23.09.2026 / Persönlich
Kein Punkt. Fragezeichen?
Warum ich im Glauben lieber Fragen stelle, als Antworten zu suchen.
Es gibt eine Vorstellung vom ewigen Leben, die ich ganz schaurig finde: Bis in alle Ewigkeit sitzen wir irgendwo auf einer Wolke und gucken einen Thron an. Fertig.
Ich glaube, ich würde das vielleicht ein paar Minuten lang mitmachen. Dann aber würde das Füßewippen und Fingerknibbeln losgehen – vorausgesetzt, dass ich in der Ewigkeit überhaupt noch Füße und Finger hätte. Das ist ja nicht so ganz klar. Klar ist mir aber jetzt schon: Auf Wölkchen hin- und herschiffen und Herrlichkeit anschauen klingt in meinen Ohren furchtbar langweilig. So will ich meine Ewigkeit nicht verbringen.
Aber so wird es wohl ohnehin nicht sein. Langeweile gibt es nur im Rahmen der Zeit, die in der Ewigkeit per Definition nicht mehr funktioniert. Da ich aber nur in zeitlichen Dimensionen denken kann, kann ich mir die Ewigkeit nicht vorstellen. Das möchte ich aber gerne können! Und da läuft mein trotziges Ich gegen das unbegreifliche Wesen Gott Sturm, das solche Dimensionen wie Raum und Zeit erschaffen oder auch wieder abschaffen kann: Warum darf ich das nicht begreifen? Warum hast du mich so begrenzt?
Gottes Antwort darauf sinngemäß: Wenn ich dir jetzt begreiflich machen würde, wie eine Wirklichkeit ohne Zeit aussähe, würde dir dein niedliches, kleines Hirn platzen. Möchtest du das?
Okay. Dann eben nicht.
Was befindet sich hinter der Grenze?
Lange Zeit schien mir mein größtes Problem mit dem Glauben die Frage zu sein, ob es Gott gibt oder nicht. Ich habe meinen Kinderglauben im Grundschulalter abgelegt und bin Atheistin geworden, weil mir die Vorstellung eines göttlichen Wesens damals albern erschien. Ich hielt mich für aufgeklärter und klüger, wenn ich einem rein materialistischen Weltbild folge und alles „Übernatürliche“ ablehne.
Dass ich nicht mehr an Gott glaubte, machte mich jedoch weder intelligenter noch dümmer. Allenfalls ignoranter, weil ich mich auf eine Form der Wahrheit festgelegt wähnte.
Inzwischen habe ich meine atheistischen Ansichten revidiert. Das war ein langer und komplexer Prozess, der mich viele Nerven und auch einiges an Stolz gekostet hat. Dabei schwingen Erlebnisse und die Erkenntnis mit, dass es doch mehr geben muss als das, was ich in meinen menschlichen Grenzen wahrnehmen und erklären kann.
Das Thema „Grenzen“ hat mich schon immer fasziniert. Für mich sind die Frage, was sich hinter einer Grenze befindet und die Frage nach Gott daher nahezu deckungsgleich.
War am Anfang nicht eher eine Frage?
In der Bibel steht: „Am Anfang war das Wort.“
Ein Wort aber kann zugleich auch als Frage stehen – je nachdem, was danach kommt. Hinter einem Wort setzt man einen Punkt. Eine Frage aber öffnet einen Raum mit unendlichen Möglichkeiten. Das in der Bibel genannte „Wort“ ist konkret und abstrakt zugleich. Etwas Manifestes und Flüchtiges. Was ist es eigentlich? Das Wort weckt Fragen. Vielleicht ist es eine Frage in sich. Wer weiß es?
Ohne damals in der Lage gewesen zu sein, es benennen zu können, glaube ich heute, dass ich nicht die Möglichkeit abgelehnt habe, es könne einen Gott geben. Ich habe mich an der Vorstellung festgehalten, dass nach dem Wort ein Punkt stehen müsse und mich zugleich nicht damit zufriedengeben können.
Im Laufe meines Lebens wurden mir etliche Varianten davon präsentiert, wer, wie oder was Gott ist. Natürlich. Ohne Erklärungen und Metaphern – semantischen und bildlichen Eingrenzungen – kann Gott nicht kommuniziert werden oder selbst mit uns kommunizieren. Wir brauchen Beschreibungen und Attribute, hinter die man einen Punkt setzt oder sogar ein Ausrufezeichen. So ist Gott!
Meine Vorstellung formte daraus ein Bild. Und wenn mein niedliches, kleines Hirn Bilder produziert, bleiben diese automatisch kleiner als das, was es zum Platzen bringen könnte. Der Gott, der mir beschrieben wurde, blieb dadurch immer menschlich klein und begrenzt.
