmal zwei Wahrheiten nebeneinander. Die hatten ihre Logik und ihre Richtigkeit. Das war die Schule, durch die ich gegangen bin, um auf Augenhöhe miteinander über unterschiedliche Sichten auf die Dinge zu sprechen.“  

Auf diese Weise ist Andreas Nachama zu einem Brückenbauer geworden nicht nur zwischen Juden und Christen in Deutschland - und zu einem würdigen Preisträger der diesjährigen Moses-Mendessohn-Medaille.

Autor/-in: Oliver Jeske

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