26.06.2026 / Persönlich
Das 11. Gebot: Lies die Bibel!?
Ich bin seit 30 Jahren gläubig und habe ständig ein schlechtes Gewissen. Warum eigentlich?
Auf meinem Nachttisch liegt ein Buch. Es ist das meistgedruckte Buch der Welt, hat die Geschichte der westlichen Zivilisation geformt, Kriege ausgelöst, Menschen getröstet und Künstler inspiriert. Das Buch schaut mich jeden Tag an. Ich schaue zurück. Wir schweigen.
Ich bin Christin. Und ich lese selten in der Bibel. Das darf ich eigentlich nicht sagen.
Das Ideal und meine Realität
Christen lesen in der Bibel. Gern und viel. Am besten jeden Morgen direkt nach dem Aufstehen, noch vor dem ersten Kaffee. Sie haben Kinder, die sich selbstständig anziehen, ihre Brotdosen in den Ranzen stecken und pünktlich zur Schule verschwinden — während ihre Mutter bereits bei Jesaja angelangt ist.
Meine Realität sieht anders aus: Mein Wecker klingelt kurz nach sechs. Ich wanke zur Kaffeemaschine, bereite schlaftrunken das Frühstück vor. Es folgen: Kinder wecken. Morgendliches Gejammere. Umgefallene Gläser. Verschollene Haarbürsten. Hektisches Suchen nach dem Lieblingskuscheltier, das heute mit in die Schule muss. Hasen füttern. Wenn alle aus der Tür sind, renne ich selbst zum Auto.
Zeit für die Bibel bliebe vielleicht beim Zähneputzen, wenn ich sie mir an die Wand kleben würde.
Warum Bibellesepläne bei mir scheitern
Ja, ich könnte früher aufstehen oder die Mittagspause nutzen. Ich könnte mir eine App zulegen, eine Hörbibel kaufen oder einen Bibelleseplan starten. Ich habe das alles versucht. Hat für mich nicht funktioniert.
Denn mein Problem sind nicht nur die fehlenden Gelegenheiten. Mein Problem ist auch, dass ich Bibellesen nach Vorschrift nicht mag.
Wenn ich einen Pflichttermin daraus mache und dabei ständig auf die Uhr schaue, wie lange ich noch durchhalten muss, dann stellen sich bei mir keine heiligen Gefühle ein. Auch die große Erkenntnis bleibt in der Regel aus.
Dazu kommt: Nach über 30 Jahren als Christin kenne ich die Bibel recht gut. Vieles habe ich unzählige Male gelesen – manches so oft, dass ich direkt abschalte. Andere Stellen kann ich auch nach 30 Jahren ohne den historischen und kulturellen Kontext schwer einordnen.
Außerdem funktioniert die praktische Übertragung auf meinen Alltag nicht, wenn ich mich mit einem Bibelleseplan durch die Geschlechtsregister hindurchquäle – außer, dass ich mich frage, ob in einer heutigen Bibelversion auch die Ladies genannt würden, die diese vielen Herren der Schöpfung austragen durften.
Christen haben in der Bibel zu lesen – selbst und ständig
Nun bin ich aber gläubig und arbeite in einem christlichen Werk – zumindest in Teilzeit. Im Rahmen meiner beruflichen Tätigkeit ist die Bibellektüre mein täglich Brot. Selbst und ständig. Das stand zwar nicht in der Stellenausschreibung, aber seien wir ehrlich: Das wird doch implizit erwartet.
Auch in dem Umfeld, wo ich aufgewachsen bin, war tägliches Bibellesen eine Grundvoraussetzung fürs Christsein.
Wer es tat, war ein guter Christ. Wer nicht, hatte ein Problem mit Gott. Deshalb hatte ich immer ein schlechtes Gewissen.
