04.08.2026 / Interview

Stirbt das Modell Volkskiche?

Andreas Rauhut über die Zukunft kirchlichen Lebens in einer entkirchlichten Gesellschaft.

Die Zahlen sind eindeutig: Ende 2025 gehörten nur noch rund 17,4 Millionen Menschen der evangelischen Kirche an – ein Rückgang von 3,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Ähnlich sieht es bei den Katholiken aus. Doch Prof. Dr. Andreas Rauhut, Theologe und Professor für Systematische Theologie an der Evangelischen Hochschule Hessen, sieht darin nicht das Ende der Volkskirchen. Er forscht zur Zukunft kirchlichen Lebens in einer entkirchlichen Gesellschaft – und ist überzeugt: Kirche lebt, weil Gott lebt.
 

ERF: Du forscht gerade zum Thema „Die Zukunft kirchlichen Lebens in einer entkirchlichen Gesellschaft“. Was hat dich bewogen, genau dieses Thema zu wählen?

Andreas Rauhut: Ich war schon immer irgendwie in Kirche verliebt, weil ich erlebt habe, dass Kirche ein wunderschöner Ort ist, etwas ganz Tolles. Und gleichzeitig stirbt Kirche traurigerweise in vielen Formen in Deutschland – sie wird weniger, geringer. Menschen sind nicht mehr in Kirche, ganz viel von dem politischen und gesellschaftlichen Leben bricht ab. Wir haben teilweise Schwundraten von bis zu 4 Prozent pro Jahr in evangelischen Landeskirchen, beispielsweise in Mitteldeutschland.

Es ist absehbar, dass Volkskirche, wie sie einmal war und wie wir sie vielleicht noch kennen, schon in wenigen Jahrzehnten so nicht mehr da sein wird.

Wenn die Kirche, die ich kenne und die ich irgendwie auch liebe, stirbt – und gleichzeitig der Gott, von dem ich geliebt werde und den ich liebe, immer noch da ist, dann ist ja die Frage: Was ist eigentlich Kirche, wenn Kirche, wie wir sie jetzt kennen, irgendwann nicht mehr da ist?

Das fand ich spannend. Ich dachte: Hey, da würde ich super gerne wissen, wie das weitergeht. Dass es weitergehen wird, scheint mir klar, denn Gott ist ja noch da – und dem ist Kirche immer noch wichtig.

Vitale Kirchen trotz „Entkirchlichung“?

ERF: In deiner Forschung verwendest du den Begriff „Entkirchlichung“. Das klingt nach Niedergang, doch du sprichst gleichzeitig von vitaler Kirche. Was meinst du damit?

Andreas Rauhut: Entkirchlichung heißt zunächst schlicht und ergreifend, dass die drei Kernmerkmale von Kirchlichkeit abnehmen. Das erste ist die Mitgliedschaft: Immer weniger Menschen sind in evangelischen und katholischen Kirchen Mitglieder – mit Rückgangsraten von circa 2 bis 4 Prozent pro Jahr.

Das zweite ist der regelmäßige Gottesdienstbesuch. Man hat lange gesagt: „Weihnachten gehen immer noch viele Menschen zur Kirche.“ Das stimmt leider nicht mehr: Seit ungefähr 4 bis 5 Jahren gehen auch zu Weihnachten immer weniger Menschen zur Kirche. Und der dritte Aspekt ist, dass Menschen die Grundsätze des christlichen Glaubensbekenntnisses für wahr halten – auch das geht zurück.
 

ERF: Warum sprichst du trotzdem von einer vitalen, lebendigen Kirche?

Andreas Rauhut: Weil Kirche nicht das ist, was wir Menschen daraus machen, sondern das, was Gott tut. Kirche wird auch als „Geschöpf des Wortes Gottes“ bezeichnet – etwas, was Gott ins Leben ruft. Und weil Gott immer noch Menschen begegnet, vielleicht sogar immer mehr Menschen begegnet, bin ich mir sicher, dass es diese lebendige Kirche gibt. Die Frage ist: Wo und wie genau ereignet sie sich?

Das war der Grund, warum ich dachte: Lass uns doch mal genauer hingucken, wo diese vitale lebendige Kirche eigentlich ist. Und auch: Wo sehnen sich Menschen in unserer Gesellschaft, auch wenn sie nicht kirchlich oder christlich und vielleicht auch gar nicht religiös sind, nach genau dem, was sie bei Gott finden, was Gott für sie bereithält?

Das kann man empirisch und sozialwissenschaftlich tatsächlich entdecken.

Man kann sagen: Da und dort suchen Menschen nach so etwas wie Gott, auch wenn sie das Wort „Gott“ vielleicht gar nicht in den Mund nehmen.

