19.02.2010 / Themenwoche Gemeindewechsel

Drum prüfe, wer sich nicht mehr bindet

Für einen Gemeindewechsel gibt es gute Gründe. Die wollen allerdings wohlüberlegt sein – und betreffen letztlich eine ganz zentrale Frage.

Wer überlegt, die Gemeinde zu wechseln, sollte vor allem eines tun: Nicht vorschnell handeln. Die Entscheidung ist zu weitreichend, um aus dem Bauch heraus gefällt zu werden. Es gibt viel mehr zu bedenken als den eigenen Frust. Zum Beispiel die Auswirkungen für Familie und Freunde, Aussagen der Bibel und persönliche Berufung.

Deshalb gilt für jeden potentiellen Wechsler: Erst einmal zurücklehnen, durchatmen, nachdenken, eine Auszeit nehmen und möglichen Ärger verrauchen lassen. Dann sich zusammen mit Gott Gedanken machen und über die handfesten Gründe für den Wechsel klar werden.

Unvermeidliche Trennung

Gute Gründe, eine Gemeinde zu verlassen, gibt es viele. Einige sind sogar biblisch. Z.B. wenn die Gemeinde etwas lehrt, das am Evangelium vorbeigeht. Ändert sie auch nach eindringlicher Ermahnung nichts daran, ist ein Wechsel dran (Galater 1, 7-9). Natürlich bleibt die Frage, was am Evangelium vorbeigeht und was nicht. Die ist leichter zu beantworten, wenn es um grundlegende Dinge geht wie die Rettung durch Jesus.

Schwerer wird’s bei weniger zentralen Themen wie den Geistesgaben oder der Kopfbedeckung der Frau. Richtig spannend wird’s bei der Frage, was in der Gemeinde nicht gepredigt wird, welche Themen mehr oder weniger bewusst nicht angesprochen werden. Wie auch immer: Hier kommt das eigene Gewissen ins Spiel. Letztlich muss ich selbst vor Gott und meinem Gewissen eine Antwort finden.

Einige andere Gründe legen einen Wechsel zumindest nahe, z. B. wenn die Gemeindeleitung machthungrig oder stark kontrollierend ist. Auch wenn die leitenden Personen biblisch unqualifiziert sind oder offen und andauernd ein Verhalten an den Tag legen, das nicht im Sinne Gottes ist (Römer 16,17). Oder wenn es langjährige Konflikte gibt, sich Grüppchen schon seit Ewigkeiten spinnefeind sind. Auch dann muss es erst zu einer Aussprache kommen. Wenn aber alles nichts hilft, ist auch hier eine Trennung oft unvermeidlich.

Steter Tropfen

Es gibt auch Gründe, die erst einmal nicht sonderlich ins Gewicht fallen – aber über Jahre hinweg an Bedeutung gewinnen. Steter Tropfen höhlt auch in Gemeinden manchen Stein. Der eine besucht schon seit Jahren eine Gemeinde. Richtig angekommen und angenommen ist er aber nicht. Er hat alles versucht, aber keiner scheint ihn wahrzunehmen. Es passt einfach nicht. Der nächste sieht einige Schwachstellen der Gemeinde – doch seine konstruktive Kritik, jegliche Initiative wird kategorisch und andauernd unter den Teppich des Schweigens gekehrt.

Ein anderer hat das Gefühl, durch die Gemeinde schon seit Jahren geistlich nicht weitergekommen zu sein. Jegliche Impulse, die ihn weitergebracht haben, stammen von anderswo. Der Nächste hat sich durch jahrelanges Engagement über die Maßen verausgabt. Seine Bitten um Hilfe hat niemand gehört. Dazu hat die Familie durch das große Engagement Schaden genommen – es ist nicht mehr tragbar. Wieder ein anderer merkt einfach, dass die Zeit für etwas Neues gekommen ist. Man hat sich weiterentwickelt und merkt: Gott will mich an anderer Stelle gebrauchen.

Die eigentliche Frage

Doch langsam, langsam. Bei vielen Gründen stellt sich die Frage nach Henne oder Ei. Ist es wirklich so schwer, in die Gemeinde reinzukommen oder habe ich einfach zu wenig in Beziehungen investiert? Ist die Ansicht der Gemeinde, die mich nervt, wirklich unbiblisch oder verstehe ich nun mal mein Bibelverständnis als der Weisheit letzter Schluss? Ist die Gemeinde wirklich taub für konstruktive Kritik oder habe ich sie noch gar nicht deutlich geäußert?

Die Gründe für den angepeilten Gemeindewechsel können noch so gut sein – sie brauchen eine gesunde Selbstkritik und biblische Korrektur. Gerade Christen sollten auf diese Weise das suchen, was verbindet, nicht das, was trennt. Vertrauliche Gespräche mit Mentoren oder Vertrauenspersonen werden zudem zu einer wirklich tragfähigen Entscheidung verhelfen – ob es nun zum Wechsel kommt oder nicht. Darüber hinaus ist der Grundsatz zu bedenken, auf die Verantwortlichen der Gemeinde zu hören und ihren Weisungen zu folgen (Hebräer 13, 17). Die Zugehörigkeit zu einer Gemeinde ist eine ernstzunehmende Sache.

Letztlich muss ich für mich klar kriegen, was Gott von mir möchte. Der fragliche Gemeindewechsel trifft also im Kern die Frage nach meiner Berufung. Denn Menschen können zu Höchstleistungen in den widrigsten Umständen auflaufen, wenn sie wissen, dass sie hier genau am richtigen Platz sind. Äußere Bedingungen sind letztlich zweitrangig. Bin ich mir sicher, dass Gott mich in dieser Gemeinde haben möchte, ist der Streit Nebensache. Vielmehr versuche ich ihn mit Gottes Hilfe zu schlichten. Gerade wenn mich Schwachpunkte in der Gemeinde nerven, bin ich vielleicht genau am richtigen Platz! Denn vielleicht nehme nur ich sie so deutlich wahr und vielleicht ist es meine Verantwortung, auf sie hinzuweisen und sie anzugehen.

Diese Gewissheit, trotz aller Widrigkeiten am richtigen Ort zu sein, kann nur Gott schenken. Und gibt es keine Gewissheit, dass Gott nun einen anderen Platz für mich anvisiert, steht hinter jedem Gemeindwechsel ein Fragezeichen.

Autor/-in: Joachim Bär

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