Den Vogel schoss eine amerikanische Evangelistin ab, die auf einer Jugendkonferenz brüllte: „READ! THE! BIBLE! EVERY! SINGLE! DAY!“ Danach war sie heiser. Und ich hatte ein noch schlechteres Gewissen, denn meine Bibel starrte mich every single day vorwurfsvoll an.
Wo steht das eigentlich?
Seit einiger Zeit frage ich mich, wo dieses Gebot der täglichen Bibellektüre eigentlich zu finden ist. Es wird einem so nachdrücklich eingetrichtert, dass man irgendwann einfach annimmt, da müsse es doch einen Vers geben. Einen klaren. Mit Ausrufezeichen.
Zitiert wird gerne Josua 1,8: „Sprich die Weisungen aus meinem Gesetzbuch ständig vor dich hin und denke Tag und Nacht darüber nach."
Das klingt eindeutig. Doch wenn man sich den Kontext ansieht, war das eine Anweisung an Josua, der gerade die Führung eines recht eigensinnigen Volkes übernommen hatte. Natürlich sollte er sich dafür mit der Gesetzeslage auskennen. Göttliches Führungskräftetraining also, aber nicht automatisch eine generalisierte Aufforderung zum Bibellesen.
Das Eis wird dünner bei Psalm 1,2: „Wie glücklich ist ein Mensch, der Freude findet an den Weisungen des HERRN, der Tag und Nacht in seinem Gesetz liest und darüber nachdenkt."
Da steht es doch! Täglich lesen! Und Freude daran finden! Ich muss also sehr unglücklich sein, weil ich nicht pausenlos meine Bibel studiere.
Kein Vers schreibt tägliches Bibellesen für alle vor
Doch halt: Das ist die Gute-Nachricht-Fassung der Bibel. Das hebräische Wort an dieser Stelle – hagah – bedeutet im Original nicht „lesen“, sondern eher nachsinnen, einen Gedanken immer wieder im Kopf drehen. Das kann ich auch, ohne mit gebeugtem Haupt am Küchentisch zu sitzen.
Auch die Gemeinde in Beröa im heutigen Mazedonien las täglich in der Schrift – aber nur, um zu prüfen, ob Paulus ihnen die Wahrheit sagte (Apg 17,11). Ob sie das lebenslang so beibehielten, ist nicht belegt.
Es gibt noch zahlreiche weitere Stellen, die ich hier nennen könnte. Aber eins haben sie gemeinsam:
Es gibt keinen einzigen Bibelvers, der eindeutig und kontextunabhängig das tägliche Bibellesen vorschreibt.
Denn die Stellen sind entweder situativ, poetisch oder adressatenspezifisch gemeint. Oder sie haben in der deutschen Übersetzung eine etwas andere Bedeutung erhalten.
Selbst das jüdische Volk las und liest die Heilige Schrift nicht täglich, sondern gemeinschaftlich – vor allem am Sabbat, ergänzt durch kürzere Lesungen an Montag und Donnerstag.
Im Übrigen hatten die biblischen Vorbilder selbst keine Bibel. Abraham lebte Jahrhunderte vor der Verschriftlichung der Tora. Hiob gilt traditionell als Nicht-Israelit, außerhalb des Bundesvolkes. Die Weisen aus dem Morgenland richteten sich nach den Sternen – und fanden Jesus.
Eine gute Tradition – aber nicht für jeden
Wo kommt dann der Gedanke her, ein guter Christ müsse täglich die Bibel studieren und dabei ein breites Lächeln im Gesicht haben? Eine der Wurzeln liegt im deutschen Pietismus des 17. Jahrhunderts. Das war eine Frömmigkeitsbewegung, die die persönliche Beschäftigung mit der Bibel und das Gebet stark betonte.
Tägliche Schriftlesung gab es zwar schon früher – als klösterliche Praxis in der sogenannten Lectio Divina seit dem 6. Jahrhundert –, aber das war eine Disziplin für Mönche, keine Erwartung an alle Christen.