Was sollte ich mit einem Gott anfangen können, den ich mir vorstellen konnte?
Gegenfrage: Was soll ich mit einem Gott anfangen, der meine Vorstellungen sprengt?
Ich habe nie nach Antworten gesucht
In meinem Pendeln zwischen Atheismus und Glauben dachte ich, ich suche nach Antworten. Ich wollte genau wissen, ob es Gott nun gibt oder nicht, und wusste doch, dass ich darauf niemals die letztgültige, zufriedenstellende Antwort bekommen würde. In meiner Begrenztheit kann ich mich nur mit Dingen zufriedengeben, die es erfassen kann. Hier beißt sich die Katze schon wieder in den Schwanz. Es hat lange gedauert, bis ich das begriffen habe.
Ich würde schon die „Gewissheit erlangen“, versprach man mir von christlicher Seite. Sprich: Gott würde wieder so klein werden, dass ich seine Existenz zweifelsfrei annehmen könnte. Aber so klein und begrenzt wäre es dann doch wieder nicht Gott. Noch ein Paradoxon.
Glauben ist wirklich nicht so simpel, wie es oft scheint.
Es hat einige Jahrzehnte gedauert, bis mir dämmerte, dass ich gar nicht nach Antworten suche. Eine Antwort ist ein begrenztes Konstrukt. Dahinter setzt man – richtig – einen Punkt. Im Englischen nennt man einen Punkt als Satzabschluss auch full stop. Schluss, Ende. Hier geht’s nicht weiter.
Deshalb finde ich, dass Antworten im Grunde nicht zu Gott passen. Antworten verhalten sich wie Zeit. Setzt man sie außer Kraft, verwandelt sich Zeit in Ewigkeit – und eine Antwort in eine Frage. Gott ist nicht Teil seiner Schöpfung. Deshalb frage ich mich, ob ich ihn überhaupt innerhalb einer Antwort finden werde. Vielleicht ist es die Frage, die ich suche. Der offene Raum, die Möglichkeit, die mich eben nicht zum full stop führt, an dem ich nur verharren kann und nicht weiterkomme.
Als Mose Gott fragt, wie er ihn gegenüber den Israeliten kommunizieren soll, ist das, was Gott erwidert, keine echte Antwort, hinter die man einen Punkt setzt und alles ist geklärt. Sie ist ein Rätsel – schon allein, weil sie sich nur unzureichend in Sprache übertragen lässt: „Ich bin, der ich bin“ – oder auch „Ich werde sein, wer ich sein werde“. Unsere Worte und Grammatik können nicht vollständig ausdrücken, was Gott da über sich sagt. Zeit- und raumgebunden bringt er zum Ausdruck, was wir nur in diesen Dimensionen ergründen können. Deshalb kann es keine vollständige Antwort sein. Das Rätsel, die Frage bleibt.
Was uns von Gott unterscheidet
Ich kann an die Bibel herangehen, als wäre sie eine Gebrauchsanweisung für den Glauben, und mich im Wortlaut daran halten: Wenn ich das Gerät falsch bediene, geht es kaputt. Aber was, wenn die Texte in der Bibel gar nicht alle in diesem Sinne gemeint sind?
Es gibt Texte in der Bibel, die sehr deutlich einen Punkt setzen: Du sollst dies nicht tun, sondern jenes. Das stelle ich hier nicht infrage, denn ohne Festlegungen und Grenzen gäbe es nichts, woran wir uns zuverlässig halten könnten. Glaube ist ein Wechselspiel aus dem, was uns Halt und Identität gibt, und den Fragen darüber hinaus. Und diese Fragen darüber hinaus finden wir genauso in der Bibel wie die Weisungen, die unser Verhältnis zu Gott und der Welt regeln. Die Psalmen sind voller existenzieller Fragen, auf die keine klare Antwort folgt. Jesus spricht bewusst in Rätseln, irritiert und regt zum Nachdenken an. Er stellt Fragen.
Jesus ist für mich der Gegenentwurf zum Punkt. Am wunderbar philosophischen Beginn des Johannesevangeliums wird er in Gemeinschaft mit Gott zum „Wort“ erklärt. Aber so rätselhaft, wie sich dieser Beginn liest, entstehen daraus wieder etliche Fragen.
Jesus lässt sich nicht definieren. Das zeigt sich in einer meiner Lieblingsepisoden in der Bibel, der Geschichte der Emmaus-Jünger:
In dem Moment, in dem sie Jesus erkennen, verschwindet er wieder. Er verharrt nicht als Punkt, er hinterlässt ein Fragezeichen.