Kirche als Ort zum Sein und zum Mitmachen

ERF: Machen wir es konkret: Welchen Formen vitalen kirchlichen Lebens bist du in deiner Recherche begegnet?

Andreas Rauhut: Ich habe ganz konkret kirchliche Start-ups untersucht, also Gemeindegründungen oder neue Formen kirchlichen Lebens, manche nennen das auch „Fresh Expressions of Faith“. Da habe ich geschaut: Was passiert eigentlich dort, wo Menschen ohne kirchlichen Background auf einmal zur Gemeinde dazukommen? Was geschieht an diesen Orten, was es Menschen außerhalb der Kirche ermöglicht, dazuzukommen? Natürlich hat das etwas mit ihrem Leben zu tun und es hat ganz viel mit Gott zu tun, aber die Kirche ist da wie eine Art Werkzeug.

Wenn ich das alles praktisch zusammenfasse, passieren da drei Dinge. Das erste:

Die Kirche ist wie ein gutes, attraktives, angenehmes Café. Sie ist ein Ort, an dem Menschen gerne sind, mit einer schönen Ästhetik und einer angenehmen Wohlfühlatmosphäre.

Wo Menschen reinkommen und sagen: „Hier bin ich gerne, hier kenne ich ein paar Leute, vielleicht so wie in einem Café den Barista. Manche kenne ich nicht, aber die sind grundsätzlich offen, und es ist spannend, hier zu sein.“
 

ERF: Das sind die äußeren Gegebenheiten, was ist mit den „inneren Werten“?

Andreas Rauhut: Die zweite Facette ist: Kirche ist wie eine Do-it-yourself-Werkstatt. Ein Ort, wo man eingeladen ist, mitzumachen und etwas mitzugestalten. Wo man noch nicht lange da ist, bevor einem jemand sagt: „Mensch, du scheinst diese Sorte Mensch zu sein, die furchtbar gut kreativ-gestalterisch denkt.“ Oder: „Du packst gerne mit an.“ Oder: „Du magst Texte – hast du nicht Lust, irgendeinen Text zu schreiben?“ Oder: „Du hast eine tolle Stimme, könntest du hier mal etwas lesen?“

Ein Ort, an dem man ganz schnell ins Tun, ins Machen, ins Umsetzen kommt – ein Ort, wo man sofort eine sinnstiftende Aufgabe erhält und mitmachen kann. Ein Ort, wo man bei der Tafel, bei der Essensausgabe mitmachen kann. In Deutschland sind Menschen ungefähr bereit, 1 000 Euro im Monat netto weniger zu verdienen, wenn sie einen sinnvollen Job machen. Das Bedürfnis nach sinnstiftender Beschäftigung ist also unfassbar hoch – auch im ehrenamtlichen Bereich.

Kirche als sicherer Ort zum Wachsen

ERF: Und was ist nun der dritte Aspekt? 

Andreas Rauhut: Der dritte Aspekt ist, dass Kirche so etwas wie eine Fortbildung, ein Kurort oder im besten Sinne eine Schule ist. Sehr viele Menschen möchten in ihrem Leben etwas verändern. Sie möchten zu dankbareren Menschen werden, zu friedlicheren, zu ausgeglicheneren Menschen. Sie möchten empathischer sein, weniger ärgerlich.

Sie haben dieses Bedürfnis, etwas zu verändern und können es manchmal gar nicht in Worte fassen. Aber sobald sich die Möglichkeit ergibt: Hier könnte ich ein anderer Mensch werden, hier könnte sich etwas an mir verändern, hier bin ich wie in einer praktischen Lebensschule, hier lerne ich dankbarer zu sein, nehmen Menschen das sehr gerne an. Vor allem, wenn sie spüren: Ich darf mich dieser Kraft anvertrauen, die ich hier spüre und die mich verändert, ohne Angst haben zu müssen, dass diese Veränderung zu meinem Nachteil sein wird. Kirche ist dann wie eine Art Fitnessstudio fürs Leben.

Kirche ist dann vital und lebendig, wenn sie erstens wie ein Café ein angenehmer Ort ist zum Dasein ist. Wenn sie zweitens wie eine Do-it-yourself-Werkstatt, ein Repair Café oder eine Essensausgabe ein Ort ist, an dem ich sinnvoll etwas bewirken kann mit dem, was ich sowieso schon gut kann. Und wenn sie drittens ein Ort ist, an dem ich mich verändern kann und ein ausreichender Safe Space herrscht, sodass ich das Vertrauen habe, mich da ohne Risiken verändern zu dürfen.

