19.02.2021 / Essay

Diskussion auf Augenhöhe

Hans Probst hilft beim Umgang mit populistischen Aussagen.

Dein Browser unterstützt kein HTML5 Audio.


Audiobeitrag zum Anhören

„Bill Gates hat das Virus entwickelt! Corona ist gar nicht so gefährlich, wie in den Medien behauptet wird! “ Bei Aussagen wie diesen hört Hans Probst genau hin. Seit September 2020 ist er Experte für Populismus und Extremismus in der württembergischen Landeskirche. In Vorträgen und Seminaren berät Probst seine Zuhörer im Umgang mit populistischen Aussagen im Gemeindebereich. Dabei ist dem Theologen wichtig, die eigene Stimme einzusetzen für Menschenwürde und Nächstenliebe. Ein Beitrag von Vera Nölke.
 

Populistische Aussagen bedienen sich an rhetorischen Mitteln. Sachverhalte werden vereinfacht und dadurch scheinbar einleuchtend dargestellt, berichtet Hans Probst: „Es geht immer um die Unterscheidung zwischen: die da oben, die böse Elite und wir hier unten, das einfache, integre, moralisch reine Volk.“

Im Populismus gilt der Trugschluss: Der Volkswille kann mit einer Stimme abgebildet werden. Doch ein Blick in unsere Demokratie zeigt: Hier sind vielfältige Stimmen und Meinungen vertreten, auch innerhalb der Kirche. Unter ihren Besuchern spiegeln sich verschiedene Positionen der Gesellschaft ab, sagt Hans Probst. Auch solche, denen er widerspricht. Deshalb beschäftigt sich Probst professionell mit Populismus, um Mitarbeiter der Kirche zu informieren und zu beraten.

Mit Ängsten umgehen lernen

„Die Muslime bedrohen unsere christliche Kultur.“ Dies sei eine Aussage, die im lockeren Plaudern beim Kirchcafé schnell fallen kann. Auch in Seelsorgegesprächen kommen populistische Thesen vor, berichtet der Referent. Probst ist überzeugt: Das darf sein, denn Kirche ist ein Ort des Austauschs und der Gespräche. Bei populistischen Aussagen geht es – gerade im seelsorgerlichen Rahmen - auch um eine Bearbeitung von Zukunftsängsten und Sorgen vor Bedrohungen, ob berechtigt oder nicht. Haupt- wie Ehrenamtliche sollten hier sprachfähig sein und populistische Aussagen erkennen können.

Auf Augenhöhe kommunizieren

Darüber hinaus betont Hans Probst, dass der Meinungsaustausch ein Gespräch auf Augenhöhe sein muss. Für einen wertschätzenden Austausch benennt Probst folgende Leitlinien:

  1. Meinungen akzeptieren: Akzeptanz drückt sich dadurch aus, dass die Aussagen des Gegenübers gehört und diskutiert werden. Dabei hilft es, ruhig zu bleiben und nicht die Person als solches abzuwerten.
  2. Auf den Wert und die Menschenwürde achten: Das gelingt, indem man trennt zwischen Person und Meinung. Wert und Würde einer Person hängen nicht davon ab, welche Meinung er oder sie hat. Probst schlägt vor, dies auch anzusprechen: „Du bist mir als Mensch wichtig, ich erkenne deinen Wert an. Ich schiebe dich nicht in irgendeine Ecke ab, ich möchte mit dir inhaltlich diskutieren.“
  3. Menschen mit hineinnehmen in die Vielstimmigkeit der Demokratie: Es gibt nicht „den einen Volkswillen“. Es gibt mehrere Ansichten und Meinungen zu einem Thema.
  4. In Gesprächen gilt das Anrecht, sich selbst zu schützen. Überschreitet das Gegenüber in einer Diskussion eine Grenze, darf ich als Gesprächspartner in dem Moment das Gespräch beenden oder auf einen anderen Tag verschieben.

All diese Regeln spiegeln für Probst christliche Nächstenliebe im Umgang miteinander wider.

Wie reagieren bei Anfeindungen oder Pauschalisierungen?

Wird eine bestimmte Gruppe angefeindet, vertritt Hans Probst solidarisch deren Stimme. Hier gilt es ein Stoppzeichen zu setzen nach der Art: „Gegen ‚die‘ Juden, gegen ‚die‘ Muslime will ich nicht, dass du so sprichst und dass du solche Vorwürfe vorbringst.“

Bei pauschalisierenden Aussagen schlägt der Referent vor, das Schwarz-Weiß-Denken zu hinterfragen, auch wenn es anstrengend ist. Denn zur Nächstenliebe gehöre es auch, wenn nötig, der Meinung des anderen zu widersprechen. Die Erfahrung zeige: Wer in seiner Haltung allein gelassen wird, neigt dazu, diese zu verfestigen. Probst kennt Extremfälle: Attentäter hätten nach ihrer Tat oftmals gesagt, dass ihnen vorher niemand widersprochen habe. Deshalb fühlten sie sich im Recht. Eine Spirale, die möglicherweise frühzeitig hätte durchbrochen werden können.

Wenn wir die Würde des Menschen als einen zentralen biblischen und christlichen Wert wahrnehmen, dann sehe ich das als eine massive Herausforderung.

Stimme einsetzen für die Würde

Kirche hat eine Stimme in der Gesellschaft. Diese Stimme sollte genutzt werden im gesellschaftlichen Diskurs, findet Hans Probst: „Wenn wir die Würde des Menschen als einen zentralen biblischen und christlichen Wert wahrnehmen, dann sehe ich das als eine massive Herausforderung.“ Dennoch ist sie notwendig: Jeder Christ sollte nach Ansicht Probsts seine Stimme erheben und sich für mehr Menschenwürde im Umgang miteinander engagieren.

Das könnte Sie auch interessieren

27.06.2019 / Artikel

Im Umgang mit der AfD gibt es „keinen Königsweg“

Katholische Bischöfe geben Arbeitshilfe zum Populismus heraus.

mehr

07.05.2018 / Aktuelles vom Tag

Wie umgehen mit dem Populismus?

Bischöfe aus Schweden und Deutschland suchen nach Antworten.

mehr

27.06.2019 / Aktuelles vom Tag

Dem Populismus widerstehen

Katholische Bischöfe in Deutschland setzen auf den Dialog.

mehr

07.10.2020 / Das Gespräch

Mehr Respekt bitte!

Mehr Respekt fordert Tim Niedernolte in seinem neuen Buch für ein besseres Miteinander.

mehr

14.11.2018 / Calando

Wunderwaffe Wertschätzung

TV-Moderator Tim Niedernolte will Deutschland zu einem Land der Wertschätzer machen.

mehr

21.09.2022 / Artikel

7 Thesen für besseren Streit

Frank Schilling ist als Rechtsanwalt und Mediator mit Streitigkeiten vertraut. Folgende sieben Thesen können helfen, zu einer guten Streitkultur zu kommen.

mehr

Streitkultur

Zeit für eine neue Streitkultur

Aufeinander zugehen statt aufeinander losgehen: Wir zeigen, wie man in Verantwortung streiten kann.

mehr