Niemand kann mir erzählen, dass die Jünger sich nicht fragten: Huch, warum war er denn plötzlich wieder weg?
Mir scheint, er will sich nicht komplett begreifen lassen. Das steht sogar im Emmaustext:
„Plötzlich kam Jesus selbst, schloss sich ihnen an und ging mit ihnen. Aber sie wussten nicht, wer er war, weil Gott verhinderte, dass sie ihn erkannten“ (Lukas 24,15-16).
Für mich ist das einer der herrlichsten Sätze der gesamten Bibel, weil er unweigerlich zu Fragen führt. Warum lässt sich Jesus nicht erkennen? Warum können wir ihn nicht begreifen?
Begreifen wird zu begrenzen, und Grenzen sind etwas, das uns von Gott unterscheidet.
Eine Antwort und zugleich auch wieder eine Frage.
Möglichkeit statt Antwort
Fest steht für mich inzwischen: Es sind nicht die Antworten, die mich interessieren. Das eigentlich Spannende ist das Geheimnis. Früher habe ich gerne Krimis gelesen, doch inzwischen befriedigt es mich am Ende eines Buches nicht mehr, wenn ein Rätsel gelöst wurde.
Eine Geschichte bewegt mich nur noch, wenn etwas nachhallt. Wenn nicht alle Fragen beantwortet wurden, sondern mein Geist die Möglichkeiten durchspielt, die mir das Ende der Geschichte als Raum öffnet. So versuche ich auch, meine eigenen Bücher zu schreiben. Wenn mir Leserinnen und Leser rückmelden, dass die Figuren sie noch weiter beschäftigen, dann ist das mein gewünschter Effekt. Am Ende wartet ein neuer Anfang. Schlechte Geschichten enden im Stillstand.
Das Prinzip übertrage ich daher auch auf meinen Glauben.
Ich bin davon überzeugt, dass Gott jenseits zu finden ist, wo wir als körperliche und geistige Wesen auf Grenzen stoßen.
Grenzen sind Nicht-Orte, an denen sich zwei Wirklichkeiten berühren, ohne ineinander überzugehen. Sie sind die Annäherung an Null, die ins Unendliche gehen kann. Unvorstellbar und doch da. Diese unvorstellbaren und geheimnisvollen Räume sind es, die mich reizen, die ich furchtbar gerne ergründen möchte. Aber von denen ich doch genau weiß: Ich werde sie nie begreifen, so sehr ich mein niedliches, kleines Hirn auch anstrenge.
Vielleicht ist das Sterben: Wenn meine Grenze, die mich vom Ewigen trennt, meine unmögliche letzte Annäherung an den Nullpunkt, aufgehoben wird. Wenn ich von der Antwort, die mein Leben durch ihre Begrenzung erhält, in die Frage und das Geheimnis übergehe. Vielleicht ist das Leben, wie wir es in unserer Begrenzung wahrnehmen, der eigentliche Stillstand, während das Versprechen der Ewigkeit alle Richtungen sind, in die wir uns nach Aufhebung aller Grenzen bewegen.
Woraus sich die Frage ergibt, wohin wir gehen, wenn es keinen Raum mehr gibt.
Halt und Freiheit
„Und sucht ihr mich, so werdet ihr mich finden, ja, fragt ihr mit eurem ganzen Herzen nach mir, so werde ich mich von euch finden lassen, spricht der HERR.“ (Jeremia 29,13-14)
Diese Suche mag ein Vorgeschmack sein auf das, was jenseits der Zeit aus uns wird. Im Schöpfungsrahmen unserer begrenzten Möglichkeiten suchen wir nach dem, der all das geschaffen hat, worin wir uns bewegen. Wo wir unweigerlich immer wieder zum Halt kommen müssen, weil wir das Weitergehen so, wie wir sind, nicht überstehen würden. Hier im Leben suchen wir nach Halt, weil wir ohne nicht existieren können. Doch was wird sein, wenn Gott unsere Grenzen aufhebt und der Halt nicht mehr nötig ist? Ohne Raum und Zeit wären wir frei. Aber was bedeutet das? Noch ein Geheimnis.
Das Versprechen lautet: so werdet ihr mich finden. Wann? Keine Ahnung. Wie? Wer weiß das schon so genau. Wo? Können wir uns sowieso nicht denken. Aber dass. Denn kein wirklicher Satz endet auf dass.
Ein Ende gibt es nur dort, wo Gott die Grenze setzt. Und selbst das kann er aufheben.
Kein Punkt. Fragezeichen?
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