Wenn diese drei Dynamiken zusammenkommen, dann ist Kirche eine vitale Kirche – weil letzten Endes Menschen Gott dort auf heilsame Weise erleben.

Wie kann ich Kirche konkret mitgestalten?

ERF: Das klingt nach radikalen Veränderungen und nicht jede Kirchengemeinde kann so ein Angebot stemmen. Was sagst du jemandem, der als einfaches Kirchenmitglied die Reihen immer leerer werden sieht und innerlich kurz davor ist, aufzugeben?

Andreas Rauhut: Vielleicht drei Dinge. Das erste klingt banal: Vertraue Gott. Denn die Kirche ist nicht der Pfarrer, nicht die Pfarrerin, nicht das Gebäude, nicht die verfasste katholische oder evangelische Landeskirche, nicht der Papst.

Die Kirche ist das, was Gott schafft.

Deswegen ist es sehr wichtig zu sagen: Wenn ich an meiner real sichtbaren Kirche verzweifle – übrigens wie das Hunderte Menschen vor mir auch schon getan haben, inklusive Dietrich Bonhoeffer oder Karl Barth –, dann darf ich darauf vertrauen, dass Gott derjenige ist, der Kirche baut.
 

ERF: Okay, hier geht’s um eine innere Haltung. Aber was kann ich aktiv tun?

Andreas Rauhut: Zweitens: Mach das, was dir Spaß bringt. Ich finde es unfassbar wichtig, dass wir in Kirche leidenschaftlich, lustvoll und mit Hingabe und mit unfassbar viel Kreativität und gerne auch Verrücktheit das tun, was Menschen Spaß bringt. Denn wenn Menschen das tun, was ihnen Spaß bringt, haben sie meistens Freude daran – und meistens spüren andere das auch und kommen dann gerne dazu.

Ich habe sehr viele Kirchen oder Gemeinden erlebt, in denen Menschen unter der Last und der Pflicht des Alltags und des Müssens als gute Christen mit verkniffenem Gesicht das machen, was sie glauben, machen müssen. Ich denke, es ist wichtig, Dinge sein zu lassen, die einfach nicht mehr gehen, und dafür entschlossen Dinge zu machen, die gehen, und das für und mit Gott zu machen.

Der katholische Jesuit Alfred Delp sagt: „Gott in allen Dingen erkennen.“ Vielleicht gerade auch da, wo ich Spaß habe. Kirche Kunterbunt ist ein gutes Beispiel dafür: Mittlerweile gibt es 500 Orte in Deutschland, wo diese Bewegung lebt, weil Menschen das machen, worauf sie Lust haben, und darin von Gott befähigt werden.

Drittens: Lass dich selbst von Gott heilen. Oft merke ich, dass bei mir selbst Bedürfnisse da sind, die lange nicht gestillt wurden.

Ich muss mich nicht zuerst als denjenigen begreifen, der etwas tun, etwas machen, etwas reißen muss, der die Welt retten oder die Kirche gestalten muss. Sondern ich darf mir selbst Zeit nehmen, um das in mir heil werden zu lassen, wo ich selbst wund, traurig, verletzt oder verwundet bin.

Das kann in einer Exerzitienwoche sein, durch geistliche Begleitung – das können oft Dinge sein, die ich vielleicht noch gar nicht so gut kenne.

Selbst zu dem Menschen werden, als den Gott mich gedacht hat

ERF: Wie hast du das persönlich erlebt?

Andreas Rauhut: Ich mache gerade Exerzitien im Alltag. Das sind Blätter mit einem Bibeltext, im Gebet und der Reflexionszeit. Und dann treffen wir uns per Zoom und reden über den Bibeltext und was das mit dem eigenen Leben zu tun hat. Eigentlich macht man das in 40 Tagen. Wir machen das aber so, dass wir das in 40 Monaten machen, also zieht sich das über drei Jahre – und es ist unfassbar heilsam. Ganz viel gerät dadurch in Bewegung. Dinge werden angestoßen, ändern sich. Menschen wechseln ihre Berufe und so weiter.

Die Gemeinde bekommt nach außen davon erstmal gar nichts mit, weil da einfach nur ein paar Menschen miteinander auf Gottes Wort hören, Bibel lesen, beten und den Heiligen Geist bitten, dass er an ihnen wirkt. Aber natürlich verändert das etwas in mir.

Ich werde mehr zu dem Menschen, als den Gott sich mich gedacht hat, als der, der ich in Gottes Augen sein soll. Und wenn das passiert, bin ich am Ende des Tages auch für die Kirche genau derjenige, der anderen Lust und Mut machen kann auf Glauben.

ERF: Vielen Dank für das Interview.
 

Autor/-in: Tanja Rinsland

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