01.05.2026 / Persönlich
Naht um Naht
Was man beim Quilten über Heilung lernen kann.
Meinen ersten Quiltstoff habe ich am viertschlimmsten Tag meines Lebens gekauft. Am Morgen hatte ich noch tränenüberströmt den kleinen Scherbenhaufen namens Leben zusammengefegt, mittags war ich mit meiner Mutter einkaufen. Nicht, weil ich unbedingt etwas brauchte. Ich hatte bloß keine Lust, nach Hause zu fahren.
Der kleine Stoffladen war von oben bis unten voller Farben und bunter Knöpfe. Fasziniert ließ ich die Hände über die sauber gestapelten Ballen gleiten. Ich entdeckte dabei diesen verspielten Stoff, herrlich romantisch und so ganz anders als alles, was ich bisher besessen hatte.
Meine Wohnung war bisher ultramodern eingerichtet, mit schwarzen Möbeln und einem dramatisch roten Sofa. Aber da sowieso nichts mehr so sein würde wie vorher, gab es auf einmal Platz für Beige und Taubenblau in meinem Leben.
Quilten mit Oma
Ich konnte allerdings nicht nähen. Meine Mutter, die übrigens eine dieser klugen Frauen ist, die Vorschläge nur dann machen, wenn sie wirklich nützlich sind, schaute sich den Stoff an, fand ihn genauso entzückend wie ich und sagte: „Frag doch mal deine Oma, ob sie es dir nicht beibringt.“
Meine Oma war schon einige Zeit verwitwet und wohnte mit meiner gastfreundlichen Tante und ihrer Familie in einem – trotz manchem Leid – fröhlichen Zuhause. Ein guter Ort, um etwas zu lernen. Ich traute mich erst nicht, zu fragen, ob ich mit dem Scherbenhaufen im Herzen und dem Quiltstoff unterm Arm vorbeikommen dürfe. Aber natürlich durfte ich.
Also packte ich in den darauffolgenden Monaten regelmäßig meinen Rucksack, nahm den Zug von Wetzlar nach Siegen und verbrachte ein ganzes Wochenende damit, Stoffe zu schneiden und zu bügeln. Beim Quilten bügelt man ziemlich viel, habe ich damals gelernt. Das Nähen geht flott, vor allem mit so einer robusten, gut gewarteten alten Pfaff, wie meine Oma sie hatte. Aber das präzise Schneiden und Bügeln: Das ist die eigentliche Kunst.
Wir sprachen wenig an diesen Samstagen. Abends beim Essen plauderten wir über dies und das – und manchmal fragte mich Oma, wie es mir gerade ging. Es gab genug Menschen, mit denen ich stundenlang über das geredet habe, was gewesen war und noch so schmerzte. Doch es gab nur wenige, mit denen ich schweigen konnte.
Der Nähmaschinen-Herzrhythmus
Omas alte Pfaff hatte – wie alle guten Maschinen – ihren eigenen Rhythmus. Sie machte Tak-Tak-Tak-Tak, wie ein gesundes Herzklopfen. Statt zu sprechen, saßen wir also meistens da, arbeiteten mit unseren Händen und hörten der Pfaff zu.
Tak-Tak-Tak-Tak und das nächste Stückchen Stoff war befestigt und konnte gebügelt werden. Tak-Tak-Tak-Tak und die Trauer, die mich letzte Nacht noch wachgehalten hatte, war etwas kleiner. Tak-Tak-Tak-Tak und ein Quadrat für meinen Blockhouse-Quilt war abgeschlossen. Tak-Tak-Tak-Tak und ich schaute ein kleines bisschen zuversichtlicher in die Zukunft.
Naht um Naht wurde in dieser Zeit etwas in mir gesund. Es ist mir ein liebgewonnenes Mysterium, warum es sich leichter trauern lässt, wenn man dabei etwas mit seinen Händen tut. Nicht, dass es weniger schmerzt, die Traurigkeit fließt bloß leichter durch einen durch. Zumindest bei mir war das so.
Vor kurzem hatte ich diesen ersten Quilt in der Hand und musste schmunzeln, als ich die vielen Fehler entdeckte, die meine Oma mir gnädigerweise durchgehen ließ. Dabei war sie keine nachlässige Lehrerin und ich musste mehrmals eine Naht auftrennen, weil ich irgendwelche Teile falsch zusammengefügt hatte.
Der Quilt gefällt mir trotzdem immer noch gut mit seinen sanften Farben und verspielten Stoffen, den unsicheren Handstichen und dem etwas schiefen Saum.
Die göttliche Freude an verschwenderischer Alltagskunst
Wenn mich jemand fragt, warum ich quilte, sage ich gern, dass es eine herrlich zweckfreie Arbeit sei. Man kauft teuren Stoff, um ihn in hundert kleine Schnipsel zu schneiden und das alles wieder mühselig zusammenzunähen. Das ergibt – wirtschaftlich gesehen – überhaupt keinen Sinn. Man verliert auch jede Menge Material beim Quilten: den ganzen Verschnitt, die Nahtzugaben und so. Vom Zeitaufwand ganz zu schweigen.
Aber genau das ist das Schöne am Quilten: Es ist zeitverschwenderisch, kunstvoll und im besten Fall vom Ergebnis etwas, auf das ein Baby spucken kann und worauf sich Keks-Krümel sammeln, während man darin eingekuschelt auf der Couch liegt.
Es hat etwas ungemein Rebellisches, über monatelang ein Kunstwerk zu schaffen, das für den Alltagsgebrauch gedacht ist.
Nichts befriedigt eine Quilterin so sehr wie ein Quilt, der nach Jahren der liebevollen Nutzung ausgefranst, verblichen und voller Flecken ist.
