18.12.2007 / Bibel

Das Neunte Gebot

Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten. [...].

Was bedeutet das denn: „Falsch Zeugnis reden“? Heute würde das Gebot vielleicht lauten: „Du sollst nicht lästern und über andere Leute herziehen, betreibe keinen Rufmord, sondern stelle andere in ein gutes Licht“.

„Oh nein, da kommt Nicole. Sie setzt sich bestimmt zu uns. Bitte nicht, wenn ich ihre Hackfresse schon sehe...“ Mein Kollege ist schon beim Frühstück genervt, wenn Nicole auftaucht. Alles an ihr ist schlecht! Ihre Arbeit, ihr Aussehen und – sie ist beim Chef gut angesehen. Ein Grund mehr, weshalb sie ihr Fett abbekommt. Wir verstehen uns gut, mein Kollege und ich. Und es ist witzig, wenn er Schoten von ihr erzählt.

Das Neunte Gebot:
Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.
(2. Mose 20,16 und 5. Mose 5,20)

Da kann ich mir das Lachen echt nicht verkneifen. Und dann erzähle auch ich die eine oder andere Anekdote über Nicole. Eine wahre Geschichte natürlich – naja, vielleicht ein bisschen aufgebauscht. Aber ich hab ja nichts Falsches erzählt…

Kann denn Lästern Sünde sein?

Martin Luther erklärt das Gebot in seinem „Kleinen Katechismus“ (Kasten rechts):

„Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir unsern Nächsten nicht belügen, verraten, verleumden oder seinen Ruf verderben.“
 

Der Kleine Katechismus:
von Dr. Martin Luther 1529 verfasst, da dieser merkte, dass einfache Menschen den Glauben weder kannten noch verstanden. Die Bibel gab es bisher nur in lateinischer Form. Sein Ziel war, dass Familienoberhäupter allen Angehörigen (damals auch Angestellten) den Glauben erklären sollten. Der kleine Katechismus behandelt die Themen:
- Zehn Gebote
- Glaubensbekenntnis
- Vaterunser
- die heilige Taufe
- das heilige Abendmahl
- die Beichte
(Quelle: Wikipedia)

Upps... Dass Lügen falsch ist – eigentlich klar. Verleumden durch falsche Gerüchte – auch. Aber das mit dem „Ruf verderben“ schockt mich. Jemandem absichtlich den Ruf verderben ist Rufmord! Das geschieht durch Lästern! Wenn auch meistens unbewusst. Wenn ich eine Person verunglimpfe und unschöne Spitznamen anhänge, behält sie diesen Namen – zu allermeist in den Gedanken Anderer Menschen.

Und ich bin Schuld!

Wer ist denn „mein Nächster“? Freunde, Eltern, Leute, die ich liebe und mag? Das würde vieles vereinfachen, denn über sie lästert man ja nicht. So haben auch die Pharisäer, die Theologen zur Zeit von Jesus gedacht. Acuh sie haben diese Frage gestellt – und Jesus hat ihnen eine verblüffende Antwort gegeben: „Der Nächste“ ist wirklich jeder Mensch – auch der, den ich nicht leiden kann. Sogar der, der mir Böses und an den Kragen will.

„Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten“ betrifft also alle, egal, wie ich über sie denke.
Upps... Da ist schon gleich der nächste Haken: Denn nicht nur das, was ich ausgesprochen lästere ist schlecht, sondern schon das, was ich denke! Das betont die Bibel an einigen Stellen:

Wie gut, dass keiner weiß, was manchmal durch meinen Kopf schwirrt. Aber genau das beeinflusst mein Handeln: Ich handle, wie ich denke. Wenn ich also mein Denken überdenke, werde ic mein Handeln ändern. Luther schreibt im Katechismus: Wir sollen den Nächsten »entschuldigen, Gutes von ihm reden und alles zum besten kehren.« Das ist gar nicht so einfach, denn auch das wird über mien Denken gesteuert. Denke ich permanent schlechtes über jemanden, werde ich ihn also schlecht machen – denke ich gut, werde ich also auch gut über ihn reden. Und das fällt am allerschwersten, wenn ich mich geärgert habe und ausschließlich meine eigene Wut und die eigenen Verletzungen sehe. Dann will ich den Anderen niedermachen, weil ich mich dann (scheinbar) besser fühle. Aber der sieht das vermutlich genauso. Und schon ist eine Spirale der Unfreundlichkeit im Gange, die sich nur noch schwer aufhalten lässt.
 

Das Gebot der Liebe:
3. Mose 19,18
3. Mose 19,34
Matthäus 19,19
Matthäus 22,39
Markus 12,31
Lukas 10,27
Römer 13,9
Galater 5,14
Jakobus 2,8

Deswegen sieht die Bibel das alles etwas anders: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.„, wird dort empfohlen. Es ist Gott so wichtig, dass wir uns daran halten, dass er dieses Gebot gleich neun mal in die Bibel schreiben lässt (Kasten rechts).

Statt zu lästern soll ich Andere in Schutz nehmen, Positives erzählen und nach Entschuldigungen für sein verletzendes Handeln suchen. Und wenn ich auch Tausend Mal im Recht bin, soll ich lernen, Anderen zu vergeben – und ihnen so zu begegnen, wie ich es mir wünsche.

Trotzdem: Es fällt mir schwer, den Mund zu halten. Besonders ist es einfacher mitzulästern, statt sich dagegen zu stellen. Und es ist natürlich ein erschreckender Gedanke, dass die Kollegen über mich genauso herziehen könnten, wie über Nicole.

Also: Mitlästern? Obwohl man andere so behandeln soll, wie man selbst behandelt werden will? Und wenn Andere mich schneiden, weil ich nicht mehr mitlästere? Wenn ich plötzlich auch zu einer „Nicole“ werde, weil ich aufgehört habe, ungeliebtere Kollegen nicht mehr mit zu verunglimpfen? Was, wenn ich dann alleine dastehe? Viele „Lästerer“ machen den, der nicht mitlästert, gleich zum „Feind“. 

Und genau da zeigt sich ihre wahre Einstellung zu anderen Menschen – und auch zu Dir:
Wenn Du nur dazu gehörst, wenn Du mitlästerst, aber zum Lästerobjekt wirst, sobald Du Dich dagegen stellst, ist diese „Freundschaft“ nicht viel wert. Mir stellt sich hier die Frage, ob ich solche unbarmherzigen Kollegen zu meinem Freundeskreis zählen will?

Ein Zeichen zu setzen ist schwer. Sich allein gegen eine Gruppe durchzusetzen, wird schwer sein und vielleicht verliere ich meinen alten „Freundeskreis“. Aber denen, denen ich zur Seite stehe, wird es ein Beweis meiner Integrität und meiner Verlässlichkeit sein. So kann ich neue Freunde gewinnen, denen ich vertrauen kann und denen ich nicht irgendwann selbst als Lästerobjekt zum Opfer falle. Wer nicht lästert, wird von wahrhaft ernsthaften Menschen auch ernst genommen:
Wahrheit besteht für immer, Lüge nur einen Augenblick. und Wer den Mund halten kann, bewahrt sein Leben; wer ihn zu weit aufreißt, bringt sich ins Verderben.
 

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