05.04.2021 / Andacht

Das ist gegen die Regeln!

Jesus hält sich einfach nicht an die Friedhofsverordnung!

Friedhöfe sind ordentliche Orte. Dort gibt es für alles eine Regelung. Für die Größe der Grabsteine, die Art der Grabeinfassung, die Bepflanzung, die Besuchszeiten, den Geräuschpegel (leise!) und – es würde mich nicht wundern – wahrscheinlich auch für die Farben der Gießkannen. Die Friedhofsordnung der Stadt Offenbach am Main, beispielsweise, umfasst neun Kapitel mit insgesamt 28 Paragraphen, die über das gewünschte Verhalten der Besucher, die Beschaffenheit der Särge und auch über den Rückbau von Gruften nach Ablauf des Nutzungsrechts informiert. Das Wort „Gebühren“ zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte Ordnung.

Wenn ich einen Friedhof besuche, erwarte ich also in erster Linie Ordnung. Ordentliche Grabbepflanzung, Grabsteine schön im Lot, gerne auch Grablichter oder eine hübsche Figur, die das Grab ziert. Engel sieht man häufig vor den Grabsteinen stehen, zwischen Stiefmütterchen und Bodendeckern. Die gehören einfach dazu.

Wer hat die Leiche geklaut?

Wahrscheinlich erwarten auch die Frauen, die am ersten Ostermorgen der Menschheitsgeschichte das Grab von Jesus besuchen, dass alles in bester Ordnung sei. Zwar kennen sie weder Plastikgießkannen noch Gebührenordnungen, aber auch damals waren Friedhöfe Orte, an denen gewisse Regeln herrschten. Als die Frauen das Grab von Jesus erreichen, müssen sie allerdings feststellen, dass sich hier jemand nicht an die geltenden Regeln gehalten hat. Der schwere Grabstein ist zur Seite gerollt und das Grab steht offen. Und mehr noch: Die Leiche ist weg!

„Sie waren ratlos und überlegten, was geschehen sein konnte“ (Lukas 24,4). Das ist mal wieder biblisch sehr nüchtern ausgedrückt. Stellen Sie sich mal eine Gruppe Frauen auf dem Friedhof vor, die feststellen, dass jemand in das Grab eines Freundes eingebrochen ist und seine Leiche hat mitgehen lassen – da ist es aber vorbei mit der Totenruhe!

Moment, da war doch was?

Ja, und dann stehen auf einmal zwei Engel vorm Grab. Und zwar solche, die auch auf unseren heutigen puttenlastigen Friedhöfen Aufsehen erregen würden. Die Bibel beschreibt sie als „Männer in strahlenden Gewändern“. Es ist klar: Die gehören da eigentlich nicht hin. Und reden tun sie auch noch!

„Warum sucht ihr den Lebenden bei den Toten?“, fragen die Engel (Lukas 24,5). „Er ist nicht hier.“ 

Das haben die Damen mittlerweile denn auch bemerkt. Nur, dass Jesus nicht mehr tot ist, auf den Gedanken sind sie bei ihren ratlosen Überlegungen nicht gekommen. Was aus heutiger Sicht etwas verwunderlich ist. Die Engel erinnern sie daher freundlich:

Er ist auferstanden! Erinnert ihr euch nicht, wie er euch in Galiläa sagte, dass der Menschensohn in die Hände sündiger übergeben und gekreuzigt werden muss und dass er am dritten Tag wieder auferstehen wird?“ (Lukas 24,6-7).

Da war doch was!

„Da erinnerten sie sich, dass er das gesagt hatte.“ (Lukas 24,8)

Na also.

„Sie liefen zurück, um den elf Jüngern – und allen anderen – zu berichten, was geschehen war. (…) Doch für diese klang die Geschichte völlig unsinnig, deshalb glaubten sie ihnen nicht“ (Lukas 24,9-11).

Was die Frauen da wieder erzählen, so was auch!

Wunder gibt's nicht nach Vorschrift

Ist es nicht erstaunlich, wie sehr diese Menschen, die so viel Zeit mit Jesus verbracht haben, an Regeln und Verordnungen hängen? Dabei hat Jesus ihnen mehr als eindrücklich demonstriert, dass er es mit Regeln und Tabus nicht immer so genau nimmt. Er hat die Feiertagsregeln gebrochen. Er hat die Gesetze der Physik gebrochen und die verwandten Regeln der Meteorologie gleich mit. Er hat mit fremden Frauen gesprochen, mit Zöllnern Brot gebrochen und ist beim Füße waschen vor seinen Jüngern herumgekrochen. Das tut man alles nicht, haben die Leute damals gesagt. Jesus hat es nicht gekümmert.

Das tut man alles nicht, haben die Leute damals gesagt. Jesus hat es nicht gekümmert.

Und mehr noch: Seinen größten Regelbruch – das Auferstehen von den Toten – hat Jesus ja auch noch mehrfach angekündigt! Die Jüngerinnen und Jünger hätten also eigentlich damit rechnen müssen, dass er sich mal wieder nicht an die Regeln hält. Aber ausgerechnet da verlässt sie die Vorstellungskraft. Der lebendige Jesus hat jede Menge Wunder vollbracht, ja. Aber wer tot ist, ist tot. Alles andere wäre gegen die Ordnung!

Wir Menschen sind Regel- und Gewohnheitstiere und das hat auch seinen Sinn. Wie sollten wir denn das Eingreifen Gottes in den Lauf der Welt bemerken, wenn auch Gott sich immer an die geltenden Regeln halten würde? Dann würde es ja keiner mitkriegen. Es gäbe keine Wunder. Viele Menschen verwechseln Glauben mit dem Einhalten von Vorschriften. Dabei bedeutet Glaube eigentlich das Gegenteil: Wer glaubt, erwartet, dass Gott sich nicht eben nicht an unsere Ordnung hält. Wer glaubt, sucht nach göttlichen Regelbrüchen – und findet sie.

Wer glaubt, sucht nach göttlichen Regelbrüchen – und findet sie.

Autor/-in: Katrin Faludi

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