Gott und das Handwerk
Ich habe beim Nähen oft darüber nachgedacht, dass Gott auch etwas von einem Quilter hat.
Denn auch seine Schöpfung scheint mir zeitverschwenderisch, kunstvoll und gleichzeitig für den Alltagsgebrauch gedacht zu sein.
Ein Beispiel: Ich fahre viel mit dem Zug und meine übliche Bahnstrecke verläuft durch etwas schmuddelige Landschaftsabschnitte mit Wiesenhängen links und rechts der Bahntrasse. Diese Hänge blühen im Frühling in den schönsten Farben und selbst im Winter sehen die kunstvoll verschlungenen Äste der wild gewachsenen Büsche aus wie komplexe Skulpturen. Keiner schaut hin, keiner bewundert diese Büsche, die vor allem dazu da sind, den Boden des Hangs zu befestigen. Völlig verschwenderische Schöpfungskunst.
Oder denken Sie an einen Wald: Jeder Baum darin ist einzigartig, von der Rindenmaserung, der Struktur der Äste bis hin zur Verteilung seiner Blätter. Und wenn Sie mir jetzt entgegnen, dass Bäume immerhin superwichtig für unser Ökosystem sind: Kieselsteine sind auch einzigartig. Jedes Gänseblümchen ist das, obwohl sie meistens darin enden, von Kühen zerkaut und Menschenfüßen zertrampelt zu werden.
Gott, der erste Handwerker und Künstler, freut sich, wenn wir stehen bleiben und das Werk seiner Hände wahrnehmen. Aber er tut es nicht, um unsere Bewunderung zu kassieren, sondern weil alles, was er schafft, unendlich gut ist. Und dafür macht er sich regelrecht die Hände dreckig.
Jesus und seine lehmverschmierten Hände
In 1. Mose 2,7 steht: „Gott der HERR machte den Menschen aus Staub von der Erde und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen.“ Wenn ich diese Zeilen lese, stelle ich mir Gottes Hände vor, mit Lehm verschmiert und Dreck unter den Fingernägeln. Den Menschen, dieses komplizierte Kunstwerk, betrachtend mit der Zufriedenheit des „das ist sehr gut geworden“.
Gott ist der erste Kunsthandwerker. Der Prophet Jesaja greift das Bild der Schöpfung auf und betet: „Herr, du bist doch unser Vater! Wir sind Ton, du bist unser Töpfer, und wir alle sind deiner Hände Werk“ (Jesaja 64,7).
Auch im neuen Testament begegnet uns Gott mit lehmverdreckten Händen, im neunten Kapitel des Johannesevangeliums: Jesus und die Jünger beobachten einen blinden Mann auf einer Straße. Die Jünger unterhalten sich über das Schicksal des Mannes und darüber, ob es wohl selbstverschuldet sei (Johannes 9).
Doch Jesus hält nichts von Wortwolken, wenn es was zu tun gibt. Er spuckt auf die Erde, macht daraus Lehm – so die Übersetzung des hier verwendeten griechischen Wortes – und streicht diesen auf die Augen des Mannes. Dann fordert er ihn auf, sich den Dreck abzuwaschen, und als der Blinde dies tut, ist er geheilt.
Eine Lesart dieser ungewöhnlichen Heilungsmethode ist, dass Jesus mit einem symbolischen Akt an die Erschaffung des Menschen erinnert und daran, dass er selbst als Teil der Dreieinigkeit den Menschen mitgeformt hat und ihn daher auch heilen kann.
Ob diese Deutung so stimmt, weiß ich nicht. Aber schon allein die Tatsache, dass Jesus sich für diesen Mann die Hände schmutzig macht, finde ich bemerkenswert; dass er ihn berührt, zupackt und keine großen Worte darüber verliert.
Mein wertvollster Quilt
Es ist vierzehn Jahre her, seitdem ich das Nähen von meiner Oma gelernt habe. Sechs Jahre später ist sie verstorben. Meine Tante hat mich einige Zeit nach der Beerdigung gefragt, ob ich ein Erinnerungsstück von ihr möchte. Meine Antwort kam ohne ein Zögern: „Den Fröschequilt aus dem Wintergarten.“
Genau unter diesem Wand-Quilt hatte sie damals die Nähmaschine positioniert, wenn ich zu Besuch war. Wenn sich Oma nach dem Essen für einen Mittagsschlaf hingelegt hatte, stand ich oft vor diesem Quilt und versuchte, die Technik nachzuvollziehen, die sie dabei angewandt hatte.
Erst nach Monaten fiel mir auf, dass mitten im Quilt ein Fehler steckt. Offensichtlich war ihr der Stoff ausgegangen und sie musste sich um eine Naht herummogeln. Sie hatte vor allem ihre Lieblingsfarbe Grün verwendet und schon damals waren die Farben vom Lichteinfall verblichen.
Der Quilt hängt heute bei mir so, dass er das Erste ist, was ich sehe, wenn ich nach einem langen Tag im Medienhaus nach Hause komme. Ich kann mich an ihm nicht stattsehen. Manchmal drehe ich ihn um und schaue mir die kleinen Stiche auf der Rückseite an, mit denen Oma den Quiltrand angenäht hat. Dann streiche ich mit dem Finger darüber und freue mich daran, dass sie diese Stiche mit ihren Händen gemacht hat. Und erinnere mich.
Manchmal bleibe ich irgendwo in einem unbedeutenden Stück Grünland stehen, schaue mir einen gewöhnlichen Busch an und denke darüber nach, dass es Gottes Hände waren, die diesen Busch geformt haben. Ich streiche mit dem Finger darüber und erinnere mich daran. Und dann freue ich mich.
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