01.08.2013 / Leben

Ich hielt zwei Jahre durch

Endstation Mobbing: Warum Menschen ihren Traumberuf verlassen. Ein Erfahrungsbericht.

Niemals hätte ich gedacht, Opfer von Mobbing zu werden. Am wenigsten, weil ich bei einer Non-Profit-Organisation arbeitete, die das Ziel hat, Menschen zu helfen. In meinem Fall handelte es sich um Bossing, also um Mobbing von oben. Gerade Bossing ist für Betroffene besonders schlimm, weil sie meist keine Chance haben, sich zu wehren. Burnout ist in solchen Situationen die natürliche Konsequenz - so auch bei mir. Anhand von Beispielen möchte ich berichten, wie ich Mobbing erlebt habe und welche Auswirkungen es auf mich hatte.

Tägliche Abhängigkeit

Seit über zwanzig Jahren arbeitete ich bei der betreffenden Organisation. Sie besteht aus einer Trägerorganisation, die Spendengelder erhebt, und der eigentlichen Organisation, die weltweit tätig ist. Ich übernahm dort verschiedene Aufgabenbereiche. Am Ende war ich in einer internationalen Leitungsfunktion, in der ich die Verantwortung für viele Mitarbeiter hatte. Die Arbeit machte mir Freude und die angestrebten Ziele entsprachen meinen innersten Überzeugungen. Die Arbeit war anstrengend, aber in einem hohen Maß befriedigend.

Dann kam es zu einem Leitungswechsel. Der neue Vorstandsvorsitzende war nicht vom Fach. Er wurde von der Trägerorganisation in diese Position berufen und hatte keine internationale Erfahrung. Die neue Aufgabe forderte ihn stark heraus und sehr schnell stieß er an seine Grenzen. In entscheidenden Fragen wurde er von den langjährigen Mitarbeitern abhängig.

Um sich selbst zu behaupten, begann er Mitarbeiter in ihren Verantwortungsbereichen zu beschränken. Da ich die größte Personalverantwortung hatte und mein Einfluss relativ groß war, ging er direkt gegen mich vor. Immer wieder verweigerte er mir wichtige Informationen, die ich dringend für meine Arbeit brauchte. Damit war ich gezwungen, ständig zu ihm zu kommen und nach und nach meine Informationen bei ihm zu erfragen. Da es meiner Persönlichkeit entspricht, langfristige Ziele zu setzen, wurde ich durch diese Art der Informationskontrolle in eine tägliche Abhängigkeit gezwungen.

Niemand reagierte auf meine Beschwerden

Oft wurden durch seine Entscheidungen Mitarbeiter benachteiligt, für die ich verantwortlich war. Das brachte mich immer wieder in Konflikte. Als zum Beispiel wegen des Mangels an Spenden die Gelder gekürzt wurden, traf das zum großen Teil Projekte, für die ich verantwortlich war. Meine Mitarbeiter mussten so größere Anstrengungen bei den Kürzungen erbringen als der Rest der Organisation. Durch all das wurde die Effektivität meiner Arbeit stark benachteiligt.

Des Weiteren warf mein Vorgesetzter mehrfach Entscheidungen von mir um, ohne mich zu informieren. Damit untergrub er systematisch meine Autorität. Einmal plante ich in Absprache mit ihm eine öffentliche Veranstaltung. Einem meiner Mitarbeiter gab ich den Auftrag, die Werbung dafür rechtzeitig in Auftrag zu geben. Dann fuhr ich auf eine Dienstreise. Kaum war ich aus dem Haus, sagte mein Chef die Veranstaltung ab. Als ich von der Dienstreise zurückkam und davon erfuhr, war ich sauer.

In einer Mitarbeiterbesprechung warf ich ihm offen Mobbing vor. Ebenso informierte ich den Vorsitzenden des Aufsichtsrats. Der Aufsichtsrat reagierte jedoch nicht. Es kam zu keiner Aussprache oder Untersuchung der Mobbingvorwürfe, die ich und auch andere Mitarbeiter der Organisation erhoben. Als ich die Kompetenz des Leiters in Frage stellet, wurde ich mit billigen Phrasen abgewimmelt.

Am Ende der Burnout

Das alles bereitete mir enormen Stress. Ich war total verunsichert und die Arbeit wurde für mich zu einem Albtraum. Ich fühlte mich ohnmächtig und allein gelassen. Fragen an Gott kamen in mir auf: Warum lässt er das alles zu? Warum greift er nicht ein? Ich fühlte mich ohnmächtig. Selbstzweifel und Hoffnungslosigkeit begannen mein Gefühlsleben zu bestimmen.

Mein Vorgesetzter gab mir weiterhin Anweisungen und leugnete danach seinen Auftrag. Er forderte mich zum Beispiel auf, ein Dokument für eine Sitzung anzufertigen. Auf Nachfrage in der Sitzung leugnete er aber, mich damit beauftragt zu haben. Als ich das Protokoll der Besprechung hervorholte und so den Nachweis erbrachte, dass er gelogen hatte, reagierte niemand darauf.

Zwei Tage nach dieser Sitzung - nach zweieinhalb Jahren Bossing - brach ich schließlich zusammen. Diagnose: schweres Burnout. Nach einer sechsmonatigen Krankheitsperiode mit zwei Monaten Klinikaufenthalt verließ ich die Organisation. Der Leiter hatte sein Ziel erreicht.

Ich war kein Einzelfall!

In dieser Phase wurde ich von einem Verwaltungsratsmitglied aufgefordert, gerichtlich gegen den Leiter vorzugehen. Ebenso empfahl mir ein Angestellter der Krankenkasse Anzeige wegen Mobbing zu erstatten. Damit kam ich als Christ in einen ethischen Konflikt: Wenn ich gerichtlich gegen die Organisation vorginge, würde die Organisation stark geschädigt werden. Menschen, für die ich mich mein Leben lang eingesetzt hatte, würden durch ein Gerichtsverfahren benachteiligt werden.

Durch ein solches Vorgehen würde ich die Arbeit selbst zerstören, in der ich mich fast 30 Jahre mit hohem Idealismus engagiert hatte. Das konnte ich nicht verantworten. Mit einer Klage würden nicht die verantwortlichen Menschen die Rechnung bezahlen, sondern die Hilfsbedürftigen und meine engagierten Kollegen. Durch das Mobbing kam es zu einer Demotivierung aller Mitarbeiter und auch bei einigen anderen Mitarbeitern zu schweren emotionalen Erkrankungen.

Der Neuanfang fiel mir nicht leicht. Es war nicht einfach in meinem Alter einen neuen Aufgabenbereich zu finden. Aber meine Frau und ich haben Gottes Führung erlebt, indem er eine offene Tür schenkte. Heute lebe ich trotz der traumatischen Erfahrung froh und dankbar. Ich kann bezeugen: Es gibt ein erfülltes Leben nach Mobbing und Burnout. Gott sei Dank.

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