26.04.2024 / Serviceartikel

Leben ohne Konflikte?

Fakten und Tipps zum Umgang in herausfordernden Situationen.

Warum knallt es immer wieder? Es wäre doch so schön, wenn das Leben einfach reibungslos und friedlich sein könnte. So empfindet ein harmonieliebender Mensch.

Tatsache ist, dass Konflikte einfach zum Leben gehören. Wenn Lebewesen sich bewegen, kommen sie sich gelegentlich in die Quere. Auch bei Pflanzen entsteht ein Konflikt, wenn sie nebeneinander wachsen, denn der Raum wird irgendwann zu eng, die Äste stoßen aneinander und können sich nicht mehr ungehindert ausbreiten. Das hat nichts mit Egoismus oder böser Absicht zu tun oder dass einer schuld am Konflikt sein muss.

Nur Tote haben keine Konflikte

Man kann Erzfeinde in ein gemeinsames Grab legen und sie bleiben friedlich nebeneinander liegen. Auch leblose Steine beißen sich nicht, selbst wenn sie brutal zusammengedrückt werden. Wo es also keine Konflikte mehr gibt, ist kein Leben vorhanden – auch im übertragenen Sinn. Dementsprechend ist ein konfliktfreies Leben in unserem irdischen Dasein nicht möglich.

Wer in einem Umfeld aufgewachsen ist, in dem hitzige Diskussionen und Streit alltäglich waren, der kann sich aber derart daran gewöhnt haben, dass er eine friedliche Situation unnatürlich und vielleicht sogar langweilig findet. Womöglich schafft er dann unbewusst Konflikte, damit es für ihn wieder vertraut und „normal“ wird.

Wie so vieles hängt es von der persönlichen Bewertung einer Sache, Situation oder eines Konflikts ab, und die wird durch Lernerfahrungen, meistens innerhalb der Herkunftsfamilie, geprägt.

Zwei gegensätzliche Bewertungen

Für Andi zum Beispiel sind Konflikte destruktiv, vermeidbar und trennend. Er meint, dass sie zu Verlust von Liebe, Zugehörigkeit, Vertrauen und Respekt führen. Konflikte zerstören seine Sicherheit. Für Betty sind Konflikte unvermeidbar, konstruktiv und sogar verbindend. Sie sieht sie als Ausdruck von Respekt und Wertschätzung eines ernstzunehmenden Gegenübers. Sie führen bei ihr zu mehr Vertrauen und Zusammenhalt. Sie gefährden ihre Sicherheit nicht. Andi und Betty haben zwei unterschiedliche Grundannahmen. Dementsprechend glauben und handeln sie in Auseinandersetzungen, Meinungsverschiedenheiten und Streits.

Je nachdem sind Konflikte Angriffe auf unser Selbst und gefährden unser Überleben. Der Konflikt muss dann gewonnen oder vermieden werden. Oder aber Konflikte schaffen etwas Neues und oft auch etwas Besseres. Sie führen zu einem besseren Verständnis der anderen und unserer eigenen Wirkung auf andere. Beide Seiten gewinnen dann dadurch.

Es wäre aber naiv, wenn man glauben würde, alle möglichen Konflikte ließen sich klären mit Bettys Überzeugung, und dass Andis Bewertungssystem immer falsch wäre.

Unterschiedliche Konfliktarten

Dass eine schwarz-weiß Sichtweise oder ein entweder-oder nicht zielführend sein kann, wird spürbar bei unterschiedlichen Herausforderungen die uns begegnen:

Es gibt noch weitere Konfliktarten bei denen man nicht einfach nach richtig oder falsch urteilen kann.

So vielfältig die Streitpunkte auch sind, sie haben alle gemeinsame Muster:

Fünf Möglichkeiten im Konflikt

Wir haben in zwischenmenschlichen Konfliktsituationen fünf verschiedene Gelegenheiten, wie wir reagieren können:
 

A) Ich dominiere die Situation und greife an, um meinen Willen gegen den Widerstand des anderen durchzusetzen. Eine „Win-Lose“-Strategie, bei der ich gewinne und die andere Seite verliert.

B) Ich gebe nach, um so den Konflikt zu entschärfen. Bei dieser „Lose-Win“-Strategie erreiche ich mein Ziel nicht und der andere gewinnt.

C) Ich flüchte und ziehe mich zurück, um den Konflikt zu vermeiden und die Situation ungeklärt zu lassen. In dieser „Lose-Lose“-Situation können beide Seiten verlieren. Zum Beispiel: Ich komme nicht an mein Ziel und der andere verpasst sein Ziel, weil er keine Korrektur kriegt.

D) Ich wähle einen konstruktiven Weg mit einem Kompromiss. Je nach Wahrnehmung werden Kompromisse aber unterschiedlich beurteilt und sind oft mit dem Gefühl verbunden, nicht das bestmögliche Ergebnis erzielt zu haben. Für beide ist es dann nur eine halbe Lösung.

E) Wenn es mir aber gelingt, mit dem Konfliktpartner eine Übereinstimmung zu erreichen, dann haben wir eine echte „Win-Win“-Situation erreicht. Dann können beide Seiten ihre Position einbringen und die Situation gestalten.
 

Konflikte sind der Stoff, aus dem Innovationen entstehen. Vielleicht sind die meisten Erfindungen entstanden, weil ein Konflikt die Motivation oder einen Leidensdruck lieferte. Konflikte zu lösen dient eben nicht nur der vordergründigen Schadensbegrenzung, sondern hilft im günstigsten Fall, brach liegende Ressourcen zu aktivieren.

Konflikte können letztlich nur von den beiden Parteien selbst friedlich gelöst werden. Verordnete Lösungen sind zwar manchmal nicht zu vermeiden, aber nachhaltiger und konstruktiver sind immer gemeinsam erarbeitete und formulierte Ziele.

Keine Konfliktlösung wird als solche vollkommen, fehler- und irrtumsfrei sein. Wenn man das begriffen hat, kann man auch etwas entspannter damit umgehen, denn man muss sich und seinem Gegenüber nicht den Druck aufladen, das Perfekte zu erreichen, an dem nie mehr gerüttelt werden kann oder muss.

Unlösbare Konflikte

Wenn es zum Beispiel das Ziel einer religiösen Gruppe ist, die andere Gruppe auszulöschen, ist das ein unlösbarer Konflikt. Aber auch in einer Partnerschaft gibt es keine Lösung, wenn einer den andern in eine bestimmte Form pressen und verändern will und dieser sich völlig dagegen sperrt. Ich kann nur mich verändern, nicht den anderen; aber der andere kann nicht (oder zumindest selten) bleiben wie er ist, wenn ich mich verändere.

Trotz allem gilt es immer nach Möglichkeiten zu suchen, um im Konflikt das Potential zu erkennen. Zum Beispiel sind Feuer und Wasser absolute Gegensätze, die je nach Masse den anderen „besiegen“. Aber wenn sie sich ergänzen lassen, können sie zusammen wärmen (Warmwasserheizung), kühlen (Kühler beim Auto), kochen usw.

Oft schaffen wir es nicht aus Konflikten etwas Gutes zu machen, aber Gott schon: Vize-Pharao Josef erkannte: „Ihr wolltet mir Böses tun, aber Gott hat Gutes daraus entstehen lassen. Durch meine hohe Stellung konnte ich vielen Menschen das Leben retten“ (1. Mose 50,20).

Autor/-in: Jörg Kuhn

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