Zur festen täglichen Praxis für Laien wurde das Bibellesen im europäischen Raum erst im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Es ist eine gute Tradition. Aber eben kein Gebot – schon gar nicht das elfte.
Und wo wir schon beim Lesen sind: Noch nie konnten alle Menschen auf der Welt lesen. Und wer es konnte, hatte und hat nicht automatisch eine Bibel zur Verfügung.
Ist die Bibel unwichtig?
Was bedeutet das für mich? Ist die Bibel unwichtig? Auf keinen Fall! Sie ist die zentrale Quelle für Gottes Wort an uns und hat über Jahrhunderte Menschen in den dunkelsten Situationen getragen und Orientierung gegeben. Es lohnt sich, sie gut zu kennen und regelmäßig reinzuschauen.
Aber ich habe ein Problem damit, wenn sie zum zentralen Stolperstein des christlichen Lebens wird.
Denn meine Erfahrung ist eine andere als die des Bibelleseplans: Bestimmte Verse sprechen mich an, wenn sie zu meiner aktuellen Lebenssituation passen. Wenn ich gerade mit einer schwierigen Entscheidung ringe, mit Erschöpfung, mit einer Konfliktsituation – und mir plötzlich ein Satz aus der Bibel in den Kopf kommt. Dann lese ich oft auch den Kontext, um zu verstehen, wie der Vers gemeint war.
Bevor mir jemand vorwirft, ich würde die Bibel selektiv lesen, so wie es mir passt: Das sind oft auch unbequeme Verse, die ich mir nicht aussuchen würde. Weil sie meinen Charakter betreffen. Oder den Umgang mit anderen Menschen.
Es sind immer wieder andere Bibelstellen. Aber eben nicht unbedingt die Chroniken, weil sie heute auf meiner Liste stehen: „Joktan aber zeugte Almodad, Schelef, Hazarmawet, Jerach, …“ (1. Chronik 1, 23)
Gott begegnen ohne Bibelleseplan
Die Kernbotschaft der Bibel ist, dass Gott mit uns in Beziehung treten möchte. Und dazu gibt es viele kreative Möglichkeiten.
Das geht zum Beispiel durch das Gespräch mit ihm. Paulus schlägt den Christen in Thessaloniki vor, unablässig zu beten. Wenn ich nicht 24 Stunden im stillen Kämmerlein auf den Knien liegen will, deute ich als das permanenten Kommunikationsmodus mitten im Alltag. Ich rede mit Gott, als wäre er direkt neben mir – im Supermarkt, im Büro und am Frühstückstisch, wenn sich das Wasserglas von Kinder Nummer 1 über die Hausaufgaben von Kinder Nummer 2 ergießt.
Da wäre die Schöpfung. Ich spüre Gott in dem schüchternen Rotkehlchen, das auf meinem Apfelbaum anfängt zu zwitschern, oder in dem kräftigen Wind beim Spazierengehen – mit schönen Grüßen aus Norddeutschland.
Da wäre der Austausch mit anderen, die mir erzählen, was sie gerade im Glauben beschäftigt. Und da wäre ein ganzes Internet voller Predigten, die ich anhören kann, während ich die Spülmaschine einräume. Dabei hatte ich schon so manche Aha-Momente zu bestimmten Bibelstellen, die ich nie richtig verstanden hatte.
Christsein ist kein Abo-Modell
Christsein ist kein Abo-Modell mit täglicher „Bibelmindestnutzungsdauer“. Viele Menschen machen es trotzdem, weil sie es gern tun. Das ist schön, aber es ist kein Indikator, um die Qualität des eigenen Glaubens zu messen.
Meine Bibel liegt weiterhin auf dem Nachttisch. Manchmal schlage ich sie auf. Aber ich versuche damit aufzuhören, sie hauptsächlich als Beweisstück meiner eigenen geistlichen Unzulänglichkeit zu betrachten.
Wie ist das bei dir?
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